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Schwarzwaldau

Karl von Holtei: Schwarzwaldau - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchwarzwaldau
authorCarl von Holtei
year1856
firstpub1856
publisherExpedition des Albums
addressPrag / Leipzig
isbn
titleSchwarzwaldau
pages476
created20091220
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Eilftes Capitel.

Je länger Agnes und Caroline beisammen blieben, desto inniger lebten sie sich miteinander ein. Und gerade der Unterschied ihrer Naturen trug dazu bei. Wie in Agnesen bei aller Sanftmuth und reinstem Zartgefühl ein fast männliches Wesen vorwaltete, 146 wovon schon der oben erwähnte, eigenthümliche Grundton ihrer Stimme Kunde gab, entfaltete Caroline nach jeder Richtung hin die weiblichsten Vorzüge und Schwächen. Wäre Agnes eben so geschwätzig, (um nicht den kränkenden und niedrigen Ausdruck: ›klatschlustig‹ zu gebrauchen!) wie ihre Freundin gewesen, Beide hätten schwerlich lange gut gethan auf einem und demselben Canapee. Weil aber die junge Hausfrau lieber hörte, denn sprach; weil sie verstand durch manchen sinnigen Einwurf, manche anregende Bemerkung dem Gespräche diejenige Wendung zu geben, die ihr eben behagte; und weil Carolinens Mittheilungskraft unerschöpflich blieb, so fehlte es auch nie an Gedanken, die über dem wogenden Gefühls-Meere schwebten, wie der Geist über den Wässern.

Ganz anders verhielt es sich mit Emil und Gustav. Zwar waltete auch bei ihren täglichen Waldzusammenkünften der Umstand ob, daß der Eine sehr viel, der Andere beinahe gar nicht redete; doch mit dem bedeutsamen Unterschiede, daß hier der häufig Schweigende die Kunst des Hörens nicht verstand; daß er sich nur vorplaudern ließ, weil dieß seiner Faulheit zusagte; daß er jedoch nicht selten die gewisse, durch Worte nicht auszudrückende, wenn 147 gleich stumme, dennoch sprechende Bescheinigung schuldig blieb, welche dem Redenden aus klaren Augen zuwinkt: fahre nur fort, meine Seele folgt Dir! Wer deßhalb den jungen Thalwieser für einen Dümmling gehalten, hätte sich getäuscht. Nur zu unbequem war es ihm, geltend zu machen, was in ihm – schlummerte. Ihn aus seiner Schläfrigkeit aufzuwecken, bedurfte es leidenschaftlicher Aufregungen. Höchstens wenn Emil in seinen weit umfassenden Abhandlungen das Gebiet streifte, welches die Erotiker inne haben, belebte sich Gustav's Aufmerksamkeit bis zu sichtbarer Theilnahme. Im Uebrigen ließ er den Redseligen gewähren, der schon zufrieden war, ein Auditorium zu besitzen; jenem Professor gleich, welcher, vor seinem leeren Hörsaale stehend, den Universitäts-Pedell fragte: wo sind denn heute meine Zuhörer? und die Antwort empfing: er ist spazieren gegangen. Emil war im Ganzen glücklicher; denn er hatte deren mehr als Hundert, die aufmerksamen Baumstämme mit eingerechnet, unter denen sich sogar ›bemoosete Häupter‹ befanden, die zu des Docenten Vortrage nur dann ihre Köpfe schüttelten, wenn es stürmte. Gustav nickte gewöhnlich mit dem seinigen, was Emil für unbedingte Bewunderung hielt. Er war bald überzeugt, der durch's Examen gefallene Fähndrich kenne kein größeres 148 Glück, als seinen belehrenden Umgang und hänge an ihm mit Seele und Leib. Deßhalb auch beglückte ihn die sehr bald dargebotene Gelegenheit, solche anhängliche Freundschaft durch thätige Beweise zu erwidern! Nur ein Seufzer war nöthig gewesen, allerlei verschämte Bekenntnisse über steigende Geldverlegenheiten des Edelhofes zu Thalwiese anzudeuten, als der reiche Besitzer von Schwarzwaldau schon mit vollen Händen diesen Seufzer in der Geburt zu ersticken eilte; was der Seufzende anfänglich wie ein verletzendes Geschenk zurückwies, nach kurzem Widerstande jedoch wie ein großmüthiges Darlehen annahm; obgleich Geber und Empfänger ganz genau wußten, daß in diesem Leben von Zurückerstattung nicht weiter die Rede sein konnte. Dadurch gerieth denn Gustav in eine fühlbare Abhängigkeit zu Emil; und die Art wie er sich dabei subordinirte, hätte diesen, wäre er minder befangen gewesen in seiner Vorliebe, minder eingenommen von dem eitlen Gefühl entschiedenen Uebergewichtes, an des jüngeren Mannes Ehrenhaftigkeit irre machen und den Verdacht erregen müssen: die Grade freundschaftlicher Empfindungen ständen hier unter dem Einflusse des Goldes? Aber auf solchen Argwohn geräth in der Regel nur Derjenige, dem auch für seine eigene 149 Person Gold und Goldeswerth mehr Zweck als Mittel ist. Um niedrige Absichten bei Anderen vorauszusetzen, muß man ähnliche Regungen in der eigenen Brust tragen. Wo diese nicht keimen, erwecken erst traurige Erfahrungen den vorsichtigen Zweifel an Anderer Aufrichtigkeit. Emil zweifelte durchaus nicht an Gustav. Wenigstens nicht an dessen Seelenadel, wenn er daneben allerdings Ursachen fand, bei näherer Bekanntschaft die Ausbildung litterarischen Geschmacks in Zweifel zu ziehen. Denn diejenigen Bücher, welche die reiche und ausgesuchte Schloßbibliothek Schwarzwaldau's als besonders empfehlenswerth in den Wald lieferte, erfreuten sich selten großen Beifalls in Thalwiese; dagegen war die Nachfrage um solcherlei Waare, welche prüfendes Urtheil gering schätzt, desto dringender, und Gustav gestand aufrichtig, daß die sogenannten schlechten Bücher ihm die besten und unterhaltendsten wären. Dieß naive Bekenntniß konnte seinen kritischen Freund nicht erzürnen; im Gegentheil, da es zur Belehrung herausforderte, machte es die Verbindung nur fester. Gustav wendete niemals gegen Emil's Ansichten etwas ein. Dieser nahm des Andern Schweigen für Ueberzeugung. Jedes Gespräch galt für einen geistigen Sieg, für einen Fortschritt. Wie viel empfänglicher, 150 bildungsfähiger als Agnes, die stets zu widerlegen wußte, zeigte sich doch der junge Freund! Der herbstliche Wald wurde für Emil zum blumenduftigen Frühlingshaine; liebliche Täuschungen umgaben ihn; er wähnte einen wahren Freund gefunden zu haben. Er freute sich wieder des Lebens und wies die Erinnerung an jene jüngstvergangene Zeit, wo er mit Selbstmordgedanken umging, schaudernd von sich; wie etwa der vom Wahnsinn Genesene an seine Krankheit zu denken vermeidet. War es nun die Besorgniß, jene Bilder wach zu rufen? War es die Befürchtung, das wunderliche Freundschaftsbündniß werde mit dem Geheimniß einen Theil seines zauberhaften Reizes einbüßen, was Herrn von Schwarzwaldau abhielt, gegen Gustav auch nur die Namen Agnes und Caroline zu erwähnen? Auffallen mußte dieses hartnäckige Schweigen dem Sohne des Nachbars von Thalwiese endlich doch. Die Tage wurden kürzer, die Abende kühl. Im Schlosse wären ihre Zusammenkünfte gewiß angenehmer gewesen, als im feuchten Walde! Aber Emil stellte sich, wie wenn er gar kein Schloß besitze, und Gustav, der Agnesen nie gesehen und sie für eine Art von Hausdrachen halten mochte, vermied jede Anspielung auf Emil's Ehestand; um so begreiflicher, weil in Thalwiese die 151 Rede ging, alle Streitigkeiten zwischen beiden Häusern wären erst zum feindseligen Ausbruch gediehen, wie der Nachbar sich verheirathet. Durch diesen Rückhalt von beiden Seiten bestand die seltsame Gastfreundschaft, die Emil in seinem Walde darbot, bis spät in den October hinein. Eines schönen Tages, der auf einen tüchtigen Morgenfrost folgte, sagte denn endlich Gustav, indem er mit dem Kolben seiner Jagdflinte einige Restchen von Eis auf dem Grunde eines Grabens zerstampfte, daß es knirschte:

»Nun, mein Theuerer, werden unsere Sitzungen bald bedenklich; wir sind capabel am Boden festzufrieren. Wie wär' es, wenn wir einen andern Ort der Zusammenkunft bestimmten, der uns die Aussicht: auf einen alten würdigen Kachelofen eröffnet, in welchem einige Bestandtheile Deines schönen Waldes wärmend emporlodern? Hast Du nicht zufällig eine solche stille, trauliche Zuflucht im Bereich Deiner Besitzthümer? . . .«

»Ich habe mein – Wohnhaus,« antwortete Emil. Er hatte ›Schloß‹ sagen wollen, sich aber noch zeitig besonnen, daß den Sohn der Thalwieser morschen und zerfallenden Herrenhütte so stolzer Titel verletzen könnte. »Ich habe mein Wohnhaus,« 152 antwortete er und erröthete dabei; weil er sich unmöglich verhehlen konnte, daß Gustav's Frage in ihrer scheinbaren Unbefangenheit doch einer wohlverdienten Rüge ähnlich sei.

»Mir ist nicht unbekannt,« fuhr Gustav fort, »daß Schwarzwaldau alle Schlösser in der ganzen Gegend übertrifft; ich bin als kleiner Junge selbst darin gewesen und glaube auch verschiedene Oefen wahrgenommen zu haben. Aber nach Deinem bisherigen Verhalten zu schließen, mußte ich voraussetzen, Du wünschtest nicht, daß ich es wieder beträte?«

»Das ist eine sonderbare Voraussetzung. Welche Gründe sollte ich . . .«

»Weiß ich's? Ehrlich gesprochen, gab ich mir auch weiter keine Mühe, sie zu ergrübeln. Doch können es mancherlei und verschiedene sein. Meine Eltern, – Deine Frau, – ich selbst – vielleicht schämst Du Dich meiner?«

Diese letzte Aeußerung glich einem Messer, welches man mit verbindlichem Scherze jemandem an die Kehle setzt. Fast entrüstet rief Emil aus: »Meines besten, meines einzigen Freundes sollt' ich mich schämen? Hältst Du das für möglich?«

»Warum nicht? Deine Frau darf auch vielleicht 153 nicht wissen, daß Du uns Geld geliehen; sie soll nicht erfahren, wer es ist, dem Du den größten Theil Deiner Muße widmest; soll in mir den Sohn des Nachbars nicht erkennen, der mit euch processirt . . . .«

»All' das sind leere Voraussetzungen, Gustav; weder auf meine Frau anwendbar, noch auf die Stellung, die sie ihren eigenen Wünschen gemäß, in Schwarzwaldau einnimmt. Um dergleichen Angelegenheiten bekümmert sie sich nicht und ich bin unumschränkter Herr, was die Verwaltung unseres Eigenthums, wie die Entfaltung meines freien Willens betrifft. Daß ich Dich noch nicht aufgefordert habe, Dich bei mir einzustellen? . . mag es noch so seltsam klingen: mir war, als würde ein alltäglich gewöhnliches Zusammenkommen die Poesie vernichten, die unsere stillen Plätze im Walde umweht . . .«

Gustav unterbrach ihn: »Sie weht jetzt schon zu frisch; sie macht Eis!«

». . . Und dann . . . meine Frau hat Besuch; eine Freundin; seit einigen Monaten; ich besorgte, es könnte Dir unangenehm sein, mit dieser zusammen zu treffen; deßhalb . . .«

»Wie so? Kenn' ich sie? kennt sie mich? 154 macht sie etwa gar Ansprüche an mich aus früherer Zeit?«

»Ich weiß nicht,« entgegnete Emil sichtbar verstimmt, »ob Du dergleichen überhaupt zu fürchten hast? Bei Demoiselle Caroline Reichenborn gewiß nicht. Sie kennt Dich nur schlafend – und da man, wie das Sprichwort behaupten will, im Schlafe nichts Böses thut, so hast auch Du wohl nichts gegen sie verbrochen.«

Es zeigte sich bald, daß Gustav keine Silbe mehr wußte von der Begegnung am kleinen Grenzteiche, oder Waldsee, deren nähere Umstände Emil ihm aus Carolinens Munde nacherzählte. »Ich bin immer zum Schlafen sehr geneigt, wenn es heiß ist, und die letzte Hälfte des vergangenen August zeichnete sich, wie Du weißt, durch Hitze aus. Die Schöne, – denn ich hoffe, Deine Gemalin ist selbst schön genug, um eine schöne Busenfreundin neben sich zu dulden, – mag mir verzeihen, daß ich so faul war. Ich bin von Wind und Wetter abhängig. Wenn der Frost anhält, werd' ich munter sein, wie ein Schneekönig!«

»Aus Allem geht hervor,« sagte Emil nach ernsthaftem Bedenken, »daß Du den Damen vorgestellt zu werden wünschest und ich fühle mich verpflichtet, 155 Deinen Wünschen nachzugeben. Ich werde Dich heute noch anmelden und morgen erwarte ich Dich zum Erstenmale in meinem Hause.«

»Du machst ein Gesicht dazu, wie wenn es Dir noch so sauer würde? Wäre gar etwas wie Eifersucht im Hinterhalte? Besorgst Du, ich könnte Dir bei dieser Caroline in den Weg treten? Denn daß Du auf Deine Frau nicht eifersüchtig bist, hab' ich genugsam aus Deinen Andeutungen über sie entnommen. Wie? Interessirst Du Dich für die Freundin des Hauses? Dann lasse mich lieber, wo ich bin, und melde mich gar nicht erst an. Ohne mein Verschulden könnt' ich da in einen Roman verwickelt werden. Und so gern ich geschriebene Romane lese, so ungern möchte ich in einem wirklichen mitspielen. Lasse mich also aus dem Spiele. Ich tauge überhaupt nicht für den Verkehr mit Weibern, – mit anständigen nämlich, wo ich mir Zwang auflegen muß.« –

Diese Gleichgiltigkeit Gustav's gegen seinen Eintritt in's Schwarzwaldauer Schloß trug so unverkennbar das Gepräge innerster Wahrheit und konnte so durchaus nicht Verstellung sein, daß Emil sich alsbald mit dem anfänglich widerstrebenden Gedanken versöhnte, den Waldfreund zum Hausfreunde zu machen. Eifersucht hatte er zwar empfunden; aber es war 156 nicht die Eifersucht des Gatten, vielmehr jene der Freundschaft gewesen, welche befürchtet, durch eine Liebelei beeinträchtiget zu werden. Caroline hatte bei ihrer Ankunft den unbekannten Schläfer mit sehr lebhaften Farben gemalt. Daß sie nichts unversucht lassen werde, ihn zu ermuntern, ihn für sich einzunehmen, war für gewiß anzunehmen. Ob Gustav's Eitelkeit solchen Herausforderungen widerstehen könne, mußte sich nun erst ausweisen. Rückgängig durfte die Einladung, nachdem dieß Wort einmal ausgesprochen, nicht mehr gemacht werden. Es blieb also dabei: »Morgen läßt Herr von Thalwiese der jüngere sich bei Frau von Schwarzwaldau anmelden.« Und mit dieser Verabredung trennten sich heute die Freunde. Emil sagte den Erinnerungen an manche grüne Stunde im tiefen Walde wehmüthig Lebewohl. Gustav murmelte: »Gott sei Dank, daß diese sentimentale Zigeunerei vorüber ist!«

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