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Schwarzwaldau

Karl von Holtei: Schwarzwaldau - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchwarzwaldau
authorCarl von Holtei
year1856
firstpub1856
publisherExpedition des Albums
addressPrag / Leipzig
isbn
titleSchwarzwaldau
pages476
created20091220
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Neuntes Capitel.

Seit Carolinens Anwesenheit in Schwarzwaldau war Emil nicht so lebhaft angeregt, nicht so gesprächig gewesen, als bei diesem verspäteten Diner. Nur über den merkwürdigen Vorfall des Tages beobachtete er anfänglich ein entschiedenes Schweigen, wobei er zu verstehen gab, daß er eine ausführliche Beantwortung der an ihn gerichteten Fragen zu verzögern wünsche, bis die Diener abgeräumt und sich entfernt haben würden. Kaum war dieß geschehen, so begann er zu erzählen, was uns theilweise bekannt ist, wovon er aber auch nur theilweise den Hörerinnen Bericht abstattete. Sie erfuhren eben nur, daß Herr und Jäger, Jeder auf verschiedenem Wege, die Richtung gesucht, aus welcher der Schuß auf den Rehbock gefallen; daß Emil auf einen einzelnen Menschen gestoßen sei, den er im ersten Augenblicke für den Raubschützen gehalten, bald jedoch ebenfalls für einen Verfolger desselben erkannt habe, den der weit im Walde widerhallende Schuß herbeilockte. Mit diesem – den er nur oberflächlich als einen der entfernteren Gutsnachbarn bezeichnete, sei er nun vereint weiter vorgedrungen und endlich auf die rechte Spur geleitet worden durch einen heftigen Wortwechsel in 124 ihrer Nähe. Dort habe Franz den Wilddieb ›gestellt,‹ den gefährlich aussehenden Kerl allerdings durch die ihm vorgehaltene Flinte noch im Schach gehalten, aber dennoch – aus hier nicht umständlich zu entwickelnden Gründen, – keinen Ernst gezeigt, ihn festzunehmen; was erst durch das Uebergewicht der Hinzugekommenen, wenn gleich immer noch mit Mühe, gelungen sei. Später erst hätten herbeigerufene Feldarbeiter den Widerspänstigen völlig besiegt und durch Stricke gefahrlos gemacht.

»Und wo befindet sich der – Raubschütz?« fragte Caroline mit einer Theilnahme, die Agnes in Verbindung mit ihrem heutigen Gespräch sich wohl erklären konnte, die Emil kaum beachtete.

»Es ist ein rechtes Glück,« erwiderte dieser, »daß gerade vor etlichen Tagen der Gefängniß-Thurm, den ich in der Nähe des Gemeindehauses auf meine eigenen Kosten errichten ließ, fertig geworden. Bisher brachen sämmtliche Vaganten und andere zur Haft gebrachten Uebelthäter regelmäßig aus dem schlechtverwahrten Dorfkerker, und wurden flüchtig, ehe und bevor wir sie dem Landgericht einliefern konnten, – oder ich hatte das Vergnügen, sie bei mir im Schlosse zu beherbergen. Dem ist nun abgeholfen und mein 125 Waldfrevler weiht das neue Gebäude glorreich ein; so mag es denn auch nach ihm den Namen führen.«

»Und wie heißt dieser?« fragte Caroline mit einer Verlegenheit, die ihr sonst keinesweges eigen.

»Ich will es sogleich erfahren,« gab Emil zur Antwort; »denn ich begebe mich nach Zwing-Schwarzwaldau, wo mein Verwalter bereits inquirirt und torquirt.«

»Wie wär's, wenn wir Deinen Gemal begleiteten?« – Mit diesen, so gleichgiltig als möglich hingeworfenen Worten, wendete sich Caroline zu Agnes und der Gemal sah diese höchst befremdet an, da sie nach einem Shawl greifend, sich bereitwillig zeigte: »Warum nicht? der Abend ist wunderschön?!« Und schon hing sie an der Freundin Arme und flüsterte im Vorangehen mit dieser.

Die Sonne war längst hinab, doch sah man noch hell und deutlich. Wie sie in die Dorfgasse traten, fanden sie Alles lebendig. Jung und Alt strömte dem neuen Gefängnisse zu, dessen ersten unfreiwilligen Gast zu betrachten. Kinder und Hunde, erstere dem frühzeitigen Nachtlager, wie es der Landmann liebt und braucht, noch einmal entstiegen; letztere bereits von der Kette gelöset, ihre Nachtpatrouillen zu beginnen, lärmten durch einander; die 126 erst später an des Dorfes äußerste Hütten gelangte Kunde von Einbringung eines Raubschützen, vielleicht Räubers, Raubmörders hatte ihre anziehende Wirkung nicht verfehlt.

Caroline und Agnes äußerten Erstaunen darüber und Emil wollte schon eine psychologische Entwickelung zum Besten geben über den Reiz, den es auch auf rohere Menschen übt, von Verbrechern zu hören, oder sie anzugaffen, als er unterbrochen wurde durch den zahmen Storch, welcher sie, wie er häufig that, begleitet hatte und jetzt, wo er in's Gedränge zwischen neckende Kinder und klaffende Hunde gerieth, angstvoll zu klappern begann, und sich zuletzt gar empor schwang.

Caroline, die ihn noch niemals fliegen gesehen, und der Meinung gewesen, er sei der Schwungfedern absichtlich beraubt, damit er nicht entfliehe, rief laut: »Hanns macht sich auf die Reise!« Doch Agnes belehrte sie, daß der treue Hausgenosse derlei Absichten keinesweges hege: im September, als in dem Monate, wo die wilden Störche ihre Probeflüge beginnen und ihren jüngeren Kindern Unterricht ertheilen, wie sie sich auf weiten Wander-Zügen zu benehmen haben werden, regt sich wohl auch in unserm Hanns die angeborene Lust und er übt sie bisweilen. Aber da 127 er sich niemals unter seines Gleichen mischt, so geräth er auch nicht in Gefahr, durch sie zum Entweichen verführt zu werden.

»Und warum thut er das nicht?« fragte Caroline; »ich habe doch häufig gehört, daß gezähmte Störche im Herbst ihre Freiheit allem Wohlleben im Umgange mit Menschen vorzogen?«

»Unser Hanns liebt die Seinigen nicht. Die Erinnerungen an seine Kindheit sind wahrscheinlich noch allzu lebendig in ihm. Er ist nämlich aus dem Ei gekrochen in einem alten Storchneste, welches auf dem Wipfel einer vielhundertjährigen Eiche schon seit Menschengedenken klebte und wie die Bewohner Schwarzwaldau's versichern, schon von seinen Eltern bewohnt und bevölkert wurde, als unser Park kaum angelegt war. Ob es wirklich immer noch das nämliche Paar gewesen ist, wie sie behaupten, – wer weiß das? So viel ist sicher: ich fand die Thiere brütend, als ich hier meinen Einzug hielt. Sie hatten ausnahmsweise fünf Junge. Als diese heranwuchsen, wurde ihnen die Räumlichkeit zu enge und die grausamen Eltern, – wofern es Grausamkeit genannt werden darf, den Einzelnen dem Gedeihen Mehrerer zu opfern, – warfen das schwächlichste ihrer Kinder über Bord. Es fiel in weiches 128 Moos, ohne sich zu beschädigen, – und ich machte es zu meinem Kinde. Daher Hannsens Liebe und Anhänglichkeit für mich; daher wahrscheinlich seine Abneigung gegen seines Gleichen. Nicht lange nachher schlug der Blitz in die Eiche, tödtete die Vögel, vernichtete den Stamm und raubte dem Dorfe eine so zu sagen heilig-gewordene Tradition. Die Landleute meinen, das sei kein gutes Vorzeichen gewesen. Aber sieh' nur, sieh' nur! . . . .«

Hanns hatte mit zornigem Geklapper mehrmals die Umdachung des neuerbauten Gefängnisses umkreiset und setzte sich jetzt auf den Schornstein, von wo er die herannahende Herrschaft gleichsam anmeldete. Der Verwalter und ein Schreiber empfingen Emil an der vergitterten Thüre des im unteren Stockwerk angebrachten Wächterstübchens, in welches denn auch die Damen folgten und es ganz leidlich fanden. Eine schmale steinerne Treppe führte nach dem Gefängniß. Diese stiegen sie, von Emil geleitet, hinan, der durchaus nicht fassen konnte, was mit Agnes vorgegangen sei? während diese Carolinen zuflüsterte: »Du darfst es immer für einen großen Beweis von Freundschaft hinnehmen, daß ich, Dir zu willfahren, einen solchen Ort heimsuche.«

Der obere Stock war in zwei abgesonderte Zellen 129 getheilt, zu deren jeder eine eiserne Thüre führte. Caroline äußerte den Wunsch, den Gefangenen zu sehen, und bat, es möge geöffnet werden. »Dazu,« sagte der Verwalter, »möcht' ich nicht rathen: Wir haben, da keine Ketten vorräthig sind, den Kerl nicht fest schließen können und er ist so wüthend und unbändig, daß er nicht nur die schändlichsten Reden ausstößt, sondern auch Thätlichkeiten wagen würde, trotz unserer Ueberzahl. Wenn aber die gnädigen Damen die innere Einrichtung in Augenschein nehmen wollen, so kann ja der Wächter die leere Zelle aufschließen.«

Es war nun darin allerdings nichts zu sehen, als die nackten vier Wände, weiß übertüncht, eine hölzerne Pritsche und einige unentbehrliche, aus rohem Holze gezimmerte Geräthschaften. Der Verwalter, auf dessen Ansuchen und unter dessen specieller Obhut der Bau begonnen und ausgeführt worden, wies mit einigem Stolz auf ein in der obersten Ecke der Mauer angebrachtes Luft- und Lichtloch, wodurch das Gemach erhellt wurde, ohne daß doch der Arrestant nach Außen hin lugen, oder Mittheilungen an Spießgesellen zu machen und von ihnen zu empfangen vermöge!

Agnes blickte die weißen Mauern an: »Wie werden diese Wände heute über fünfzig Jahre aussehen! 130 Wie viele Seufzer, Flüche, Thränen werden daran haften! Wie viele Unglückliche, denen sie auf ihrem Pfade zu langwierigem Kerker die erste Herberge gaben, werden in kaum leserlichen Zügen, vielleicht mit Blut ihre Namen angeschrieben haben?«

»Thust Du doch,« unterbrach sie Emil, »als wimmelte unsere Gegend von Verbrechern.«

»Im Ganzen macht sich's, gnädige Frau;« fuhr der Verwalter fort. »Es kommt gewöhnlich ruckweise. Mitunter vergeht ein halbes Jahr, ohne besonderen Vorfall. Uebrigens –« und hierbei wendete er sich halb leise zum Gutsherrn – »hat der Wilddieb Aussagen gethan, die ich natürlich nicht mit zu Protocolle genommen, wider den Büchsenspan . . . .«

»Ich weiß schon; kann mir schon denken, was er vorgebracht. Franz hat mir nichts verheimlicht. Lassen Sie das unter uns bleiben, und untersagen Sie auch dem Schreiber . . . .«

Während Emil mit seinem Verwalter weiter unterhandelte, hatte Caroline ihre Aufmerksamkeit auf das Fensterchen in der Zelle gerichtet, dessen Unerreichbarkeit den Verwalter so stolz machte. »Wem es gelingt, eine recht hohe Dach- und Feuerleiter herbei zu schaffen, die er von Außen anlegt,« meinte sie, »der könnte doch wohl dem Gefangenen Nachricht, 131 oder Mittel zur Flucht zustecken. Glaubst Du nicht, Agnes?«

»Ich glaube wahrhaftig, Du glaubst noch immer . . . . Doch, darüber wollen wir bald in's Klare kommen. Herr Verwalter, darf ich mir auf einen Augenblick Ihr Protocoll ausbitten? Wir sind neugierig den Namen des Gefangenen herauszulesen, weil nach ihm das Gefängniß heißen soll.«

Der Verwalter zeigte sich einigermaßen verlegen durch diese Ansprache, dennoch gehorchte er. Und Agnes las: »Emil Storchschnabel, siebenundvierzig Jahre alt, und so weiter . . . .«

»Siebenundvierzig?« murmelte Caroline; »Nein das ist er nicht.«

»Emil?« wiederholte Agnes.

»Emil Storchschnabel?« sagte Emil; »das ist eine wunderliche Zusammenstellung; um so wunderlicher, da dieser Taufname unter Leuten seiner Gattung sehr selten vorkommt, und Dein Storch mit seinem Schnabel zu klappern fortfährt. Doch das sind nichtssagende Zufälligkeiten und unser Thurm mag in Gottesnamen ›der Storchschnabel‹ heißen. Ich wünsche seinem ersten Gaste eine gute Nacht und Sie, Verwalter, tragen Sie Sorge, daß er morgen unter sicherer Bedeckung dem Gerichte überliefert werde.« 132

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