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Schwarz-Indien

Jules Verne: Schwarz-Indien - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchwarz-Indien
authorJules Verne
translatorunbekannt
firstpub1878
year1878
publisherA. Hartleben Verlag
addressWien, Pest, Leipzig
titleSchwarz-Indien
created20060201
senderngiyaw@googlemail.com
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Sechstes Capitel.

Einige unerklärliche Erscheinungen.

Es ist bekannt, wie viel in den bergigen und ebenen Theilen Schottlands noch Aberglaube herrscht. In gewissen Clans lieben es die Gutsbesitzer und Bauern, wenn sie des Abends zusammenkommen, sich durch die Erzählungen aus der hyperboräischen Mythologie zu unterhalten. Obwohl für die Bildung des Volkes in diesem Lande sehr freigebig und in ausgedehntem Maße gesorgt wird, so hat diese jene Legenden doch noch nicht zu dem, was sie sind, d.h. zu Fictionen zurückzuführen vermocht, so fest scheinen sie mit dem Boden des alten Caledoniens gleichsam verwachsen zu sein. Hier ist noch immer das Reich der Geister und Gespenster, der Kobolde und Feen. Da erscheinen böse Geister in den verschiedensten Formen: der »Seer« des Hochlandes, der durch ein zweites Gesicht bevorstehende Todesfälle ankündigt: der »May Moullach«, der sich in der Gestalt eines jungen Mädchens mit behaarten Armen zeigt, und den mit einem Unglück bedrohten Familien dieses meldet: die Fee »Branschie«, ebenfalls eine Verkünderin trauriger Ereignisse: die »Brawnies«, welche als Beschützer des Hausraths angesehen werden, der »Urisk«, der vorzüglich an den wildromantischen Schluchten des Katrinesees sein Wesen treibt – und noch viele Andere.

Es versteht sich von selbst, daß die Arbeiterbevölkerung der schottischen Kohlenwerke ihren Beitrag zu den Legenden und Fabeln dieses mythologischen Repertoires lieferte. Wenn die Berge des Hochlandes von guten oder bösen chimärischen Wesen belebt waren, so mußten doch die finsteren Kohlengruben mit noch weit größerem Recht bis in ihre letzten Tiefen von solchen bewohnt sein. Wer sollte denn in stürmischen Nächten die Erdschichten erschüttern: wer führte die suchende Spitzhaue zu noch unausgebeuteten Adern: wer entzündete die schlagenden Wetter und erregte jene furchtbaren Explosionen, wenn nicht irgend ein Berggeist?

Das war mindestens die ganz allgemein verbreitete Anschauung unter den abergläubischen Schotten. Der größte Theil der Bergleute glaubte wirklich bei rein physikalischen Erscheinungen viel lieber an etwas Geisterhaftes, und es wäre verlorene Mühe gewesen, die Leute davon abzubringen. Wo hätte sich auch die Leichtgläubigkeit besser entwickeln können als in den stillen Tiefen dieser Abgründe?

Selbstverständlich mußten sich solche übernatürliche Ereignisse in den Werken von Aberfoyle, welche gerade inmitten jener sagenreichen Gegenden lagen, mehr als anderwärts abspielen.

Es war das auch wirklich schon länger der Fall, als in der neuesten Zeit noch verschiedene, bisher unerklärliche Erscheinungen hinzutraten, die der Leichtgläubigkeit der großen Menge nur neue Nahrung zuführten.

Zu den abergläubigsten Leuten in der Grube Dochart gehörte Jack Ryan, der Arbeitsgenosse Harry's. Dieser hatte auch noch ein anderes Interesse an allem Übernatürlichen. Er schuf sich seine Lieder aus jenen phantastischen Geschichten, mit deren Vortrag er an den langen Winterabenden den lautesten Beifall seiner Zuhörer gewann.

Jack Ryan war aber nicht allein so abergläubisch. Seine Kameraden bestätigten alle, daß es in den Gruben von Aberfoyle nicht geheuer sei und sich hier, ganz wie in den Hochlanden, häufig geisterhafte Wesen zeigten. Wenn man die Leute so sprechen hörte, mußte man fast an ihre Erzählungen glauben. Es giebt ja für Gnomen, Berggeister und Gespenster aller Art kaum eine geeignetere Stätte als die dunkle, stille Tiefe eines Bergwerkes. Hier war die Scene für sie vollständig eingerichtet, warum sollten die übernatürlichen Personen versäumen, daselbst ihre Rolle zu spielen?

Das war wenigstens der Gedankengang bei Jack Ryan und seinen Kameraden in den Werken von Aberfoyle. Wie erwähnt, hingen die verschiedenen Gruben alle durch lange Stollen untereinander zusammen. Der große, von Tunneln durchsetzte und von Schächten durchbohrte Untergrund der Grafschaft Stirling bildete also eine Art Hypogäon, ein unterirdisches Labyrinth, das einem ungeheuren Ameisenbaue ähnelte.

Die Bergleute der verschiedenen Schächte begegneten sich häufig, wenn sie sich zur Arbeit begaben oder von dieser zurückkehrten. Sie konnten ihre Erlebnisse alle leicht einander mittheilen, und so pflanzten sich die Märchen aus dem Werke von Grube zu Grube fort. Die Erzählungen gewannen dabei eine wunderbar schnelle Verbreitung, wobei sie von Mund zu Mund, wie das gewöhnlich geschieht, noch wuchsen.

Zwei Männer allein machten in Folge ihrer hohen Bildung und ihres nüchternen Charakters eine rühmliche Ausnahme und ließen sich nirgends zu der Annahme einer Einwirkung von Berggeistern, Gnomen oder Feen verleiten.

Das waren Simon Ford und dessen Sohn. Sie legten dafür ein weiteres Zeugniß ab, als sie, auch nach dem Aufgeben der Arbeiten in der Grube Dochart, doch noch in der einsamen Höhle wohnen blieben. Vielleicht hatte die gute Madge, wie es bei jeder Bergschottin der Fall ist, einen gewissen Hang zum Übernatürlichen. Alle Berichte über Geistererscheinungen und dergleichen wiederholte sie sich aber nur im eigenen Innern, wenn auch mit aller Gewissenhaftigkeit, um die alten Traditionen wenigstens nicht zu vergessen.

Doch wären selbst Simon und Harry Ford ebenso abergläubisch gewesen wie ihre Kameraden, sie hätten auch dann das Werk den Genien und Feen noch nicht überlassen. Die Hoffnung, eine neue Kohlenader aufzufinden, hätte sie dem ganzen phantastischen Gesindel von Gnomen Trotz bieten lassen.

Ihr Glaube concentrirte sich nur auf den einen Punkt: sie konnten nicht zugeben, daß das Kohlenlager von Aberfoyle schon vollständig erschöpft sei. Man hätte mit Recht sagen können, daß Simon Ford und sein Sohn in dieser Hinsicht buchstäblich einen »richtigen Köhlerglauben« hatten, einen Glauben an Gott, den nichts zu erschüttern vermochte.

Zehn volle Jahre lang, ohne einen Tag ganz zu feiern, nahmen Vater und Sohn, unbeirrt in ihrer Überzeugung, Haue, Stock und Lampe zur Hand, gingen aus, nach neuen Schätzen zu suchen, und beklopften jeden Felsen, um zu hören, ob er nur einen trockenen oder einen versprechenderen Ton gab.

Da die früheren Sondirungen den Granit der primären Formation noch nicht erreicht hatten, blieben Simon und Harry Ford bei der Ansicht, daß die heute fruchtlose Untersuchung es morgen ja nicht zu sein brauche, also rastlos wiederholt werden müsse. Ihr ganzes Leben verwendeten sie auf die Versuche, den Werken von Aberfoyle ihr früheres Gedeihen wieder zu gewinnen. Sollte der Vater dabei unterliegen, bevor ein Erfolg erzielt war, so hätte der Sohn dieses Unternehmen allein fortgesetzt.

Gleichzeitig behielten diese beiden treuen Wächter der Kohlengrube auch deren Instandhaltung unentwegt im Auge. Sie prüften, ob irgendwo ein Einsturz zu befürchten sei, ob man den oder jenen Theil derselben dem Verfalle überlassen müsse. Sie spürten dem Eindringen der Tageswasser nach, gruben Abflußrinnen und leiteten sie irgend einem Schöpfbrunnen zu. Mit einem Wort, sie dienten freiwillig als Beschützer und Erhalter dieser unproductiven Anlage, aus der ehemals so große, jetzt in Rauch verflüchtigte Reichthümer hervorgegangen waren.

Bei einigen dieser Excursionen beobachtete vorzüglich Harry gewisse auffallende Erscheinungen, zu deren Erklärung er nicht gelangen konnte.

Mehrmals, wenn er den oder jenen engen Stollen durchschritt, glaubte er ein Geräusch zu hören, als würde mit einer Haue kräftig an die Wand eines Ganges geschlagen.

Da ihn weder etwas Übernatürliches noch etwas Natürliches erschrecken konnte, hatte sich Harry keine Mühe verdrießen lassen, dieser geheimnißvollen Arbeit auf die Spur zu kommen.

Der Stollen war verlassen. Der junge Mann leuchtete mit der Lampe längs der Wände hin, ohne irgend ein Zeichen von Axt- oder Hackenschlägen aus neuerer Zeit daran zu entdecken.

Er kam also zu dem Gedanken, daß ihn hier nur eine akustische Illusion, ein wunderbares phantastisches Echo getäuscht habe.

Andere Male, wenn er plötzlich seinen Lichtschein in irgend eine verdächtige Aushöhlung fallen ließ, hatte er etwas wie einen Schatten vorüber huschen sehen. Er sprang darauf zu . . . nichts! Er fand nicht einmal ein Schlupfloch, durch welches ein menschliches Wesen sich seiner Verfolgung hätte entziehen können.

Zweimal während eines Monates hörte Harry, wenn er den westlichen Theil des Werkes besuchte, entfernte Detonationen, als wenn von Bergleuten eine Dynamitpatrone entzündet worden sei.

Die genauesten Nachforschungen lehrten ihn beim zweiten Male allerdings auch, daß einer der stehengelassenen Steinpfeiler durch eine Minensprengung umgeworfen worden war.

Mit Hilfe seiner Lampe untersuchte Harry genau die von der Sprengung zerrissenen Wände. Sie bestanden aus dem Schiefer, der überhaupt in dieser Tiefe des Werkes vorherrschte. Hatte nun irgend Jemand diese Minen gelegt um vielleicht eine neue Ader zu entdecken, oder beabsichtigte der Urheber nur, diesen Theil des Werkes zu verschütten? Diese Fragen tauchten in ihm auf; doch auch als er das Vorkommniß seinem Vater erzählte, konnte dieselbe weder der alte Obersteiger noch er selbst befriedigend lösen.

»Es ist wunderbar,« wiederholte Harry häufig. »Der Aufenthalt eines unbekannten Wesens in der Grube ist doch kaum anzunehmen und dennoch außer allem Zweifel. Wollte außer uns noch ein Anderer nachsuchen, ob sich noch ein abbauwürdiges Flötz hier vorfinde, oder hatte er nur die Absicht, vollends zu zerstören, was von dem Werke von Aberfoyle noch übrig ist? Doch warum das? Ich muß es wissen und koste es das Leben!«

Vierzehn Tage vorher, ehe Harry Ford den Ingenieur durch die Irrgänge der Grube Dochart leitete, glaubte er nahe daran zu sein, das Ziel seiner Nachforschungen zu erreichen.

Mit einer mächtigen Fackel in der Hand streifte er durch den südwestlichen Theil der Grube.

Plötzlich schien es, als verlösche nur wenig hundert Schritte vor ihm ein Licht, genau am Ausgangspunkt eines schiefen, nach aufwärts laufenden Schachtes. Er eilte dem verdächtigen Scheine nach . . .

Vergeblich. Da Harry nicht gewöhnt war, natürlichen Erscheinungen eine übernatürliche Ursache zuzuschreiben, so folgerte er daraus, daß hier bestimmt irgend ein Unbekannter sein Wesen treiben müsse. Aber trotzdem er mit peinlichster Sorgfalt auch die geringsten Ausbiegungen und Höhlen des Ganges untersuchte, war dennoch seine Mühe fruchtlos und verschaffte ihm keinerlei Gewißheit.

Harry vertraute also auf den Zufall, der dieses Geheimniß entschleiern werde. Da und dort sah er wohl noch mehrmals Lichter schimmern, die, St. Elmsfeuern ähnlich, von einer Stelle zur anderen hüpften; sie leuchteten aber nur so kurz auf wie ein Blitz, und er mußte darauf verzichten, ihrer Ursache weiter nachzuspüren.

Hätten Jack Ryan oder die anderen leichtgläubigen Arbeiter der Grube diese phantastischen Flämmchen bemerkt, sie hätten dieselben ohne Zaudern einem außerirdischen Einflusse zugeschrieben.

Harry freilich dachte hieran nicht im mindesten, so wenig wie der alte Simon. Beide besprachen aber öfter diese Erscheinungen, welchen ihrer Ansicht nach irgend eine natürliche Ursache zu Grunde liegen müsse.

»Warten wir es ruhig ab, mein Junge,« sagte dann der Obersteiger. »Das wird einmal noch Alles an den Tag kommen!«

Wir bemerken hierzu, daß bisher weder Harry noch sein Vater das Ziel eines brutalen Angriffs gewesen waren.

Wurde jener Stein, der so dicht vor dem Ingenieur niederschlug, von der Hand eines Übelthäters geworfen, so war das der erste verbrecherische Versuch, dessen sie sich erinnerten. James Starr antwortete, als man ihn um seine Ansicht hierüber fragte, daß der Stein sich von dem Gewölbe des Stollen abgelöst haben werde; nur Harry wollte eine so einfache Erklärung nicht gelten lassen. Er blieb dabei, daß der Stein nicht herabgefallen, sondern geworfen worden sei. Wenn er im Fallen nicht irgendwo angeprallt war, so hätte er niemals eine Curve beschreiben können, außer wenn er von fremder Gewalt geschleudert wurde.

Harry sah darin vielmehr ein directes Attentat gegen sich oder seinen Vater, wenn nicht gar gegen den Ingenieur selbst. Man wird zugeben, daß er hierzu einige Ursache hatte.

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