Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jules Verne >

Schwarz-Indien

Jules Verne: Schwarz-Indien - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchwarz-Indien
authorJules Verne
translatorunbekannt
firstpub1878
year1878
publisherA. Hartleben Verlag
addressWien, Pest, Leipzig
titleSchwarz-Indien
created20060201
senderngiyaw@googlemail.com
Schließen

Navigation:

Neunzehntes Capitel.

Eine letzte Bedrohung.

In Neu-Aberfoyle ging die Arbeit auch heute ihren gewohnten Gang.

Weit in der Ferne hörte man den Donner der Dynamitpatronen, welche die Kohlenlager bloßlegten. Hier brachen Spitzhaue und Schlägel das mineralische Brennmaterial los; dort knirschten die Bohrer, welche in dem Sandstein und Schieferfelsen tiefe Löcher aushöhlten. Von anderen Stellen her vernahm man eigenthümliche cavernöse Geräusche. Stöhnend zog die von mächtigen Maschinen angesaugte Luft durch die Wetterschächte, deren Holzthüren kräftig zuschlugen. In den unteren Gängen rollten die mechanisch fortbewegten Hunde mit einer Schnelligkeit von fünfzehn Meilen dahin, während automatische Glocken den Arbeitern signalisirten, sich in die dazu angebrachten Ausschnitte in der Wand zurückzuziehen. Ohne Unterlaß stiegen die Förderkasten hinauf und hinab an den Tauen der großen Trommeln, welche an der Oberfläche standen. Die elektrischen Strahlen leuchteten in vollem Glanze durch ganz Coal-City.

Der Abbau der Grube wurde mit größtem Eifer betrieben. Die Kohlenschätze flossen reichlich in die kleinen Wagen, welche sich hundertweise in die Förderkasten am Grunde der Aufzugsschächte entleerten. Während ein Theil der Arbeiter nach der Nachtschicht ausruhte, arbeiteten die Tagescolonnen, um nie eine Stunde zu verlieren.

Simon Ford und Madge saßen nach eingenommener Mahlzeit im Hofe der Cottage. Der alte Obersteiger hielt seine gewohnte Siesta und rauchte ein Pfeifchen mit ausgezeichnetem französischen Tabak. Die beiden Gatten plauderten, d.h. sie sprachen von Nell, ihrem Sohn und James Starr, sowie von dem Ausfluge, den diese nach der Oberwelt unternommen hatten. Wo waren sie jetzt? Was thaten sie? Wie konnten sie so lange ausbleiben, ohne Heimweh nach der Kohlengrube zu empfinden?

In diesem Augenblick ließ sich plötzlich ein ungeheures Rauschen vernehmen. Man hätte glauben mögen, es habe sich ein furchtbarer Wasserfall in die Kohlengrube ergossen.

Simon Ford und Madge waren eiligst aufgesprungen.

Fast gleichzeitig brausten die Wasser des Malcolmsees auf. Eine hohe Woge stürmte an das Ufer und brach sich an den Mauern der Cottage.

Simon Ford hatte Madge ergriffen und sie hastig nach dem anderen Stockwerke der Wohnung geführt.

Aus allen Theilen der durch jene ungeahnte Überschwemmung bedrohten Coal-City ertönten ängstliche Hilferufe. Die Bewohner suchten überall Schutz, sogar auf den hohen Schieferfelsen des Ufers.

Der Schrecken stieg auf's Höchste. Schon stürzten einige Bergmannsfamilien halb toll nach dem Tunnel, um sich in höher gelegene Etagen zu flüchten. Sie schienen anzunehmen, das Meer sei in die Grube eingebrochen, da deren Galerien bis unter den Nordkanal reichten. Dann mußte freilich die Krypte, so geräumig sie auch war, vollständig unter Wasser gesetzt werden. Kein Bewohner von Neu-Aberfoyle wäre in diesem Falle dem Tode entgangen.

Als die ersten Flüchtlinge aber die untere Tunnelmündung erreichten, sahen sie sich Simon Ford gegenüber, der die Cottage ebenfalls schleunigst verlassen hatte.

»Halt, halt, Freunde!« rief der alte Obersteiger ihnen zu. »Wenn unsere Stadt im Wasser untergehen soll, so steigt die Überschwemmung auch so schnell, daß ihr Niemand entgehen kann. Jetzt aber wächst das Wasser nicht mehr. Alle Gefahr scheint vorüber.«

»Und unsere Kameraden, die in der Tiefe beschäftigt sind?« riefen einige der Bergleute.

»Für sie ist nichts zu fürchten,« antwortete Simon Ford, »sie arbeiten jetzt in einem Stollen, welcher höher liegt, als das Bett des Sees.«

Die nächste Zukunft sollte dem alten Obersteiger Recht geben. Das Wasser drang zwar sehr plötzlich und heftig ein, hatte aber, als es sich in den tiefsten Höhlungen des Werkes verbreitete, keine anderen Folgen, als daß es das Niveau des Malcolmsees um einige Fuß erhöhte. Coal-City erschien also nicht bedroht, und man durfte hoffen, daß die Überschwemmung sich, ohne ein Opfer zu fordern, in den noch unabgebauten Gründen verlaufen werde.

Ob diese Überfluthung nun von einer innerhalb des Gesteines angesammelten und plötzlich eingedrungenen Wassermasse herrührte, oder ob sich ein Gewässer von der Erdoberfläche eine Bahn nach unten gebrochen habe, das vermochten weder Simon Ford noch die Anderen zu entscheiden. Jedenfalls aber zweifelte Niemand daran, daß es sich hierbei nur um einen jener unglücklichen Zufälle handle, wie sie in Bergwerken wohl dann und wann vorkommen.

Noch im Laufe desselben Abends wußte man, woran man war. Die Journale der Grafschaft brachten Berichte über das unerhörte Ereigniß, das den Katrinesee betroffen hatte. Nell, Harry, James Starr und Jack Ryan, die in aller Eile nach der Cottage zurückgekehrt waren, bestätigten diese Nachrichten, und vernahmen dagegen zur größten Befriedigung ihrerseits, daß das ganze Unglück sich auf einige materielle Schäden in Neu-Aberfoyle beschränkte.

Das Bett des Katrinesees hatte sich also plötzlich geöffnet. Durch einen breiten Spalt drangen dessen Wasser bis in die Grube hinab. Von dem Lieblingssee des schottischen Romandichters blieb – wenigstens in seinem südlichen Theile – kaum so viel übrig, um die Zehen der Seekönigin zu benetzen. Er war zu einem Teiche von wenig Acres Oberfläche reducirt, welche auf der anderen Seite desselben übrig blieben, die eine Bodenerhebung von der trocken gelegten trennte.

Es versteht sich von selbst, daß dieses Ereigniß das größte Aufsehen machte. Vielleicht zum ersten Male entleerte sich ein großer See binnen wenig Minuten in die Eingeweide der Erde. Jetzt hatte man jenen einfach von der Landkarte des Vereinigten Königreiches zu streichen, bis es nach Wiederverschließung der Bodenöffnung – etwa durch öffentliche Subscription – gelang, ihn wieder zu füllen. Wäre Walter Scott noch auf der Erde gewesen, er wäre jetzt vor Gram gestorben.

Immerhin erschien das ganze Vorkommniß erklärlich. Zwischen der tiefen Aushöhlung und dem Grunde des Sees lagerten die secundären Schichten nur in geringer Mächtigkeit in Folge einer besonderen geologischen Anordnung des Felsgesteins.

Wenn dieser Durchbruch aber auch von den Meisten für die Folge einer ganz natürlichen Ursache gehalten wurde, so fragten sich doch James Starr, Simon und Harry Ford, ob demselben nicht vielleicht ein Act der Bosheit zu Grunde liege. Alle Drei schöpften unwillkürlich Verdacht. Sollte jener böse Geist hiermit wieder seine Versuche, den ergiebigen Kohlenbau lahm zu legen, begonnen haben?

Einige Tage später plauderte James Starr in der Cottage über diese Frage mit dem alten Obersteiger.

»Simon,« sagte er, »obwohl jenes Ereigniß sich ganz von selbst zu erklären scheint, so habe ich doch eine Ahnung, daß dasselbe in die Kategorie derjenigen gehört, deren Ursache wir noch vergeblich zu ergründen suchten.«

»Ich bin ganz Ihrer Meinung, Herr James,« erwiderte Simon Ford; »ich halte es aber für das Beste, wir verschweigen vorläufig unsere Vermuthungen, und suchen uns allein von deren Wahrheit zu überzeugen.«

»O,« rief der Ingenieur, »ich kenne das Resultat schon im Voraus.«

»Und welches, meinen Sie, wird es sein?«

»Nun, wir finden die Beweise einer Schandthat, den Übelthäter aber nicht.«

»Und doch muß ein Solcher vorhanden sein,« antwortete Simon Ford. »Wo in aller Welt verbirgt er sich? Kann nur irgend ein Wesen auf eine so wahrhaft teuflische Idee verfallen, das Bett eines Sees zu sprengen? Wahrlich, ich glaube nun bald mit Jack Ryan, daß hier irgend ein Grubengeist im Spiele ist, der uns seinen Zorn fühlen läßt, daß wir sein Gebiet geöffnet haben.«

Es versteht sich von selbst, daß Nell mit derartigen Muthmaßungen möglichst verschont wurde. Sie unterstützte diese Bemühungen auch selbst. Ihr ganzes Wesen bezeugte, daß sie die Befürchtungen ihrer Adoptiveltern theilte. Ihr betrübtes Gesicht verrieth die Spuren der Kämpfe in ihrem Innern.

Zunächst ward nun beschlossen, daß James Starr, Simon und Harry Ford sich nach der entstandenen Öffnung im Seegrunde begeben und versuchen wollten, ihre Ursache auszuspüren. Sie theilten ihr Vorhaben Niemand mit. Wer nicht mit allen vorhergehenden Thatsachen ebenso vertraut war wie sie, hätte ihre Vermuthungen eben für ganz ungereimt halten müssen.

Einige Tage später bestiegen alle Drei ein leichtes Boot, das Harry führte, und untersuchten die natürlichen Pfeiler der Gesteinwölbung, in welcher an der Oberfläche das Bett des Katrinesees ausgehöhlt war.

Sie fanden ihre Vermuthung bestätigt. Jene zeigten sich durch vorgenommene Sprengungen erschüttert, von denen noch einzelne schwarze Rückstände übrig waren.

An Allem sah man, daß hier ein Mensch nach reiflicher Erwägung der Umstände zu Werke gegangen sei.

»Hier schwindet jeder Zweifel,« sagte James Starr. »Wer könnte die Folgen voraussagen, wenn dieser Durchbruch an Stelle eines kleinen Sees dem Wasser eines Meeres den Zugang eröffnet hätte?«

»Ja wohl,« rief der alte Obersteiger mit einem gewissen Stolze, »es hätte auch nichts Geringeren als eines Meeres bedurft, um unser Aberfoyle durch Wasser zu vernichten! Doch noch einmal, wer in aller Welt kann ein Interesse daran haben, den Betrieb des Kohlenwerkes zu stören oder ganz in Frage zu stellen?«

»Ja, es ist wirklich unbegreiflich,« erwiderte James Starr. »Hier handelt es sich offenbar nicht um eine Bande von Bösewichten, welche von der sie verbergenden Höhle aus die Umgebung durchstreifen, um zu stehlen und zu plündern. Solche Schandthaten wären im Laufe dreier Jahre nicht unentdeckt geblieben. Auch von Falschmünzern oder Schleichhändlern, wie ich zuweilen dachte, kann nicht die Rede sein; diese könnten also doch nur ihre Werkzeuge oder die eingeschmuggelten Güter in irgend einem versteckten Winkel dieses Labyrinths verbergen; man fälscht aber niemals Münzen, noch treibt Einer Schleichhandel, um hier nur zu verwahren, was er dabei erreichte. Und dennoch ist es klar, daß irgend ein unversöhnlicher Feind Neu-Aberfoyle den Untergang geschworen hat, und daß Gott weiß, welches Interesse ihn antreibt, kein Mittel unversucht zu lassen, um seine Rache gegen uns zu kühlen. Offenbar ist er zu schwach, uns offen entgegen zu treten; so brütet er seine teuflischen Pläne im Verborgenen, doch macht ihn die Intelligenz, welche ihm zu Gebote steht, zu einem sehr zu fürchtenden Gegner. Dabei, meine Freunde, kennt er alle Geheimnisse unserer Minen besser als wir selbst, sonst hätte er unseren Nachforschungen unmöglich so lange schon entgehen können. Das ist ein Mann von Fach, Simon, und dazu keiner der dümmsten. Was wir von seiner Art und Weise, sein Ziel zu erreichen, bis jetzt erfahren haben, liefert dafür den deutlichsten Beweis. Denkt einmal nach! Hattet Ihr jemals einen persönlichen Feind, auf den Euer Verdacht hinweisen könnte? Besinnt Euch wohl, es giebt eine Monomanie des Hasses, welche keine noch so lange Zeit zu verlöschen vermag. Sucht in Euerm Leben soweit zurück als möglich. Alles, was hier vorgeht, erscheint als das Werk gefühllosen, doch geduldigen Wahnsinns, und könnte eine Folge irgend welcher Vorkommnisse in Eurer frühesten Lebenszeit sein.«

Simon Ford antwortete nicht sofort. Man erkannte, daß der ehrenwerthe Obersteiger alle seine Erinnerungen durchflog, bevor er eine Erklärung abgab. Endlich erhob er wieder den Kopf.

»Nein, bei Gott,« sagte er, »weder ich noch Madge haben jemals irgend Jemandem Böses gethan. Ich glaube nicht, daß wir einen einzigen Feind haben könnten.«

»Ach,« rief der Ingenieur, »wenn doch Nell endlich sprechen wollte!«

»Herr Starr,« antwortete Harry, »und auch Sie, Vater, ich bitte Sie herzlich, unsere Untersuchungen und Gespräche noch geheim zu halten. Fragen Sie nur meine arme Nell jetzt nicht. Ich weiß, wie ängstlich erregt sie ohnedies schon ist, und daß ihr Herz nur mühsam ein drückendes Geheimniß bewahrt. Wenn sie schweigt, so hat sie entweder nichts zu sagen oder sie glaubt es nicht zu dürfen. Wir haben keinen Grund, an ihrer Liebe zu uns, gewiß zu uns Allen, zu zweifeln! Sobald sie mir später mittheilt, was sie jetzt in sich verschließt, verspreche ich, Sie sofort davon in Kenntniß zu setzen.«

»Es sei, Harry,« erwiderte der Ingenieur, »und doch erscheint dieses Schweigen, wenn Nell überhaupt etwas weiß, wahrhaft unerklärlich.«

Harry wollte noch eine Einwendung versuchen.

»Sei ohne Sorgen,« beruhigte ihn der Ingenieur. »Wir werden keine Sylbe gegen Diejenige fallen lassen, welche Dein Weib werden soll.«

»Und welche es in kürzester Zeit wäre, wenn es mein Vater so wollte.«

»Mein Sohn,« ließ sich Simon Ford vernehmen, »nach einem Monate, genau auf den Tag, soll Deine Hochzeit stattfinden. – Sie werden bei Nell Vaterstelle vertreten, Herr James?«

»Zählt auf mich, Simon!« antwortete der Ingenieur.

James Starr und seine zwei Begleiter kehrten zur Cottage zurück. Sie erwähnten nichts von dem Resultate ihrer Nachsuchung, und so behielt jener Felseneinsturz für Alle in der Kohlengrube nur die Eigenschaft eines unglücklichen Zufalles. In Schottland gab es einfach einen See weniger.

Nell hatte ihre gewohnten Beschäftigungen allmälig wieder aufgenommen. Jener Besuch der Oberwelt ließ in ihr aber unverlöschliche Eindrücke zurück, welche Harry bei ihrer weiteren Ausbildung auszunutzen verstand. Die Entbehrung des Lebens der Außenwelt trug sie jedoch ohne jedes Bedauern. So wie vor jenem Ausfluge liebte sie auch heute noch das dunkle Erdinnere, wo sie als Frau fortzuwohnen gedachte, wie sie daselbst ja schon als Kind und junges Mädchen lebte.

Die bevorstehende Heirath Harry Ford's und Nell's verursachte in Neu-Aberfoyle eine erklärliche Aufregung. Herzliche Glückwünsche strömten geradezu nach der Cottage. Jack Ryan war nicht der Letzte, die seinigen darzubringen. Man hatte ihn sogar im Verdacht, ungehört von Anderen seine schönsten Lieder für ein Fest einzuüben, an dem ja die ganze Bevölkerung Coal-Citys theilnehmen sollte.

Während dieses letzten Monates vor der Hochzeit trafen Neu-Aberfoyle aber so zahlreiche Unfälle, wie nie vorher. Es schien, als rufe die bevorstehende Verbindung Harry's und Nell's Katastrophen über Katastrophen hervor.

Vorzüglich wurden davon die Arbeiten in der Tiefe betroffen, ohne daß man deren eigentliche Ursache zu ergründen vermochte.

So verzehrte eine Feuersbrunst das Holzwerk einer der unteren Galerien, wobei man auch die Lampe des Brandstifters auffand. Nur mit Lebensgefahr gelang Harry und seinen Kameraden die Unterdrückung dieses Feuers, welches die ganze Kohlenader zu ergreifen drohte, und dessen sie nur Herr wurden durch Benützung sogenannter Exstincteurs, welche mit sehr kohlensäurereichem Wasser, an dem es der Grube ja nicht fehlte, gefüllt waren.

Ein andermal kam ein Einsturz der Absteifungen eines Schachtes vor, wobei James Starr nachzuweisen vermochte, daß irgend ein Bösewicht dieselben angesägt hatte. Harry, der die Arbeiten an dieser Stelle leitete, wurde unter den Trümmern begraben und nur wie durch ein Wunder gerettet.

Einige Tage später stieß ein Wagenzug, auf dem Harry eben saß, gegen ein Hinderniß, entgleiste dabei und stürzte um. Hier fand sich ein quer über das Schienengeleis gelegter Balken.

Kurz, diese Vorkommnisse häuften sich derartig, daß unter den Bergleuten ein wahrhaft panischer Schrecken Platz griff. Nur das muthige Ausharren ihrer Vorgesetzten vermochte sie überhaupt noch bei der Arbeit zu verbleiben.

»Hier treibt aber eine ganze Bande Übelthäter ihr Wesen,« meinte Simon Ford, »und wir sind nicht einmal im Stande, auch nur eines Einzigen habhaft zu werden!«

Die Nachforschungen begannen von Neuem. Tag und Nacht blieb die Polizeimannschaft des Bezirkes auf den Füßen, ohne irgend etwas zu entdecken. James Starr verbot Harry, auf den die Übelthäter es besonders abgesehen zu haben schienen, sich allein außerhalb des Umkreises der Arbeiten aufzuhalten.

In demselben Sinne suchte man auf Nell einzuwirken, der übrigens auf Harry's Bitten alle jene verbrecherischen Versuche verheimlicht wurden, welche geeignet waren, sie an die Vergangenheit zu erinnern. Simon Ford und Madge bewachten sie Tag und Nacht mit einer Art Strenge oder vielmehr mit ängstlicher Besorgniß. Das arme Kind bemerkte es wohl, doch kein Widerspruch, keine Klage kam über ihre Lippen. Errieth sie vielleicht, daß dieser Handlungsweise nur ihr eigenes Interesse zu Grunde lag? Wahrscheinlich. Andererseits wachte auch sie über die Anderen, und fühlte sich nur dann ganz ruhig, wenn sie Alle, die ihrem Herzen theuer waren, in der Cottage vereinigt wußte. Abends, wenn Harry heim kam, vermochte sie eine fast närrische Freude kaum zu unterdrücken, was um so mehr auffallen mußte, da sie eigentlich mehr zurückhaltender, als mittheilsamer Natur war. Früh stand sie regelmäßig vor allen Anderen auf, und ihre Unruhe kehrte mit der Stunde des Aufbruches zu den Arbeiten in der Tiefe regelmäßig wieder.

Um ihrer Ruhe willen hätte Harry gewünscht, daß ihre Vermählung schon zur vollendeten Thatsache geworden sei. Er glaubte, die Bosheit werde durch diesen unwiderruflichen Act entwaffnet sein und Nell sich als sein Weib wirklich sicher fühlen. James Starr ebenso wie Simon Ford und Madge theilten diese Ungeduld. Jeder zählte die Tage.

In Wahrheit bedrückten Alle die düstersten Ahnungen. Man gestand sich, daß jener verborgene Feind, den man weder zu ergreifen, noch zu bekämpfen vermochte, an Allem, was Nell betraf, ein besonderes Interesse habe. Die feierliche Vermählung Harry's und des jungen Mädchens konnte also recht wohl die Gelegenheit abgeben, seinen Haß noch einmal zu bethätigen.

Eines Morgens, acht Tage vor dem für die Hochzeit bestimmten Termine, war Nell, von einem dunklen Vorgefühle getrieben, zuerst von allen Bewohnern im Begriffe, aus der Cottage zu treten, um deren Umgebung zu mustern.

An der Schwelle angelangt, entfuhr ihr unwillkürlich ein lauter Schrei.

Natürlich rief derselbe die Hausgenossen herbei, und wenige Augenblicke darnach standen auch schon Madge, Simon und Harry an ihrer Seite.

Nell war bleich wie der Tod, ihr Gesicht entstellt, ihre Züge ein Bild des Entsetzens. Außer Stande zu sprechen, heftete sich nur ihr Blick auf die Thür der Cottage, die sie eben geöffnet hatte, und ihre Hand wies nach folgenden Zeilen, welche während der Nacht hier angeschrieben worden waren, und deren Anblick sie erstarren machte.

Diese Zeilen lauteten:

»Simon Ford, Du hast mir das letzte Flötz meines Kohlenwerkes gestohlen! Harry, Dein Sohn, hat mir Nell geraubt! Verderben über Euch! Verderben über Alle! Wehe ganz Neu-Aberfoyle!

Silfax.«

»Silfax!« riefen Simon Ford und Madge wie aus einem Munde

»Wer ist dieser Mann?« fragte Harry, dessen Blicke sich einmal auf seinen Vater und dann auf das junge Mädchen richteten.

»Silfax!« wiederholte Nell voller Verzweiflung, »Silfax!«

Sie zitterte am ganzen Körper, als sie diesen Namen aussprach während Madge sie liebreich umfaßte und fast mit Gewalt in das Zimmer zurückdrängte.

James Starr war herbei geeilt. Wiederholt durchlas er die drohenden Worte.

»Die Hand, welche diese Zeilen schrieb,« erklärte er dann, »ist dieselbe, von der jener Brief herrührte, der das Gegentheil von dem Eurigen enthielt, Simon! Der Mann heißt also Silfax! Ich sehe an Eurer Erregtheit, daß Ihr ihn kennt. Nun sprecht, wer ist dieser Silfax?«

 << Kapitel 19  Kapitel 21 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.