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Schwarzwaldau

Karl von Holtei: Schwarzwaldau - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchwarzwaldau
authorCarl von Holtei
year1856
firstpub1856
publisherExpedition des Albums
addressPrag / Leipzig
isbn
titleSchwarzwaldau
pages476
created20091220
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Vierzehntes Capitel.

Es konnte den Damen unmöglich verborgen bleiben, daß zwischen Emil und Gustav etwas vorgefallen, daß eine Entfremdung eingetreten war, die bei Ersterem den Charakter verletzter Freundschaft, stummen Grolles annahm, obwohl sie sich nur in den verbindlichsten Formen aussprach und durch übertriebene, unvertrauliche Höflichkeit sich verrieth. Außerdem suchte der Herr von Schwarzwaldau, wie er bis dahin gleichsam durch Zauber an seinen Gast gebunden schien, jetzt jede nur ersinnliche Gelegenheit hervor, ihn und das Schloß zu verlassen; widmete sich den im Winter mühsam aufzufindenden Wirthschafts-Beschäftigungen mit unerhörtem Eifer; und es blieb Gustav nicht selten Tage lang bei Agnes und Carolinen allein. Daß er diese Zeit nicht unbenützt ließ, begreift sich aus seinen, im vorigen Abschnitte ausgesprochenen Vorsätzen. Daß Caroline ihm mit vollen Segeln entgegen zog, ist eben so erklärlich. Daß aber Agnes durch diese plötzliche 183 Wendung der Dinge sich verletzt fühlte; ja, daß sie dieß zeigte, dürfte eher befremden. Wäre anzunehmen, daß ihr Gatte von Gustav's eigennützigen und sträflichen Plänen ihr Mittheilung gemacht? daß sie aus eigener Anschauung auf die richtige Spur gerathen sei? Dann läge eine Erklärung nahe. Doch da dieß unmöglich ist, so müssen wir annehmen, auch in ihrem reinen Herzen regen sich eifersüchtige Gefühle; auch sie, deren Kälte und Gleichgiltigkeit gegen jede erotische Empfindung Emil nicht streng genug schildern konnte, wenn er mit Gustav über die geistigen Vorzüge und edlen Eigenschaften der Gattin sprach, habe nun im Innern ihres Busens erlebt, was sie noch nicht kannte; habe erfahren, daß auch sie ein Weib sei. Wer ist befähiget solche Fragen und Zweifel genügend zu entscheiden? Der Erzähler muß sich, will er Gegebenheiten schildern, gar häufig mit Vermuthungen, mit Andeutungen begnügen und dem Leser überlassen, aus eigener Seele zu errathen und zu ergänzen, was des Schriftstellers Feder mit festen Zügen hinzustellen nicht wagt. Genug, zwischen Agnes und ihrem weiblichen Gaste trat ebenfalls eine Spannung ein; nur mit dem Unterschiede, daß sie nicht wie ihr Gemal entfliehen, daß sie nicht den Rücken kehren 184 konnte, wo Pflichten der Hausfrau sie fest hielten, Zeugin zu bleiben eines vor und neben ihr sich rasch entfaltenden Liebeshandels. So trat sie denn, – und wer vermag auch hier zu erforschen, was dabei in ihr vorging? – trat sie zwischen Gustav und Carolinen mit dem Uebergewicht ihrer Schönheit, ihres Verstandes, ihrer stolzen Ruhe; mit allen Vortheilen, welche letztere ihr verlieh. Gustav wurde aufmerksam und blieb auf halbem Wege stehen. Er empfand den Wechsel in ihrem Benehmen gegen ihn. Er wurde davon ergriffen: seine Eitelkeit begann sich aufzulehnen wider die Berechnungen einer niedrigen Speculation; sie flüsterte ihm zu: wie, wenn jene Kälte, die Emil als unüberwindlich zu schildern pflegt, vor Dir in lebendige Wärme aufthauete und zerschmölze? Wenn sie, die an jenes Gatten Seite einer zurückhaltenden, verschlossenen Jungfrau glich, jetzt ein Weib zu werden, heimlichen Antrieb fühlte?

Sobald erst Eitelkeit dazu gelangt, diese Sprache zu führen und gehört zu werden, ist auch eine Empfindung nicht weit, welche zwar den Ehrennamen ›Liebe‹ nicht verdient, sich ihn aber im Laufe des gewöhnlichen Lebens anmaßt. Gustav ›verliebte‹ 185 sich bald in die Gemalin des Herrn von Schwarzwaldau, seines Freundes, und brach, der eigenthümlichen rohen Selbstsucht junger Herren dieses Schlages entsprechend, mit Carolinen eben so kurz ab, als er im Hinblick auf ihres Vaters Casse keck und zuversichtlich angebunden hatte. Da zeigte sich denn, daß Agnes über solche der Busenfreundin zugefügte Kränkung nicht zürnte; da zeigte sich (auch bei ihr, der Edlen, Reinen,) ein selbstsüchtiges Wohlgefallen an dieser Zurücksetzung; welches sich allerdings nur in sanftem Schweigen aussprach, ohne noch dem wandelbaren Anbeter die geringste Ermunterung angedeihen zu lassen. Doch schon dieses Schweigen genügte: Von dem Augenblicke, wo Agnes vermied, Gustav's Namen zu nennen, wenn sie mit Carolinen allein war, begriff diese, daß Freundschaft sich von Liebe hatte verleiten lassen, Verrätherin zu werden – oder schon zu sein. Der Kampf ihrer Gefühle führte sie sehr bald zu einem Entschluße: sie schrieb ihrem Vater, anstatt wie sie sich vor Neujahr ausgedacht, um Verlängerung des Urlaubs zu bitten, er möge ihr baldigst die schon bekannte Reisegelegenheit senden, welche sie von Schwarzwaldau abholen sollte.

Minder entschieden und abgeschlossen benahm 186 sich Emil. Nachdem Carolinens stolzer Ernst ihn zuerst errathen lassen, daß Gustav anderen Sinnes geworden sei, wurd' es ihm denn auch nicht schwer zu errathen, daß der siegreiche Eroberer einen andern Feldzug begonnen habe und daß dieser nur Agnesen gelten könne. Seltsamer Weise brachte das eine günstige Wirkung hervor. Seine Gesinnungen für den jungen Freund nahmen wieder ihren früheren Schwung; wie er sich dem mit Carolinen Vereinigten gänzlich entfremdet gewähnt, begann er dem von ihr Getrennten sich abermals zu nähern, was dieser eben so ruhig und bereitwillig hinnahm, als er die vorhergehende Entfremdung aufgenommen. Gewissermaßen bildeten nun die Drei, ohne sich darüber vereiniget und ausgesprochen zu haben, einen Bund gegen Caroline. Emil sah den ihm im kurzen Zwiespalt erst recht unentbehrlich Gewordenen jetzt schon durch doppelte Bande an sein Haus gekettet, was ihn einerseits beglückte, während andrerseits der Argwohn, Agnes werde sich auch nur ein Haarbreit aus ihrer stets festgehaltenen kalten Würde drängen lassen, niemals aufkommen konnte. Eine platonische reine Liebe, die sich nur in ehrerbietiger Achtung kund gab, mußte den, welcher sie hegte, nothwendig veredeln; mußte ihn geistig und gemüthlich erheben! Emil 187 betrachtete den Neuerwählten mit so günstigen Blicken, als sei dieß schon geschehen, als sei die verklärende Metamorphose bereits eingetreten. Agnes freute sich darüber. Um Carolinen bekümmerte sich eigentlich niemand mehr. Was Wunder, wenn die Verlassene der Ankunft ihres Lohnkutschers ungeduldig entgegenharrte? wenn sie, als er eintraf, mit hastigem Triumph ihre augenblickliche Abreise verkündigte? wenn sie schied, ohne Thränen im heißen Auge, ohne Wehmuth in der Brust, aber mit dumpfem Groll im schwergekränkten Herzen?

Unter den Zurückbleibenden vertheilte sich die Nachwirkung dieses traurigen Scheidens höchst ungleich. Agnes gestand sich selbst ihr Unrecht ein und tröstete sich nur durch die Ueberzeugung, wo der Riß einmal so tief gegangen, helfe kein Bindemittel mehr. Emil dachte einzig und allein daran, wie viel angenehmer es sei, Demoiselle Reichenborn ohne Gustav abreisen zu sehen, anstatt mit ihm. Gustav aber dachte an gar nichts, als an die Aussteuer, die ihm da zum Schloßthore fort aus den Händen rollte; blies den Rauch seiner Cigarre in die Luft und lächelte vor sich hin: »Jetzt ist Agnes ohne weibliche Schildwach, – und eine reiche Partie kann ich späterhin auch noch machen.«

188 Die Reisende jedoch netzte die Kissen ihrer Lohnkutsche mit reichlich strömenden Zähren, denen sie endlich freien Lauf gönnen durfte. Und das ist der einzige Unterschied zwischen einem Todten- und einem solchen Reisewagen, daß im ersteren keine Thränen mehr vergossen werden; sonst bleibt sich's ziemlich gleich. Gestorben sind im Angedenken der Zurückbleibenden, Ueberlebenden beide Leichen gar bald: die lebendige, wie die todte; abgestorben sind beide.

Wenn Einer, der mehr oder weniger im Wege stand, begraben ist, meinen die von ihm Befreiten, nun sei Alles gut und ein neues Dasein werde beginnen. Das thut es auch. Im Anfang fühlen sie sich unbeschreiblich wohl und behaglich. Wie lange aber dauert die Herrlichkeit? So lange bis entweder das Gespenst des Abgeschiedenen zwischen ihnen aufsteigt, allerlei Keime des Zwiespaltes zu säen; oder bis ähnliche Keime, in ihnen selbst wurzelnd, zu Schmarotzerpflanzen aufschießen. Samen des Unkrautes warfen unsichtbare Mächte in jedes Sterblichen Brust, vor der Geburt schon. Daß er gedeihe, dafür sorgt das Leben. – –

Gustav, wie oben gesagt, schob für's Erste seine projectirte Restauration der Thalwieser Staatsöconomie in's Ungewisse hinaus, mit der entschiedenen 189 Absicht, sich an Dasjenige zu halten, was ihm zunächst das Gewisse schien: sein Glück bei Agnes. Und da begab sich, was – leider allzuselten! – doch bisweilen geschieht, um übermüthige, eitle, durch schwache Weiber verwöhnte junge Sieger für kecke Zuversicht zu züchtigen: er entdeckte, daß er hier mit seinen Erfahrungen bei leichtsinnigen Frauen (denn Andere hatte er noch nicht kennen gelernt!) keinesweges ausreiche; daß er sich in ein höheres Gebiet verstiegen habe, wo strengere, ihm fremde Geister die Herrschaft führten, wo er sich nicht heimisch fühlte. Und diese Entdeckung machte er erst, als er umzukehren nicht mehr die Kraft besaß; als er sich in seinen eigenen Schlingen gefangen sah. Aus dem ungläubigen, mitunter ungeberdigen Schüler Emil's wurde, eh' er sich's eingestand und ehe seine Wirthe im Schlosse es bemerkten, ein demüthiger, in niegeahneter Sehnsucht aufgehender Sclave der Liebe. Lange konnte diese Umwandlung nicht verborgen bleiben. Sie zeigte sich Agnesen in tausend kleinen Nüancen; sie gab sich in sanftem, kindlichem, von Dankbarkeit für die ihm zu Theil werdende Duldung erfülltem Anschmiegen und Gehorchen gegen Emil kund; sie erreichte endlich ihre höchste Höhe durch das überschwängliche Opfer sämmtlichen 190 Cigarrenvorrathes, den der unersättliche Raucher, aber dießmal nicht als Brandopfer, vor dem Altare seiner Anbetung niederlegte; daß heißt, den er mit vollen Händen unter das Stallpersonale vertheilte, nachdem Agnes eines Abends hingeworfen: ganz frei von dem üblen Tabaksgeruch gelange er doch auch nach sorgfältigster Säuberung niemals in ihre Gemächer.

Das wirkte heftig auf Emil. In dieser That erblickte er den Beweis einer gewaltigen Leidenschaft, die ihn jetzt schon zu beängstigen anfing, weil er einer solchen den Freund durchaus unfähig gehalten, und weil er ihre Folgen nicht zu übersehen vermochte; weil er auch an Agnesens oft erwähnter Kälte, an ihrer Gleichgiltigkeit gegen Alles, was in den Bereich irdischer Liebesneigung gehört, irre geworden war. Hatte sie, – was nicht abzuleugnen stand, – Gustav's Bewerbungen von Carolinen abgelenkt und sich zwischen ihn und die Freundin stellend, Letztere förmlich vertrieben, – so hatte sie nicht minder, nachdem nur dieser Zweck erreicht war, sich an solchem Triumphe begnügend, ihre bis dahin stets bewahrte äußerliche Ruhe wieder angenommen und war immer abstoßender geworden, je ergriffener Gustav sich zeigte. Wer mochte beurtheilen, ob diese Ruhe wirklich aus der Empfindungslosigkeit unberührter Sinne? oder 191 ob sie nur aus edelstem weiblichem Stolze hervorging der sich schämte, einen Augenblick lang eitlen, coquetten Gelüsten unterlegen zu haben und der deßhalb mit eiserner Macht wärmere Gefühle unterdrückte? Emil hielt sich zu seinem eigenen Troste gern an die erstere dieser Möglichkeiten; würde auch darin eine Bürgschaft für friedliche Lösung durch die allmählich schlichtende Hand der Alles ausgleichenden Zeit gesehen haben, hätte Gustav nicht unbedenklich der letzteren Ansicht gehuldigt und sich in diese hineingelebt, wie ein eigensinniger, trotziger, unbändiger Junge, – der er streng genommen auch war, sobald irgend ein unwiderstehlicher Antrieb seine sonstige Faulheit übermannte.

Emil stand zwischen zwei Feuern. Sein eheliches Verhältniß war allerdings nicht so gestaltet, daß eifersüchtige Qualen eines wahrhaft beglückenden und beglückten Gatten ihn marterten; aber doch blieb ihm Agnesens Ehre heilig; er achtete sie, wie wir wissen, als eine Makellose und fürchtete jeden Fleck, der jene entstellen könnte, wie einen Fleck auf der eigenen Ehre. Gustav's Zuversicht und ungeberdige Ausdauer machten ihn besorgt. Doch Diesem die Thüre zu weisen, wäre ihm gleichfalls unmöglich gewesen, denn er fühlte sich noch immer wie verzaubert 192 durch seine geheimnißvolle Anhänglichkeit; ja, gerade jetzt unwiderstehlicher als je. Der Gedanke, Agnes auf irgend eine Weise verletzt, compromittirt zu sehen, war ihm schrecklich; der andere, nächstliegende: mit ihr sich darüber zu berathen, wie es am Besten einzuleiten, am Schicklichsten durchzuführen sei, daß Gustav recht bald, Carolinens Beispiel folgend, Schwarzwaldau verlasse, – diesen Gedanken vermochte er gar nicht zu denken; sein ganzes Herz sträubte sich dagegen, als müsse es zerspringen vor Gram über diese Trennung.

Welch' eigenthümliches, gewissermaßen unbeschreibliches Zusammenleben für drei so schroff getrennte und zugleich so eng verbundene Menschen!

Man würde ungläubig staunen bei Betrachtung solcher und ähnlicher Zustände, daß Diejenigen, welche, sie erduldend, darunter leiden, es nicht vorziehen durch muthigen Entschluß ein rasches Ende herbeizuführen, müßte man sich nicht anklagen, durch eigene saumselige Unschlüssigkeit gar manchen schönen Tag seines Lebens verdorben zu haben; ein Vorwurf, der gewiß auch viele meiner Leser trifft, wenn gleich in ganz verschiedenen Lagen.

Für Emil und Agnes gab es nun wenigstens eine momentane Rettung aus dieser langsam 193 fortschleichenden Marter des täglichen Daseins. Sie wurde ihnen gewährt durch steten Wechsel im Reiche litterarischer Neuigkeiten, womit jenes Jahr gesegnet war und welche jeder Bote aus der Stadt zur Auswahl mitbrachte. Gut und schlecht sandte der Buchhändler, wie der Markt es lieferte. Das Gute belebte, das Geringere gab doch immer zu denken, zu vergleichen, zu beurtheilen. Von diesem Troste geistiger Hebung blieb Gustav ausgeschlossen. Was von Fähigkeiten und Verständniß ihm etwa einwohnte, ging unter im überwältigenden, verzehrenden Feuer seiner Liebe für Agnes. Nur diejenigen einzelnen Stellen in Büchern, welche möglicherweise vergleichende Anknüpfungspuncte darboten, konnten ihn ruckweise zur Theilnahme zwingen, die sich sodann stürmisch und für Agnesen erschreckend offenbarte. Diese Ausbrüche einer sonst nach Innen brennenden Gluth erreichten eines Abends die unbändigste Gewalt, als Emil aus einem französischen Romane vorlas, dessen jugendlicher Held manche Eigenschaften Gustav's zur Schau trug und dabei, wie dieser, in hoffnungslos gewordener Leidenschaft für eine strenge, unerbittliche Schöne fast verzweifelte. Die Aehnlichkeit der Situation, im französischen Texte nicht wegzuleugnen, wurde 194 noch vermehrt dadurch, daß der Vortragende, was im Buche stand, in deutscher Sprache wiedergab; und dieß um Gustav's Willen, mit dessen Kenntniß des Französischen es nicht absonderlich bestellt war, wie mit all' seinen Kenntnissen. Solche Uebersetzung aus gedruckter Urschrift in mündliches Wort kann sich unmöglich frei halten von unwillkürlich gebildeten, auf der Zunge entstehenden Umgestaltungen vieler Bilder und Gedanken, welche, ohne absichtliches Dazuthun des Redenden, die Farbe nächster Umgebung angenommen haben, noch ehe sie über die Lippen treten. Viele Deutungen, die Gustav auf sich bezog, wurden erst dazu durch den Accent, den Emil darauf legte. Von Seite zu Seite steigerte sich des Hörers Spannung; er wähnte, und er mußte wähnen, was da gelesen wurde, gebe man ihm zu hören, um ihn zu verspotten. Krampfhaft ballte er die Fäuste, zitternd hielt er sein Schluchzen zurück, – bis er endlich keinen Widerstand mehr zu leisten vermochte, in convulsivisches Weinen ausbrach und zuletzt mit furchtbarem Geheul aus dem Zimmer stürzte.

Emil hatte so vollauf mit seiner schwierigen Aufgabe zu thun gehabt, daß ihm entgangen war, was Agnes bereits werden und wachsen gesehen. Ihre Winke und Zeichen, er möge inne halten, waren 195 ihm entgangen und jetzt mußte sie ihm erst auseinandersetzen, was und warum es geschehen sei. In ihrer Auseinandersetzung lag eine nicht deutlich ausgesprochene, dennoch unverkennbare Anklage wider ihn, daß er gerade dieses Buch gewählt und dadurch Gustav's Leiden veranlaßt habe. Emil wies diesen Vorwurf in Worten zurück, die alle Schuld von ihm auf sie übertrugen; die fast wie Tadel klangen, daß ihre kalte, früher gezeigter Freundlichkeit widersprechende Strenge die einzige Ursache des unangenehmen Auftrittes sei. Worauf sie denn wieder entgegnete: so weit gehe ihre Ergebenheit als Gattin doch nicht, einen Liebeshandel zu beginnen, bloß damit ihrem Herrn Gemal ein unentbehrlicher Hausfreund erhalten werde. Bitterkeiten jeder Art wurden ausgetauscht, wobei sie und er Denjenigen vergaßen, um dessenwillen der Zwist sich entsponnen. Es war eigentlich der erste, in den sie seit ihrer Verbindung miteinander geriethen. Deßhalb konnte nicht ausbleiben, daß aller Stoff zur Klage, seit zwei Jahren aufgesammelt, von gegenseitiger Schonung verhüllt, von zartsinniger Schweigsamkeit unberührt, jetzt auf einmal hervorquoll. Sie sagten sich Dinge, die bis zum Tage ihrer ersten Begegnung zurückreichten. Sie zogen mit heftigen, unbedachten Aeußerungen die 196 täuschende Hülle von alten, tiefen Wunden, über deren Anblick Beide sich nun fast entsetzten. So schlimm hatten sie sich's nicht vorgestellt. Jedes hatte gemeint, des Andern Wunden seien längst verharscht? Und da zeigte sich nun wie weit, wie klaffend sie sich um's Herz herum zogen, als ein unbewachter Augenblick sie bloßgelegt. Und Emil wie Agnes mußten sich eingestehen, daß sie sich gegenseitig diese Leiden zugefügt; wenn auch nicht mit der Absicht es zu thun; wenn auch nicht mit scharfen tödtlichen Waffen. Und anstatt sich, Eines das Andere anzuklagen, klagten sie Jedes sich selbst an; gönnten sich Mitleid, indem sie ausriefen: »Du Armer!« »Du Arme!«

Aber weiter brachten sie es eben nicht. Eine Versöhnung, mit ihrem Aufwande von bittersüßen Thränen, mit ihrer wollüstig schmerzhaften sinnlichen Aufregung konnte bei ihnen nicht vor sich gehen. Sie hatten ja niemals gezankt, gelärmt, sich niemals heftige Worte, oder gar hämisch-beleidigende gesagt; sie hatten ja niemals die Bahn der feinsten Sitte verlassen; immer sich Wohlwollen und Achtung erwiesen. – Da ist eine stürmisch-ergreifende Versöhnung eben so unmöglich, als früher verletzende Zerwürfnisse unmöglich waren. Der Zustand eines 197 solchen Ehepaares ist, eben seiner scheinbaren Erträglichkeit halber, in Wahrheit um so trostloser.

Das fühlten Beide in dieser Stunde schwer. Wollten sie die Leere ausfüllen, die zwischen ihnen lag, nachdem sie mannigfache Geständnisse ausgetauscht, . . . was blieb ihnen übrig, als sich mit Demjenigen zu beschäftigen, durch welchen sie zu diesem Austausch so lange geheim gehaltener Gefühle veranlaßt worden waren? Sie unterzogen Gustav einer prüfenden, scharfen Beurtheilung, die wenig zu seinen Gunsten ausfiel. Sie verblendeten sich keineswegs darüber, daß dieser Genosse ihrer letztvergangenen Tage in mehr als einer Beziehung ihrer unwürdig sei; und dennoch, – so unergründlich bleiben unserer Seelen Tiefen und Untiefen! – vereinten sie sich in dem Bekenntniß: ihn fast nicht mehr entbehren zu können.

»Und dennoch wird er uns jetzt verlassen,« schrie Emil auf; »wird mich verlassen, wenn Du ihn nicht zurückhältst!«

»Er steht Dir näher als mir,« entgegnete Agnes; »an Dir ist es, ihm begreiflich zu machen . . . .«

»Was?«

»Daß Du dieses unselige Buch nicht wähltest, 198 um ihn zu kränken, aufzuregen, oder gar zu verspotten; daß es der Zufall Dir in die Hände spielte; daß Du lesend und übertragend nicht Acht auf ihn hattest; daß dergleichen in Zukunft sorgfältig vermieden werden soll; daß wir seine freundliche Gegenwart unserer ländlichen Abgeschiedenheit erhalten wissen wollen; daß wir herzlichen Theil an ihm nehmen; Du . . . und ich auch!«

»Dieß Alles« sprach Emil, »kannst Du ihm ungleich besser sagen, als ich, den er in diesem Augenblicke nicht hören wird; dem er zürnt, und nicht ohne Ursache, wenngleich ungerechter Weise. Aus Deinem Munde werden diese Aeußerungen mildernd auf ihn wirken, werden ihm eine beruhigte Nacht verschaffen.«

»Und wie soll ich ihm diese – Beruhigung zukommen lassen? Willst Du es auf Dich nehmen, ihn aus seinem Zimmer herab zu holen?«

»Das würde vergebliche Mühe sein. Wenn Du meine Ansicht billigest, so begiebst Du Dich hinauf; denn will der Prophet nicht zum Berge kommen, dann muß wohl der Berg sein Aeußerstes thun . . . .«

»Ich? Bei Nacht auf Gustav's Zimmer? Zu einem Halbwahnsinnigen? Bist Du es ganz?«

»Im Gegentheil, ich bin verständig genug, Dich zu begleiten: am Arme ihres Gatten kann jede 199 Hausfrau einen Gast besuchen; gar wenn dieser – krank ist. Und krank war Gustav, als er jetzt von uns eilte.«

»Ich fürchte, wir sind es alle Drei,« seufzte Agnes; »Jedes auf seine Weise. Darum laß' uns gehen.« – Und sie gingen miteinander.

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