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Schwarzwaldau

Karl von Holtei: Schwarzwaldau - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchwarzwaldau
authorCarl von Holtei
year1856
firstpub1856
publisherExpedition des Albums
addressPrag / Leipzig
isbn
titleSchwarzwaldau
pages476
created20091220
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Neunzehntes Capitel.

›Auf dem Bade‹ bei Dresden gab es Gartenconzert und um Rossini's ziemlich gedankenlose Crescendo's saßen, nicht eben sehr gedankenvoll, unzählige schmucke Hörerinnen an vielen Tischen; bewundernd, schwatzend, Caffee trinkend, Kuchen essend. Ich will um aller Welt Willen nichts gegen Rossini gesagt haben, dem ich dankbar bleibe für seine süßen Schelmenlieder, so lange noch ein Ton in meiner Seele nachzuklingen vermag; aber die ernsthaft gemeinten, fleißig aufgespielten, andächtig angehörten Ouvertüren, die zu jener Zeit an der Tagesordnung waren, konnten einen ehrlichen Freund der Tonkunst, mochte dieser auch nur ein Laie sein, zu gelinder Verzweiflung bringen. Dasselbe äußerte an jenem Nachmittage eine recht artige jüngere Dame 6 gegen ihren Tischnachbar, den Baron. (Seinen Namen weiß ich nicht; es braucht ihn auch niemand zu wissen; denn ›der Baron‹ wird nicht allein von seinen näheren Bekannten, sondern in der ganzen Stadt, bis auf die Terasse, auf die Berge, bis Fintlaters, bis zur hölzernen Saloppe, bis in die Schweiz hinein: ›der Baron‹ genannt, von Freunden, Kellnern, Gläubigern, . . . warum sollten wir ihn nicht so benennen?)

Der Baron war natürlich ein Rossinianer; denn er zählte sich zur eleganten Welt. Auch war er durch einige Damen, die mit einigen andern Damen vom Hofe entfernten Umgang pflogen, veranlaßt worden, des Herrn Capellmeisters Morlachi Compositionen schön zu finden und das ließ sich möglicherweise nur dann durchführen, wenn man bei Rossini schlechthin Alles für göttlich erklärte; nicht allein das Menschliche; auch das Unmenschliche. Seine, des Barons Gegnerin am Caffeetische, zeigte sich als Gegnerin moderner italienischer Opern-Tyrannei und sprach dieß offen und mit jener kleinstädtischen Lebendigkeit aus – (denn wir dürfen's nicht verhehlen, daß sie sammt ihren lieben Eltern aus einer kleinen Stadt kam!) – welche sich nicht die Mühe giebt, leise zu reden; auch an öffentlichen 7 Orten nicht; weil sie vom Hause aus überzeugt sein darf, das ganze Nest kenne ja ohnehin ihre Ansichten und Gedanken. Jedesmal wenn sie im Gange ihrer ganz verständig geführten Discussion auf ›die italienische Partei und Weber's Antagonisten‹ zu reden kam, gab es dem Baron einen gelinden Zuck und Ruck durch sämmtliche freiherrliche Gliedmassen und er blickte schüchtern umher, ob nicht jemand sie belauschen könne, der eben zu dieser Partei, mithin vielleicht zum Hofe gehöre, sei er selbigem auch nur durch ein königliches ›Extramensch‹Diesen Titel führten im ersten Lustrum der zwanziger Jahre noch weibliche Küchendienstboten und er war auf Anschlageschildern an Hausthüren zu lesen. attachirt.

»Sie brauchen nicht in Sorge zu sein, Herr Baron,« tröstete ihn die Kleinstädterin; »es hört mich kein Mensch außer Ihnen; Ihres Götzen Stalltrommel sorgt schon dafür.«

Die Eltern der Verfechterin deutscher Musik nahmen nur geringen Antheil am Gespräch: die Mutter schien mit Seele und Leib Dresdnerin werden zu wollen und hielt sich an den Kuchen, der in allen Gattungen und Formen vor ihr aufgethürmt 8 stand; der Vater neigte sich offenbar dem Geschmacke des Barons zu; ihm gefiel, was seine Tochter tadelte. Denn, meinte er, bin ich einmal gezwungen durch lärmendes Orchester in meiner Nachmittagsruhe gestört zu sein und haben sie mich einmal mitgezerrt an einen sogenannten Vergnügungsort, so will ich doch wenigstens hübsche Melodieen hören – und diese macht der Mann; das ist außer Zweifel. Damit hatte er ausgesprochen, was er für nöthig hielt und mengte sich weiter nicht mehr in die Sache.

Der Baron jedoch gerieth immer weiter hinein, wurde heftig und ließ sich von Streitsucht und Rechthaberei so weit verlocken, daß er gänzlich vergaß, welche Absichten ihn an diesen Tisch geleitet. Er hatte sich der ›reichen Erbin‹ angenehm machen wollen. Nachdem er ›am table d'hôte in Stadt Berlin‹ mit ihr gespeiset und durch den Zimmerkellner Namen, Stand, Wohnort des Vaters ausgekundschaftet, war es ihm ›angenehme Pflicht erschienen, das Gastrecht zu üben und die verehrten Fremden nach dem Lindeschen Bade zu führen.‹ Er hatte sich von seinen gewöhnlichen Genossen unter allerlei Vorwänden losgemacht, um den rasch entstandenen Plan auf frischer That ausdauernd und ungestört verfolgen 9 zu können. Bis zum Beginn des Wortwechsels über Musik standen seine Angelegenheiten auch gar nicht übel; wenigstens bei Mutter und Tochter nicht, denen der ›Baron‹ wohlgefällig zu Gehöre klang. Papa, obgleich über Rossini'sche Instrumental-Composition mit dem charmanten Herrn einverstanden, sah den Zudringlichen darum nicht weniger argwöhnisch an. »Der will was!« flüsterte ihm, dem alten Geschäftsmanne, mißtrauische Vorsicht warnend zu und schon einigemale hatte er der Tochter Fuß unter dem Tische aufgesucht, um ihr mit dem seinigen ein Warnungszeichen beizubringen, sie möge nicht allzu freundlich entgegenkommen.

Jetzt war das nicht mehr nöthig. Der Baron hatte es geradezu verschüttet. Als er einlenken wollte, fand er kalte, höfliche Einsilbigkeit. Madame fühlte sich in ihrer Tochter beleidiget, die Tochter in ihrer Eitelkeit; Beide maulten. Der Baron trat den Rückzug an.

Hinter ihm her brummte eine tiefe Stimme: »Auch ein rechter Windbeutel, das!«

»Dummes, pedantisches Spießbürgervolk!« rief der Baron und eilte, seine Freunde aufzusuchen, die sich Arm in Arm gehängt auf und ab umher trieben.

10 »Sag' mir nur,« fragte ihm der Jüngste und Hübscheste jener jungen Laffen entgegen, »unter was für Land-Pomeranzen warst Du denn da gerathen?«

»Nichts von Land-Pomeranzen, meine holdeste Miß Viola; reine, unverfälschte Gold-Orangen. der reiche Reichenborn aus Rumburg, sammt Frau und heirathsfähiger, wie mir scheint auch sehr heirathslustiger Tochter. Ich war im besten Zuge mich einzuschmeicheln; mein Schandmaul hat mir's verdorben.«

Dieser kurze trotzige Bericht machte, als etwas schon häufig Dagewesenes, auf die Uebrigen keinen sonderlichen Eindruck. Auch Derjenige, den der Baron ›Viola‹ angeredet hatte, zeigte sich nicht davon ergriffen. Nur Einer, – wir meinen, es sei ein Bekannter aus unserm ersten Bande! – ließ sich vernehmen: »Donnerwetter, wie geschah mir denn, daß ich Carolinen nicht erkannte?« – und zugleich hatte er sich von den Andern getrennt, um geraden Weges dahin zu eilen, wo er des Barons kaum leergewordenen Stuhl einzunehmen trachtete. »Eine alte Bekanntschaft!« rief er den Gefährten, sich von ihnen los machend, zu und diese warfen ihm lachend frivole Glückwünsche nach, aus denen des Abgelöseten 11 Warnung vorklang: »Nur hüte Dich vor Zwistigkeiten über Rossini!«

Wenn Mademoiselle Reichenborn einige Sammlung bedurfte, um Gustav von Thalwiese, da er sich ihnen näherte, gehörig zu empfangen, so geschah das nicht, weil sie ihn nicht auf den ersten Blick erkannt hätte? Mochten die zwei Jahre, die zwischen ihrer Trennung lagen, sein Aeußeres auch verändert, mochte ein zügelloses Leben den Schmelz der ersten Jugendblüthe, der bei seinem Eintritt in's Schwarzwaldauer Schloß noch auf rothen Wangen lag, bereits abgestreift haben; Caroline hätte ihn, den ihr Herz so glühend geliebt, unter Tausenden herausgefunden! Er dagegen, – und das ist eben so natürlich, da er sie niemals, da er nur ihres Vaters Reichthum im Auge gehabt, – er bedurfte, nachdem er sich schon vor ihr und ihren Eltern verbeugt, noch einiger Frist, um sich Gewißheit zu verschaffen. Nicht aber, weil Caroline um zwei Jahre älter geworden wäre? Im Gegentheile, weil sie um das Doppelte verjüngt schien. Sie hatte ihre allzu gesegnete Fülle verloren, war fast mager geworden – (vielleicht aus Gram über ihn?) – und dieser Wechsel kleidete sie gut.

»Sie kennen mich nicht mehr?« fragte Gustav.

12 »O, nur allzuwohl,« erwiderte sie und stellte ihren Eltern: ›Herrn von Thalwiese‹ vor.

Vater Reichenborn zeigte durch seine stumme Begrüßung, daß er nichts Genaueres über diesen Ankömmling wisse; daß er aber auch durchaus keine Sehnsucht nach vertrauterer Bekanntschaft in sich verspüre. Sein Gesicht kündete deutlich an, der in Ruhestand getretene Handelsherr finde die Gartenconzerte auf dem Bade sehr unruhig und halte Herrn von Thalwiese für einen eben solchen Windbeutel als dessen Vorgänger den Baron.

Mama dagegen verrieth durch einige Bewegungen der Mundwinkel, daß Caroline der Mutter vertraut habe, (zum Theil wenigstens), was dem Vater vorenthalten worden. Sie bestätigte dieß durch die bedeutsamen, keinesweges allzufreundlich gesprochenen Worte: »Ah, aus Schwarzwaldau!«

»Und wie geht es meiner lieben Agnes?« fragte Caroline mit der Hast einer schlechtverhehlten Besorgniß, Mama könne Aeußerungen thun, die dem Treulosen verriethen, daß er öfter als billig Gegenstand ihrer Gespräche sei.

»So wissen Sie nicht, was dort geschah?«

»Wir haben, seit meiner plötzlichen Abreise von – 13 dort, keine Briefe mehr gewechselt. Hoffentlich befindet Frau von Schwarzwaldau sich wohl?« –

»O sehr wohl! Ja, ihr ist wohl: Sie schlummert auf ihrem Lieblingsplatze, um nicht mehr aufzuwachen!«

»Sie ist todt?« –

Und Gustav erzählte, was vorgefallen, – so weit es ihm passend dünkte sich hier darüber mitzutheilen.

Reichenborns bewiesen ihren herzlichen Antheil. Caroline versank in trauerndes Schweigen. Gustav hatte sich während seiner Erzählung gesetzt. Er schwieg ebenfalls, um den ersten, gewaltigen Eindruck vorübergehen zu lassen.

»Und er?« begann Caroline wieder; »der Witwer? Was treibt er?«

»Er macht eine Reise um die Welt, mit seinem – Jäger!«

In diesem einen Worte: ›Jäger‹ lag eine so unzweideutige Absichtlichkeit, daß Agnesens Jugendfreundin sie auffassen mußte. »War's dieser,« fragte sie weiter, »der den unseligen Schuß gethan? Und vielleicht . . . .?«

»Wer denn sonst?« sagte Gustav.

»Und mit dem Menschen reiset Emil . . .?«

14 »So berichtete mir sein Verwalter, als ich von Thalwiese noch einmal an ihn schrieb, um einige diesen Franz betreffende Winke, die ich in einem eiligst zurückgelassenen Morgenbilletchen gegeben, zu vervollständigen. Jener Wirthschaftsbeamtete schickte mir meinen Brief durch denselben Boten wieder, mit der Erklärung: sein Herr unternehme eine große, vielleicht mehrjährige Reise, und für den Augenblick sei keine Möglichkeit vorhanden, meine Zuschrift ihm nachzusenden, weil man noch nicht wisse, wohin?«

»Aber das klingt ja ganz abenteuerlich und ist unerklärlich.«

»Doch nicht so ganz unerklärlich, wie Sie auf den ersten Anblick wähnen? Und wollten Sie mir vergönnen, Caroline« – (hier sank Gustav's Stimme zu kaum hörbarem Geflüster herab,) – »Sie um eine ungestörte Stunde bitten zu dürfen? Dann würd' ich Mittel finden, Sie über die Motive dieses furchtbaren Ereignisses aufzuklären.«

Caroline machte »hm, hm;« rückte auf ihrem Stuhle hin und her und sah verlegen nach ihrer Mutter, ob diese wohl Gustav's Antrag vernommen haben und was sie dazu für ein Gesicht machen möchte?

Madame Reichenborn hatte keine Silbe verstanden, aber sie hatte ihn flüstern gehört und das 15 genügte ihr. Sie erwiderte den fragenden Blick ihrer Tochter; Beider Augen fanden sich und diese zwei Augenpaare versuchten sodann einen kleinen Streifzug in's Gebiet väterlicher Autorität. Dort aber sah es aus wie in Feindes Lande. Herr Reichenborn schnitt dem Flüsternden und den Aeugelnden sein furchtbarstes Familiengesicht. Da war auf einigermassen freundliches Entgegenkommen nicht zu hoffen. Mama gab sogleich jeden Versuch auf und machte sich noch einmal an den Kirschkuchen. Die Tochter kämpfte wohl, oder in ihrer Brust kämpften Erinnerung an schwerverletzende, nicht vergessene Schmach und Kränkung mit neuerwachender Zärtlichkeit für den (wie es schien,) reuig zurückkehrenden Bewerber. Es hätte in diesem Kampfe möglicherweise beleidigter, jungfräulicher Stolz über nachgiebige Schwäche den Sieg davon tragen können, wäre Vater Reichenborn minder bärbeißig, – wäre dem biederen Philister in Gustav nicht schon der zweite Windbeutel während dieses Gartenconzertes erschienen, was ihm zu viel wurde. Des alten Herrn höchst unartiges und abstoßendes Benehmen mußte durch Artigkeit von ihrer Seite ausgeglichen werden; darüber dachten Mutter und Tochter gleich; wenn aus keinem anderen Grunde, doch schon deßhalb, damit der junge Herr nicht wähne, man zürne ihm, weil er 16 von Carolinen abgesprungen? Das hätte noch gefehlt! Nein, er soll sehen, daß wir zu leben wissen! (So dachte die Mutter.) Und er soll fühlen, daß er mir längst gleichgiltig genug ward, um mit ihm verkehren zu können, wie mit dem Baron, oder irgend einem andern Gleichgiltigen. (So dachte die Tochter.) Und Beider Gedanken wurden zu Einem, welcher sich in die Form kleidete: »Der Alte will ihn nicht bei sich sehen, – so sehen wir ihn bei uns!«

Der Gedanke an und für sich war gewiß ganz gut; das heißt: er war schlecht genug, um für Gustav's Absichten gut zu sein. Nur stieß er auf Hindernisse, in so fern festgesetzt war, daß morgen die Abreise von Dresden erfolgen müsse. Dergleichen Aussprüche des Vaters galten bei Reichenborns für unerschütterlich. Deßhalb gab Caroline für's Erste auf Gustav's geflüsterte Frage gar keine Antwort; was dieser, seine Schuld gegen sie erwägend, zwar sehr begreiflich, aber darum noch nicht geeignet fand, sich dadurch abschrecken zu lassen. Er hatte Fortschritte gemacht, seitdem er sich von Agnesens Grabe getrennt. Er hatte nicht umsonst die hohe Schule der ›großen Welt‹ besucht; nicht umsonst theures Lehrgeld bezahlt; nicht fruchtlos mit den berufensten Lehrern im Felde gewissenloser Schwelgerei 17 vertraulichsten Umgang gepflogen. In zwei Jahren kann ein junger Mensch etwas vor sich bringen! Kann sich die vornehme Gleichgiltigkeit wohl aneignen, die über nichts mehr zu erstaunen, vor nichts mehr zu erschrecken scheint; die feine Lebensart heißt, im Grunde aber nichts ist, als raffinirter, schamloser Egoismus.

Daß die Weiber nicht unbeugsam bleiben würden, darüber waltete bei Herrn von Thalwiese kein Zweifel ob. Der alte Kaufmann bot einige Schwierigkeiten dar. Diesen zu gewinnen, ihn wenigstens unschädlich zu machen, blieb die nächste Aufgabe. Ihm also wendeten sich Gustav's Aufmerksamkeiten zu; ihn suchte er in passende Gespräche zu ziehen. Er that, als wäre Caroline vom Caffeetische verschwunden. Er warf sich in's Capitel der Staatspapiere, sprach vom Wechsel der Course, vom Steigen und Fallen, von politischen Combinationen und entwickelte dabei seine, auf kostbare Erfahrungen gestützten Ansichten; denn er hatte die ihm von Emil überlassenen Summen ja längst vergeudet, oder in thörichten Börsenspeculationen verloren. Diesen Umstand anzudeuten hütete er sich weislich. Er geberdete sich wie Einer, dem daran liegt, zu bewahren, was er besitzt, die Masse seines Vermögens zu 18 vergrößern und der die Rathschläge einer Autorität hören möchte. Dadurch gewann er sich Reichenborn's Achtung in einer Viertelstunde. Carolinen entging das nicht; sie benützte diese Wendung und mit ihres Vaters Eigenheiten vertraut, brachte sie ihn sehr leicht dahin, daß er ihr die Mühe abnahm, die Reisepläne dieses Sommers vor Demjenigen zu enthüllen, der davon unterrichtet sein mußte, sollte und wollte ein gewaltsam abgebrochenes Verhältniß wieder angeknüpft werden. Die Reichenborn'schen beabsichtigten, die zweite Hälfte des Juli und mindestens die erste des August in Teplitz zuzubringen, wohin Mutter und Vater durch ihren Arzt gesendet worden. Den Juni hatten sie in Dresden verlebt und da dieser Monat fast abgelaufen, würden sie vielleicht, ohne erst wieder heimzukehren, in der schönen Elbstadt noch einige Wochen ausgedauert haben, wäre dem alten Herrn nicht die Weisung zugegangen, daß ein Prager Haus, mit welchem er sonst in lebhaftem Verkehr gewesen, und welchem er nicht unbedeutende Capitalien in Händen gelassen, auf schwachen Füssen stehen solle. Herr Reichenborn war durchaus nicht der Mann, sich in solchen Fällen mit brieflichen Berichten zu begnügen; er zog vor, an Ort und Stelle selbst zum Rechten zu sehen. 19 Deßhalb hatte er heute, ehe sie zur Mittagstafel hinabgingen, seinen Damen gesagt: »Morgen früh, aber sehr früh, reisen wir nach Prag.« Und Madame Reichenborn, vor den Koffern keuchend, hatte gefragt: »Nach Prag?« Und Caroline, die sich gern von der dicken Mama bedienen ließ, hatte hinzugesetzt: »Väterchen wird in Prag Geschäfte haben; wir werden wahrscheinlich bald in Teplitz bleiben und ihn dort erwarten.« Worauf Herr Reichenborn entschieden erwidert hatte: »Ihr werdet mit mir durch Teplitz reisen, mit mir nach Prag gehen, und mir Gesellschaft leisten; soll ich allein vor Langerweile umkommen? Erst in der zweiten Hälfte des Juli ist unsere Wohnung in Teplitz bestellt, eher dürfen wir dort nicht eintreffen.«

Carolinen war die Aussicht auf Prag eben auch nicht unangenehm; sie freute sich, diese altberühmte Stadt kennen zu lernen und sie fand sich bald in des Vaters Anordnung; während Mama, bei dem Gedanken, was dort Alles zu sehen sei und was sie Alles werde erklimmen müssen, noch heftiger keuchte, denn vorher. Doch gegen des Alten Willen und Gesetz, wenn er sich erst einmal so kathegorisch ausgesprochen, galt weiter kein Apelliren. Wie sie zum Essen gingen, (wo sich dann, wie wir wissen, 20 der Baron an sie gedrängt), waren ihre Bündel schon geschnürt.

Ueber diese Angelegenheiten unterrichtete sich Gustav auf dem Rückwege vom Link'schen Bade vollständig. Er fragte die einzelnen Umstände theils den Eltern, theils der Tochter ab; so daß er, da er sich, vor der Thür ihres Hôtels ›glückliche Reise‹ wünschend, von ihnen trennte, ganz genau wußte, wo und wann er sie zu suchen haben würde, sobald er ihnen wieder begegnen wollte.

Und das wollte er. Sein Entschluß stand fest, Carolinen, die Erbin Reichenborn's, zur Frau von Thalwiese zu machen. Am Gelingen zweifelte er nicht; wenn es ihm nur gelang, in Teplitz oder womöglich schon in Prag einigermaßen anständig vor ihnen aufzutreten. Das hatte denn allerdings seine Schwierigkeiten. Nachdem er den ihm durch Emil's romanenhafte Großmuth überlassenen Nachlaß der verstorbenen Agnes mit seinen armen Eltern getheilt, wobei er leider den Löwen aus der Fabel gespielt und Jenen nur eben so viel zurückgelassen, daß die Hilfe keine gründliche Hilfe wurde und daß der alte Jammer in Thalwiese fortdauerte, war es gleichsam sein eifrigstes Bestreben gewesen, durch Leichtsinn und Verschwendung sich wieder 21 in Mangel zu stürzen. Ihm, als noch nicht Volljährigen, standen beim Umsatz der geheimnißvoll in seinen Besitz gelangten Staatspapiere auch nur heimliche Schliche zu Gebote und an den schmutzigen Fingern vermittelnder Wucherer blieb von vornhinein schon mehr als ein Dritttheil des Geldes kleben. Flotte Brüder halfen den Rest vertilgen und wer einigermaßen mit den Folgen ähnlicher Existenz bekannt ist, wird weder zweifeln noch erstaunen, wenn wir kürzlich berichten, daß der junge Mann jetzt nach Verlauf zweier in Ueberfluß und Uebermuth verschwelgter Jahre, nichts mehr sein nennt, als eine namhafte Schuldenlast, deren Druck und Pein er sich zur Noth mit dem Scheinbild ehemaligen Credites vom Leibe hält. Daraus erklärt sich sein plötzlich entworfener Angriffsplan auf Carolinens noch nicht ganz erkaltetes, wenn gleich tiefverwundetes Herz gleich beim ersten Wiedersehen von selbst. Noch dringender gestaltete sich die Aufforderung, diesen eigennützigen Heirathsplan zu verfolgen, als er in seiner Wohnung einen Brief aus Thalwiese vorfand, worin seine Mutter ihm den endlich erfolgten Tod des an langen Leiden und aus Gram gestorbenen Vaters und die nun unfehlbar über sie hereinbrechende Subhastation des Gutes meldete; 22 deßhalb ihn bei Gott beschwor, heimzukehren und Beistand zu bringen.

Seine nächste Aufgabe blieb jedoch, die Mittel zur Brautfahrt nach Böhmen herbeizuschaffen.

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