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Schwarz-Indien

Jules Verne: Schwarz-Indien - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchwarz-Indien
authorJules Verne
translatorunbekannt
firstpub1878
year1878
publisherA. Hartleben Verlag
addressWien, Pest, Leipzig
titleSchwarz-Indien
created20060201
senderngiyaw@googlemail.com
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Achtzehntes Capitel.

Vom Lomondsee zum Katrinesee.

Harry stieg, noch immer Nell im Arme tragend und gefolgt von James Starr und Jack Ryan, wieder die Abhänge des Arthur-Seat hinab. Nach einigen Stunden der Ruhe und nach Einnahme eines stärkenden Frühstücks in Lambret's Hôtel gedachte man den Ausflug mittels einer Spazierfahrt durch das Land der Seen zu vervollständigen.

Nell sah sich wieder im Besitze ihrer Kräfte. Jetzt konnten sich ihre Augen ohne Schaden weit dem Lichte öffnen und ihre Lungen in tiefen Athemzügen die belebende, heilsame Luft einsaugen. Das Grün der Bäume, die Farbenpracht der Pflanzen, der Azur des Himmels, die ganze Tonleiter der Farben genoß sie jetzt mit seligem Entzücken.

Der Bahnzug, den sie von der General-railway-Station aus benutzten, führte Nell und ihre Freunde nach Glasgow. Dort konnten sie von der letzten über den Clyde gespannten Brücke noch die auffallende, meerähnliche Bewegung des Flusses bewundern. Dann verbrachten sie die Nacht in Comries Royal-Hôtel.

Am anderen Morgen entführte sie der Expreßzug der »Edinburgh and Glasgow railway« über Dumbarton und Balloch in kurzer Zeit nach dem südlichen Ende des Lomondsees.

»Das ist das Land Rob Roy's und Fergus Mac Gregor's!« sagte James Starr, »die von Walter Scott so poetisch gefeierte Gegend. Du kennst diese Landschaften noch nicht, Jack?«

»Nur aus so manchen Liedern, Herr Starr,« antwortete Jack Ryan, »und wenn ein Land so viel besungen wird, muß es wohl ein schönes sein.«

»Gewiß, das ist es,« versicherte der Ingenieur, »und unsere liebe Nell wird von hier die angenehmste Erinnerung mit nach Hause nehmen.«

»Mit einem Führer wie Sie, Herr Starr,« bemerkte Harry, »winkt uns ein doppelter Vortheil, denn Sie werden uns seine Geschichte erzählen, während wir das Land betrachten.«

»Gern, Harry,« versprach der Ingenieur, »so weit mein Gedächtniß reicht, aber unter der Bedingung, daß der lustige Jack mir zu Hilfe kommt! Ermüde ich beim Erzählen, so muß er dafür singen.«

»Das sollen Sie mir nicht zweimal zu sagen brauchen!« versetzte Jack und schmetterte einen freudigen Ton hinaus, als sollte sein Kehlkopf das dreigestrichene A produciren.

Die Bahnlinie von Glasgow nach Balloch, zwischen der Haupthandelsstadt des Landes und dem Südende des Lomondsees, mißt nur etwa zwanzig Meilen.

Der Zug passirte Dumbarton, eine königliche »Burg« und Hauptort der Grafschaft, dessen, einem Artikel der Union gemäß, stets befestigtes Schloß eine höchst pittoreske Lage auf den Gipfeln zweier Basaltfelsen zeigt.

Dumbarton liegt am Zusammenflusse des Clyde und Leven. Hier erinnerte James Starr an verschiedene Ereignisse aus der abenteuerlichen Geschichte Maria Stuart's. Von dieser Burg aus reiste sie ab, um sich mit Franz II. zu vermählen und Königin Frankreichs zu werden. Hier gedachte im Jahre 1815 der englische Minister Napoleon zu interniren; zuletzt erhielt hierfür aber die Insel Helena den Vorzug, und deshalb starb, sehr zum Vortheil seines legendenhaften Andenkens, der Gefangene Englands auf jenem einsamen Felsen des atlantischen Oceans.

Bald hielt der Zug in Balloch, nahe einer hölzernen Verpfählung an, welche zum Niveau des Sees hinabführte.

Dort wartete ein Dampfboot, die »Sinclair«, der Touristen, welche die schönen Seen besuchen. Nell und ihre Begleiter schifften sich ebenfalls ein und versahen sich mit Billets bis Inversnaid, am nördlichen Ende des Lomond.

Der Tag begann mit schönem Sonnenschein, der heute die britannischen Nebel, welche ihn so oft verschleiern, siegreich verdrängte. Kein Detail der Landschaft, welche sich hier bei einer Fahrt von dreißig Meilen entrollt, konnte dem Auge der Passagiere der »Sinclair« entgehen. Nell hatte mit James Starr und Harry auf dem Hinterdeck Platz genommen und erfreute sich empfänglichen Sinnes an dem hochpoetischen Reize, mit dem diese Landschaft Schottlands so verschwenderisch ausgestattet ist.

Jack Ryan ging auf dem Verdecke der »Sinclair« auf und ab und richtete unermüdlich seine Fragen an den Ingenieur des Schiffes, der übrigens, je weiter sich das Land Rob Roy's vor ihnen ausdehnte, als enthusiastischer Bewunderer eine Beschreibung desselben lieferte.

Zuerst traten im Lomond eine große Menge kleiner Inseln und Eilande auf, als wären sie dahin gesäet. Die »Sinclair« streifte fast ihre steilen Ufer, welche einander nahe gegenüber liegend manchmal ein einsames Thal, manchmal eine wilde, von zerrissenen Felsen umrahmte Schlucht bildeten.

»Sieh, Nell,« begann der Ingenieur, »jedes dieser Eilande hat seine Legende und vielleicht sein Volkslied, ebenso wie die Berge, welche sich um den See herum aufthürmen. Man könnte ohne Übertreibung behaupten, die Geschichte dieser Gegenden sei mit gigantischen Lettern, mit Inseln und Bergen niedergeschrieben.«

»Wissen Sie, Herr Starr,« sagte Harry, »an was mich diese Partie des Lomondsees erinnert?«

»Nun, Harry?«

»An die Tausend Inseln des Ontariosees, welche Cooper so wundervoll beschreibt. Du, liebe Nell, mußt diese Ähnlichkeit doch ebenso wie ich herausfühlen, denn erst vor kurzer Zeit las ich mit Dir jenen Roman, den man nicht mit Unrecht das Meisterwerk des amerikanischen Verfassers nennt.«

»Wahrhaftig, Harry,« antwortete das junge Mädchen, »das ist hier ganz das nämliche Bild, und die ›Sinclair‹ gleitet zwischen diesen Inseln dahin wie der Kutter Jasper Süßwasser's auf dem Ontariosee.«

»Nun, das beweist,« meinte der Ingenieur, »daß diese beiden Örtlichkeiten von zwei Dichtern gleichmäßig besungen zu werden verdienten. Ich kenne die Tausend Inseln des Ontario nicht, Harry, aber ich bezweifle, daß sie einen so reizvoll wechselnden Anblick gewähren wie dieser Archipel des Lomond. Betrachtet nur diese Landschaft! Da liegt die Insel Murray mit ihrem uralten Schlosse Lenox, wo die alte Herzogin von Albany residirte nach dem Tode ihres Vaters, ihres Gemahls und ihrer beiden Söhne, welche auf Jakob's I. Befehl enthauptet wurden. Hier erheben sich die Inseln Ciar, Cro und Torr u.a.m., die einen felsig und wild, ohne Spur einer Vegetation, die anderen geschmückt mit dem herrlichsten Grün. Hier dunkle Lärchenbäume und weißstämmige Birken, dort gelbliches, halbdürres Haidekraut. Wahrhaftig, ich muß es bezweifeln, daß die Inseln des Ontariosees eine solche Abwechselung zeigen.«

»Wie heißt jener kleine Hafen?« fragte Nell, die sich nach dem östlichen Ufer des Sees gewendet hatte.

»Balmaha,« antwortete der Ingenieur. »Er bildet den Eingang zu den Highlands (Hochlanden). Dort beginnen unsere Gebirgsgegenden Schottlands. Die Ruinen, welche Du dort siehst, gehören einem früheren Frauenkloster an, und jene zerstreuten Gräber bedecken so manche Mitglieder der Familie Mac Gregor's, deren Name in der ganzen Umgebung noch immer genannt wird.«

»Ja, wegen des vielen Blutes, das diese Familie vergoß oder vergießen ließ,« bemerkte Harry.

»Du hast recht,« antwortete James Starr; »leider muß man zugeben, daß die durch gewonnene Schlachten erlangte Berühmtheit noch immer die nachhaltigste ist. Solche Erzählungen von Kämpfen pflanzen sich durch viele Menschenalter fort . . .«

»Und werden durch das Volkslied sogar verewigt!« fügte Jack Ryan hinzu.

Zur Bekräftigung seiner Worte intonirte er den ersten Vers eines alten Kriegsliedes, welches die Heldenthaten Alexander Mac Gregor's, aus Scae, gegen Sir Humphry Colquhour, aus Luß, verherrlichte.

Nell horchte auf; diese Gesänge von den Fehden früherer Zeiten machten auf sie jedoch nur einen betrübenden Eindruck. Warum mußte so viel Blut auf jenen Feldern vergossen werden, die dem jungen Mädchen so groß erschienen, daß sie doch Jedermann Raum bieten mußten?

Die im Allgemeinen drei bis vier Meilen von einander entfernten Ufer des Sees traten in der Nähe des kleinen Hafens von Luß enger zusammen. Nell konnte die Stadt mit ihrem alten Schloßthurme einen Augenblick betrachten. Dann wandte sich die »Sinclair« nach Norden und vor den Augen der Touristen erhob sich der Ben-Lomond, welcher das Niveau des Sees um fast dreitausend Fuß überragt.

»Ein prächtiger Berg,« rief Nell, »wie schön muß die Aussicht von seinem Gipfel sein!«

»Gewiß, Nell,« sagte James Starr. »Sieh nur, wie stolz dieser Gipfel aus dem Korbe von Eichen, Birken und Lärchen emporstrebt, der seinen Fuß umspannt. Von ihm aus überblickt man zwei Dritttheile unseres alten Caledoniens. Hier an der Ostseite des Sees pflegte Mac Gregor gewöhnlich zu wohnen. Unfern davon haben die erbitterten Kämpfe zwischen den Jacobitern und Hanoveranern die wüsten Schluchten manchmal mit Blut gedüngt. Dort stieg in schönen Nächten der bleiche Mond auf, der in den alten Sagen »Mac Farlane's Laterne« genannt wird. Hier ruft das Echo noch manchmal die unvergänglichen Namen Rob Roy's und Mac Gregor Cambell's!«

Der Ben-Lomond, die letzte Spitze der Grampianberge, verdient es allerdings, von dem großen schottischen Romandichter besungen worden zu sein. »Wohl giebt es,« wie der Ingenieur bemerkte, »weit höhere Berge, deren Gipfel der ewige Schnee bedeckt, einen poetischeren aber schwerlich in irgend einem Winkel der Welt.«

»Und,« fügte er hinzu, »wenn ich dann bedenke, daß dieser Ben-Lomond ganz und gar das Eigenthum des Herzogs von Montrose ist! Seiner Gnaden besitzt einen ganzen Berg, wie ein Londoner Bürger ein kleines Grasfleckchen hinter dem Hause!«

Inzwischen langte die »Sinclair« bei dem Dorfe Tarbet, am entgegengesetzten Ufer des Sees an, wo er die Passagiere absetzte, welche nach Inverary gehen wollen. Von hier aus präsentirte sich der Ben-Lomond in seiner ganzen Schönheit. Seine von den Betten vieler Wildbäche durchfurchten Seiten erglänzten wie schmelzendes Silber.

Je weiter die »Sinclair« am Fuße des Berges dahinglitt, desto wildromantischer wurde das Land. Nur hier und da standen noch einzelne jener Weiden, deren dünnste Zweige früher dazu benutzt wurden, geringere Leute daran aufzuhängen.

»Um Hanf zu sparen!« meinte James Starr.

Nach Norden zu verengerte sich der See jetzt noch mehr. Die Berge an seiner Seite rückten näher zusammen. Das Dampfboot glitt noch an einigen Inseln und Eilanden, wie Inveruglas, Eilad-Whou, vorüber, bei welch' letzterem noch die Überbleibsel einer ehemaligen Feste Mac Farlane's sichtbar waren. Endlich liefen die beiden Ufer zusammen und die »Sinclair« hielt an der Station Inverslaid.

Während der Zurichtung des Frühstücks besuchten Nell und ihre Begleiter in der Nähe des Landungsplatzes einen Bergstrom, der sich aus beträchtlicher Höhe in den See hinabstürzte. Er schien wirklich zum besonderen Ergötzen der Touristen an diese Stelle verlegt zu sein. Eine zitternde, in Wasserstaub halb verhüllte Brücke spannte sich über ihn. Von hier aus schweifte der Blick über einen großen Theil des Lomondsees, auf dem die wieder abgefahrene »Sinclair« nur einem schwarzen Pünktchen glich.

Nach eingenommenem Frühstück wollte man sich nach dem Katrinesee begeben. Mehrere Wagen mit dem Geschlechtswappen der Familie Breadalbane – eine Familie, deren in Rob Roy's Geschichte häufig Erwähnung geschieht – standen zur Verfügung der Reisenden und boten diesen alle Bequemlichkeiten, durch welche sich das schottische Fuhrwesen im Allgemeinen auszeichnet.

Harry verschaffte Nell, wie es dort Sitte war, einen Platz auf der Imperiale; er und seine Begleiter nahmen neben ihr Platz. Ein stolzer Kutscher in rother Livrée faßte die Zügel seines Viergespanns in der linken Hand zusammen, und das Gefährt setzte sich, dem gewundenen Laufe des erwähnten Stromes folgend, bergaufwärts in Bewegung.

Die Straße stieg sehr steil empor, wobei sich die Formen der benachbarten Berggipfel allmälig zu verändern schienen. Man glaubte die Gebirgskette des jenseitigen Seeufers und die Gipfel des Arroquhar, der das Thal von Invernglas beherrscht, wirklich wachsen zu sehen. Zur Linken ragte der Ben-Lomond zum Himmel auf und zeigte dabei die schroffen Abhänge seiner nördlichen Seite.

Die Landschaft zwischen dem Lomond- und Katrinesee trug einen ausgeprägten wilden Charakter. Das Thal, in dem sie hinfuhren, begann mit engen Schluchten, welche sich bis zum Glen (Thalmulde) von Aberfoyle erstreckten. Dieser Name erinnerte das junge Mädchen schmerzlich an die tiefen Abgründe voller Grauen und Schrecken, in denen sie ihre Kindheit verbracht hatte. James Starr bemühte sich auch, ihre Gedanken durch allerlei Erzählungen abzulenken.

Diese Gegend war ja so reich an Sagen. An den Ufern des kleinen Sees von Ard spielten sich die Hauptereignisse in Rob Roy's Leben ab. Hier erhoben sich düstere, mit Kieseln vermengte Kalkfelsen, welche die Zeit und die Atmosphäre zu einem festen Cement verschmolzen hatten. Elende, mehr einfachen Höhlen ähnelnde Hütten, sogenannte »Bourrochs«, lagen da und dort zwischen verfallenen Schäfereien zerstreut. Man hätte nach deren Äußerem nicht entscheiden können, ob sie Menschen oder wilden Thieren als Wohnstätte dienten. Einige wunderbar ausstaffirte Gestalten mit grauen, durch das rauhe Klima gebleichten Haaren sahen die Wagen mit großen Augen vorüber ziehen.

»Das ist hier recht eigentlich das Stück Erde,« sagte James Starr, »welches Rob Roy's Land zu nennen ist. Hier wurde der bekannte Landvoigt Nichol Jarvie, der würdige Sohn seines Vaters, von Graf Lennox' Männern ergriffen und an seiner Hose aufgehängt, welche glücklicherweise aus festem schottischen Tuche und nicht aus leichtem, französischem Camelot gefertigt war. Nicht weit von den Quellen des Forth, welche die Bergströme des Ben-Lomond speisen, zeigt man noch die Furth, die der Held passirte, um den Soldaten des Herzogs von Montrose zu entgehen. O, hätte er die finsteren Schlupfwinkel unserer Kohlengrube gekannt, wie leicht wäre er allen Nachforschungen entgangen. Ihr seht, meine Freunde, man kann in diesem nach allen Seiten wunderbaren Lande keinen Schritt thun, ohne auf Erinnerungen aus der Vorzeit zu stoßen, an welchen sich Walter Scott begeisterte, als er in prächtigen Versen des Clans Mac Gregor Aufruf zu den Waffen besang.«

»Das ist Alles sehr schön, Herr Starr,« versetzte Jack Ryan, »wenn es aber wahr ist, daß Nichol Jarvie an seinen eigenen Hosen aufgehängt wurde, was wird dann aus unserem Sprichworte: ›Das muß ein Hauptspitzbube sein, der einem Schotten seine Hosen raubt?‹«

»Meiner Treu, Jack, da hast Du recht,« erwiderte James Starr auflachend, »doch das liefert nur den Beweis, daß unser Landvoigt damals nicht nach der Sitte seiner Vorfahren gekleidet ging.«

»Daran that er sehr unrecht, Herr Starr.«

»Ich widerspreche Dir nicht, Jack!«

Nachdem das Gespann längs des steilen Strombettes emporgeklommen war, trabte es wieder in ein baumloses, dürres, nur mit spärlichem Haidekraut bedecktes Thal hinab. An manchen Stellen erhoben sich hier isolirte, pyramidenförmige Steinhaufen.

»Das sind Cairns,« sagte James Starr. »In früherer Zeit mußte jeder Vorüberkommende einen Stein dahin legen, um den Heros in dem darunter befindlichen Grabe zu ehren. Daher rührt auch der alte gaelische Spruch: ›Ein Schurke, wer an einem Cairn vorüber geht, ohne daselbst als letzten Gruß einen Stein nieder zu legen.‹ Hätten die Nachkommen diese Sitte der Väter bewahrt, so müßten diese Steinanhäufungen jetzt ganze Hügel bilden.«

In dieser Gegend vereinigt sich thatsächlich Alles, die angeborene Poesie der Gebirgsbewohner weiter auszubilden. Dasselbe zeigt sich in allen Gebirgsländern, welche die Einbildungskraft durch ihre Wunder anregen, und hätten die Griechen ein ebenes Land bewohnt, sie hätten wohl nie die Mythologie des Alterthums erfunden!«

Unter diesen und anderen Gesprächen rollte der Wagen durch ein enges Thal weiter, das wie geschaffen schien, als Tummelplatz für Gespenster und Kobolde zu dienen. Den kleinen See von Arklet ließ man links liegen und gelangte dann auf eine ziemlich steil abfallende Straße, welche bei dem Wirthshause von Stronachlacar am Katrinesee auslief.

Dort schaukelte an einem leichten Holzdamme befestigt ein kleiner Dampfer, natürlich mit Namen »Rob Roy«. Die Reisenden bestiegen denselben sofort, da er eben abfahren sollte.

Der Katrinesee mißt in der Länge nur zehn Meilen und überschreitet niemals eine Breite von zwei Meilen. Auch hier entbehren die ersten Nachbarhügel des Ufers nicht einer gewissen Großartigkeit.

»Da liegt also der See vor uns,« begann James Starr, »den man nicht mit Unrecht einem langen Aale verglichen hat. Er soll niemals zufrieren. Darüber weiß ich nichts Näheres, aber man darf nicht vergessen, daß er als Schauplatz der Thaten der Wasser- oder Seekönigin gedient hat. Ich bin fest überzeugt, daß unser Freund Jack, wenn seine Augen scharf genug wären, den leichten Schatten der schönen Helene Douglas, noch über die Wasserfläche ziehend, sehen müßte.«

»Gewiß, Herr James,« fiel Jack Ryan ein, »warum sollte ich das nicht sehen? Weshalb sollte die schöne Frau auf den Wellen des Katrinesees nicht ebenso deutlich erscheinen wie die Bergmännchen der Kohlengrube manchmal auf der stillen Fläche des Malcolmsees?«

Plötzlich ertönten vom Hintertheile der »Rob Roy« die hellen Töne eines Dudelsackes.

Dort ließ sich ein Highlander in seiner malerischen Nationaltracht hören auf der »Bag-pipe« mit drei Schnarrpfeifen, deren größte den Ton g, die zweite h und die dritte die Octave der ersten angab. Die Flötenpfeife mit acht Löchern gab die Tonleiter vom großen G an bis zur Octave desselben.

Der Highlander spielte ein einfaches, naives Volksliedchen. Man möchte glauben, daß diese Melodien überhaupt von Niemand componirt, sondern nur aus einer Nachahmung des Rauschens der Winde, des Murmelns der Gewässer und des Säuselns der Blätter entstanden seien. Der Refrain des Liedes nur, der in gewissen Zwischenräumen wiederkehrte, hatte eine sonderbare Klangfärbung. Er bestand aus drei Theilen von je zwei Tacten, und aus einem Theile von drei Tacten. Den Gesängen der alten Zeit widersprechend, bewegte er sich in einer Dur-Tonart, und lautete, in jener Schrift wiedergegeben, welche nicht Notenzeichen, sondern die Intervalle der Töne bietet, folgendermaßen:

5 1.2 35 25 1.765 22.22
1.2 35 25 1.765 11.11

Jetzt blühte Jack Ryan's Weizen. Er kannte das Lied von den schottischen Seen, und unter der Dudelsackbegleitung des Highlanders sang er mit klarer Stimme einen Lobgesang der poetischen Legenden des alten Caledoniens.

Ihr schönen Seen mit ruh'gen Wogen,
O laßt ihn nie verweh'n,
Den Sagenkreis um Euch gezogen
Ihr schönen Schottlandsseen!

Noch zeugt die Spur an eurer Küste
Von manchem Heldensohn,
Den uns'res Walter Leier grüßte
Mit ihrem reinsten Ton.

Hier mischte seine Zaubermahle
Der Hexen düst'rer Chor,
Wo Fingal's Schatten noch, der fahle,
Huscht sausend über's Moor.

Hier tanzen auf den weichen Matten
Die Nixen ihren Reihn;
Dort schauen durch den tiefen Schatten
Die Puritaner d'rein.

Und zwischen wilden Felsenschluchten
Erzählt's der Abendwind,
Wie Waverley nach euren Buchten
Entführt Mac Ivor's Kind.

Die Wasserkön'gin kommt geflogen
Auf ihrem Zelter stolz;
Diana lauscht wie Rob Roy's Bogen
Den Pfeil schnellt durch das Holz.

Und hallen nicht die Kriegeslieder
Von Fergus' Mannen nach,
Und rufen aus den Bergen wieder
Der Highlands Echo wach?

Wie weit von euch, ihr Wunderseen,
Das Schicksal uns verschlägt,
Das Bild wird nie in uns vergehen,
Das hier sich eingeprägt.

O weilet doch, ihr Traumgestalten
Aus einer schönern Zeit!
Dir Caledonien, dem alten,
Bleibt unser Herz geweiht!

Ihr schönen Seen mit ruh'gen Wogen,
O laßt ihn nie verweh'n,
Den Sagenkreis um euch gezogen,
Ihr schönen Schottlandsseen!

Es war jetzt drei Uhr Nachmittags. Die gleichmäßiger verlaufende Ostküste des Katrinesees hob sich deutlich gegen den Hintergrund mit dem Ben-An und dem Ben-Venne ab. In der Entfernung einer halben Meile glitzerte das kleine Bassin, in dem die »Rob Roy« die über Callander nach Stirling gehenden Passagiere absetzen sollte.

Nell fühlte sich durch die unablässige Aufregung erschöpft. »Mein Gott! O, mein Gott!« Das waren die einzigen Worte, welche über ihre Lippen kamen, wenn sie einen neuen Gegenstand zu Gesicht bekam, der ihre Bewunderung erregte. Sie bedurfte nothwendig einige Stunden der Ruhe, wäre es auch nur, um die Eindrücke von so viel Niegesehenem sich besser in ihrem Gedächtnisse fixiren zu lassen.

Jetzt hatte Harry ihre Hand ergriffen und sah dem jungen Mädchen tief erregt in die Augen.

»Nell, meine liebe Nell,« begann er, »bald werden wir nun in unser finsteres Kohlenwerk zurückgekehrt sein! Wirst Du dort nichts von dem schmerzlich vermissen, was Du während dieses kurzen Verweilens auf der Oberwelt kennen lerntest?«

»O nein, Harry,« antwortete das junge Mädchen. »Ich werde mich daran erinnern, das ist Alles! Aber ich kehre beglückt und zufrieden mit Dir in unsere geliebte Kohlengrube zurück.«

»Nell,« fragte Harry weiter, wobei seine Stimme vergeblich die Erregung seines Innern zu verbergen suchte, »wünschtest Du, daß ein engeres, geheiligtes Band vor Gott und den Menschen uns verbinde? Möchtest Du mein Weib werden?«

»Ja, Harry, ja,« erwiderte Nell, und sah ihn mit ihren klaren, offenen Augen an, »ich will es so gern, wenn Du glaubst, daß ich Dir genügen könnte, Dein Leben . . .«

Noch hatte Nell den Satz nicht vollendet, von dem Harry's ganzes zukünftiges Leben abhing, als sich ein ganz unerklärliches Ereigniß zutrug.

Obgleich die »Rob Roy« noch eine halbe Meile vom Ufer entfernt war, erlitt sie plötzlich einen heftigen Stoß. Der Kiel des Schiffes streifte den Grund und trotz aller Anstrengung vermochte die Maschine jenes nicht wieder flott zu machen.

Die Ursache dieses Zufalles war darin zu suchen, daß sich der Katrinesee in seinem östlichen Theile plötzlich entleerte, als hätte sich in seinem Bette ein gewaltiger Spalt geöffnet. Binnen wenigen Secunden lag dieser Theil des Sees trocken wie ein flacher Strand zur Zeit der tiefsten Ebbe in den Äquinoctien. Fast sein ganzer Inhalt verschwand in den Eingeweiden der Erde.

»O, meine Freunde, rief da James Starr, als ob ihm über die Ursache dieser Erscheinung plötzlich die Schuppen von den Augen fielen, Gott rette und beschütze Neu-Aberfoyle!«

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