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Schwarz-Indien

Jules Verne: Schwarz-Indien - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchwarz-Indien
authorJules Verne
translatorunbekannt
firstpub1878
year1878
publisherA. Hartleben Verlag
addressWien, Pest, Leipzig
titleSchwarz-Indien
created20060201
senderngiyaw@googlemail.com
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Zwanzigstes Capitel.

Der Büßer.

Dieser Name hatte für den alten Obersteiger den vollen Werth einer Offenbarung.

Es war der des letzten »Büßers« der Grube Dochart.

Früher, vor Erfindung der Sicherheitslampe, hatte Simon Ford diesen wilden Menschen gekannt, der mit Gefahr seines Lebens Tag für Tag beschränktere Explosionen der schlagenden Wetter hervorrief. Häufig sah er damals dieses sonderbare Wesen, das auf dem Grunde der Gänge dahinkroch, begleitet von einem ungeheuren Harfang, einer Art riesenhafter Nachteule, die ihn bei seinem gefährlichen Geschäfte dadurch unterstützte, daß sie einen brennenden Docht oft da hinauf trug, wohin Silfax' Arme nicht reichten. Eines Tages verschwand dieser Greis und mit ihm ein kleines Waisenmädchen, das in dem Werke geboren war, und außer ihm, seinem Großvater, weitere Angehörige nicht mehr besaß. Nell war unzweifelhaft dieses Kind. Seit fünfzehn Jahren hatten Beide nun in den finsteren Abgründen gelebt, bis zu dem Tage, da Harry Nell daraus errettete.

Ebenso von Mitleid wie von Zorn erregt, erzählte der alte Obersteiger nun dem Ingenieur und seinem Sohne, was der Anblick dieses Namens Silfax in ihm an Erinnerungen weckte.

Jetzt verbreitete sich endlich Licht. Silfax war das geheimnißvolle, in den Tiefen Neu-Aberfoyle's vergeblich gesuchte Wesen.

»Ihr habt ihn also gekannt, Simon?« fragte der Ingenieur.«

»Gewiß,« erwiderte der Obersteiger. »Der Mann mit dem Harfang! Er war nicht mehr jung; er mochte fünfzehn bis zwanzig Jahre mehr zählen als ich. Ein wilder, menschenscheuer Charakter, der sich mit Niemandem vertrug und weder Wasser noch Feuer fürchtete. Die Beschäftigung als Büßer, der sich nicht Viele unterziehen mögen, wählte er aus Wohlgefallen daran. Die tagtägliche Gefahr schien seine Gedanken zu verwirren. Man hielt ihn wohl für bös, während er vielleicht nur ein Narr war. Dabei hatte er eine ungewöhnliche Körperkraft und kannte die Grube wie kaum ein Anderer – wenigstens so gut wie ich selbst. Man gewährte ihm stets eine gewisse Freiheit. Meiner Treu, ich hätt' ihn schon seit vielen Jahren todt geglaubt.«

»Was will er aber,« fuhr James Starr fort, mit den Worten: ›Du hast mir die letzte Ader unserer alten Grube gestohlen!‹ sagen?«

»Nun, seit langer Zeit schon,« antwortete Simon Ford, »behauptete Silfax, mit dessen Gehirn es wie gesagt nicht ganz richtig war, einen Anspruch auf das alte Aberfoyle zu haben. So ward auch sein ganzes Wesen nur desto scheuer und wilder, je mehr seine Grube Dochart – seine Grube! – sich zu Ende neigte. Es schien, als rissen die Schläge der Häuer ihm die eigenen Eingeweide aus dem Innern. – Du erinnerst Dich dessen, Madge?«

»Recht gut, Simon,« bestätigte die alte Schottin.

»Alles das tritt mir wieder vor Augen,« fügte Simon Ford hinzu, »seit ich den Namen Silfax auf dieser Thür sah. Doch, ich wiederhole es, den hielt ich längst für todt und kam gar nicht auf den Gedanken, daß jener von uns gesuchte Übelthäter der frühere Büßer der Grube Dochart sei.«

»Jetzt erklärt sich Alles,« meinte James Starr. »Ein Zufall hat Silfax das Vorhandensein der neuen Kohlenlager enthüllt. In seiner wahnsinnigen Verblendung hielt er sich zu deren Beschützer berufen. So mag er, da er in der Grube lebte und dieselbe Tag und Nacht durchstreifte, auch Euer Geheimniß, Simon, und dabei die Absicht, mich eiligst nach der Cottage zu bestellen, in Erfahrung gebracht haben. Das erklärt die Absendung jenes, dem Eurigen widersprechenden Briefes, das Herabwerfen jenes Steines nach Harry und mir, sowie die Zerstörung der Leitern im Yarow-Schachte; das erklärt die Verschließung der Spalten in der Zwischenwand nach den neuen Lagerstätten, unsere Einschließung und unsere Erlösung, die wir, gewiß wider Wissen und Willen des alten Silfax, der gutmüthigen Nell verdanken.«

»Ihre Darstellung der Thatsachen,« bemerkte Simon Ford, »trifft gewiß das Richtige, Herr James. Der alte Büßer ist jetzt unzweifelhaft ganz wahnsinnig.«

»Das ist ein wahres Glück,« äußerte Madge.

»Ich weiß nicht,« erwiderte James Starr kopfschüttelnd, »ob ich dem zustimmen soll, denn sein Wahnsinn muß wohl entsetzlicher Art sein. O, jetzt begreif' ich, daß Nell nur mit Schrecken und Abscheu an ihn denken konnte, und verstehe es, daß sie ihren eigenen Großvater nicht denunciren mochte. Welch' traurige Jahre mag sie in Gesellschaft dieses Greises verlebt haben!«

»Gewiß, sehr traurige!« meinte Simon Ford, bei diesem Wilden und seinem nicht minder schrecklichen Harfang. Ganz sicher lebt auch dieser Vogel noch, denn nur er kann damals unsere Lampe ausgelöscht und später das Seil zerhackt haben, an dem Harry und Nell hingen . . .«

»Und ich begreife auch,« sagte Madge, »daß die Nachricht von der bevorstehenden Verbindung seiner Enkelin mit unserem Sohne, die er auf wer weiß welche Weise erhalten haben mag, den Groll des alten Silfax besonders erregt und seine Wuth gegen Alle verdoppelt hat.«

»Eine Vermählung Nell's mit dem Sohne Desjenigen, den er beschuldigt, ihm die letzten Schätze von Aberfoyle geraubt zu haben, mußte seine Erregung allerdings auf die Spitze treiben!« bestätigte auch Simon Ford.

»Es wird ihm nun nichts übrig bleiben, als sich mit dieser Thatsache langsam auszusöhnen,« rief Harry. »So entfremdet er dem gesellschaftlichen Leben auch sein mag, wird er doch schließlich zu der Einsicht kommen müssen, daß Nell's jetzige Lebensverhältnisse denen im tiefsten Abgrunde der Grube gewiß vorzuziehen sind. Ich bin fest überzeugt, Herr Starr, daß wir ihm zuletzt diese Überzeugung beibringen würden, wenn es uns nur gelänge, seiner habhaft zu werden . . .«

»Mit dem Wahnsinn ist keine Verhandlung möglich, mein armer Harry!« antwortete der Ingenieur. »Besser ist es gewiß, seinen Feind wenigstens zu kennen; für uns ist damit aber, daß wir wissen, wer es ist, noch keineswegs Alles erreicht. Wir müssen immer auf unserer Hut bleiben, meine Freunde, und jetzt mag Harry auch Nell zu befragen suchen. Er muß das thun, und sie wird auch einsehen, daß ihr Schweigen jetzt keinen Sinn mehr hätte. Im eigenen Interesse ihres Großvaters muß sie sich aussprechen. Es ist für ihn wie für uns gleichmäßig wichtig, seine unheilvollen Absichten vereiteln zu können.«

»Ich bezweifle gar nicht, Herr Starr,« erwiderte Harry, »daß Nell nicht aus eigenem Antriebe Ihren Fragen entgegen kommen wird. Sie wissen nun, daß sie nur in Folge eines vielleicht zu zarten Pflichtgefühles bisher geschwiegen hat. Jetzt wird sie gewiß aus demselben Beweggrunde nicht mehr zögern zu reden. Meine Mutter that sehr wohl daran, sie in ihr Zimmer zu führen. Sie bedurfte gewiß der Sammlung, doch jetzt werde ich sie holen . . .«

»Das ist nicht nöthig, Harry,« erklang da die sichere und helle Stimme des jungen Mädchens, das eben wieder in das Zimmer der Cottage zurückkehrte.

Nell war bleich; ihre Augen verriethen, wie viel sie geweint hatte; sie schien aber entschlossen, dem Zwange des Augenblicks Rechnung zu tragen.

»Nell!« rief Harry und eilte auf das junge Mädchen zu.

»Lieber Harry,« antwortete Nell mit einer abwehrenden Handbewegung gegen ihren Verlobten, »jetzt müssen Dein Vater und Deine Mutter, jetzt mußt auch Du Alles erfahren. Auch Herr Starr darf nicht im Unklaren sein über das Kind, welches er annahm, ohne es zu kennen, und das Harry, ach, zu seinem Unglück! dem Abgrunde entführt hat.«

»Nell!« rief Harry noch einmal.

»Laß Nell jetzt sprechen,« sagte James Starr, Harry zum Schweigen mahnend.

»Ich bin die Enkelin des alten Silfax,« fuhr Nell fort. »Nie habe ich eine Mutter gekannt, als seit dem Tage, da ich hierher kam,« fügte sie mit einem Blick auf Madge hinzu.

»Dieser Tag sei gesegnet, meine Tochter!« erwiderte die alte Schottin.

»Ich kannte niemals einen Vater, als seit dem Tage, da ich Simon Ford sah,« nahm Nell wieder das Wort, »nie einen Freund, als bis Harry's Hand die meinige ergriff. Fünfzehn Jahre lang habe ich mit meinem Großvater allein in den verborgensten Schluchten dieser Grube gewohnt – allein mit ihm, das will viel sagen. Durch ihn, das wäre richtiger. Ich bekam ihn kaum zu Gesicht. Als er aus dem alten Aberfoyle verschwand, flüchtete er in jene Tiefen, die außer ihm Niemand kannte. Nach seiner Art war er gut gegen mich, wenn ich mich auch vor ihm fürchtete. Er nährte mich mit dem, was er von oben mitbrachte, doch habe ich eine dunkle Erinnerung, daß eine Ziege meine Ernährerin während der ersten Lebensjahre war, deren Verlust mich später tief betrübte. Als das der Großvater gewahr wurde, ersetzte er sie durch ein anderes Thier, durch einen Hund, wie er sagte. Leider war dieser Hund zu lustig. Er bellte manchmal. Großvater mochte die Fröhlichkeit nicht leiden. Er erschrak vor jedem Geräusch. Mir hatte er schweigen gelehrt, bei dem Hunde gelang es ihm nicht. Das arme Thier war plötzlich verschwunden. Großvater hatte als Gesellschafter einen großen, entsetzlichen Vogel, einen Harfang, der mir zuerst unmäßigen Schrecken einjagte. Trotz des Widerwillens, den mir dieser Vogel lange Zeit einflößte, ward er doch so zutraulich gegen mich, daß ich ihn endlich fast lieb gewann. Er gehorchte mir williger als seinem Herrn; das beunruhigte mich. Großvater war eifersüchtig. Der Harfang und ich, wir versteckten uns meist, um beisammen sein zu können. Wir wußten beide, daß das besser sei . . . Doch ich plaudere da zu viel von mir; ich sollte vielmehr von Euch sprechen . . .«

»Nein, meine Tochter,« unterbrach sie James Starr, »erzähle uns Alles, wie es die Erinnerung Dir eingiebt.«

»Mein Großvater hatte Eure Nachbarschaft in der Kohlengrube immer mit sehr scheelen Augen angesehen, obwohl uns ein weiter, weiter Zwischenraum von Euch trennte. Er hatte sich ja seine Schlupfwinkel in möglichster Entfernung gesucht. Es mißfiel ihm schon, Euch dort nur zu wissen. Fragte ich ihn nach den Leuten da oben, so verfinsterte sich sein Gesicht noch mehr; er gab keine Antwort und blieb überhaupt stumm für längere Zeit. Vorzüglich aber brauste er zornig auf, wenn er zu bemerken glaubte, daß Ihr Euch nicht mehr mit dem alten Gebiete begnügen, sondern auch in das seinige eindringen wolltet. Er schwor hoch und theuer, es solle Euer Verderben sein, wenn es Euch gelänge, die neue, bis jetzt nur ihm bekannte Kohlengrube aufzuschließen. Trotz seines Alters hatte er noch eine riesige Körperkraft und seine Drohungen ließen mich ebenso für Euch wie für ihn fürchten.«

»Fahre nur fort, Nell,« sagte Simon Ford liebreich zu dem jungen Mädchen, das sich, wie um die Gedanken besser zu sammeln, einen Augenblick unterbrochen hatte.

»Als Ihr bei Gelegenheit des ersten Besuches,« nahm Nell wieder das Wort, »tiefer in die erste Galerie von Neu-Aberfoyle eindrangt, schloß Großvater jene kurz vorher gesprengte Öffnung und gedachte Euch dadurch für immer einzukerkern. Ich selbst kannte Euch nur als unbestimmte Schattengestalten, die ich wohl manchmal in der Grube da- oder dorthin wandeln sah, aber mir war der Gedanke zu furchtbar, daß Christenmenschen in diesen Tiefen elend Hungers sterben sollten; so unternahm ich es, auf die Gefahr hin, dabei ertappt zu werden, wiederholt etwas Brot und Wasser in Eure Nähe zu stellen! – Ich wollte Euch auch befreien, doch die Wachsamkeit meines Großvaters war zu schwer zu täuschen. Ihr wart dem Tode nahe! Da kam Jack Ryan mit mehreren Anderen . . . Gott fügte es, daß ich ihnen gerade an diesem Tage begegnete.

Ich lockte Jene bis zu Euch. Bei der Rückkehr ertappte mich der Großvater. Seine Wuth kannte keine Grenzen. Ich glaubte von seiner Hand sterben zu sollen! Seitdem ward das Leben für mich wahrhaft unerträglich. Meines Großvaters Gedanken verwirrten sich mehr und mehr. Er erklärte sich zum König des Schattens und des Feuers. Als er Eure Werkzeuge an die Kohlenadern klopfen hörte, die er für sein Eigenthum hielt, ward er wüthend und schlug mich unbarmherzig. Ich wollte fliehen – unmöglich! Er wachte zu argwöhnisch über mich. Endlich, vor nun drei Monaten, schleppte er mich in einem Anfalle von Wahnsinn tief in jenen Abgrund hinab, wo Ihr mich gefunden habt, und verschwand, nachdem er seinen treu bei mir ausharrenden Harfang vergeblich gerufen hatte. Wie lange ich dort gelegen? – Ich weiß es nicht. Mir ist nur erinnerlich, daß ich zu sterben wähnte, als Du, mein Harry, erschienst, mich zu erretten. – Doch das Eine siehst Du ein, des alten Silfax' Enkelin kann nicht das Weib Harry Fords' werden, weil es Dein, weil es Euer Aller Leben kosten würde!«

»Nell!« rief Harry bestürzt.

»Nein, nein,« erwiderte das junge Mädchen. »Ich muß mich als Opfer bringen. Nur ein Mittel giebt es, das Euch drohende Verderben zu beschwören: ich muß zu meinem Großvater zurück. Er bedroht ganz Neu-Aberfoyle! . . . O, er hat einen unversöhnlichen Charakter, und Keiner kann wissen, was der böse Geist der Rache ihm noch eingiebt. Meine Pflicht liegt klar vor Augen. Ich wäre das verachtungswürdigste Geschöpf, wenn ich sie zu erfüllen zögern wollte. Lebt wohl – ich danke Euch! Ihr habt mich das Glück dieser Welt kennen gelehrt. Was auch geschehen möge, glaubt immer, daß mein Herz in Eurer Mitte bleibt!«

Simon Ford, Madge und Harry sprangen bei diesen Worten erschrocken auf.

»Wie, Nell!« riefen sie verzweifelt, »Du wolltest uns verlassen?«

James Starr drängte alle Drei zurück, ging gerade auf Nell zu und ergriff deren Hände.

»Es ist gut, mein Kind,« redete er sie an, »Du hast uns gesagt, was Du thun müssest; doch nun höre erst, was wir darauf zu antworten haben.

Wir werden Dich niemals von hinnen ziehen lassen, und wenn es sein muß, mit Gewalt zurückhalten. Hältst Du uns denn für so erbärmlich, daß wir Dein Selbstopfer annehmen könnten? Silfax bedroht uns ernstlich; nun gut. Aber zuletzt ist ein Mensch eben nur ein Mensch, und wir werden uns dagegen zu schützen wissen. Kannst Du uns vielleicht aber, im Interesse des alten Silfax selbst, über seine Gewohnheiten näher unterrichten oder uns mittheilen, wo er sich verbirgt? Uns leitet nur die eine Absicht: ihn außer Stand zu setzen, uns zu schaden, und ihn vielleicht sogar wieder zur Vernunft zu bringen.«

»Sie versuchen das Unmögliche,« antwortete Nell. »Mein Großvater ist überall und nirgends. Seine eigenen Schlupfwinkel habe ich selbst niemals gekannt. Ich habe ihn auch nie schlafen sehen. – Als ich meinen Entschluß faßte, Herr Starr, wußte ich, das glauben Sie, Alles recht gut, was Sie mir erwidern könnten. Und doch, es giebt nur ein Mittel, meinen Großvater zu entwaffnen, und das liegt darin, daß ich ihn wieder aufsuche. Er ist zwar immer unsichtbar, aber er selbst sieht Alles. Fragen Sie sich doch, wie er stets Kenntniß haben konnte von den geheimsten Absichten, von dem an Sie, Herr Starr, gerichteten Briefe bis zu meiner geplanten Verbindung mit Harry, wenn er nicht die unerklärliche Eigenschaft besäße, eben Alles zu wissen. Mein Großvater ist, nach meinem Urtheile, selbst in seinem Wahnsinn ein geistbegabter Mann. Ehedem kam es wohl vor, daß er mir von so Mancherlei sprach. Er lehrte mich Gott erkennen und hat mich nur darin getäuscht, daß er, um meinen Haß gegen die ganze Menschheit zu wecken, mir alle Menschen als schlecht und treulos darstellte. Als Harry mich nach der Cottage brachte, habt Ihr mich zuerst für völlig unwissend gehalten. O, weit mehr! Ich war von Schrecken ergriffen, ich glaubte mich – aber verzeiht meinen Argwohn der ersten Tage – in der Gewalt böser Menschen und wollte Euch entfliehen. Sie, Madge, haben mich auf andere Gedanken gebracht, weniger durch Ihre Worte als durch den Anblick Ihres ganzen Lebens und durch die Achtung und Liebe, welche Ihr Mann und Ihr Sohn Ihnen entgegenbrachten. Später, als ich diese zufriedenen Arbeiter Herrn Starr verehren sah, für dessen Sklaven ich sie hielt; als ich Augenzeuge war, wie die ganze Bevölkerung Neu-Aberfoyle's nach der Kapelle zusammenströmte, dort knieend Gott ihre Gebete darbrachte und ihm für seine unendliche Liebe und Güte dankte, da hab' ich mir gesagt: ›Der Großvater hat Dich getäuscht!‹

Jetzt aber, wo ich so Vieles von Euch gelernt und erfahren habe, glaube ich, der Ärmste hatte sich selbst getäuscht! – Laßt mich also die verborgenen Wege wieder aufsuchen, auf denen ich ihn sonst begleitete. Ich werde ihn rufen . . . er wird mich hören, und wer weiß, ob es mir durch eine freiwillige Rückkehr nicht gelingt, seine Verblendung zu besiegen.«

Alle hatten das junge Mädchen reden lassen. Jeder fühlte, wie nothwendig es ihr sei, ihr ganzes Herz vor den Freunden jetzt auszuschütten, wo sie in ihrer edelmüthigen Selbsttäuschung sie für immer verlassen zu müssen glaubte. Als sie aber erschöpft und mit schweren Thränen an den Wimpern schwieg, da wandte sich Harry an Madge und sagte:

»Meine Mutter, was würdest Du von einem Manne denken, der eine so edeldenkende Tochter, wie Du sie erwartetest, aufgeben und verlassen könnte?«

»Einen solchen Mann würde ich für einen Elenden halten,« erwiderte Madge, »und wär' es mein Sohn, ich würde ihn verläugnen, ich müßte ihm fluchen!«

»Du hörst die Worte unserer Mutter, Nell,« fuhr Harry fort. »Wohin Du auch gehst, ich folge Dir. Willst Du ohne Widerrede fort, gut, so gehen wir zusammen . . .«

»Harry! Harry!« schluchzte das junge Mädchen.

Doch die Erregung übermannte sie. Ihre Lippen entfärbten sich und bewußtlos sank sie in Madge's Arme, welche den Ingenieur, Simon und Harry bat, sie mit der Armen allein zu lassen.

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