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Schwarz-Indien

Jules Verne: Schwarz-Indien - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchwarz-Indien
authorJules Verne
translatorunbekannt
firstpub1878
year1878
publisherA. Hartleben Verlag
addressWien, Pest, Leipzig
titleSchwarz-Indien
created20060201
senderngiyaw@googlemail.com
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Achtes Capitel.

Eine Dynamit-Explosion.

Der von dem alten Obersteiger angekündigte Versuch war also geglückt. Das Wasserstoff-Monocarbonat entwickelt sich, wie bekannt, nur in und aus Kohlenlagern. Das Vorhandensein einer weiteren Ader des kostbaren Brennstoffes konnte also nicht mehr bezweifelt werden. Wie ausgedehnt, wie werthvoll sie wäre, das blieb der späteren Entscheidung überlassen.

Diese Consequenzen zog der Ingenieur aus der eben selbst beobachteten Erscheinung. Sie stimmten übrigens vollständig mit denen Simon Ford's überein.

»Gewiß,« sagte sich James Starr, »hinter dieser Wand verläuft noch eine Kohlenschicht, auf welche unsere Bohrversuche nicht trafen. Bedauerlich ist nur, daß fast die ganze Betriebsausrüstung des Werkes seit zehn Jahren verfallen und nun neu herzustellen ist. Immerhin! Wir haben die Ader, welche man schon für erschöpft hielt, wieder aufgefunden, und werden sie diesmal gewiß bis zum Ende verfolgen.«

»Nun, Herr James,« fragte Simon Ford, »was halten Sie von unserer Entdeckung? That ich unrecht daran, Sie zu belästigen? Bedauern Sie diesen letzten Besuch der Grube Dochart?«

»O nein, nein, mein alter Freund!« antwortete James Starr. »Diese Zeit war nicht verschwendet, aber es würde der Fall sein, wenn wir nicht sofort zur Cottage zurückkehrten. Morgen begeben wir uns wieder hierher und sprengen diese Wand mittels einer Dynamitpatrone. Treffen wir auf das Kohlenflötz selbst, so werden uns wiederholte Bohrversuche über dessen Ausdehnung und Mächtigkeit aufklären, und ich gründe sobald diese unsere Erwartung irgend entsprechen, gewiß zur Zufriedenheit der alten Actionäre eine Gesellschaft von Neu-Aberfoyle. Noch vor Ablauf von drei Monate müssen dann die ersten Kohlenwagen aus der neuen Lagerstätte gefördert werden.«

»Wohl gesprochen, Herr James!« rief Simon Ford freudig erregt. »Die alte Grube verjüngt sich, wie eine Witwe, wenn sie wieder heirathet. Das frische Leben der früheren Tage wird wieder aufblühen unter den Schlägen der Spitzhaue, dem Donner der Minen, dem Rasseln der Wagen, dem Wiehern der Pferde, dem Knarren des Gestänges und dem Keuchen der Maschinen! O, ich soll das Alles wieder erblicken! – Ich hoffe, Herr James, Sie werden mich nicht für zu alt halten, mein Amt als Obersteiger wieder einzunehmen?«

»Nein, wackerer Simon, gewiß nicht! Ihr seid jünger geblieben als ich, alter Kamerad.«

»Und, beim heiligen Mungo, Sie werden auch wieder unser »viewer« sein! Möge die neue Ausbeutung recht lange anhalten und mir der Himmel die Gnade angedeihen lassen, meine Augen eher zu schließen, bevor sie das Ende derselben sahen.«

Der alte Bergmann jubelte laut auf vor Freude. James Starr theilte diese gewiß, aber er ließ den alten Simon gern für zwei aufjauchzen.

Harry allein blieb in Gedanken versunken. Vor seiner Erinnerung standen alle jene sonderbaren, unerklärlichen Ereignisse, welche der Entdeckung des neuen Kohlenflötzes vorausgingen, und erweckten in ihm manche Besorgnisse für die Zukunft.

Eine Stunde später trafen James Starr und seine zwei Begleiter wieder in der Cottage ein.

Der Ingenieur aß mit bestem Appetit zu Abend, ging willig auf alle von dem rüstigen Obersteiger entwickelten Pläne ein, und hätte ihn nicht der lebhafte Wunsch erregt, schon den nächsten Tag anbrechen zu sehen, er würde nirgends in der Welt so gut geschlafen haben, als in dieser ungestörten Ruhe der Cottage.

Am anderen Morgen brachen James Starr, Simon Ford, Harry und selbst Madge nach einem kräftigen Frühstück zeitig auf und schlugen den gestrigen Weg wieder ein. Außer verschiedenen nothwendigen Werkzeugen nahmen sie auch einige Dynamitpatronen mit, um das vorliegende todte Gestein zu sprengen. Außer einer mächtigen Fackel führte Harry auch eine größere Sicherheitslampe, welche zwölf Stunden lang brennen konnte, mit sich. Das erschien ausreichend für den Weg hin und zurück sowohl, als auch für den nothwendigen Aufenthalt durch weitere Nachforschungen, wenn solche ersprießlich schienen.

»An's Werk!« drängte Simon, als er mit seinen Begleitern das Ende des Stollens erreicht hatte.

Er ergriff ein schweres Brecheisen und trieb es kräftig gegen die Schieferwand.

»Wartet einen Augenblick,« sagte da der Ingenieur. »Wir wollen uns zunächst überzeugen, ob hier Alles unverändert ist und das Wettergas noch immer durch die Spalten dringt.«

»Sie haben sehr recht, Herr Starr,« stimmte ihm Harry zu; »was wir gestern hier verstopft fanden, könnte es auch heute wieder sein!«

Auf einem Steinblock sitzend musterte Madge sorgfältig die umgebende Höhle und die Wand, welche gesprengt werden sollte.

Es ward constatirt, daß sich Alles noch in demselben Zustande befand. Die Spalten im Schiefer zeigten keinerlei Veränderung. Das Wasserstoff-Monocarbonat drang noch immer, wenn auch nur in schwächerem Strome, daraus hervor, was jedenfalls daher rührte; daß es seit dem gestrigen Tage schon ganz ungehinderten Abzug fand. Jedenfalls erschien dieses Hervorquellen so gering, daß es keine Befürchtung, es könne sich hier ein explosives Luftgemisch gebildet haben, wachrief. James Starr und seine Begleiter konnten also ganz unbesorgt ans Werk gehen. Übrigens durfte man voraussetzen, daß die Luft hier sich allmälig reinigen mußte, je nachdem sie sich nach den höheren Schächten und Galerien der Grube Dochart verbreitete, und daß die in diese große Luftmenge vertheilten Wettergase zu einer Explosion keine Veranlassung geben konnten.

»An's Werk also!« wiederholte Simon Ford.

Bald lösten sich unter seinen wuchtigen Schlägen abgesprengte Felsenstücke los.

Die Steinwand bestand im Wesentlichen aus Sandstein und Schiefern mit zwischengelagerten Puddingsteinen, wie man sie nicht selten neben den Ausläufern der Kohlenflötze antrifft.

James Starr hob einige der durch das Werkzeug abgesprengten Bruchstücke auf und untersuchte sie sorgfältig, um vielleicht einen sichereren Hinweis auf Kohle daran zu entdecken.

Die erste Arbeit nahm etwa eine Stunde in Anspruch, bis eine hinreichend tiefe Aushöhlung in der Hinterwand des Stollens hergestellt war.

James Starr bezeichnete hierauf die Einzelstellen für die zu bohrenden Sprenglöcher, welche Harry's geübte Hand mittels Steinbohrer und Schlägel sehr bald fertig stellte. Dann setzte man Dynamitpatronen in dieselben ein. Jene hatten eine lange getheerte Lunte mit Sicherheitszünder innerhalb der eigentlichen Sprengmasse. Man zündete die Lunten an. James Starr und seine Begleiter zogen sich genügend zurück.

»O, Herr James,« sagte Simon Ford, der seine Aufregung nicht zu bemeistern vermochte, »noch niemals hat mein altes Herz so erwartungsvoll geschlagen. Ich brenne schon darauf, die Kohlenader in Angriff zu nehmen.«

»Geduld, Simon,« ermahnte ihn der Ingenieur. »Sie setzen doch nicht voraus, hinter dieser Wand schon einen Stollen fix und fertig zu finden?«

»Entschuldigen Sie, Herr James,« erwiderte der alte Obersteiger. »Ich setze Alles voraus, was überhaupt möglich ist. Wenn Harry und mich das Glück schon durch die Entdeckung eines neuen Flötzes so außerordentlich begünstigte, warum sollte das auch nicht bis zum Ende der Fall sein?«

Die Dynamit-Explosion erfolgte. Rollend pflanzte sich der Donner in dem Netze der unterirdischen Gänge fort.

James Starr, Madge, Harry und Simon Ford eilten nach der Wand der Höhle.

»Herr James, Herr James,« rief der alte Obersteiger, »sehen Sie, die Thür ist aufgesprungen . . .«

Diesen Vergleich Simon Ford's rechtfertigte das Sichtbarwerden einer neuen Aushöhlung, deren Tiefe man nicht zu schätzen vermochte.

Harry wollte schon durch die Öffnung eindringen . . .

Der Ingenieur, der übrigens sehr erstaunt war, jenen Hohlraum zu finden, hielt ihn zurück.

»Laß die Luft darin sich erst reinigen,« sagte er.

»Ja, Achtung vor den Mofetten!« rief ihm Simon Ford zu.

Eine Viertelstunde verging in ängstlicher Erwartung. Dann hielt man die an das Ende des Stockes befestigte Fackel möglichst weit in die neu eröffnete Höhle hinein und überzeugte sich, daß sie darin unverändert weiter brannte.

»So geh' hinein, Harry,« sagte James Starr, »wir folgen Dir nach.«

Das durch den Dynamit frei gelegte Sprengloch war hinreichend groß, um einen Menschen passiren zu lassen.

Mit der Leuchte in der Hand begab sich Harry ohne Zögern hindurch und verschwand bald in der Finsterniß.

James Starr, Simon Ford und Madge warteten bewegungslos.

Eine Minute – wie lang erschien sie ihnen – verstrich. Harry erschien nicht wieder, er rief sie auch nicht. Als er sich dem gesprengten Eingange näherte, bemerkte James Starr auch nicht einmal einen Lichtschein mehr, der die dunkle Höhle doch einigermaßen hätte erhellen müssen.

Sollte Harry plötzlich der Boden unter den Füßen geschwunden sein? War der junge Bergmann vielleicht in irgend eine grundlose Tiefe gestürzt? Drang seine Stimme nicht mehr bis zu seinen Begleitern?

Ohne sich über solche Möglichkeiten Rechenschaft zu geben, wollte eben der alte Obersteiger schon in die unbekannte Höhle eintreten, als ein erst schwacher, bald aber heller werdender Schein aufleuchtete und Harry's Stimme ertönte.

»Kommen Sie, Herr Starr! Hierher, Vater!« rief er; »der Weg durch Neu-Aberfoyle ist offen!«

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