Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl von Holtei >

Schwarzwaldau

Karl von Holtei: Schwarzwaldau - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchwarzwaldau
authorCarl von Holtei
year1856
firstpub1856
publisherExpedition des Albums
addressPrag / Leipzig
isbn
titleSchwarzwaldau
pages476
created20091220
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
Schließen

Navigation:

Achtundzwanzigstes Capitel.

So lange Franz mit kalten, giftigen Worten Haß und Wuth gegen den grausam Hingeschlachteten stündlich nachgeschürt und durch eigenes Beispiel der Verhärtung auch Emil's Neigung zu schwermüthiger Reue immer wieder weg raisonnirt, oder weggehöhnt, – so lange hatte dieser vermocht, sich zu fassen. Jetzt, ohne Halt, und ohne Besorgniß vor Spott, brach diese mühsam behauptete Fassung plötzlich zusammen, in solch' heftiger Weise, daß der von Gewissensbissen und Mörderangst Gefolterte, sich gar nicht mehr vor den Gästen am Mittagstische zu zeigen wagte. Er ließ sich ihnen durch den Wirth zu freundlichem Andenken empfehlen, der sich des Auftrages mit der Bemerkung erledigte: niemals habe er irgend einen Mann von einen Abschiede so furchtbar angegriffen gesehen, als diesen; wahrscheinlich sei Herr Sara ein natürlicher Bruder des Gutsbesitzers, den über See zu schicken, traurige Familienverhältnisse gefordert hätten; und solche Liebe sei fürwahr rührend, 136 weil sie so innig bei wirklichen legitimen Geschwistern selten zu finden.

Emil's Fahrt von Hamburg bis Schwarzwaldau bot keine Abwechslung, wurde durch kein äußerliches Ereigniß belebt, oder gestört. Dafür machte er, zum Erstenmale einsam in der Kutsche sitzend, – (wir brauchen wohl nicht erst zu bemerken, daß dieß längst nicht mehr derselbe Reisewagen gewesen, mit welchem er beim Neulander Wirthshause vorgefahren,) – alle seiner furchtbaren Lage, wie seiner schwankenden Natur entsprechenden Widersprüche, Gegensätze, Uebergänge vielfach gemartert durch. Dabei aber durfte der zu selbstbetrachtenden Grübeleien so sehr geneigte Denker sich's nicht verhehlen, – und er gestand es sich, wenn auch zagend, ein, – daß er noch nie in seinem Leben so peinvoll am Leben gehangen, daß er den Tod, den er in besseren Stunden oft herbeigewünscht, niemals mehr gefürchtet habe, als eben jetzt, wo er mehr wie je Ursache fand, das Dasein zu verfluchen.

Die stehende Formel zur Lösung all' dieser unergründlichen Fragen blieb immer der Ausruf: »ihn bin ich los, und ein gemeiner Mörder bin ich nicht!« Wenn er dieß ausgesprochen, wähnte er sich stets wundersam gestärkt und diese Stärkung hielt stundenlang 137 vor. Sie machte ihn sogar fähig, mit den Postillons bisweilen zu plaudern und zu scherzen.

Doch sie verlor ihre Wirkung, da er, – als nur die unvermeidlichen ersten Gespräche mit seinen Dienern in Schwarzwaldau beseitiget waren, – an Agnesens Grabe stand. Als er, voll jenes kindischen Wahnglaubens, mit den Todten spreche man am Vernehmlichsten dort wo ihre Hülle modert, ihr Bericht abstattete von den Unthaten, die für sie, für ihre beleidigte Ehre geschehen sein sollten. Hanns der Storch stand klappernd neben ihm; die vom Herbstwind schon entblätterten Thränenweiden säuselten traurig; vergebens beschwor er Agnesens Bild; nur Gustav's verstümmelte Leiche stieg aus dem naßkalten Boden vor ihm auf, als ob sie neben dem schönen Weibe eingescharrt wäre. Sie geleitete ihn, ein nicht zu verscheuchendes Gespenst, bis in die Räume, wo sie so oft zu Dreien gesessen. Die Saiten des verstimmten Klaviers rauschten kläglich, als wollten sie ein Klagelied des unwürdigen und doch vielgeliebten Sängers begleiten? Keine Kerze brannte. Emil weilte im Dunkeln. Er wollte die Schatten nicht verscheuchen, vor denen er sich fürchtete und die er doch festzuhalten trachtete. Auch Caroline gesellte sich zu ihnen. Sie kam in tiefer Trauer, wie eine Witwe. 138 Sie nahm ihre alte Stelle neben Agnes ein und sagte zu dieser: Dein Gatte hat den meinen ermordet.

Diese Anklage rief den Träumer in's wirkliche Leben zurück. Er läutete den Tafeldecker herbei und befragte diesen über die Lage der Dinge in Thalwiese?

»Dort sei die Braut des auf so unerklärliche Weise zu Tode gebrachten jungen Herrn auf Besuch sammt ihren Eltern; und Herr Reichenborn wolle dort bleiben, habe Frau von Thalwiese aus allen Nöthen gerissen, das Gut gekauft und sich mit den Seinigen heimisch gemacht. Mit nächstem Frühjahr solle der Neubau des Schlosses beginnen; Steine und Ziegeln würden fleißig angefahren und so weit der Schwarzwaldauer Vorrath an trocknem Bauholze etwa noch reiche, sei er in Beschlag genommen. Der Förster habe schon das Geld dafür empfangen; denn ohne diese Einnahme hätte der Herr Amtmann unmöglich zusammenkratzen können, was er auf Befehl nach Hamburg senden müssen.«

Emil durchwachte eine gräßliche Nacht. Alle Aengste eines zur Hinrichtung Verurtheilten schwitzte er durch bis in die letzten Krisen kalten Todesschweißes. Caroline seine Nachbarin. Die den Ermordeten so sehr geliebt, daß sie um dieser Liebe willen 139 ihre Freundschaft zu Agnes hingeworfen; die im Zorne von ihnen geschieden, nach zweijähriger Frist den Gegenstand ihrer neidischen Zerwürfnisse endlich erobert, des reichen Vaters Einwilligung errungen, das Ziel heißester Wünsche erreicht hatte . . . . War diese nicht vorzugsweise berufen – und befähigt, ihres Bräutigams Mörder zu entdecken? Berufen durch den Schmerz des Verlustes, befähiget durch Argwohn und Haß, welche Gustav's Geständnisse in ihr vermehrt haben konnten und welche nun ihre Blicke schärfend, sie auf die richtige Spur leiten würden? Er sah sie bei sich eintreten, – aber jetzt an der Spitze eines Zuges von Häschern; hörte sie jenen zurufen: reißt ihn aus dem Bett und fesselt ihn; er ist der Mörder seines Freundes! Waren die Visionen, denen er während der Dunkelstunde nachgiebig und willig Spielraum gegönnt, trotz ihrer grauenhaften Mahnungen dennoch zugleich wohlthätig gewesen, so griff diese nächtliche, gar nicht abreißende, immer wieder auftauchende, qualvoll in des zerstörten Mannes Einsamkeit und trieb ihn zur Verzweiflung. Diese war es denn zuletzt, die ihm gegen Morgen Muth verlieh; – einen Muth freilich, wie ihn der Vogel zeigt, wenn er in der Schlange offnen Rachen flattert. Emil beschloß, nach Thalwiese zu fahren um – einen 140 Beileidsbesuch abzustatten: »Sie kann's nicht verbergen, wenn sie Verdacht gegen mich hegt! Sie kann's nicht verschweigen, wenn sie etwas weiß, worauf ihr Verdacht sich gründet; es kann mir nicht entgehen, was von dort aus vielleicht schon gegen mich im Werke ist; ich will Gewißheit haben! Sei es die Gewißheit des Schaffottes! Lieber diese, als noch eine Nacht wie die vergangene!«

Gegen Mittag fuhr eine Kutsche in den Herrenhof zu Thalwiese und Herr von Schwarzwaldau wurde den Bewohnern des alten, baufälligen Wohnhauses angemeldet.

»Meines Sohnes Wohlthäter!?« rief die, von langem Kummer so zäh gewordene Mutter Gustav's, daß der letzte Schlag sie nicht danieder geworfen; »meines armen Sohnes Wohlthäter; ist er von seinen weiten Reisen wieder da? Nun lern' ich ihn doch auch kennen! Das ist mir lieb.«

Caroline empfing den Gatten ihrer einst geliebten Agnes, wie man Denjenigen um so freudiger begrüßt, der völlig unerwartet eintrifft. Niemand in Thalwiese wußte, sie am Wenigsten, daß Emil nach Beendigung seiner Reisen schon einmal in der Heimath gewesen sei. Er galt für Einen jetzt eben über Hamburg Zurückkehrenden, als er, auf die an ihn gestellte, 141 übliche Frage bei überraschendem Wiedersehen: ›wo kommen Sie her?‹ diese Stadt als letzten Aufenthaltspunct nannte – noch gedankenlos unter dem Einfluß tödtlich-bangender Besorgniß. Doch diese schwand vor Carolinens unbefangener Herzlichkeit. Was zwischen ihnen – (in so fern ihre in Schwarzwaldau erlebten Kränkungen Emil berühren, oder ihn treffen konnten?) vorgefallen, das war längst vergessen und mit Agnes begraben. Sie sah in ihm nur der Freundin Gatten, des Geliebten Freund; den geistreichen zuvorkommenden Herrn des Schlosses, der ihr bis zum letzten Augenblicke alle Höflichkeiten erwiesen und die Pflichten des Gastrechtes auf's Gewissenhafteste erfüllt hatte. Aus ihren Andeutungen ging eben so unwiderleglich hervor, daß Gustav ihr von seiner Beziehung zu Agnes, auch als Bräutigam, nicht mehr entdeckt habe, als sie aus eigener Anschauung schon gewußt. Was damals hingereicht, sie von einer zur Nebenbuhlerin werdenden Freundin mit eifersüchtiger Heftigkeit weg zu treiben, das erschien jetzt, durch Jahre gemildert, durch den unterdessen errungenen Besitz des Geliebten ausgeglichen, wie ein Irrthum der sonst so reinen und edlen Frau, der mit ihr begraben war. Aller Haß, aller Groll, alle Eifersucht war todt. Nur zärtliche Erinnerungen walteten und 142 diese wendeten sich dem einzig Ueberlebenden einer durch die Ferne verklärten Zeit wehmüthig lächelnd zu.

Emil konnte und wollte nicht verheimlichen, daß die furchtbarsten Gerüchte über Gustav's Tod ihn erreicht. Er wagte es von ›schauderhaftem Raubmorde‹ zu reden; wagte es, Carolinen zu bitten, sie möge ihm, der nur unglaubliches, unzusammenhängendes Geschwätz vernommen, Aufschluß geben; wofern es sie nicht zu sehr angreife? Er stellte diese gefährliche Bitte mit der entsetzlichen Ruhe, die gerade schwachen Menschen bei solcher Gelegenheit, wo es an den eigenen Hals geht, bisweilen eigen ist. Er wollte um jeden Preis und jetzt gleich, auf der Stelle, erfahren, was er noch zu fürchten habe? und ob Carolinens Freundlichkeit doch nicht vielleicht Verstellung sei? Ob sie sich nicht vielleicht Gewalt anthue, ihn erst sicher zu machen, und dann um so sicherer in die Schlinge zu locken?

Doch jede Silbe aus ihrem Munde trug bei, solche Besorgnisse zu zerstreuen. Und das Gefühl, es hafte an ihm auch nicht ein Fäserchen des Verdachtes, gab ihm die gräßliche Fähigkeit sich, – was er selbst vollbracht und vollbringen sehen – schildern zu lassen, ohne daß er in reuiger Unterwürfigkeit auf seine Kniee gestürzt wäre und geschrieen hätte: halt' 143 ein; ich will beichten und will ergänzen, was Du falsch erzählst! Nein, er blieb unbeweglich und unbewegt, heuchlerische Theilnahme zeigend; – sogar eine nichtswürdige Thräne zwang er sich aus den Augen, gerührt über die günstige Schickung, die es also fügen wollen, daß Carolinens Vermuthungen auf der Fährte jenes Weibes umherschweiften, deren wilder Gluth für Gustav der anonyme – nun leider! verbrannte – Brief Erwähnung gethan. Nach ihrer Meinung hätte die zwiefach Betrogene Mörder gedungen; diese hätten die That verübt –(wie? das blieb denn allerdings unerklärlich, denn die gleichwohl authentischen Aussagen der Wirthin sprachen jeder Erklärung Hohn!) – und einen Mord, den unersättliche Leidenschaft veranlaßt, noch obend'rein zum Raubmord erniedrigt. Die vermeintliche Urheberin hatte Deutschland schon verlassen vor Ausübung der That und war gerichtlicher Verfolgung unzugänglich geworden, – wenn solche, bei derlei schwankenden Indicien, überhaupt zulässig gewesen? Das wußte Caroline durch den Justizrath, mit welchem sie in schriftlichem Verkehre blieb. Daß sich die Dinge so günstig für ihn wendeten, rührte ihn wirklich; er empfand in seinem Innern Dank gegen Gott der ihn beschützen wolle. – Ihn, den Mörder! –

144 Resignirt, sich, wenn es so sein müsse, unbedingt zu liefern, war er nach Thalwiese gekommen.

Voll neuer Lebensregung und Hoffnung, ja, – wir dürfen auch das nicht unterdrücken, wollen wir unpartheiisch sein, – nicht ohne gute Vorsätze für die Zukunft, die sich aus seinem Trostspruche: ›ein gemeiner Mörder bin ich nicht!‹ entwickelten, verließ er Carolinen.

»Zuverlässig (so lauteten seine sophistischen Schlüsse) hat es auf Erden schon unentdeckte Mörder gegeben, die nicht erreicht von strafendem Arme irdischen Gerichtes, das ewige durch unsträflichen Wandel zu versöhnen strebten; denen in guten Thaten, in menschlichem Wohlwollen ihre Tage sanft verrannen; die sich von Blut und Laster rein wuschen im Strome der Zeit; die Entsündigung fanden, ohne ihr Haupt auf den Block zu legen. Ja, ich muß es bekennen, wie unglaublich es mir selbst klingt: noch nie war mir das Leben so werth, so wichtig, als seitdem ich es einem – Andern geraubt. O ich will, ich muß leben! –«

»Und frage nicht mehr, ob es rühmlich sei?« klang es in ihm nach. Er aber wußte nicht, ob dieß Citat aus einem seiner Lieblingsdichter, oder ob es aus ihm selbst herrühre? Wie er denn überhaupt bisweilen die Empfindung hatte, als bestehe er aus zwei 145 verschiedenen Menschen, wovon der Eine für den Andern nicht verantwortlich, sondern nur veranlaßt wäre, ihn aufmerksam zu betrachten, um psychologische Studien an ihm zu machen. Diese Täuschung war besonders mächtig geworden während seines langen Besuches in Thalwiese, wo der Mörder sich in den Hintergrund zog, dem antheilsvollen Freunde, dem gebildeten Manne von Welt freien Spielraum zu gönnen. Erst in Schwarzwaldau trat Jener wieder hervor, sein theuer bezahltes Unrecht geltend zu machen; und da wurde Dieser alsobald sehr kleinlaut. Die Furcht, die gemeine Furcht des Verbrechers, der Verdacht und Entdeckung wittert, hatte sich allerdings vor Carolinens rückhaltsloser Herzlichkeit unbegründet erwiesen und war verschwunden; doch nur um einem unklaren Drange Raum zu machen, der genau untersucht in nichts Anderem bestand, als in dem Bedürfniß: nicht mehr von ihr zu weichen; sie stets zu umgeben; fortdauernd sich bei ihr in günstiger Meinung zu erhalten; ja, wo möglich durch ausschließlichen Umgang sich ihrer Gedanken zu bemächtigen, damit keiner in ihr aufsteige, der, weiter durchgedacht, zur Wahrheit führen könne.

Es gab nichts, was Emil abhalten mochte, diesem unwiderstehlichen Drange zu genügen: In 146 Thalwiese war er gern gesehen. Caroline sprach gern von Gustav, hörte noch lieber von ihm sprechen und Emil fand wohlthätige Beruhigung darin, nur von dem todten Freunde zu reden; zu schildern, wie theuer seinem Herzen der Selige gewesen; dessen Fehler zu entschuldigen, dessen Vorzüge zu preisen. Dabei log er nicht. Er empfand, was er sagte. denn er liebte Gustav jetzt, nachdem dieser seinen Verrath im Tode gebüßt, eben so innig, als er ihn in der blühendsten Zeit ihrer jungen Freundschaft geliebt hatte.

Anders stand es um Carolinen. Für sie war Gustav wirklich todt. Sie verschwieg sich's nicht: ihr hatte nur der Lebendige gelebt. Was ihre Sinne an ihn gefesselt, was ihr seinen Besitz zum höchsten Ziele zweijähriger schmachtender Sehnsucht gemacht; es moderte mit dem verstümmelten Leibe im Grabe. Ihre Liebe war mit dem Geliebten gestorben, sein Bild mit ihm eingesargt. Was ihr übrig blieb, lief zuletzt auf ein stilles Bekenntniß hinaus: er ist schön gewesen, unwiderstehlich, – sonst nichts!

Ihr Freund, das fühlte sie, wär' er niemals geworden; hätte er niemals werden können. Er war zu unbedeutend. Nur die Freundschaft ist es, welche die Liebe überlebt.

Aber Emil wurde ihr Freund. Sie gewann 147 Achtung vor seinen geistigen Vorzügen, die sich auf dem dunklen Grunde seiner ernst-düstern Stimmung immer strahlender entwickelten. Für ihn vereinigten sich in ihrer Person und um diese, all' seine widerstreitenden Erinnerungen an Agnes und Gustav. Er glaubte sich zu entsühnen im dauernden Verkehre mit ihr. Er wurde in Thalwiese unentbehrlich. Dem alten Reichenborn gab er gute Rathschläge, sowohl über die Verwaltung der Wirthschaft, als über die erfolgreichsten Einleitungen zur Förderung seines Wunsches: den Namen ›von Thalwiese‹ tragen zu dürfen; der Mutter zeigte er unbedingte Verehrung und gewann sie durch Anhänglichkeit an ihr winterliches Stillleben; Gustav's Mutter sah in ihm ohnehin den Vater und Bruder (beides zugleich) ihres unglücklichen Sohnes; Caroline fand in ihm, was sie am Bräutigam auch in Stunden feurigster Gluth vermißt zu haben sich eingestehen mußte: Nahrung für Geist und Seele, die nur der Mann von höherer Bildung dem bildsamen Weibe spendet. Mit dieser Achtung aber, die sie ihm gern zollte, verbanden sich auch wiedererwachende Regungen ganz anderer Art. Sie trug, was sie für Gustav empfunden, bewußtlos auf den reiferen Mann über, der seinen Cultus für des jungen Freundes natürliche Anmuth mit Pietät 148 fortsetzte. Emil von Schwarzwaldau gewährte ihr, was Gustav von Thalwiese nicht geben konnte und verhieß zugleich, was ihr in diesem begraben war: die Aussicht auf Ehestand. Denn daß er daran denke, Reichenborn's Tochter seine Hand, ihr mit dieser Stand und Namen darzubieten, daran zweifelte bald niemand mehr in Thalwiese; sie am Wenigsten.

»Des Ermordeten hinterlassene Braut, meine Gattin. – Diese Verbindung stellt mich sicher vor der letzten Möglichkeit zufälligen Argwohnes!« Das sagte er sich bei jeder Heimfahrt aus Thalwiese.

»Und Reichenborn's Vermögen! Caroline das einzige Kind, unbeschränkte Erbin! Schwarzwaldau und Thalwiese ein Besitzthum!« –

Am Sylvesterabend verlobten sie sich, zum Entzücken der Eltern.

Am Neujahrstage brachte ihm ein Bote, den, wie er mündlich berichtete: ›das Mamsellchen vom Schloße heimlich abgeschickt,« einen Brief.

Caroline hielt sich verpflichtet ihm zu bekennen, daß Gustav nicht mehr ihr Bräutigam, daß sie sein Weib gewesen, daß sie seine Witwe sei; daß sie dieß nicht verschweigen dürfe, und ihrem zweiten Verlobten das Recht des Rücktrittes einräume, wofern er über dieses Verhältniß im Irrthum geblieben 149 und ihre bisherige Offenheit ihn nicht schon vorher aufgeklärt habe.

Emil erwiderte ihr sogleich: ›Für zwei Menschen, die mit einander ein neues Dasein beginnen, giebt es keine Vergangenheit mehr. Beide haben nur eine Zukunft. Für uns gilt das entschieden. Was geschehen, ist vergessen. Wir haben Schiffbruch gelitten; wir sahen in den Grund des Meeres versinken, was uns trug. Wir finden uns auf ödem Eiland. Dürfen wir fragen: wo ist geblieben, was Du einst besessen? Wir haben nur zu fragen: was haben wir uns noch zu geben? Was können wir uns sein? Meine Antwort bleibt unveränderlich: Nimm mich, wie ich bin!

In Thalwiese wurden sie getraut und Emil von Schwarzwaldau führte seine Frau gleich nach der Hochzeit in das Schloß, welches sie seit der Trennung von Agnesen nicht mehr betreten.

Da seine Dienerschaft die Hochzeitsfeierlichkeit in der Kirche mit angesehen und fest überzeugt, es werde derselben ein Mal folgen, sich mit der Rückkehr nicht übereilt hatte, so trafen die Neuvermählten vor Jenen ein und wurden von niemand empfangen.

Nur Hanns der Storch stand auf der Freitreppe des Portales und klapperte. 150

 << Kapitel 28  Kapitel 30 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.