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Schwarzwaldau

Karl von Holtei: Schwarzwaldau - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchwarzwaldau
authorCarl von Holtei
year1856
firstpub1856
publisherExpedition des Albums
addressPrag / Leipzig
isbn
titleSchwarzwaldau
pages476
created20091220
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Sechsundzwanzigstes Capitel.

Der Justizrath und dessen Protokollführer stellten sich ohne Aufschub ein; auch der Kreisarzt, der in Geschäften des Weges gekommen, und dem Gerichtsbeamteten begegnet war, hatte dessen Bitten, ihn zu begleiten und ›die Sache möglichst rasch zu erledigen‹ collegialisch Folge geleistet. Während der Letztere seine chirurgischen Untersuchungen bei der Leiche machte, begann der Erstere seine criminalistischen Verhöre bei den Lebendigen; zunächst natürlich bei den Hausbewohnern; da mit vollem Grunde anzunehmen war, daß die Reisenden – obwohl noch im Verschluß, – keinen Leichnam bei sich geführt, sondern daß derselbe schon vor ihrer Ankunft vorhanden gewesen sei. Die Aussagen der Wirthin, welche eben am Meisten zu sagen wußte und mit unbeschreiblicher Beweitwilligkeit aussagte, wurden durch etwaige Ergänzungen des einsilbigen Wirthes, so wie des Gesindes, lediglich bestätiget und liefen, Alles in ein Ganzes gefaßt, so ziemlich darauf hinaus:

Am einundzwanzigsten dieses Monats, – (also vor drei Tagen,) – ist mit einem in Neuland bisher unbekannten Dresdner Lohnkutscher Derjenige eingetroffen, den man für den Ermordeten halten 110 müßte, weil niemand sonst dieß Zimmer bewohnt hat; wenn nicht andrerseits wieder diese Annahme unhaltbar würde, durch weiteren Verfolg der Aussagen. Der ›schöne junge Herr,‹ den die Wirthin früher schon flüchtig gesehen zu haben meinte, aber dann immer nur mit raschen, theueren Pferden vorübersausend, – zeigte sich, als er abstieg, sehr niedergeschlagen und verrieth wenig Lust, Speise und Trank zu sich zu nehmen. Doch bestellte er, als der Kutscher versicherte, die Pferde brauchten ein paar Stunden Ruhe und Futter, auch für sich ein Mittagsmal, mehr ›Schanden halber, als aus Appetit.‹ Der Kutscher spannte aus, zog die Thiere in den Stall. Der junge Herr verlangte ein Zimmer und wurde in jenes hintere Gemach geführt, weil das vordere, beim Saale, vom letzten Kränzchen her noch nicht aufgeräumt und gesäubert war. Während nun die Wirthin mit ihrer Magd das Essen bereitete, ist eine zweite Fuhre angelangt, deren Erscheinen ihr Gelegenheit gegeben, der Magd zu sagen: »Das ist ja heute ein recht gesegneter Tag!« (Was die Magd, eidlich zu erhärten, jede Stunde bereit ist.) Dießmal war es aber eine dem Fremden eigen angehörige Kutsche, welche, von Vorspann gezogen, mit vier Pferden vorfuhr. Der darin sitzende, – 111 ein freundlicher, ›feiner Mann,‹ – erkundigte sich sehr angelegentlich, ob der junge Herr, welchen er so deutlich bezeichnete, daß ein ›Blinder ihn erkennen mußte,‹ hier angehalten habe? (Die Wirthin ruft ihre Magd auf, ob sie nicht wörtlich gesagt: »Den muß ein Blinder erkennen,« und diese erklärt sich abermals zum Schwure bereit, den jedoch der Justizrath gar nicht von ihr verlangt.) Die Bejahung dieser seiner Nachfrage hat den ›feinen Mann‹ mit sichtbarer Freude erfüllt, und er hat dringend verlangt, sogleich zu seinem lieben Freunde geleitet zu werden; ein Befehl, den die Wirthin selbst in's Werk gesetzt, mit der Anmerkung: »Der junge Herr habe Essen bestellt,« worauf der Andere, noch ehe er mit ihr die Treppe bestieg, geäußert: Sie möchten auch für ihn anrichten und er wolle mit seinem jungen Freunde zusammen speisen. Hat auch vorher noch gefragt, ob hier frischer Vorspann zu haben sei, der ihn bis auf die Poststraße bringe? Als dieß entschieden versichert wurde, ist er, wie wohl er schon einen Fuß auf der ersten Treppenstufe gehabt, sogleich umgekehrt, hat den Knecht herbeigerufen, der ihn gebracht, diesem Fuhrlohn und reichliches Trinkgeld gereicht und ihm erklärt: Der Aufenthalt in Neuland könne sich verzögern, was nicht vorher abgemacht sei; der 112 Besitzer werde daheim seine Pferde brauchen, deßhalb wär' es besser, wenn sie gleich umkehrten; was sich der Kerl nicht zweimal sagen lassen. Erst nachdem diese Dinge geordnet waren, ist der Fremde mit der Wirthin hinaufgegangen. Sie hat ihm die Stubenthür geöffnet und wohl gesehen, daß der junge Herr bei seinem Eintritt gar sehr erschrocken gewesen. ›Um Gottes willen, wo kommst Du her?‹ hat ihm Jener entgegengerufen und ist aufgesprungen, wie Einer, der einen Angriff erwartet und sich zur Vertheidigung rüstet; so daß sie, die Wirthin, schon gewähnt, es werde nichts Gutes herauskommen. Doch als der Fremde mit offnen Armen auf ihn zueilte und sagte: ›Bist Du es wirklich, mein geliebter Freund? Sehen wir uns endlich einmal wieder?‹ Da warf sich der Jüngere ihm zärtlich an den Hals und war sogleich wie ungewandelt, heiter und froh. Sie sind, Hand in Hand, zum Sopha gegangen, wie zwei Leute, die gar nicht mehr von einander lassen können. Der Jüngere hat gesagt: ›Was hab' ich Dir nicht Alles zu erzählen!‹ und der Aeltere hat erwidert: ›Und wie begierig bin ich, zu hören.‹ Die Wirthin gesteht, daß sie ebenfalls begierig gewesen, zu hören, daß man sie aber fortgeschickt habe, die Bereitung der Mahlzeit zu befördern. Sie gehorchte, war 113 jedoch oft genöthiget zu kommen und zu gehen, da sie doch die Bedienung so vornehmer Gäste unmöglich ihrer Magd überlassen konnte; und jedesmal, wenn sie Schüsseln brachte und wegnahm, wenn sie Teller wechselte, wenn sie eine neue Flasche holte, – denn die Herren befahlen Wein, – jedesmal fand sie Beide so vertraulich nebeneinander, wie nur die innigsten Freunde sein können und im lebhaftesten Gespräche. Was sie dann, sowohl im Zimmer selbst, als draußen vor der Thüre, (an welcher gehorcht zu haben sie ehrlich zu Protocolle giebt,) erlauschen konnte, blieb ihr unverständlich, ohne rechten Zusammenhang; sie kann nur im Allgemeinen angeben, daß es Familiengeschichten betraf, daß von Verstorbenen und Lebendigen, von Frauen und Mädchen, von Eifersucht und Versöhnung, von Brautstand und Begräbniß die Rede war. Als der Dresdner Lohnkutscher seine Pferde abgefüttert, sich reichlich satt gegessen – denn es ging auf des Passagiers Rechnung und warum hätte die Wirthin einem so schmucken jungen Herrn nicht die Ehre gönnen sollen, dessen Kutscher gut zu beköstigen? – und als letzterer sogar ein Stündchen geschlafen hatte, begab er sich mit ihr hinauf, um zu melden, daß er nun fertig sei und daß es weiter gehen könne. Doch der 114 zuletzt eingetroffene Fremde redete seinem Freunde zu, er möge mit ihm fahren. ›Ich bin allein,‹ sprach er, ›in meinem Wagen, habe wenig Gepäck, für das Deinige ist hinreichend Raum; warum sollen wir, nach so langer Trennung und so glücklichem Wiederfinden nicht beisammen bleiben, je länger desto besser? Ich bringe Dich, wohin Du eilst; schicke Deine Lohnkutsche fort.‹ Und ohne erst auf Entscheidung zu warten, bezahlte er den Fuhrmann, der noch für den folgenden Tag aufgenommen zu sein schien, mit vollen Händen. Dieser machte es wie der Vorspannknecht, ließ sich den einträglichen Handel gern gefallen, lenkte seine Deichsel um und sah Neuland mit dem Rücken an. Die Wirthin bedauert unendlich, dem Eilfertigen nicht vorher abgefragt zu haben, bis wohin er eigentlich gemiethet sei? Als ihr dieser glückliche Einfall kam, war es unglücklicherweise zu spät, ihn auszuführen, denn der Dresdner befand sich schon nicht mehr im Bereich ihrer Lunge und ihres Sehkreises. Jetzt aber, versichert sie, sei es oben erst recht lustig geworden; die Herren hätten nochmals Wein verlangt; nur kam es ihr vor, als schenke der Aeltere, – der übrigens auch noch ein stattlicher, hübscher Herr gewesen, – dem Jüngeren dreimal ein, ehe er selbst einmal 115 ausgetrunken. Dieser hat sich denn auch, bis auf einen gewissen Punct, wirklich berauscht und sich dabei immer wärmer und zärtlicher gegen seinen Freund gezeigt, der jedoch, wie es ihr bei jedesmaligem Eintritt schien, immer zurückhaltender und kälter wurde; was sie sehr erklärlich findet, weil auf verschiedene Menschen der Rausch verschiedene Wirkungen hervorbringt. Als sie das Letztemal oben war, hörte sie draußen, wie der Aeltere fragte. ›Du hast also Deinen Eid getreulich gehalten;‹ und gerade, als sie die Thüre aufklinkte, erwiderte der Andere: ›Kannst Du wohl daran zweifeln?‹ Da war es ihr, als wäre dem Aelteren unwohl, denn er verfärbte sich einen Augenblick; es ging aber gleich vorüber und er fuhr sie an: was sie schon wieder wolle? Worauf sie entgegnete, sie komme zu hören, ob die gnädigen Herrschaften übernachten würden? und ob sie aufbetten solle? Schlafen legen würden sie sich nicht, hatte der Aeltere geäußert, wohl aber noch plaudern, denn sie hätten sich noch viel zu erzählen. Den Schlummer würden sie im bequemen Reisewagen besser nachholen, wie hier in den dicken Federbetten, die er hasse – (was die Wirthin, wie sie durchaus zu Protocolle geben will, eines rechten Raubmörders würdig findet.) – und sie möge sie ungestört lassen 116 bis Mitternacht, wo die neuen Vorspannpferde hoffentlich bestellt wären? Da war ihr denn nichts weiter übrig geblieben, als sich zu trösten und unten in Küche und Haus ihrem Aerger Luft zu gönnen, darüber, daß solche übermüthige reiche Herren lieber bei nachtschlafender Zeit umherfahren, als in ihren weichen Federbetten, wohlerzogenen Christenmenschen gleich, gehörig dünsten möchten. Sie und die Leute hatten sich in die ihrigen gelegt, um schlafend die Mitternachtsstunde und mit dieser zu erwarten, daß der pünctlich bestellte Vorspann sie erwecken werde.

So weit lautete, was die Wirthin zu sagen gewußt, ganz begreiflich und konnte, wenn auch für eine merkwürdig-seltsame, doch immer noch natürliche und einleitende Vorbereitung zu der blutigen Katastrophe, um die es sich handelte, betrachtet werden. Der Rechtsgelehrte sah schon im Geiste die endlose Correspondenz eröffnet, die er amtlich nach Dresden und da und dorthin führen werde, um Personen wie Orte zu ermitteln, durch welche das Auffinden verdächtiger Spuren möglich würde. Er nahm einen zweiten Anlauf und fragte weiter. – Alsbald riß dann der Faden ab und die Geschichte lösete sich in Zauberspuck auf. Da lesen wir:

»Schlag zwölf Uhr ist der Vorspann aus Neuland 117 da gewesen. Der Hausknecht war bereits munter, hat den in den Schuppen gezogenen Reisewagen, auf den schon vorher des jüngeren Reisenden Gepäck von der Dresdner Lohnkutsche umgeladen worden, herausgeschoben; die Pferde sind vorgelegt worden; die Wirthin hat sich den Schlaf aus den Augen gewischt und die Rechnung selbst hinaufgetragen; sie hat leise geklopft. Niemand hat ›Herein!‹ gerufen. Sie ist eingetreten: beide Herren haben, Jeder in einer Ecke des Canapee's gesessen, und – geschnarcht. Nur nach wiederholter Anrede sind sie erwacht. Der Jüngere, in denselben Mantel, mit schottisch-carrirtem Unterfutter verhüllt, der bei seiner Ankunft neben ihm auf dem Wagensitze gelegen und den der Hausknecht sammt dem fast leeren Reisesack herausgetragen, hat sich zuerst erhoben und das Zimmer verlassen, während der Andere sitzen blieb, die Rechnung bezahlend und ihm nachrufend: ›Suche Dir die beste Ecke im Wagen aus, Verschlafener!‹ Der Wirthin ist, indem sie das Geld einstrich, aufgefallen, daß der Reisesack, den der Jüngere jetzt, beim Hinabgehen, mitnahm, ungleich dicker und gefüllter aussah als früher, wo der Hausknecht ihn heraufbrachte; eben so will sie beschwören, sie hätte sich eingebildet, der junge Herr sei kleiner geworden; doch habe sie 118 sich das durch den großen Mantel erklärt, der um ihn geschlagen gewesen. Dann ist ihr Gast mit ihr hinabgegangen, und hat sich zu seinem schon wieder schlafenden Freunde in den Wagen gesetzt. Hausknecht und Magd sind beschenkt worden. Der Neuländer Bauer hat seine Peitsche geschwungen, der freigebige Herr hat sein, vom Lichte der Laternen beleuchtetes Gesicht noch einmal zum Lebewohl heraus geneigt, . . . und weg waren sie.

Am nächsten Tage hat der Vorspann-Bauer, im Zurückreiten, eingesprochen, einen Schnaps genommen und sich vielmals bedankt, für den ihm zugewiesenen Verdienst. Die Herren, die er auf die Station vor's Posthaus führen mußte, haben ihn ›fürstlich‹ bezahlt; haben laut darüber gelacht, daß da d'rin – (es war zwischen zwei und drei Uhr,) – Alles still sei, daß sie die Postillons erst würden herausklopfen müssen und was dergleichen Späße mehr waren; sind dabei kreuzfidel geblieben, ohne sich zu ärgern und haben ihn geheißen ›retour‹ reiten und sie sammt der Karre nur stehen zu lassen. Da hat er ihnen denn ›viel Plaisir und glückliche Reise nach London‹ gewünscht, wohin zu reisen sie vorgegeben. Die Wirthin hat der Magd bei Zusammenräumen des Geschirres geholfen, das Zimmer gehörig sprengen und fegen, einen 119 Fensterflügel aufstehen lassen; die Betten, da sie ungebraucht und kurz vorher weiß überzogen waren, hat niemand weiter untersucht; – weßhalb auch? – und seitdem ist das Stübchen erst wieder betreten worden, da die Herrschaft, – drüben, – ankam, wo denn zwei Betten hinüber geschoben wurden, das dritte unglückselige für's Fräulein stehen blieb.

Der Hausknecht hat noch folgende selbstständige Erklärung abzulegen:

»Eine Leiter, die im Hofraum beim Heuboden an's Dach gelehnt zu stehen pflegt, befand sich den Morgen nach Abreise der beiden Herren mitten im Hofe liegend. Die im Erdboden bemerkbaren Furchen, deuteten darauf hin, daß sie von der Wand des Stalles unterm Heuboden, mühsam an die entgegengesetzte des Hauses geschleppt, dort wieder aufgerichtet und angelehnt, später jedoch, und zwar von oben, gewaltsam umgeworfen worden.«

»So muß denn,« rief der Justizrath völlig verzweifelt aus, »ein Mensch, den die beiden Fremden haßten und verfolgten, sich alle ersinnliche Mühe gegeben haben, über eine Leiter zu ihnen in's Fenster zu klettern, damit sie ihn recht mit Bequemlichkeit abschlachten konnten? Weiter, Gott weiß es, kann man die Rücksicht für Mörder nicht treiben. Und 120 wer, um aller Welt Wunder willen, muß denn dieser Zuvorkommende gewesen sein?« fragte er dem nach beendigter Leichenbeschau in's untere Gastzimmer bei ihm eintretenden Kreisarzte entgegen.

»Ein junger, gesunder Mann von höchstens vier- – fünfundzwanzig Jahren, unbedenklich den besseren Ständen angehörig, aber durchaus unkenntlich, da sein Antlitz scheußlich verstümmelt und entstellt ist. Doch diese Nichtswürdigkeit scheint erst nach erfolgtem Tode geschehen zu sein und der Tod ist herbeigeführt durch einen Stoß in's Herz; wie die absolut tödtliche Wunde bezeugt. Mit welcher Waffe? ist schwer zu bestimmen; so viel die eigenthümliche Form der Wunde vermuthen läßt, mit einem spitzen, scharfen, wahrscheinlich aus fernen Landen herrührenden Messer oder Dolch, eigens zu ähnlichem Zwecke geschmiedet. Ihnen, werther Freund, wird es übrigens schwer, wo nicht unmöglich werden, Namen und Stand des Unbekannten zu erforschen. Die Mörder haben Alles bei Seite geschafft, was zu Nachweisungen verhelfen könnte. Unbekleidet liegt der Leichnam, wie wir ihn fanden; sogar die Strümpfe haben sie ihm ausgezogen, wahrscheinlich, weil diese gezeichnet waren? Wer soll Auskunft über ihn geben?«

»Der einzige Mensch, der es vielleicht vermag, 121 bleibt der Dresdner Lohnkutscher? Diesen aufzufinden, will ich selbst . . . . und doch weiß ich kaum, ob es nicht noch wichtiger wäre, erst auf die Poststation zu eilen, um die Namen der beiden . . . doch diese werden sich gehütet haben, ihre wirklichen Namen anzugeben – und sie haben dreimal vierundzwanzig Stunden Vorsprung! Wenn der Himmel sich nicht durch ein Wunder in's Mittel schlägt, sind sie entkommen und unsere Bemühungen fruchtlos.«

»Wer sind denn,« – fragte der Arzt dazwischen, »die Personen, die ihr Unstern zu diesem traurigen Anblick hierher führte? War es nicht eine junge Dame, durch welche die Entdeckung geschah?«

»Allerdings. Und die Form verlangt unabweislich, daß auch sie vernommen werde. Ja, obgleich es wirklich nur eine leere Form ist, werd' ich doch nicht vermeiden können, sie am Orte der That zu verhören, ihr sogar den Todten zu zeigen und ihr die Frage zu stellen, ob sie im Stande sei, irgend eine Vermuthung über ihn auszusprechen? Da es geschehen muß, so geschehe es bald, damit die guten, ehrlichen Leute nicht länger unnütz aufgehalten werden.«

Das Gericht begab sich an den Ort der That. Reichenborns wurden zugezogen und mit aller Achtung und Schonung behandelt. Besonders Caroline, 122 die sich von ihrem Schrecken noch nicht erholt zu haben schien. Nur mit Widerstreben brachte der Justizrath die unzarte Forderung vor, daß sie den ›in einem von ihr allein bewohnten Raume gefundenen, durch sie entdeckten unbekannten männlichen Leichnam recognosciren‹ solle. Ihre Eltern wollten dagegen Einsprache thun; sie aber sagte leise zur Mutter: »Laß' mich, damit ich endlich meine verrückten Einbildungen los werde.« Und mit den kräftig gesprochenen Worten: »Ja, ich will den Todten sehen,« trat sie zu dem in eine Bahre umgewandelten Lager und zog selbst das weiße, mit Blut befleckte Betttuch vom entstellten Angesicht. »Dieser Mensch ist nicht mehr zu erkennen!« rief sie aus und wandte sich voll Ekel mehrmals schaudernd ab; doch immer wieder hingezogen zu ihm, that sie ihrem Abscheu Gewalt, bot dem Grausen der Verwesung Trotz und riß, wie wenn sie sich plötzlich auf ein untrügliches Kennzeichen besänne, die kalte Todtenhand hervor, deutete auf eine kaum sichtbare Narbe, die Folge einer Verwundung aus früher Kindheit, und sprach dann zu ihrer Mutter: »Ich wußt' es ja; er ist es!«

»Wer ist es?« fragten ängstlich der Arzt und der Justizrath, bei welchem sich der Antrieb seines 123 Berufes mit Theilnahme für die Erbleichende gesellte. »Wer ist es?«

»Gustav von Thalwiese, mein Bräutigam!« und sie sank bewußtlos bei der Leiche nieder.

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