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Schwarzwaldau

Karl von Holtei: Schwarzwaldau - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchwarzwaldau
authorCarl von Holtei
year1856
firstpub1856
publisherExpedition des Albums
addressPrag / Leipzig
isbn
titleSchwarzwaldau
pages476
created20091220
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Erstes Capitel.

Schwarzwaldau liegt in einer flachen Sandgegend, seitab von der alten Straße zwischen Dresden und Berlin. Es ist, worauf schon sein Name hindeutet, von tiefen, weitverbreiteten, herrlich bestandenen Nadelholz-Waldungen umgeben, in denen zur Zeit unserer Erzählungen die mörderischen Aexte schachernder Holzhändler und ihrer Regimenter»Regimenter« werden in manchen Gegenden jene Leute genannt, welche bei großen Holzschlägen Oberaufsicht führen und practische Vermittler zwischen gemietheten Tagelöhnern und speculierenden Waldvertilgern abgeben. verhältnißmäßig noch wenig gewüthet hatten, weil weder eine große Stadt, noch eine leicht fahrbare Land- oder Kunststraße durch ihre Nähe den Absatz 2 begünstigte. Das Dorf zieht sich an breitem Sandwege eine Viertelstunde lang hin; die Kirche befindet sich in der Mitte des Dorfes. Ganz am Ende erst erhebt sich des Gutsbesitzers Wohnhaus, dessen Größe und gediegene, fast mittelalterliche Bauart an dieser Stelle überrascht. Noch überraschender wirkt in solcher, nur durch magere Getreidefelder unterbrochenen Waldung ein blühender Garten und daran grenzender frisch grünender Park, der sich mit kühlen Landseen, sammtenen Wiesen, heiteren Gruppen saftiger Laubhölzer wie ein großer Kranz um die massiven Wirthschaftsbauten schlingt. Man erkennt auf den ersten Blick, daß es der Wille eines früheren, sehr reichen Besitzers gewesen sein muß, welcher derlei Anlagen inmitten alter Kiefer- und Fichten-Wälder schuf, weil – es ihm eben so beliebte; ohne Rücksicht auf Zinsenertrag von den daran verwendeten, (ein strenger Landwirth dürfte sagen: verschwendeten), großen Summen.

Die Bewohner des Dorfes verwunderten sich unendlich und sie kamen bei ihren Unterhaltungen im Wirthshause, wie in den Spinnstuben gar nicht darüber hinaus, daß der gegenwärtige Besitzer Emil von und zu Schwarzwaldau, seit zwei Jahren an eine junge, schöne Frau verheirathet, noch immer 3 nicht taufen ließ? Sie halten die düstere Stille, die im Schlosse wie in dessen Umgebungen vorherrscht; die unfreundliche Verschlossenheit der Gattin; den wehmüthigen Ernst des Gatten für Folgen einer kinderlosen Ehe und bedauern dieß stattliche Paar, welchem der Himmel einen Segen vorenthält, den er Manchem der Bedauernden in allzureichem Maße fortwährend spendete.

Wir entnehmen dieß aus einem Gespräche, welches der Verwalter, ein Revierjäger, ein Bauersmann und der Schullehrer, beim Kruge Bier sitzend, untereinander führen. Sie haben vor einigen Stunden ›den Herrn‹ ausreiten sehen, haben daran den Faden ihres Geschwätzes geknüpft und sind einig geworden, den größten Theil aller Schuld, welche die offenbar nicht glückliche Verbindung treffen könnte, auf Agnesen zu schieben, weil sie in Emil das Muster eines guten Herrn, eines redlichen Mannes verehren. Da tritt Franz ein; der Büchsenspanner, oder Leibjäger vom Schlosse, und setzt sich an ihren Tisch.

Dieser junge Bursch, seit wenig Wochen erst im Dienst, zeichnet sich vor Andern seines Gleichen durch einen Anflug von Bildung aus, ist nicht ohne Kenntnisse, denn er hat eine Forstacademie besucht, sagt 4 man. Aber gerade deßhalb liegt ein Schleier auf seiner Herkunft: man weiß den Ansprüchen, die er den übrigen Dorfbewohnern entgegen macht, nicht zu vereinigen, daß er den Platz eines Livreejägers angenommen? Der Verwalter sowohl, als der Revierjäger hatten über diesen Punct ihre Bedenklichkeiten schon mehrfach laut werden lassen und der Letztere hatte, da von der Herrschaft, vom Leben im Schlosse, auch von Franz die Rede war, so eben kurz vor dessen Eintritt geäußert: »Der junge Mensch muß irgendwo dumme Streiche gemacht haben, die ihn verhindern, eine früher begonnene Laufbahn mit Ehren zu verfolgen; sonst wär' er nicht Stiefelputzer bei unserm Herrn geworden. Solch' eine Stelle nimmt ein solcher Gestudirter allenfalls bei einem Fürsten, oder sehr reichen Grafen an, wo späterhin eine tüchtige Versorgung darauf folgt. Aber hier? Du mein Gott, was kann ihm blühen? Ein Revierjäger-Posten mit achtzig Thaler Gehalt und ein paar Scheffeln Deputat? Das Stammgeld lohnt nicht die Mühe. Nein, dafür hat Einer nicht Französisch gelernt und Feldmessen und alles Mögliche. Glaubt mir's, der Kerl ist ein Taugenichts!«

Diese Meinung war vom Verwalter, vom Schulmeister und vom Mühlbauer getheilt worden; was 5 jedoch keinen von ihnen hinderte, den Verdächtigten freundlich an ihrem Tische zu empfangen, da er verstört und erhitzt in's Gastzimmer trat.

Franz war ein hübscher Junge. Sein Gesicht gehörte zu jenen eigenthümlichen, die analysirt, Zug für Zug geprüft, nichts haben, was ein Bildhauer, ein Maler loben würden, die aber im Ganzen und oberflächlich betrachtet, wohlgefallen, so lange sie jung sind. Seine Gestalt war schlank und fein; er machte Figur. Dieser Vorzug erregte ihm unter seines Gleichen nur Feinde, wie begreiflich. Denn die Menschen verzeihen ihrem Nächsten von allen Gaben am Wenigsten jene, welche Gaben der Natur, das heißt: unmittelbare Gaben des Himmels sind. Und was Göthe seinem Tasso in den Mund legt, findet nicht allein für den Hof von Ferrara, findet nicht nur an und bei sondern auch auf und in vielen Höfen gelegentlich seine Anwendung. Es paßt für alle Orte, für alle Zeiten und leider auch für alle Stände.

Deßhalb wurde in Schwarzwaldau der Livreejäger Franz spottweise ›Baron Franz‹ titulirt.

Baron Franz also setzte sich zum Verwalter, zum Revierjäger, zum Schulmeister, die ihm alle nur 6 mögliche Zuvorkommenheit erwiesen. Der Mühlbauer einzig und allein, weil er der Unabhängigste war, warf sich nicht in Unkosten, dem Leibjäger Schönheiten zu sagen, oder auch nur seinetwegen in ein anderes Gespräch einzustimmen. Vielmehr zog er, ohne Unterbrechung, des Gutsherrn eheliche Verhältnisse in's Breitere und schonte die gnädige Frau dabei nicht. Auch der Revierjäger, sogar der Verwalter glaubten in des Mühlbauers Ton fortfahren zu dürfen, wenn sie nur ihre Bitterkeiten durch hinreichende Lobeserhebungen des gnädigen Herrn versüßten. Der Schullehrer, dessen Kinder beim letzten Weihnachtsfeste von Agnesen bekleidet worden, schwieg vorsichtig.

Franz schien verlegen. Es war leicht, ihm abzumerken, daß er gern für die Frau gesprochen haben würde, hätt' er nicht gewußt, daß er im Dorfe, und mit Recht, als des Herrn besonderer Günstling gelte. Bei allen Vorwürfen, welche Agnes trafen, vermochte er aber nicht zu schweigen. Namentlich wendete er lebhaften Eifer daran, sie gegen die Anklage des Hochmuthes in Schutz zu nehmen. »Was seid ihr doch für wunderliche Leute,« sagte er, »daß ihr gewisse wohlfeile Redensarten, die man euch gedankenlos in's Gesicht wirft, für den Ausdruck aufrichtiger und herzlicher 7 Gesinnung aufnehmt? Weil unsere gnädige Frau nicht so derb und zutraulich mit euch zu plaudern vermag, wie es der Herr leicht kann, scheltet ihr sie stolz und gemüthlos. Das ist ungerecht. Sie meint es gut mit allen Menschen, ist die Sanftmuth selbst, und keinen Bittenden wird sie von sich weisen, er soll nur das Vertrauen finden, sich an sie zu wenden. Sie kann euch doch nicht entgegenkommen? Ohnedieß ist sie mehr schüchtern, als vorlaut, und das ist bei ihrer Einsamkeit sehr natürlich. Was führt sie für ein stilles Leben, ohne Zerstreuung, ohne Umgang, ohne Abwechselung! Er steckt den ganzen Tag über in der Wirthschaft, oder im Walde; wenn er des Abends heimkommt, wirft er sich in den Lehnsessel und lieset. Wo soll sie Heiterkeit hernehmen? Wo soll sie frohen Sinn finden? Sie muß trübselige Mienen zeigen – und die legt ihr der armen Dame für Stolz aus. Ich sage, das ist ungerecht!«

Der Verwalter sah den Revierjäger befremdet an und dieser wieder den Schulmeister, welcher zuletzt dem Erstaunen der Uebrigen Worte lieh, indem er äußerte: »Sehr schön weiß sich der Herr Leibjäger auszudrücken, das muß man ihm lassen!« Und der Mühlbauer setzte hinzu: »Auch mag er schier die Wahrheit reden; denn weil er doch des Herrn sein Liebling 8 ist und stellt sich auf der Frau ihre Seite, kann er für einen unbestochenen Zeugen gelten. Nur soll er sich in Obacht nehmen, daß der Herr nichts davon erfährt. Bei dem würde er sich kein Bildchen einlegen dadurch. Schiebt er nicht so zu sagen alle Schuld der unglücklichen Ehe auf den Mann, da er die Frau verdefendirt? Denn unglücklich ist die Ehe schon einmal; das sieht ein Blinder.«

Franz mochte fühlen, daß er zu weit gegangen, und überzeugt, es sei weder dem Verwalter, noch dem Revierjäger zu trauen, lenkte er ein, indem er versicherte: unglücklich wäre die Ehe keinesweges; dergleichen könne nur Verleumdung behaupten; die gnädige Frau liebe ihren Gemal und durch diese ihre Liebe werde sie für manche Entbehrungen äußerlicher Art genugsam entschädiget. Auch könne man zufrieden und glücklich sein, ohne sein Glück in heiterer Lebendigkeit zur Schau zu tragen. Vielleicht wünsche sie sogar ein stilles Dasein, wie sie führe, weil es mit ihrem Character übereinstimme? Er habe bisher weder eine Klage aus ihrem Munde vernommen, noch irgend eine Verstimmung zwischen den Gatten bemerkt.

»Das klingt nun wieder ganz anders,« sagte der Schulmeister, sichtbar unzufrieden mit der versöhnlichen Wendung.

9 Die Andern nickten bejahend und verstimmt. Sie sahen sich um ihre Hoffnung auf allerlei Klatschgeschichten vom Schlosse betrogen. Ihr Bestreben, des Leibjägers Zunge noch einmal in Gang zu bringen, blieb erfolglos. Deßhalb auch ließen sie sich fürder nicht einschenken, klagten über saueres Bier, – als worin sie wahrscheinlich Recht hatten, – und verloren sich Einer nach dem Andern mit mehr oder minder tiefen Bücklingen gegen ›Musje Franz.‹ Dieser saß denn allein vor dem unberührten Glase in tiefe Träume versenkt, aus denen der leise ab- und zugehende Schankwirth ihn durch keine Silbe aufzustören wagte. Er war des Nachmittags an den vom Geflügel wimmelnden Landseen umhergegangen ohne zum Schuße zu kommen; wahrscheinlich weil er an andre Dinge als an Enten und Rohrhühner gedacht; und hatte seine Flinte noch geladen neben sich stehen. Mit der Rechten drehte er sich unaufhörlich die Locken; mit der Linken streichelte er liebkosend den langen Lauf des Feuergewehres. Wäre der Schänker nicht ein stumpfsinniger Trinker gewesen, der für nichts Aufmerksamkeit hegte, als für den Unterschied zwischen leeren und gefüllten Gläsern, es hätte ihm nicht entgehen können, daß im Kopfe des lockendrehenden schmucken Jägers üble Absichten sich regten. So düster und wild starrt 10 kein junger Mann vor sich hin, wenn er nicht ganz und gar mit sich selbst zerfallen, aus einer fast verzweifelten Lage den Ausweg sucht, – sei es auch durch Selbstmord! Und dennoch waren es nicht nur Groll, Zorn, Haß, Rache, oder wie des Unheils finstere Dämonen weiter heißen mögen, die Franzens Angesicht beherrschten. Auch edlere Gefühle drückten sich, wenn gleich durch Wehmuth umschleiert, in diesen Zügen aus, auf denen ein Kampf des Guten mit dem Bösen sich wiederspiegelte. In einem Augenblicke, wo das Letztere überwog, murmelte Franz: »Ich habe vor acht Tagen dem Damhirsch, den der Herr angeschossen und der nicht verenden konnte, meine Ladung Entenschrot, weil kein Jagdmesser zur Hand war, durch's Hirn gejagt; setzte den Lauf dicht vor den Schädel und die Körner hielten zusammen, daß die Wunde aussah wie von einer starken Büchsenkugel. Was wär's denn weiter, wenn ich von hier gleich dem kleinen Garten-See zuginge bis an ihr Bänkchen und dann . . . Sie käme vielleicht heute Abend noch, fände meine Leiche und dann wüßte sie Alles! –«

Er warf einige kleine Münzen auf den Tisch und verließ eilig die Schänke. Festen Schrittes, wie ein Mensch, der zu furchtbarer That entschlossen, 11 unwillkürliches Grauen durch entschiedenes Wollen besiegt, wendete er sich dem herrschaftlichen Parke zu. Hätte er diesen durch das große Eingangsthor betreten, würde er ungehindert den Platz erreicht haben, den er sich für seine letzte Stunde ausersehen; und wir ständen dann wahrscheinlich beim Beginn dieser Geschichte schon am Ende derselben und hätten weiter nichts mehr zu erzählen. Aber – und an scheinbar so zufälligen Ereignissen hängen die Geschicke des Menschen und der Menschheit! – Franz vermied den betretenen Weg, um nur ja Niemand zu begegnen; und gerade, weil er den Fußsteig einschlug, der nach der Seitenpforte führt, mußte er seinem Herrn entgegenlaufen, der aus dem Walde heimkehrend, bleich und träumerisch an ihm vorüberritt, ohne ihn nur zu bemerken. Unter andern Verhältnissen, in gleichgiltiger Stimmung würde der Diener auf Emil's Zustand wenig geachtet, würde in dessen Mienen weiter nichts gelesen haben, als den Ausdruck alltäglichen Unmuthes, der in Schwarzwaldau nicht befremdete. Doch was in ihm selbst vorging, schärfte seinen Blick; furchtbare Anspannung eigener Empfindungen steigerte in ihm die Fähigkeit, wahrzunehmen, was Jenen treibe? und gleich dem Zauber eines zweiten Gesichtes stieg ihm die Ahnung auf, der 12 düstere Reiter trage sich mit Absichten, nicht minder schauderhaft als die seinen!

Jede finstere That, über der wir brüten, habe sie Namen welchen sie wolle, erscheint uns finsterer noch, sobald wir einen Andern auch im Begriff glauben, sie zu thun; womit wir uns im eigenen kranken Herzen zu versöhnen wähnten, tritt uns schroff, drohend entgegen, wo wir es von einem Fremden erwarten. Wir kennen ja die Gründe nicht, die ihn dazu bestimmten; wir haben uns weder mit seinen Leiden vertraut gemacht, noch mit seinen Irrthümern befreundet; was uns für uns selbst zur Entschuldigung diente, wendet sich zur Anklage um gegen den Andern; wir sind bereit, an ihm zu verdammen, was wir an uns vor Gott und vor uns rechtfertigen zu können meinten.

Dieß widerfuhr dem Jäger Franz, da der Argwohn in ihm aufstieg, sein Herr stehe auf dem Puncte, Hand an sich zu legen: »Der reiche, beglückte, mit Agnes vermählte Herr! Der Herr, welcher besitzt, was der Diener ihm beneidet? Unmöglich! Und doch, wenn es wäre? Wenn all' sein Besitz den mit sich selbst Zerfallenen nicht erfreut, nicht zufrieden macht? Wenn er wirklich so wahnsinnig ist, zu sinnen in der Fülle seines Glückes, worauf ich sann aus 13 der Oede meines Unglücks? Wenn die hingeworfenen Aeußerungen, die ich aus seinem Munde vernehme, seitdem ich um ihn bin, mehr bedeuteten, als ich ihnen beilegte? Wenn ich richtig errathe, daß jetzt die Stunde hereinbrach, wo er Ernst machen, wo er sterben will? – Dieser graue, schwülwindige, ausdörrende Sommertag scheint selbstmörderische Absichten zu fördern?! Wohlan denn: schieben wir für's Erste die unsrigen hinaus und belauschen wir die Schritte des – Andern.«

Franz ging nicht nach dem Bänkchen beim kleinen See im Park; begab sich vielmehr ohne Zögern in sein Gemach, aus welchem er leicht und ungesehen zu seinem Gebieter gelangen konnte.

Emil von Schwarzwaldau, seit zwei Jahren mit Agnes vermählt, stand im Siebenundzwanzigsten, konnte aber, obgleich er nichts weniger als blühend aussah, für einen noch jüngeren Mann gelten. Sein gewöhnlich bleiches Angesicht zeigte fast immer eine durch sanfte Freundlichkeit gemilderte Schwermuth, die jedoch augenblicklichen Scherzen in geistreicher Aufregung gern zu weichen schien, – aber nur schien. Es war nicht die abgeschlossene Resignation eines vom Leben hart getäuschten Mannes, welche aus jener Schwermuth sprach; fast 14 knabenhafte Sehnsucht lag darin, und diese kann es gewesen sein, die seinen blassen Wangen kindlichen Anstrich verlieh, und zu solch' hoher, kräftiger Gestalt nicht paßte. Sein blaues Auge leuchtete groß und klar unter langen dunklen Wimpern hervor; es verrieth weniger Lebensüberdruß, als getäuschte Erwartung: Emil blickte umher nicht wie Einer, der durch Genüsse gesättiget, von Reue geplagt, im Dasein ermüdet, diesem ein Ende sucht; er sah in die Welt wie Einer, dem sie nicht gab, was er von ihr verlangte; der an unerfüllbaren Erwartungen krank, alle Wünsche und Träume mit Einemmale begraben möchte. Und das war kein leerer Schein, den er etwa, wie manche Zieraffen des Weltschmerzes, zur Schau trug. Es kam von Innen. Sein Auge war wirklich der Spiegel einer in ihrer irdischen Behausung sich abquälenden Seele. Auch hatte Franz richtig wahrgenommen. Die Qual dieser Seele war niemals höher gestiegen, als während dieses grauen Tages; sie hatte ihn aus dem Schlosse in's Grün des Waldes getrieben und trieb ihn jetzt, nicht weniger bedrängt und gequält, in's Schloß zurück. O wie manchen Tag hatte er schon in solch' unmännlichem Sträuben wider den Quäler Unmuth vergeudet; wie häufig schon dem tückischen Erbfeinde 15 des Menschengeschlechtes neuen Spielraum gegeben, dadurch daß er vor ihm entwich, anstatt sich thatkräftig ihm entgegen zu stellen? Wie oft hatte er dann des Abends ausgerufen: »wieder ein Tag dahin!« und dann, abgemattet von wildem, feigem Umherjagen sich der Nacht, der schlafverheißenden, in die Arme geworfen! »Mit den Tagen wird man fertig,« – so lautete sein Selbstbekenntniß; – »vor einem ganzen Tage fürcht' ich mich nicht; meine Feinde sind die Stunden, aus denen er besteht. Ein beginnender Tag liegt zu lang und breit vor uns, als daß man seine Qualen mit Eins überschauen könnte; und hat man ihn hinter sich, dünkt er nur ein Augenblick. Aber die Stunden, die einzelnen Stunden, die man abzählt nach dem Secundenmesser des langsam-schleichenden, dennoch fieber-schweren Pulsschlages, – diese sind meine Gegner. Vulnerant omnes, ultima necat.«

Und dieser letzten wähnte er nun wirklich entgegen zu reiten.

Ich will meine Leser nicht behelligen mit der tausendmal aufgeworfenen und niemals erschöpfend beantworteten Frage: ob der Entschluß, sich selbst 16 das Leben zu nehmen, Muth oder Feigheit verrathe? Es kommt dabei zuviel auf den Standpunct an. Bei Emil waltete, das ist zweifellos, wenn auch nicht Feigheit, doch Muthlosigkeit vor. Er fühlte sich nicht stark genug, länger so zu leben. Er wähnte sich stark genug, mit einem andern Leben es zu versuchen. Mit welchem? Was wußte er davon? Ihm genügte zu wissen, daß es sicher ein anderes sei. Er wollte entfliehen, – und wer sich auf die Flucht begiebt, gesteht ein, daß es ihm an Muth und Kraft fehlt, den Kampf weiter fortzusetzen. So Emil.

In seinen Händen blinkte ein Dolch von seltener Schönheit, den er vor zehn Jahren zum Geschenk erhalten von einem russischen Officier höheren Ranges, an welchem er innig gehangen und welchem zur liebenden Erinnerung er diese künstlich-geschmiedete, fremdartige Waffe so sorglich aufbewahrt, daß kein Dritter sie jemals gesehen. Der türkische, oder persische Dolch blieb stets im Secretair verschlossen, wo er unter Emil's wichtigsten Papieren verborgen lag. Nur in ganz trüben Stunden wurde er betrachtet, – doch immer erst nachdem die Stubenthür behutsam verriegelt worden. Unzähligemale hatte Emil, in des funkelnden Stahles Betrachtung versenkt, sich Vergleichen überlassen zwischen matter farbloser Gegenwart 17 und jener blühenden Vergangenheit seiner Jünglingsjahre, da er dieß Geschenk des Obristen empfing und mit lebhafter Phantasie eine volle orientalische Märchenwelt daran knüpfte. Mehr zum Spiele, als in ernster Absicht, hatte er dann wohl die Spitze an seinem Arme geprüft, ohne sich die Haut zu ritzen und dabei in frevelhaftem Hohne gesprochen: »Das bleibt der sicherste Tröster.« –

Heute war es anders. Nicht zum Spiele mehr griff er nach der Waffe. Es sollte Ernst werden. So tief durchdrang ihn dieses Ernstes Bedeutung, daß er nicht mehr der Mühe werth gefunden, wie sonst die Thüre zu versperren.

Es schlug sieben Uhr. »Vulnerat omnes, ultima necat!« rief er aus und entblößte die Brust in der Gegend des Herzens: »Gieb Dich zufrieden, gequälte und quälende Blutkammer, bald sollst Du Erleichterung haben. Und auch Du, arme getäuschte Agnes, die Liebe und Glück an meiner Seite erwartete, und die ich unglücklich mache. Auch Dir wird Freiheit. Ich thu' es für Dich, nicht weniger denn für mich. Ja, schlage nur Deine siebente Stunde nach, unbarmherzige alte Uhr, die mir seit Jahren Schlag um Schlag beibringt. Dieß war die letzte 18 Stunde, die Du mir schlugst und die letzte Stunde, denn die letzte tödtet!«

»Gott sei mir gnädig!« sagte er mit fester Stimme – und den hocherhobenen Arm packten zwei kräftige Hände, seiner Hand die Waffe entwindend.

Emil von Schwarzwaldau und Jäger Franz standen sich gegenüber. Emil vermochte nicht, den fragenden Blick auszuhalten, welchen Franz auf ihn richtete; er schlug die Augen zu Boden; in ihm kämpften zugleich Zorn und – Dankbarkeit; denn so tief wurzelt im Menschen die Lebenslust, daß sie niemals völlig abstirbt. Auch Emil empfand etwas wie Freude und diese Empfindung mischte sich in die heftigen Worte, mit denen er seinen Diener zur Rede stellte, wie er sich unterfangen dürfe, zu spioniren und sich heimlich einzuschleichen?

Franz erzählte, was wir wissen; verschwieg nicht, daß er selbst im Begriff gestanden, den entsetzlichen Schritt zu thun, an welchem er jetzt seinen Gebieter verhindert und setzte dann ruhig hinzu: »Wenn ich des Lebens müde bin, so hat das gute Gründe; wer aber Ihnen das Recht giebt, sich umbringen zu wollen, das möcht' ich wissen? Geachtet, reich, mit einer Frau verbunden, die Niemand ansehen kann, ohne sie zu lieben, – ist es da nicht empörende 19 Grausamkeit, ihr den Schreck zufügen zu wollen? Den Schreck und die Schmach? – Diesen Frevel hab' ich verhindert und habe nur gethan, was gesetzlich ist.«

Auch die fürchterlichsten Momente führen gewöhnlich etwas Lächerliches im Gefolge; schrecklichen Begebenheiten und Zuständen sitzt oft der Schalk im Nacken, die vielgetadelte Ironie in den tragischen Werken großer Dichter ist gewiß nichts Zufälliges: sie entkeimt dem wirklichen Leben.

So war es unbedenklich komisch, daß Emil dem erstaunten Frager jetzt Erstaunen und Frage zurückgab; daß er ihm befremdet zurief: »Du trägst Dich mit ähnlichen Gedanken? Bist Du wahnsinnig? Woran fehlt es Dir? Kannst Du Dir einen bessern Dienst träumen, als Du hier gefunden?«

Und ein Dritter, wäre er Zeuge dieses Zwiegesprächs gewesen, würde kaum ein Lächeln unterdrückt haben, bei des Jägers Entgegnung: »Wenn es nun eben der Dienst ist, dem ich zu entkommen trachte? Ich bin weder geboren, noch erzogen dazu.«

Emil starrte den Sprecher an. Nicht lächelnd, denn so weit war er noch nicht in's Leben zurückgeschritten, um lächeln zu können, aber höchst verwundert starrte er ihn an: »Weder geboren, noch erzogen 20 dazu?« wiederholte er; »nun, warum dann hast Du Dich um diesen Platz beworben?«

»Das ist nicht so rasch deutlich zu machen,« entgegnete Franz, »und heute sind wir Beide nicht in der Stimmung, eine lange Geschichte abzuwickeln; weder ich, sie zu erzählen, noch der gnädige Herr, sie zu hören. Zunächst bitt' ich um Ihr Ehrenwort, daß Sie nichts gegen Sich selbst vornehmen wollen. Eher kann ich diese Waffe nicht zurückgeben.«

»Du verlangst viel, mein lieber Franz. Und wer bürgt mir für Dich? Wer steht mir dafür, daß Du die Absichten aufgegeben hast, die Du heute hegtest? Hat sich in unserer Lage etwas geändert?«

»Doch! Sehr viel! Wir sind Vertraute geworden durch Entdeckung unserer furchtbaren Geheimnisse. Unser Verhältniß hat eine tiefe Bedeutung gewonnen; wir stehen uns näher, als Herr und Diener sonst pflegen, und was ich mitzutheilen habe, wird uns vielleicht noch näher bringen. Vielleicht auch nicht? Vielleicht führt es zum entschiedenen Bruche? Gleichviel. Dann bleibt uns immer noch die Trennung übrig, mag diese nun herbeigeführt werden wodurch sie wolle. Ehe wir uns ausgesprochen haben, darf sie nicht mehr erfolgen. – Jetzt ist es Zeit, 21 Ihre Gemalin nicht länger am Theetische harren zu lassen; denn sie weiß, daß Sie im Schlosse sind.«

Emil gab das ihm abgeforderte Ehrenwort und empfing dagegen aus Franzens Händen den Dolch, den er sorgfältig verbarg.

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