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Schwarzwaldau

Karl von Holtei: Schwarzwaldau - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchwarzwaldau
authorCarl von Holtei
year1856
firstpub1856
publisherExpedition des Albums
addressPrag / Leipzig
isbn
titleSchwarzwaldau
pages476
created20091220
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Dreizehntes Capitel.

Es ist althergebrachte Sitte, vorzüglich in denjenigen deutschen Gegenden, die schon mit zum Norden des Landes gerechnet werden, beim Jahreswechsel, neben einem Austausch frommer und herzlicher Wünsche und Versicherungen, auch aufrichtige Eingeständnisse mancher gegenseitiger Beschwerden oder Klagen darzubieten; für unwillkürlich-erwiesene Beleidigungen Verzeihung zu erbitten; sich freundlich auszugleichen und, – wie man es nennt: ›reinen Tisch zu machen,‹ um daß ein Jeder ohne Vorwurf und leichteren Gemüthes in's neue Jahr hinüber schreite. Wenn die Glocke ihre letzten zwölf Schläge gethan; wenn die Wächter mit klagendem Jubelrufe vermelden, daß ein Jahr begraben ward, damit ein neues den alten Jammer auf Erden beginne; wenn die von heißem Punsch dampfenden Gläser gegeneinander klingen; wenn die Männer sich zutrinken; die Frauen nippen; da ist schon manche Versöhnung geschlossen, mancher halb zerstörte Bund erneuert worden. Die Feierlichkeit dieser Stunde liegt zuletzt auch nur in unserer Einbildungskraft; wie mehr oder weniger jede an ein bestimmtes Datum geknüpfte Feier, einzig und allein durch den 169 Gedanken Bedeutung gewinnt, daß Millionen übereinkamen, an demselben Tage, zu derselben Stunde, dasselbe Fest zu begehen. Der Deutsche, der in Rußland zum Besuche lebt, begeht die ernste Begrüßung des Jahres nicht minder andächtig in den fremden Kreisen, obgleich sie zwölf Tage später fällt, als er daheim gewöhnt war.

In Schwarzwaldau, wo den vier Hauptpersonen unserer Erzählung fast jede Beziehung zur Außenwelt mangelte; wo selbst zufällige Begegnungen mit Dorfbewohnern, wie solche noch im späten Herbst häufig gewesen, durch den tiefen Winter völlig abgeschnitten, und die zwei Paare nur auf sich angewiesen waren; – in Schwarzwaldau hatte man, die Wahrheit zu gestehen, den Sylvesterabend geradezu vergessen; hatte des neuen Jahres gar keine Erwähnung gethan. Sie saßen beisammen, wie gewöhnlich; Emil, (auch wie gewöhnlich,) las ihnen vor, und zwar aus den kürzlich erschienenen ›Vermischten Schriften‹ so wie aus den ›Ghaselen und lyrischen Blättern‹ des Grafen August Platen-Hallermünde, woran Caroline wenig, Gustav durchaus keinen, Agnes mit ihrem halbmännlichen Naturell um so größeren Theil nahm. Gustav hatte sich bereits in sein Schicksal gefunden: wollte er dem armseligen 170 Aufenthalte im väterlichen Haufe zu Thalwiese, wollte er den stündlichen Ermahnungen und Anklagen seines Vaters, wollte er den durch Mangel gebotenen Einschränkungen seiner Mutter daselbst entgehen und der Heimath magere Küche mit Schwarzwaldau's Wohlleben vertauschen, so mußte er auch wohl Emil's poetische Tyrannei in den Kauf nehmen und möglichst gute Miene dazu machen. Brauchte er doch nicht Rechenschaft abzulegen von seinem Verständniß des Dargebotenen; saß er doch nicht vor den unerbittlichen Examinatoren, durch deren vorwitzige Fragen er gestürzt worden. Hatte er doch zwei junge Damen vor sich, deren Eine ihn um so mehr beschäftigte und reizte, je kälter und unempfänglicher sie scheinbar blieb; deren Andere ihn fortwährend daran erinnerte, und die er nicht ansehen konnte, ohne sich selbst zu sagen, daß sie die einzige, unbezweifelt sehr heirathslustige Tochter eines in behaglichen Ruhestand zurückgezogenen reichen Kaufherrn sei. Wenn Gustav (und die häßlichen Examinatoren behaupteten es,) unwißend war, dumm war er doch nicht; weder dumm noch unerfahren in Liebessachen; womit wir, wie wir ausdrücklich wiederholen, die eigentliche Sache der Liebe nicht bezeichnet haben wollen. Daß Caroline nur mit ihm maulte, weil ihr keineswegs 171 entging, wie Agnes ihm besser gefiel; daß es nur von seinem Benehmen gegen sie abhänge, sich ihren besten Willen zu gewinnen, – darüber war er im Reinen. Ob aber dieser beste Wille, auch in seiner wärmsten Entfaltung, hinreichen würde, Papa Reichenborn für einen Schwiegersohn zu gewinnen, dessen leibliche Eltern auf Thalwiese verkümmernd, der über sie hereinbrechenden Subhastation seit Jahren harrten, . . . das blieb eine andere Frage? Und Caroline als verstoßene Tochter, ohne ihres Vaters Geld? . . . »Da find' ich immer noch Andere!« – lautete die Schlußformel jeder Ueberlegung und Erwägung.

Gerade während Emil in Platens classischen Formbildungen schwelgte, seine eigene Schwächlichkeit an dessen kraftvollen, markigen Versen erstarken fühlte, – dem schwankenden Blättergewächs vergleichbar, welches sich um Marmorgruppen rankt und durch sie Festigkeit gewinnt! – gerade da wog sein Liebling Carolinens Erbtheil gegen Agnesens unnahbare, stolze Schönheit ab. Ein ermunternder Blick der Letzteren hätte genügt, die Schale zu ihrem Vortheile sinken zu lassen. Aber dieser Blick fiel nimmer – und Gustav gelangte zu keinem Entschluße.

Der Tafeldecker brachte den Thee und nachdem 172 er, wie üblich, die kleinen Tischchen geordnet, blieb er wider seine Gewohnheit noch stehen, als ob er eines Auftrages harre, oder etwas anzubringen habe? Agnes, die das lauernde Aufmerken der Dienstboten ein für allemal nicht liebte, richtete fragend ihr Auge auf ihn; Emil, der im Lesen inne gehalten, bis das durch den Eintretenden verursachte Geräusch vorüber wäre, fragte barsch: »was giebt's?«

»Unsere Leute im Schlosse haben mich gebeten, – ich soll anfragen, . . ob ich ihnen vielleicht einen Punsch machen darf, wie vergangenes Jahr? Weil doch heute Sylvester ist.«

»Von Herzen gern,« rief Agnes, »und ich wünsche Euch recht viel Vergnügen, wenn Ihr nur nicht verlangen wollt, daß ich von Eurem Gebräu koste.«

»Und ich willige ein,« sprach Emil, »nur unter der Bedingung, daß für uns gleichfalls eine Bowle bereitet werde.«

»Das ließ ein guter Geist Dich sagen,« seufzte Gustav. –

Seit ihrer Bekanntschaft hatte Emil seinen jungen Freund noch nicht unter dem Einfluße geistigen Getränkes erblickt. Im Walde gab es nichts zu schlürfen außer Quellwasser; und an der Tafel zu Schwarzwaldau ging es her, wie an jeder Tafel, wo 173 der Hausherr kein Weintrinker ist und nichts auf einen gut bestellten Keller hält. Es wurden einige Sorten leidlicher Tischweine hingestellt, von denen Gustav diejenige nahm, die ihm gerade zunächst stand, und dann freilich eine Flasche leerte, – (nach einer zweiten wagte er, der Damen wegen, nicht zu greifen;) – was ihm und seiner aus bessern Zeiten in Thalwiese ausgebildeten Disposition nicht mehr bedeutete, als ein mäßig angefüllter Fingerhut Carolinen etwa bedeutet haben dürfte. Beim Thee, den er instinctartig haßte, half es ihm wenig, wenn er ein kostbar geschliffenes Rumfläschchen möglichst ganz in seine Tasse auslaufen ließ, denn das hunderteckige, buntschäckige Ding war nicht viel größer wie ein Flacon für Wohlgerüche. Gustav hatte unter diesen Entbehrungen eigentlich gelitten, weil er durch und durch ein Jünger lustiger Gelage war. Nur die Gewißheit, daß ihn daheim, wie es jetzt stand, Aerger und Trübsal bedrohe, ließ ihn den Zwang erdulden, den Anstand, feinere Sitte, vornehmer Ton ihm auferlegten. Gleichwohl brauchte er keine Furcht zu hegen, daß er die ihm gegönnte Gunst verscherzen könne, wenn eine Gelegenheit einträte, sich beim Becher gehen zu lassen. Er gehörte zu den, – allerdings seltenen – Menschen, welche sich sogar 174 berauschen dürfen, ohne plump, roh, gemein zu werden. Im Gegentheil: sollten die Bande der Trägheit, die ihn stets fesselten, gänzlich fallen; sollte, was jugendliches Leben und Feuer in ihm hieß, zur liebenswürdigsten Geltung gelangen; sollte er auf seine Weise geistreich erscheinen, so geschah dieß am Sichersten durch Beihilfe fremder Geister, die ihn erregten. Er wußte das; er kannte sich; erinnerte sich einiger Triumphe, die er in gemischten, wilden, doch großstädtisch-bevorzugten Gesellschaften in solchem Zustande errungen. Deßhalb freute er sich auf die Bowle; deßhalb nahm er sich vor, unter der Aegide des neuen Jahres ihr wacker zuzusprechen, sich über seine bisherige Stellung zu erheben, den Damen einen höheren Begriff von seinen Fähigkeiten beizubringen und vielleicht auch, inspirirt wie er es zu werden dachte, zwischen Carolinen und Agnesen wählend, sich zu entscheiden, welchen Weg er im nächsten Jahre einschlagen müsse?

Daß Emil von Schwarzwaldau nicht sonderlich auf seinen Keller achtete, haben wir bereits erwähnt; und ohne Befremden, weil er selten Gäste sah und für seine Person sich mit einigen Tropfen in Wasser gemischt begnügte. Er liebte den Wein nicht, denn er verstand ihn nicht; er war weder ein Kenner, noch ein Schmecker; 175 und ein brutaler Trinker zu werden, viel zu zart organisirt. Solchen Leuten geschieht es häufig, daß sie den reinen Traubensaft, auch in seinen edelsten Jahrgängen, sorgsam vermeiden, dahingegen an irgend einer diabolischen und gefährlichen Mischung hängen bleiben. Der Punsch, den der Tafeldecker ohne warten zu lassen, – (höchst wahrscheinlich ist die Brauerei in der Küche schon vor eingeholter Bewilligung im Gange gewesen!) – herbeischaffte, duftete recht verführerisch. Emil widerstand dem ersten Glase nicht, und da er trinkend fortredete, so trank er sich in's Peroriren und perorirte sich in's Trinken hinein. Gustav dagegen trank so lange schweigend, bis Jener matt und müde wurde; dann lösete er ihn ab und trat zum Erstenmale aus der bisjetzt bewahrten Haltung, die, wenn auch nicht eben verzagte Schüchternheit, doch den Damen gegenüber Zurückhaltung geschienen, mit ungebundener Freiheit hervor. Wie hätte, wer ihn da hörte und beobachtete doch beklagen müssen, daß so volle Naturgaben nicht sorgfältiger benützt, daß sie geradezu vernachlässiget waren! Zu solchem Bedauern aber kamen die drei Anwesenden nicht; vor Erstaunen kamen sie nicht dazu. Emil erkannte den sonst so schweigsamen Waldgefährten in diesem viel und gut sprechenden Nachfolger nicht 176 wieder, welcher ihm das Wort gleichsam vom Munde nahm, und es nicht mehr zurückgab, sondern an sich behielt, als ob es von jeher sein Eigenthum wäre? Agnes hörte aufmerksam; sie erkannte in dem gänzlich umgewandelten Menschen höhere Gaben, deren Vorhandensein sie bis dahin nicht geahnt; zugleich durchschauerte sie ein Grauen, bei dem Gedanken, daß es der Exaltation durch halben Rausch bedürfte, um solche Gaben aus dem Schlafe der Faulheit aufzuwecken. Caroline vergaß Eifersucht, gekränkte Eitelkeit, heimlich genährten Groll: sie überließ sich ohne Rückhalt bewundernden Empfindungen. Sie ließ sich sogar verleiten, von der Quelle zu naschen, aus der Gustav's Beredtsamkeit empordampfte; was Agnes jedoch für eine weibliche Unthat erklärte. Aber trotz ihrer Abneigung durfte doch auch diese sich nicht ausschließen, mit einem bis an den Rand gefüllten Glase anzustoßen, als des Wächters Ruf aus dem Schloßhofe herauf meldete, daß die verhängnißvolle Stunde schlug. Wie sie mit Gustav Glückwünsche tauschte, flüsterte er ihr irgend eine kecke Anspielung auf ihre kalte Sprödigkeit zu. Agnes gab sich nicht die Mühe, darüber beleidigt zu scheinen; sie zog vor, nicht gehört zu haben, was der Punsch aus ihm sprach. Caroline dagegen legte in ihren Neujahrsgruß eine 177 so unzweideutige Aufforderung: »sich zu erklären,« daß der Sinn derselben dem Angeredeten unmöglich entgehen konnte, und daß Emil stutzig wurde.

Bald nachher trennte man sich. Emil begleitete Gustav nach dessen Zimmer. Gustav stürzte sich zuförderst auf seine Cigarren-Kiste, um sich eiligst für die langerduldete Entbehrung zu entschädigen; was Emil, als erklärter Feind des Tabaks, mit nicht geringerem Unwillen sah, wie Agnes die oft geleerten Gläser. »Ich möchte mir zwei zugleich anbrennen,« rief der Qualmende; »es ist eine Tortur bis nach Mitternacht sich zu sehnen und zu schmachten, ehe man dieß Labsal aller Labsäle zwischen die Zähne klemmen darf. Ich fasse nicht, wie Du zu rauchen verschmähen magst? Du entziehst Dir den einzigen reellen Lebensgenuß.«

»Rede nicht so thöricht,« erwiderte Emil. »Wer Dich so sprechen hört, müßte wähnen, dieser Unsinn sei Dir Ernst.«

»Etwa nicht?«

»Setze Dich doch nicht selbst absichtlich herab, Gustav! Kann Derjenige solche entwürdigende Aeußerung thun, dem vor einer Stunde die geistvollsten Scherze, die genialsten Blitze zu Gebote standen?«

»Du bist allzugütig; hat es wirklich geblitzt, so 178 war es der Punsch, den Euer alter Tafeldecker mit Feuer getränkt; ich bin unschuldig: Genialität ist mein Fehler nicht, wie Dir längst bewußt. Aber daß ich Mancherlei durcheinander geschwatzt, hat seinen guten Grund. Wenn ich vollkommen nüchtern und in meiner herkömmlichen ›Pomade‹ bin, wag' ich selten, mich in Eure Gespräche zu mischen; aus Furcht, ich könnte mich vor Dir, oder vor Agnes – (Caroline scheint mir schon minder gefährlich,) – wer weiß wodurch und wie sehr blamiren; denn Ihr Beide seid höllisch gelehrt und gebt es mitunter etwas hoch. Heute hat mir der Punsch Courage gemacht und ich bin darauf gegangen wie Blücher.«

»War es wirklich nur der flüchtige Rausch,« fragte Emil forschend, »den Dir übrigens Niemand abmerkte, weil Du Dich in den strengsten Grenzen anmuthiger Lebendigkeit hieltest? oder wirkte nicht auch der Wunsch: zu gefallen mit, welcher heute zum Erstenmale sich Deiner, unseren Damen gegenüber, bemächtigte und Deine Eitelkeit erweckte?«

»Eins mit dem Andern, ich will's nicht leugnen; als ich bemerkte, wie Deine Frau über mich erstaunte, empfand ich den Antrieb, dieß Erstaunen zu steigern, so weit mein Vorrath reichte. Ich wollte zeigen, daß man in Mathematik und Geometrie durch's 179 Examen fallen kann, und darum doch kein Schafskopf zu sein braucht. Du meinst, dieß sei mir gelungen?«

»Höchst glorreich. Und zu meiner eigenen Satisfaction. Die beiden Freundinnen werden meine Freundschaft für Dich im künftigen Jahre nicht mehr spöttisch belächeln, wie sie im vergangenen gethan. Caroline besonders . . .«

»Weil Du diese wieder nennst . . . Ja, sie hat mir's unumwunden zu verstehen gegeben, daß sie nicht abgeneigt wäre . . . was meinst Du, Emil, soll ich mein Glück bei ihrem Alten versuchen? Denn bei ihr bedarf es weiter keines Versuches mehr? Wenn Papa Reichenborn Fünfzigtausend Thaler herausrückt, läßt sich Thalwiese behaupten und meine Eltern sind aus aller Noth.«

»Fühlst Du Liebe für sie?«

»Nein. Sie gefällt mir nicht einmal, obgleich sie gar nicht häßlich ist. Aber darauf kommt es nicht an, wenn der Mensch ›eine Partie machen‹ will.«

»Wenn ich jenen Papa Reichenborn aus seiner Tochter Schilderungen zu kennen meine, ist er keinesweges der Mann, der ›herausrückte.‹ Er hält fest, was er hat.«

»Sie ist sein einziges Kind.«

180 »Gleichviel. Er war Kaufmann und ist der Ansicht: Reichthum dürfe sich nur mit Reichthum verheirathen. Ein bankerotter Gutsbesitzer-Sohn . . .«

»Das klingt sehr hohl, allerdings. Man müßte eben gelinden Zwang eintreten lassen. Es giebt Umstände, die es einem Vater höchst wünschenswerth machen, seine Tochter baldigst unter die Haube zu bringen; sollte auch Derjenige, welcher ihr seinen Namen giebt, noch so derangirt sein.«

»Und diese Umstände wolltest Du herbeiführen? Wolltest in meinem Hause . . .?«

»Ich dachte wirklich daran; seit dem dritten Glase!«

»Mensch, dachtest Du denn auch an den Skandal, den Du über Schwarzwaldau bringst, wenn Deine frivole Absicht gelingt? Dachtest Du dabei an mich?«

»Was schadet Dir's? Bist Du des Mädchens Vormund? Bist Du der meinige? Lasse mich gewähren; lasse mich mein Glück machen.«

»Wenn Du das ein Glück nennst, wenn Du es dafür halten kannst, dann bleibt mir nichts mehr zu bemerken. Nur noch zu bitten bleibt mir, Du mögest mich von diesem Augenblicke an nicht weiter in's Vertrauen ziehen. Ich will, ich darf nicht wissen, 181 was unter meinem Dache geschieht wider die Ehre einer unbescholtenen Familie.« – Mit diesen unwillig gesprochenen Worten wendete sich Emil von Gustav und verließ dessen Schlafgemach. Doch in der Thüre kehrte er noch einmal um, schlug in dem Buche, woraus er, ehe der Tafeldecker die Punschangelegenheit beförderte, vorgelesen hatte, eine Stelle auf, bezeichnete dieselbe durch das umgebogene Blatt, legte das Buch vor Gustav auf den Tisch und sagte: »Lebe wohl!«

»Das klingt ja wie eine Trennungsformel?« murmelte Gustav, sobald er allein war; »was soll ich mir denn aus diesen hochtrabenden Gedichten zu Gemüthe führen?« Und er las:

›Freund, es war ein eitles Wähnen,
Daß sich uns're Geister fänden,
Uns're Blicke sich verständen,
Sich vermischten uns're Thränen.
Laß' mich denn allein, versäume
Nicht um mich die gold'nen Tage,
Kehre wieder zum Gelage
Und vergiß den Mann der Träume.‹

»Das kann geschehen,« sprach der junge schöne Mann gähnend und sich dehnend; »das kann geschehen; aber hol' mich der Teufel, nicht eher, als bis 182 ich mit Carolinen und ihres Vaters Gelde in Ordnung bin.«

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