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Schwarzwaldau

Karl von Holtei: Schwarzwaldau - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchwarzwaldau
authorCarl von Holtei
year1856
firstpub1856
publisherExpedition des Albums
addressPrag / Leipzig
isbn
titleSchwarzwaldau
pages476
created20091220
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Fünfundzwanzigstes Capitel.

Caroline und mit ihr die guten Eltern, vorzüglich der durch stolze Adelsträume verklärte, völlig umgewandelte Papa Reichenborn, hatten Teplitz für den reizendsten Aufenthalt erklärt, so lange Gustav von Thalwiese bei ihnen war. Von dem Augenblicke, wo ihnen dessen unentbehrlich gewordene Begleitung fehlte, schien Stadt und Park und Umgegend jeglichen 98 Reiz für sie verloren zu haben. Bei Carolinen versteht sich das eigentlich von selbst. Beim Vater bewährt es nur unseren oben schon aufgestellten Satz: denn leider schützt auch Alter nicht vor Thorheit. Disputirte doch der sonst so gewissenhafte Befolger ärztlicher Vorschriften dem Arzte und dem Bademeister ein ganzes Bad mit unbesieglicher Rechthaberei von der festgesetzten mystischen dreimal Sieben ab, bloß um einen Tag früher abreisen, einen Tag früher seinem Eidam folgen, einen Tag früher sein Thalwiese erreichen zu können. Sogar die Klagen des Pirnaischen Lohnkutschers, der von dort verschrieben, auf einen Rasttag in Teplitz gehofft hatte, schüchterten ihn nicht ein. Sie brachen auf; Herr Reichenborn zum Erstenmale in seinem Leben ungeduldig unterweges; zum Erstenmale über die Langsamkeit der Pferde klagend; seine Frau in gefällig-beschaulicher Zufriedenheit, ruhig heiter wie gewöhnlich; Caroline gerade nicht niedergeschlagen, aber doch verstimmt; unbezweifelt durch den anonymen Brief des Barons.

In Dresden verweilten sie begreiflicher Weise diesesmal gar nicht, sondern ›machten gleich weiter‹ wie der Kutscher sich äußerte, der ja schon Bescheid wußte und deßhalb auch bei Zeiten die große Straße 99 verließ, jenen näheren und weniger sandigen Seitenweg einzuschlagen, auf welchem er sich damals, wo er Carolinen allein nach Schwarzwaldau zu liefern gehabt, mehrmals verirrte, den er aber jetzt genau erkundet zu haben sich rühmen durfte. Den ersten Tag waren sie bis Pirna gelangt; die zweite Tagreise brachte sie etwa vier Meilen hinter Dresden, jenseit der Landes-Grenzen, nachdem wie gesagt der Lohnfuhrmann die eigentliche Heerstraße schon verlassen, bis an ein ziemlich einsam gelegenes Wirthshaus, welches ganz allein zu stehen schien, weil das Dorf, zu dem es gehörte, ein tüchtig Stück seitab sich am Walde hinzog. Es schien eigentlich mehr eine vor kurzen Jahren entstandene Colonie, weßhalb es auch den vielverbreiteten und häufig vorkommenden Namen ›Neuland‹ führte. Das Gasthaus, von Steinen erbaut, von einem kleinen Gehöfte umgeben, sah äußerlich recht hübsch aus. »Hier bleiben wir Sie über Nacht, Heer Reichenborn!« erklärte der Kutscher. Reichenborn betrachtete das Haus und sagte kleinlaut: »Hier sieht mir's aus, als ob nicht viel Verkehr statt fände? Sollte man hier gut bedient werden, Kutscher?«

»Hier können Sie verlangen, was Sie wollen, guter Herr Reichenborn. Ich habe mich schon erkundiget. Alles kehrt hier ein, wer Sie den Weg macht. 100 Heißt das, es fahren blutwenig Ekipaschen hier. Aber das Neuländer Wirthshaus ist proper; da können Sie verlangen, was Sie wollen.«

»Das glaub' ich gern,« seufzte Reichenborn; »aber ob ich erhalte, was ich verlange? . . .«

Doch da half kein Seufzen. Ohne Bedenken lenkte der Kutscher in den offenen Wagenschuppen ein und ehe die Wirthin ihren Gästen noch Zimmer angewiesen, standen die Pferde schon im Stalle. Dem Hausknecht, der sie versorgte, war dieß Geschäft geläufig und ging ihm rasch von der Hand; Pferde und Fuhrleute sprachen hier häufig ein. Seltener zeigten sich übernachtende Gäste mit höheren Ansprüchen; deßhalb konnte die Wirthin ihre Verlegenheit nicht verbergen und suchte dieselbe durch zuvorkommende Freundlichkeit auszugleichen.

»Hier giebt's nichts zu essen,« sagte Reichenborn zu seiner Frau, »als Rühreier und Schwarzbrot; das seh' ich schon am Zuschnitt. Zum Glück, daß kalte Küche und eine Flasche Rothwein in der Wagentasche steckt!«

Das obere Stockwerk bestand fast gänzlich aus einem großen Tanzsaale, in welchem die Honoratioren der umliegenden Dörfer ihre Kränzchen und Tänzchen abzuhalten pflegten; zu diesem Zwecke zunächst war 101 der Bau unternommen, die Anlage der Gastzimmer als Nebensache behandelt worden. Deßhalb befanden sich deren nur zwei neben dem Saale: eines mit zwei Fenstern hatte die Aussicht nach der Straße, konnte jedoch von Reisenden nur bewohnt werden, wenn es durch die Kartenspieler des Kränzchens nicht in Anspruch genommen ward. Dieses bezogen heute Herr und Frau Reichenborn. Es stieß unmittelbar an den großen Saal. Die Betten für das ehrwürdige Ehepaar mußten erst aus dem eigentlichen, permanenten Fremden- oder: ›Passagier‹-Zimmer, in welchem deren drei den ohnedieß beschränkten Raum verengten, herüber geholt werden. Dieses hatte sich Caroline erwählt, mit der Bitte allein bleiben zu dürfen, weil sie Kopfschmerzen habe. Dieses Zimmer ging nach dem Hofraume hinaus, wohin nur ein Fenster blickte. Es hatte auch nur eine Thür und stand mit dem Saale nicht in directer Verbindung. Caroline trieb den Hausknecht und das Dienstmädchen an, die schweren, altmodischen Bettgestelle so rasch wie möglich fortzuschaffen, holte sich dann ihr Nachtzeug, wünschte den Eltern ›wohl zu speisen und wohl zu schlafen‹ in einem Athmen und eilte, sich in ihre Einsamkeit zurückzuziehen, deren Bedürfniß so mächtig war, daß sie sich einsperrte. Hatte sie doch viel zu denken: der 102 anonyme Brief wirkte nach. Sie schloß nun das Fenster, welches sie beim ersten Eintritt aufgerissen, weil ihr ein Modergeruch, wie er in derlei nicht gelüfteten Gastzimmern gewöhnlich vorherrscht, entgegen gedrungen. Dann fing sie an, sich langsam zu entkleiden, wobei sie häufig inne hielt und Minuten-lang regungslos, sinnend stehen blieb. Dabei rückte der Abend heran. Kerzen hatte man ihr auf den Nachttisch gestellt. Sie schlug Feuer, brannte einen langen Schwefelfaden am glimmenden Zunder an und machte Licht. Drüben war es bereits still geworden. Die Wirthin hatte die letzten Teller und Geräthschaften herabgeholt. Nach und nach verhallte auch das Geräusch in Küche, Flur, Hofraum. Die Neuländer liebten es, an Werkeltagen mit den Hühnern schlafen zu gehen.

Caroline spürte noch keinen Schlaf. Sie setzte sich, halb entkleidet wie sie war, in das kleine, dick und hart ausgepolsterte Canapee und nahm den räthselhaften Brief noch einmal vor, den sie längst auswendig wußte:

»Nur ein tückischer Gegner kann ihn geschrieben haben, das ist außer Zweifel; dennoch ist es möglich, daß er Wahrheit enthält? Aber wenn der boshafte Schreiber mich dadurch von ihm trennen wollte, so 103 hat er seine Absicht verfehlt, hat es unklug angefangen. Er hätte jenes Weib mir als jung, oder doch reizend, verführerisch darstellen, hätte mir den Argwohn erregen müssen, daß Gustav sie lieben könne! Dadurch, daß er ihn anklagt, sich ihr verkauft zu haben, bloß um uns nach Prag folgen, mich dort zu erreichen, wird ja nur bewiesen, wie viel ihm an mir lag; wie der Wunsch, mein Gatte zu werden, ihn zum Aeußersten trieb!? Es ist grauenhaft zu denken; ja, mich schaudert, wenn ich mir sage, daß er aus den Armen der Abscheulichen, Unwürdigen in die meinigen eilte; – mich schaudert . . . und dabei empfind' ich eine unbeschreibliche Wonne, die meine Sehnsucht steigert, die mich taumeln macht, weil sie mich zugleich mit Zorn erfüllt. Er soll gestehen! Alles, Alles reuig gestehen. Und er wird! O, daß ich ihn hier hätte, bei mir! Daß ich in ihn dringen könnte, mit meiner Liebe Gluth, meinen gerechten Vorwürfen, meiner hingebenden Verzeihung! Nein, die schändliche Anklage vermag nicht, mich von ihm loszureißen; sie wühlt nur, wie dumpfer Schmerz in meinem Busen, aber dieser Schmerz vermehrt meine Leidenschaft! Sie sei vernichtet!«

Caroline hielt das Blatt an die Flamme der Talgkerze. Es loderte auf, es verwandelte sich in 104 Asche, aus der einzelne Funken leuchteten. Zwei derselben überdauerten die übrigen, früher verlöschenden. »Das bin ich, das ist er,« – sagte sie, des kindischen Küsterspieles gedenkend, – »wer überlebt den Andern? wessen Liebe dauert länger?« – Kaum hatte sie's gesagt, da war er verschwunden und sie glimmte noch lange.

Sie saß, den Kopf auf die Hand gestützt, über die vor ihrem heißen Athem verwehende Asche gebeugt. Sie blies darein. Das kleine Häuflein zerstiebte.

»Asche – Staub« – murmelte sie – »und brannte doch so hell! Und verzehrte sich so rasch in der Flamme!«

Sie saß in bange Begierden, in süße Qualen versenkt.

»Regnet es denn? Der Himmel war ja rein und blau, die Sterne begannen zu funkeln, da ich das Fenster schloß?«

Sie erhob sich, hinaus zu schauen. – Kein Wölkchen sichtbar; die schönste Nacht!

»Aber ich höre deutlich Tropfen fallen?«

Sie lauscht und in kurzen Zwischenräumen dringt das eintönige Geräusch, wie von der Dachtraufe plätschernd in ihr Ohr.

105 Sie öffnet das Fenster . . . sie horcht empor . . . keine Regung über ihr, neben ihr. Sie wendet sich in's Zimmer zurück. Die reine Nachtluft, die sie eingesaugt, hat sie empfindlicher gemacht gegen den unerträglichen Geruch im versperrten Raume.

»Wie konnt' ich hier aushalten?« – Und sie will wieder freie Luft schöpfen, da vernimmt sie, noch entschiedener als vorher, das tropfende Rieseln. Nein, sie täuscht sich nicht: hinter ihr ist's, im Zimmer, beim Bett, welches hochaufgethürmt, mit einer blauen Kattundecke belegt, unberührt blieb, weil die Magd ihr die Versicherung gegeben, daß es in vergangener Woche frisch überzogen worden und daß seitdem kein Mensch darin gelegen habe. Sie hatte sich vorgesetzt ohnedieß im Nachtkleide zu bleiben und, – ohne Aussicht auf Schlaf, – nur oben auf liegend zu ruhen.

Jetzt ergreift sie einen Leuchter und neigt sich dem Boden zu, die blaue Decke aufhebend. Sie erblickt, beim Scheine der Kerze eine große Blutlache. Schreck und Grausen übermannen sie. Wie sie geht und steht, stürzt sie zur Thür, schließt auf, eilt bis an die Treppe, schreit nach Hilfe, sinkt fast zusammen, rafft sich wieder auf, wankt vor die Stube, wo die Eltern schlafen, pocht diese wach, fleht um Einlaß, 106 rennt wieder nach der Treppe, ruft: »Mord, Feuer, Blut« hinab. Unterdessen hat sich ihre Mutter ermuntert, tritt heraus, will die Ursach' dieses Angstgeschreies vernehmen, und Caroline stürzt ihr fast ohnmächtig an die Brust, keines anderen Ausrufes fähig, als: »Blut, Blut!«

Im Hause wird es lebendig; Wirth, Wirthin, Gesinde haben den ersten tiefen Schlaf kaum abgeschüttelt und stolpern mit verdummten Gesichtern herauf, zu sehen, wo es brennt?

Auf die wiederholten Fragen, die Wirth und Wirthin bringend an sie stellen, richtet sich Caroline empor und deutet nach der offnen Thüre ihres Gemaches. Doch auch jetzt vermag sie nur zu stammeln, was sie schon so oft wiederholte: »Blut!«

Die Leute begeben sich hinein. Etliche Minuten starren Schweigens vergehen, während welcher die Eltern, – denn Vater Reichenborn hat sich auch eingestellt, – ihre vor Grauen und Frost zitternde Tochter haltend, eine fürchterliche Entdeckung erwarten.

»Hast Du Dich auch nicht getäuscht?« will die Mutter eben fragen, da erdröhnt der Flur von wildem Geheul und die Wirthin kreischt ihren Gästen entgegen: »Gott sei uns gnädig und barmherzig, drinn' 107 schwimmt Einer in seinem Blute; in unserem Hause ist ein Mord geschehen!«

»Fort! Nur fort!« ruft Reichenborn. »Wo ist unser Kutscher? Der Hausknecht soll in den Stall laufen und ihn wecken; er muß anspannen! Lieber die Nacht auf der Straße zubringen, als hier bleiben!«

Doch der Wirth, der nun aus dem Zimmer kommt, wendet dagegen ein: »Das geht nicht, Herr! Ich bin Gerichtsmann in Neuland und weiß, was sich gehört. Dem Schulzen muß ich Meldung schicken, daß er sogleich mit den Gerichten an Ort und Stelle sich einfindet, den Befund aufzunehmen; nach dem Herrn Justiz in's Städtchen muß ein Bote reiten; nach dem Kreisphysicus gleichfalls. Ehe nicht gesetzlich verfahren ist, darf niemand sich entfernen, der zur Zeit der Entdeckung im Hause war. Sie verlassen ihre Stube nicht mehr, und die Mamsell bleibt bei Ihnen. Hier heißt es: mitgefangen, mitgehangen!«

»Dafür ist mir nicht bange,« entgegnete Reichenborn, der schon die ruhige Haltung des Geschäftsmannes wiedergewonnen; »vor dem Hängen fürcht' ich mich gerade nicht, so wenig wie vor den Gerichten; einzig und allein vor der Verzögerung. Ihr müßt wissen, ich bin auf der Fahrt nach meinem – 108 unserem Landgute, mein Schwiegersohn und dessen Mutter warten auf uns . . . na, was hilft's? Thut was Eures Amtes ist, doch eilt, wenn ich bitten darf. Wir fügen uns in's Unvermeidliche.«

Sie begaben sich mit Carolinen in ihr Zimmer und nicht eine Stunde war vergangen, so hörten sie den Hufschlag des Pferdes, auf welchem ein Bauer aus Neuland die unerhörte Nachricht von einer Mordthat an die vorgesetzten Behörden zu befördern eilte.

Nach und nach brachten sie die Tochter zu sich. Sie erholte sich von ihrem Entsetzen, hörte auf vom Blute zu reden, fand in Thränen Erleichterung und ließ sich endlich erbitten, der Mutter Lagerstätte zu theilen.

»Du gutes Kind,« sagte diese, ihr schmeichelnd, sie liebkosend, »mußtest Du so etwas Fürchterliches noch erleben, ehe Du Dein Glück erreichst!«

Aber Caroline, sich an sie schmiegend, sprach einmal über das And're: »Der Arme! wer mag es nur sein, den sie ermordet haben?« 109

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