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Schwarz-Indien

Jules Verne: Schwarz-Indien - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchwarz-Indien
authorJules Verne
translatorunbekannt
firstpub1878
year1878
publisherA. Hartleben Verlag
addressWien, Pest, Leipzig
titleSchwarz-Indien
created20060201
senderngiyaw@googlemail.com
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Einundzwanzigstes Capitel.

Nell's Vermählung.

Man trennte sich, aber unter dem Versprechen, mehr als je vorsichtig und aufmerksam zu sein. Des alten Silfax' Drohung war zu deutlich, um ihr nicht Rechnung zu tragen. Es fragte sich, ob der frühere Büßer nicht irgend ein furchtbares Mittel besaß, ganz Aberfoyle zu vernichten.

An den verschiedenen Ausgängen der Grube wurden also bewaffnete Wächter aufgestellt, welche Tag und Nacht daselbst verblieben. Jeder Fremde sollte James Starr vorgeführt werden, um sich über seine Person auszuweisen. Jetzt scheute man sich auch nicht, die Bewohner von Coal-City über die der unterirdischen Colonie drohenden Gefahren zu unterrichten. Da Silfax hier mit Niemandem in heimlichem Einverständniß sein konnte, war ja keine Verrätherei zu befürchten. Auch Nell theilte man die ergriffenen Sicherheitsmaßregeln mit, welche diese, wenn auch nicht vollständig, doch einigermaßen beruhigten. Vor Allem aber war es die zuverlässige Versicherung Harry's, ihr überallhin zu folgen, was ihr das Versprechen abrang, keine Fluchtversuche zu machen.

Während der Nell's und Harry's Vermählung vorhergehenden Woche blieb Neu-Aberfoyle von jedem Zwischenfall verschont. Auch die Bergleute erholten sich, wenn auch alle Vorsichtsmaßregeln streng aufrecht erhalten wurden, allmälig von dem Schrecken, der den ganzen Betrieb in Frage zu stellen drohte.

James Starr ließ inzwischen nicht nach, den alten Silfax auszuspähen. Da der rachgierige Greis versichert hatte, daß Nell niemals Harry's Gattin werden solle, mußte man annehmen, daß er vor keinem Mittel zurückschrecken werde, diese Verbindung unmöglich zu machen. Am besten erschien es, sich unter Schonung des Lebens seiner Person zu versichern. Man durchsuchte alle Gänge bis zu den oberen Etagen, welche in der Nähe von Irvine bei den Ruinen von Dundonald-Castle ausliefen, mit größter Sorgfalt, da man, gewiß mit Recht, annahm, daß Silfax auf dem Wege durch dieses verfallene Schloß nach der Oberwelt gelangte, um entweder durch Einkauf oder Bettelei die nöthigen Bedürfnisse für seine elende Existenz zu gewinnen. Bezüglich der »Feuerhexen« war James Starr nun überzeugt, daß der alte Silfax dann und wann ausströmende Wettergase, welche sich in jenem Theile der Grube entwickelten, angezündet und hierdurch jene öfters beobachtete Erscheinung hervorgerufen habe. Er irrte hiermit nicht. Leider blieben aber alle Nachforschungen erfolglos.

James Starr fühlte sich während dieses unausgesetzten Kampfes gegen ein scheinbar ungreifbares Wesen höchst unglücklich, obwohl er das nach Kräften verbarg. Je näher der Hochzeitstag aber heranrückte, desto mehr wuchs seine Besorgniß, welche er ausnahmsweise dem alten Obersteiger mittheilen zu müssen glaubte. Auch an diesem nagte übrigens eine begreifliche Unruhe.

Endlich kam der bestimmte Tag.

Silfax hatte kein weiteres Lebenszeichen gegeben.

Vom frühen Morgen ab war die gesammte Bewohnerschaft Coal-City's auf den Füßen. Die Arbeit in Neu-Aberfoyle wurde zeitweilig eingestellt. Steiger, Werkführer und Arbeiter ließen es sich nicht nehmen, dem alten Obersteiger und dessen Sohne ihre Anhänglichkeit und Ehrerbietung zu beweisen. Sie zahlten damit ja nur von der Schuld zurück, zu welcher sie sich gegen die beiden Männer, deren kühnem Ausharren man die erneute Blüthe Neu-Aberfoyle's verdankte, verpflichtet fühlten.

Um elf Uhr sollte die Feierlichkeit in der Kapelle St. Gilles am Ufer des Malcolmsees vor sich gehen.

Zur festgesetzten Stunde sah man Harry, der seine Mutter führte, und Simon Ford mit Nell am Arme aus der Cottage treten.

Ihnen folgte, scheinbar ruhig, aber doch scharf auf Alles achtend, der Ingenieur James Starr, und diesem Jack Ryan, der sich in seinem Festkleide als Piper ganz schmuck ausnahm.

Weiter schlossen sich die übrigen Techniker des Werkes, die Notabeln aus Coal-City, die Steiger und andere Freunde des alten Obersteigers an, ebenso wie alle Mitglieder dieser großen Bergmannsfamilie, welche die eigentliche Bevölkerung Neu-Aberfoyle's bildete.

Draußen glühte einer jener sengenden Augusttage, welche vorzüglich in nördlichen Ländern so lästig sind. Eine gewitterschwüle Luft drang selbst bis in die Tiefe der Grube, wo die Temperatur eine ganz außergewöhnlich hohe war. Die Atmosphäre sättigte sich mit Elektricität durch die Wetterschächte und den großen Malcolm-Tunnel.

Man hätte – eine ungemein seltene Erscheinung – in Coal-City heute ein auffallend tiefes Fallen des Barometers beobachten können, so daß in der That die Frage nahe lag, ob sich wohl ein Gewitter unter der Schieferwölbung der Himmelsdecke jener gewaltigen Höhle, entladen solle.

In Wahrheit freilich beunruhigte sich da unten keine Seele wegen des drohenden atmosphärischen Aufruhrs an der Oberwelt.

Selbstverständlich trug Jedermann seine besten Feierkleider.

Madge schmückte ein Anzug, der lebhaft an die alten Zeiten erinnerte. Ihr Haar zierte ein »toy«, wie ihn bejahrtere Frauen lieben, und von den Schultern fiel ihr ein »rokelay«, eine Art viereckige Mantille, welche die Schottinnen nicht ohne Grazie zu tragen verstehen.

Nell hatte sich gelobt, die Bewegung ihres Innern zu bekämpfen. Sie verbot ihrem Herzen, ungestüm zu schlagen, ihren Angstgefühlen, sie zu verrathen, und so gelang es dem muthigen Kinde, ruhig und gefaßt zu erscheinen.

Sie erschien nur sehr einfach gekleidet, aber diese Einfachheit, welche sie jedem reicheren Schmucke vorgezogen hatte, verlieh ihr nur noch einen neuen Reiz. Ihr einziger Haarputz bestand in einem »snood«, einem buntfarbigen Bande, mit dem sich die jungen Caledonierinnen gern schmücken.

Simon Ford trug einen Anzug, den Walter Scott's würdiger Landvoigt Nichol Jarvie nicht verachtet hätte.

Die ganze zahlreiche Gesellschaft strebte der prächtig geschmückten Kapelle St. Gilles zu.

Am Himmel von Coal-City glänzten gleich Sonnen die heute von mächtigeren elektrischen Strömen ernährten Strahlenbündel. Ein Meer von Licht ergoß sich durch Neu-Aberfoyle.

Auch in der Kapelle verbreiteten die elektrischen Lampen eine außergewöhnliche Helligkeit, bei der die bunten Fensterscheiben wie feurige Kaleidoskope schimmerten.

Der ehrwürdige Pfarrer William Hobson sollte die Trauung vornehmen. Er wartete an der Thüre der Kapelle der Ankunft der Brautleute.

Der Zug nahte sich, nachdem er in feierlichem Schritte dem Ufer des Malcolmsees gefolgt war.

In diesem Augenblicke ertönte die Orgel und die beiden Paare begaben sich, vom ehrwürdigen Hobson geführt, nach dem Hochaltar von St. Gilles.

Erst erflehte der Priester den Segen des Himmels über die ganze Versammlung, dann blieben Harry und Nell allein stehen vor dem Diener des Herrn, der die heilige Schrift in der Hand hielt.

»Harry Ford,« begann der Geistliche, »wollen Sie Nell zu Ihrem Weibe nehmen und schwören Sie, ihr immerfort in treuer Liebe anzuhängen?«

»Ich schwöre es vor Gott dem Allmächtigen,« antwortete der junge Mann mit fester Stimme.

»Und Sie, Nell,« fuhr der Seelsorger fort, »wollen auch Sie Harry Ford zum Gatten erwählen und . . .«

Die Formel war noch nicht zu Ende, als sich draußen ein furchtbares Getöse vernehmen ließ.

Einer der gewaltigen auf den See überhängenden Felsen, etwa hundert Schritt von der Kapelle, hatte sich plötzlich ohne jede Explosion losgelöst, als sei dessen Fall schon vorher vorbereitet gewesen. Unter demselben stürzte sich das Wasser in einen tiefen Abgrund, dessen Vorhandensein bis jetzt Niemand gekannt hatte.

Gleich darauf tauchte zwischen dem Steingeröll ein Boot auf, das eine kräftige Hand über das Wasser hintrieb.

Aufrecht in dem Fahrzeuge stand ein Greis in dunkler Mönchskutte, mit struppigem Haare und langem, auf die Brust niederwallendem, weißem Barte.

In der Hand hielt er eine Davy'sche Lampe, in welcher eine durch das umgebende Drahtgeflecht isolirte Flamme brannte.

Gleichzeitig rief der Greis mit lauter Stimme.

»Die Wetterluft! die Wetterluft! Tod Allen und Verderben!«

Jetzt verbreitete sich auch der eigenthümliche Geruch des Kohlenstoff-Monocarbonates in der Luft.

Es rührte das daher, daß durch den Felsensturz eine ungeheure, in sogenannte »Windtaschen« angesammelte Menge jenes explosiven Gases entwichen war. Früher hatte das überlagernde Gestein jene hermetisch abgeschlossen. Jetzt strömte das gefährliche Gas unter einem Drucke von vier bis fünf Atmosphären nach der Wölbung der Höhle.

Der Greis kannte jene Windtaschen und hatte sie plötzlich geöffnet, um die Atmosphäre der Krypte in eine explodirbare Gasmischung zu verwandeln.

James Starr und einige Andere verließen inzwischen die Kapelle und stürzten nach dem Seeufer.

»Fort aus der Grube! Um Gottes Willen fort!« rief der Ingenieur, der, als er die drohende Gefahr durchschaute, diesen Warnungsruf durch die Thüre der Kapelle sandte.«

»Die schlagenden Wetter! Die bösen Wetter!« wiederholte der Greis und trieb sein Boot weiter über den See.

Harry drängte seine Braut, seinen Vater und seine Mutter aus der kleinen Kirche.

»Fort aus der Grube! Schnell, schnell fort!« mahnte der Ingenieur nochmals.

Es war zu spät zur Flucht! Der alte Silfax war da, bereit, seine letzte Drohung zu erfüllen und die Verbindung Nell's und Harry's dadurch zu verhindern, daß er sämmtliche Einwohner Coal-City's unter den Trümmern des Kohlenwerkes begrub.

Ihm zu Häupten flatterte sein riesiger Harfang mit weißlichem, schwarz geflecktem Gefieder.

Da stürzte sich muthig ein Mann in den See, der mit kräftigem Arme auf das Boot zuschwamm.

Jack Ryan war es. Er mühte sich, den Wahnsinnigen zu erreichen, bevor dieser sein teuflisches Vorhaben ausgeführt hätte.

Silfax sah ihn näher kommen. Er zerbrach das Glas der Lampe, riß aus derselben den brennenden Docht und hielt diesen in die Luft hinaus.

Das Schweigen des Todes lag auf der entsetzten Versammlung. James Starr hatte sich in das Unvermeidliche ergeben und verwunderte sich nur, daß die zerstörende Explosion so lange auf sich warten ließ.

Silfax' verzerrte Züge verriethen, wie der Zorn in ihm aufschäumte, als er bemerkte, daß das zu leichte Gas, statt sich in den unteren Luftschichten zu verbreiten, nach der Höhe der Deckenwölbung geströmt sei.

Da erfaßte auf einen Wink von Silfax der Harfang den todbringenden Docht mit der Kralle, und schwang sich, wie er es früher in der Grube Dochart gewöhnt war, nach der Höhe auf, wohin der Greis mit der Hand ihn wies.

Noch wenige Secunden und Neu-Aberfoyle war vernichtet.

Da entwand sich Nell Harry's Armen.

Ruhig und ihres Zweckes bewußt, eilte sie nach dem Ufer bis dicht an das Wasser.

»Harfang! Harfang!« rief sie mit heller Stimme, »Hierher! Komm, komm zu mir!«

Erstaunt zögerte der treue Vogel erst einen Augenblick. Doch plötzlich, als er Nell's Stimme wieder erkannte, ließ er den brennenden Docht in das Wasser des Sees fallen, beschrieb suchend einen weiten Bogen und setzte sich zu Füßen des jungen Mädchens nieder.

Die höheren, explosiven Schichten, in welchen das Wettergas mit der Luft vermischt war, hatte er noch nicht erreicht gehabt!

Da gellte ein entsetzlicher Schrei durch den weiten Raum. Es war der letzte Laut von des alten Silfax' Stimme.

Eben als Ryan die Hand an die Bordwand des Fahrzeuges legte, stürzte sich der Greis, der seinen Racheplan gescheitert sah, in die Fluthen des Sees.

»Rettet ihn! Rettet ihn!« rief Nell mit flehender Stimme.

Harry hörte ihre Bitte. Jetzt sprang auch er in das Wasser, erreichte Jack Ryan sehr bald und tauchte wiederholt unter.

Vergebens!

Die Fluthen des Malcolm gaben ihre Beute nicht wieder frei. Sie hatten sich für immer über dem alten Silfax geschlossen.

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