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Schwarz-Indien

Jules Verne: Schwarz-Indien - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchwarz-Indien
authorJules Verne
translatorunbekannt
firstpub1878
year1878
publisherA. Hartleben Verlag
addressWien, Pest, Leipzig
titleSchwarz-Indien
created20060201
senderngiyaw@googlemail.com
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Siebentes Capitel.

Eine Erfahrung Simon Ford's.

Es schlug Mittag an der alten, hölzernen Wanduhr des Zimmers, als James Starr nebst seinen zwei Begleitern die Cottage verließ.

Das durch den Ventilationsschacht herabdringende Tageslicht erhellte ein wenig die umgebende Höhle. Harry's Lampe erschien hier zwar überflüssig, sollte sich aber sehr bald als nothwendig erweisen, denn der alte Obersteiger beabsichtigte, den Ingenieur bis zum äußersten Ende der Grube Dochart zu führen.

Nachdem die drei Kundschafter – der Verlauf wird es lehren, daß es sich hier um eine Auskundschaftung handelte – etwa zwei (englische) Meilen der Hauptgalerie gefolgt waren, erreichten sie den Eingang eines engen Stollens, der wie ein Nebenschiff auf einer grün bemoosten Auszimmerung ruhte. Er hielt etwa die gleiche Richtung ein, wie fünfzehnhundert Fuß höher oben das Bett des Forth.

In der Voraussetzung, daß James Starr nicht mehr so wie früher mit den Irrgängen der Grube Dochart bekannt sei, erinnerte ihn Simon Ford an die Grundzüge des Planes, indem er bezüglich der Hauptlinien auf die Gestaltung und Ortslage der Erdoberfläche darüber hinwies.

Plaudernd gingen also James Starr und der alte Bergmann weiter.

Harry erleuchtete den Weg vor ihnen. Auch jetzt suchte er dadurch, daß er in alle dunklen Winkel den Lichtschein fallen ließ, irgend einen verdächtigen Schatten zu entdecken.

»Haben wir sehr weit zu gehen, Simon?« fragte der Ingenieur.

»Noch eine halbe Meile, Herr James. Früher hätten wir den Weg freilich mittels der durch Dampfkraft fortbewegten Hunde zurückgelegt – aber ach, die Zeit liegt weit hinter uns!«

»Wir begeben uns also bis zum Ende des zuletzt abgebauten Flötzes?« fragte James Starr.

»Ja! – Wie ich sehe, kennen Sie das Bergwerk noch recht genau.«

»Nun, Simon, ich meine, es sollte Euch auch schwer werden, noch weiter zu gehen.«

»Ja freilich, Herr James. Dort haben unsere Häuer das letzte Stück Kohle des Lagers ausgebrochen. O, ich erinnere mich, als ob ich noch dabei wäre! Ich selbst habe damals den letzten Schlag gethan, der in meiner Brust stärker widerhallte als von dem todten Gesteine. Rings um uns stand nun nichts mehr an als Sandstein und Schiefer, und als der letzte Karren zum Förderschachte rollte, da bin ich ihm tiefbewegten Herzens gefolgt, wie dem Leichenzuge eines Armen. Mir war es, als wäre es die Seele des Bergwerkes, die da mit ihm fortzog!«

Die Rührung, mit welcher der alte Obersteiger diese Worte sprach, bemächtigte sich auch des Ingenieurs, der seine Gefühle theilte. Es waren die des Seemanns, der sein entmastetes Schiff verläßt, des Verarmten, der das Haus seiner Ahnen abbrechen sieht.

James Starr hatte Simon Ford's Hand ergriffen und drückte sie herzlich. Aber auch dieser suchte die Hand des Ingenieurs, und indem er den Druck erwiderte, sagte er:

»Jenes Tages haben wir uns doch Alle getäuscht! Nein, die alte Kohlengrube war nicht todt. Es war kein Leichnam, den damals die Bergleute verließen, und ich glaube behaupten zu können, daß sein Herz auch noch heute schlägt.«

»O, reden Sie, Simon! Sie haben ein neues Flötz gefunden?« rief der Ingenieur ganz außer sich. »Ich wußte es wohl, Ihr Brief konnte ja nur diese Bedeutung haben! Eine Mittheilung für mich und dazu in der Grube Dochart! Welch' andere Entdeckung, als die einer neuen Kohlenader konnte mich sonst besonders interessiren? . . .«

»Ich wollte vor Ihnen,« bemerkte Simon Ford, davon Niemand etwas wissen lassen.«

»Daran thatet Ihr recht, Simon. Aber sagt mir, durch welche Sondirung oder wie habt Ihr Euch davon überzeugt?«

»Hören Sie mir zu, Herr James,« antwortete Simon Ford. »Ein Kohlenflötz hab' ich noch nicht aufgefunden . . .«

»Was denn?«

»Nur den handgreiflichen Beweis dafür, daß noch ein solches vorhanden ist.«

»Und dieser Beweis besteht? . . .«

»Können Sie glauben, daß sich aus der Erde schlagende Wetter entwickeln, wenn keine Kohle vorhanden wäre, sie zu erzeugen?«

»Nein, gewiß nicht. Ohne Kohlen keine bösen Wetter. Es giebt niemals Wirkungen ohne Ursachen!«

»So wie es keinen Rauch giebt ohne Feuer.«

»Und Ihr habt Euch neuerdings von dem Vorhandensein solcher Kohlenwasserstoffgase überzeugt? . . .«

»Ein alter Bergmann wird sich hierin nicht täuschen,« erwiderte Simon Ford. »Ich kenne unseren Feind, die schlagenden Wetter, schon gar zu lange!«

»Doch, wenn das nun ein anderes Gas gewesen wäre,« warf James Starr ein. »Die Wetterluft ist fast geruchlos und ganz farblos. Sie verräth ihre Gegenwart eigentlich nur durch die Explosion.«

»Wollen Sie mir gestatten, Herr James,« antwortete Simon Ford, »zu erzählen, was ich deshalb und wie ich es angefangen habe . . . so nach meiner Art und Weise . . . und entschuldigen, wenn ich zu lang werde?«

James Starr kannte den alten Obersteiger und wußte, daß es am besten sei, ihn nicht zu unterbrechen.

»Herr James,« fuhr Jener also fort, »seit zehn Jahren ist kein Tag vergangen, ohne daß wir, Harry und ich, nicht bemüht gewesen wären, die Grube wieder ertragsfähig zu machen; – nein, gewiß kein Tag! Wenn noch ein Kohlenlager vorhanden war, wir hatten uns fest vorgenommen, es aufzufinden. Welche Mittel konnten wir dabei anwenden? Bohrversuche? das war unmöglich, dagegen besaßen wir den Instinct des Bergmanns, und manch mal kommt man directer zum Ziele, wenn man dem Instincte, als wenn man den Rathschlägen des Verstandes folgt. Das ist wenigstens so mein Idee . . .«

»Der ich nicht widerspreche,« sagte der Ingenieur.

»Nun beobachtete Harry bei seinen Streifzügen durch den westlichen Theil des Werkes einige Male Folgendes: Am äußersten Ende der Nebenstollen flackerten aus dem Schiefergestein manchmal kleine Flammen auf. Wodurch sie sich entzündeten? Ich weiß es heute so wenig wie damals. Genug, diese Flammen konnten nur Folgen des Vorhandenseins schlagenden Wetter sein, und für mich ist das gleichbedeutend mit dem Vorhandensein von Kohle.«

»Veranlaßten diese Flammen niemals eine Explosion?« fragte der Ingenieur lebhaft.

»Gewiß, kleine, beschränktere Explosionen,« bestätigte Simon Ford, »ganz solche, wie ich selbst oft zu Stande zu bringen suchte, wenn es galt schlagende Wetter nachzuweisen. Sie erinnern sich vielleicht, wie man früher verfuhr, um Explosionen in den Bergwerken zu verhüten, bevor unser guter Genius, Humphry Davy, die Sicherheitslampe erfand.«

»Ja wohl,« antwortete James Starr, »Ihr sprecht von dem ›Büßer‹? Ich habe einen solchen leider nie in Thätigkeit gesehen.«

»Freilich, Herr James, dazu sind Sie, trotz Ihrer fünfundfünfzig Jahre, zu jung. Ich, der ich zehn Jahre älter bin, habe den letzten Büßer des Kohlenwerkes noch arbeiten sehen. Man nannte ihn so, weil er ein weite, grobe Mönchskutte trug. Sein eigentlicher Name war der ›Fireman‹ (Feuermann). In jener Zeit besaß man kein anderes Mittel, die bösen Wetter unschädlich zu machen, als daß man sie durch kleine, absichtliche Explosionen vernichtete, bevor sie sich in größerer Menge in den Stollen anhäuften. Zu dem Zwecke kroch der Büßer mit maskirtem Gesicht, den Kopf dicht in der Kapuze und den Körper sorgfältig in seiner grobwollenen Kutte verhüllt, über den Boden hin. Er athmete in den unteren, reineren Luftschichten, hielt bei seinen Wanderungen aber eine lange, brennende Fackel hoch über den Kopf. Schwebten nun böse Wetter in der oberen Luft, so entstand eine meist gefahrlos vorübergehende Explosion und so gelangte man durch häufigere Wiederholung dieser Operation dazu, die Gruben vor größerem Unheil zu bewahren. Manchmal freilich starb der Büßer, von den schlagenden Wettern getroffen, auf der Stelle. Dann ersetzte ihn ein anderer. So blieb es, bis Davy's Sicherheitslampe in allen Kohlenwerken eingeführt wurde. Mir jedoch war jenes erstere Verfahren bekannt; durch dasselbe habe ich das Auftreten schlagender Wetter erkannt, und mich überzeugt, daß in der Grube Dochart noch Kohlenvorräthe vorhanden sind.«

Die Erzählung des alten Obersteigers von dem »Büßer« beruht vollkommen auf Wahrheit. Auf jene Weise verfuhr man in früheren Jahren, um die Luft in den Kohlenwerken zu reinigen.

Die Wetterluft, auch Wasser-Monocarbonat oder Sumpfgas genannt, ist farblos, fast total geruchlos, leuchtet angezündet sehr wenig und vermag die Athmung nicht zu unterhalten. Der Bergmann vermöchte in diesem giftigen Gase nicht zu leben, so wenig, wie das etwa in einem mit Leuchtgas gefüllten Gasometer möglich wäre. Ebenso wie letzteres, welches übrigens ein Bicarbonat des Wasserstoffs darstellt, bildet das Sumpfgas ein explodirendes Gemisch, sobald sich fünf bis acht Procent Luft damit vermengen. Die Entzündung dieses Gemisches geschieht dann auf irgend eine Weise und es erfolgt eine Explosion, welche oft die verderblichsten Katastrophen herbeiführt.

Dieser Gefahr nun beugt Davy's Apparat vor, indem er die Flamme der Lampe durch ein feines Drahtgewebe isolirt, in welchem das Gas verbrennen kann, ohne dessen Entzündung nach außen zu verbreiten. Diese Lampe erfuhr wohl mehr als zwanzig Verbesserungen. Sie löscht aus beim Zerbrechen, ebenso, wenn sie der Bergmann trotz der strengen Verbote zu öffnen sucht. Warum kommen aber dennoch Explosionen vor? Weil es keine Vorsicht abzuwenden vermag, daß der unkluge Arbeiter sich auf jeden Fall seine Pfeife anzuzünden sucht, oder daß ein Werkzeug beim Schlagen einen Funken giebt.

Alle Kohlenwerke leiden nicht gleichmäßig von schlagenden Wettern. Da, wo sich solche nicht erzeugen, ist die gewöhnliche Lampe gesetzlich gestattet, wie z.B. in der Grube Thiers, in den Werken von Anzin. Ist die geförderte Steinkohle aber mehr fettiger Natur, so enthält sie eine verschiedene Menge flüchtiger Stoffe, aus denen sich Wetterluft oft in reichlicher Menge entwickeln kann. Die Sicherheitslampe nun ist dazu eingerichtet, die Explosionen zu verhüten, welche um so gefährlicher sind, weil auch die nicht unmittelbar davon getroffenen Bergleute durch das bei der Verbrennung entstehende und die Stollen auf weite Strecken hin erfüllende unathembare Gas, d.h. durch die Kohlensäure, leicht ersticken.

Auf dem weiteren Wege erklärte Simon Ford dem Ingenieur noch, was er gethan, sein Ziel zu erreichen, wie er sich überzeugt habe, daß die Ausscheidung von Wettergasen am Ende des untersten Stollens vor sich gehe; wie es an der Nordseite desselben an dem auslaufenden Schiefergestein ihm gelungen sei, locale Explosionen oder vielmehr Entzündungen des Gases zu Stande zu bringen, welche über die Natur des letzteren keinen Zweifel übrig ließen und darthaten, daß sich dasselbe zwar nur in geringer Menge, aber unausgesetzt entwickle.

Eine Stunde nach dem Verlassen der Cottage hatten James Starr und seine zwei Begleiter eine Strecke von vier Meilen zurückgelegt. Von seinen Wünschen, seinen Hoffnungen getrieben, hatte der Ingenieur des langen Weges nicht geachtet. Er überdachte Alles, was ihm der alte Bergmann gesagt hatte, und wog sorgsam die Argumente ab, welche für dessen vertrauensvolle Ansicht sprachen. Auch er glaubte, daß eine solche continuirliche Entwickelung von Wasserstoff-Monocarbonat nur auf eine noch vorhandene Kohlenader zurückzuführen sei. Lag nur eine Art gasgefüllte Höhle im Schiefer zu Grunde, wie das wohl dann und wann vorkommt, so hätte sich diese jedenfalls auf einmal entleert und konnte die Erscheinung sich nicht wiederholen. Nach Simon Ford's Aussagen dagegen entwickelte sich das Gas fortwährend und ließ also eine Kohlenader in der Nachbarschaft vermuthen. Die Reichthümer der Grube Dochart konnten demzufolge noch nicht völlig erschöpft sein. Nur blieb die große Frage übrig, ob es sich hier um ein größeres, abbauwürdiges Flötz handle oder nicht.

Harry, der seinem Vater und dem Ingenieur vorausging, blieb stehen.

»Wir sind an Ort und Stelle!« rief der alte Bergmann. »Gott sei Dank, Herr James, nun sind Sie da und wir werden erfahren . . .«

Die sonst so sichere Stimme des alten Obersteigers ward etwas zitternd.

»Mein wack'rer Simon,« sagte der Ingenieur, »beruhigt Euch. Ich bin gewiß ebenso erregt wie Ihr, aber jetzt gilt es keine Zeit zu verlieren.«

Hier, wo sich die drei Männer befanden, erweiterte sich das Ende des Stollens zu einer Art dunklen Höhle. Kein Schacht durchsetzte das Gestein, so daß der weit ausgebrochene Stollen ohne jede directe Verbindung mit der Oberfläche der Grafschaft Stirling blieb.

James Starr musterte mit höchstem Interesse den Ort, wo er sich befand.

Noch sah man an der Schlußwand dieser Höhle die Spuren der letzten Spitzhackenschläge und sogar einige Reste von Sprenglöchern, die gegen Ende des Betriebes zur Loslösung des Gesteines gebohrt worden waren. Bei dem sehr festen Gefüge des Schieferfelsens hatte man nicht nöthig gehabt, die letzte Aushöhlung zu stützen oder wieder auszufüllen. Hier zwischen dem Schiefer und Sandstein der tertiären Formation lief die letzte Kohlenader aus; hier war auch das letzte Stückchen Kohle aus der Grube Dochart gefördert worden.

»An diesem Punkte, Herr James,« sagte Simon Ford, die Haue erhebend, »werden wir das todte Gestein in Angriff nehmen müssen, denn hinter dieser Wand muß sich in größerer oder geringerer Tiefe das gesuchte Kohlenlager finden.«

»Und an der Oberfläche dieses Felsens,« fragte James Starr, »habt Ihr den Austritt von Wettergasen nachgewiesen?«

»Gewiß, Herr James,« antwortete Simon Ford, »und ich habe es durch die bloße Annäherung meiner Lampe entzünden können. Harry ist das ebenfalls wiederholt gelungen.«

»In welcher Höhe?« fragte James Starr.

»Gegen zehn Fuß von der Sohle des Stollens!« antwortete Harry.

James Starr hatte sich auf einen Felsblock gesetzt. Nachdem er die Atmosphäre der Höhle geprüft, schien es fast, als zöge er die doch so zuversichtlichen Worte der beiden Bergleute stark in Zweifel.

Das Wasserstoff-Monocarbonat ist nämlich nicht vollständig geruchlos, und den Ingenieur nahm es Wunder, daß dasselbe sich seinem ebenso geübten, als scharfen Geruchsinne gar nicht offenbaren sollte. Fand sich dieses explosive Gas hier der Luft beigemischt, so konnte es doch nur in sehr geringen Quantitäten der Fall sein. Eine Explosion war also nicht zu fürchten, und man konnte die Sicherheitslampe ohne Gefahr öffnen, um einen Versuch anzustellen, wie es der alte Bergmann schon vorher gethan hatte.

Was den Ingenieur in diesem Augenblick beunruhigte, war nicht, daß er einen zu großen Gasgehalt der Luft voraussetzte, sondern daß er eher glaubte, einen zu geringen, wenn nicht gar keinen anzutreffen.

»Sollten sie sich getäuscht haben?« murmelte er für sich. »Nein, das sind ja Leute, die sich auf die Sache verstehen. Und doch . . .«

Er wartete also nicht ohne einige Unruhe auf die von Simon Ford vorausgesagte Erscheinung. Aber eben jetzt schien auch Harry, ganz wie vorher ihm selbst, dieses vollständige Fehlen des Gasgeruchs aufzufallen.

»Vater«, begann dieser, »mir scheint, der Austritt des Gases aus dem Schieferfelsen hat aufgehört!«

»Was? Aufgehört! . . .« rief der alte Bergmann erschrocken.

Simon Ford schloß die Lippen hermetisch und saugte die Luft in mehreren tiefen Zügen durch die Nase ein.

Plötzlich fuhr er auf und rief:

»Gieb mir Deine Lampe, Harry!«

Simon Ford erfaßte die Lampe mit zitternder Hand. Er entfernte das dieselbe umschließende Drahtnetz und ließ die Flamme in freier Luft brennen.

Wie erwartet, entstand keine Explosion, aber, was hier viel bedeutsamer erschien, die Flamme schrumpfte nicht einmal ein wenig zusammen, wodurch sich sonst das Vorhandensein geringerer Wettergasmengen verräth.

Simon Ford nahm Harry's Stock, befestigte die Lampe an dessen Spitze und erhob sie in die höheren Luftschichten, in denen sich das Gas in Folge seiner geringeren specifischen Schwere hätte ansammeln müssen, selbst wenn es nur in der geringsten Quantität ausströmte.

Die gerade aufsteigende weiße Flamme der Lampe deutete auf keine Spur von Wasserstoff-Monocarbonat.

»An die Wand halten!« sagte der Ingenieur.

»Ja!« antwortete Simon Ford und bewegte die Lampe nach denjenigen Stellen der Wand hin, wo er und sein Sohn noch am Tage vorher die Gasentwickelung wahrgenommen hatten.

Des alten Bergmanns Arm zitterte, als er die Flamme in der Höhe jener Spalten des Schiefers hinführte.

»Löse Du mich ab, Harry!« sagte er.

Harry ergriff den Stock und hielt die Lampe nach und nach an alle die gespaltenen Stellen im Schiefer . . . Doch er schüttelte den Kopf, denn das leise Knistern und Zischen, welches das ausströmende Wettergas zu begleiten pflegt, drang nicht zu seinem Ohre.

Eine Entzündung fand nicht statt. Es lag also auf der Hand, daß jetzt kein Gasmolekül aus der Wand hervorquoll.

»Nichts!« rief Simon Ford, dessen Faust sich mehr in Folge des aufflammenden Zornes, als der Entmuthigung ballte.

Da entfuhr ein Schrei Harry's Lippen.

»Was ist Dir?« fragte James Starr.

»Man hat die Spalten des Schiefers verstopft!«

»Sprichst Du die Wahrheit?« fragte der alte Bergmann.

»Seht selbst, Vater!«.

Harry hatte sich nicht getäuscht. Deutlich erkannte man beim Scheine der Lampe die Verschließung der Spalten, welche, erst neuerdings mittels Kalk ausgeführt, sich deutlich als eine lange weißere Linie zeigte, die durch darauf gestreuten Kohlenstaub nur unvollkommen verdeckt war.

»Er!« rief Harry, »das kann nur Er gethan haben!«

»Welcher Er?« fragte James Starr.

»Nun, jener Unbekannte,« antwortete Harry Ford, »der unser Reich heimsucht; er, dem ich hundertmal aufgelauert habe, ohne ihn zu erlangen; derselbe, das steht nun außer Zweifel, der auch jenen zweiten Brief schrieb, um Sie, Herr Starr, von der Begegnung mit meinem Vater abzuhalten, und der in dem Stollen vom Yarow-Schachte her jenen Stein nach uns schleuderte! O, hier ist kein Zweifel möglich! Bei allen diesen Vorkommnissen ist die Hand eines Menschen im Spiele!«

Harry hatte mit solch' entschiedener Sicherheit gesprochen, daß sich seine Überzeugung auch dem Ingenieur unwillkürlich aufdrängte. Nur der alte Obersteiger beharrte bei seiner Ansicht, trotzdem man sich hier angesichts einer unleugbaren Thatsache befand, jener Verschließung der Schieferplatten, durch welche das Gas noch gestern hervordrang.

»Nimm Deine Spitzhaue, Harry,« rief Simon Ford. »Steig' auf meine Schultern, mein Junge! Ich bin noch fest genug, Dich zu tragen.«

Harry verstand ihn. Sein Vater stellte sich dicht an die Wand, er selbst schwang sich auf dessen Schultern, so daß er die verkitteten Spalten erreichen konnte. Sofort bearbeitete er mit wiederholten kräftigen Schlägen das umgebende Schiefergestein.

Bald entstand ein scharfes Zischen, wie man es vom Champagner hört, der seine Kohlensäure durch einen nicht ganz dichten Pfropfen treibt – ein Geräusch, das man in den englischen Kohlenwerken mit dem onomatopoetischen Namen »Puff« bezeichnet.

Harry ergriff nun die Lampe und näherte sie dem Spalt . . .

Es entstand eine leichte Detonation, und längs der Wand hin hüpfte eine kleine röthliche, an den Rändern blaue Flamme, ähnlich einem flackernden Irrlicht.

Harry sprang wieder herunter, und der alte Obersteiger ergriff als Ausdruck seiner innigsten Freude die Hände des Ingenieurs mit den Worten:

»Hurrah, hurrah, hurrah! Herr James, das Wettergas brennt, die Kohle ist da!«

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