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Schwarz-Indien

Jules Verne: Schwarz-Indien - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchwarz-Indien
authorJules Verne
translatorunbekannt
firstpub1878
year1878
publisherA. Hartleben Verlag
addressWien, Pest, Leipzig
titleSchwarz-Indien
created20060201
senderngiyaw@googlemail.com
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Sechzehntes Capitel.

Auf der auf- und absteigenden Leiter.

Inzwischen wurde die Ausbeutung von Neu-Aberfoyle mit bestem Erfolge fortgesetzt. Selbstverständlich kam James Starr und Simon Ford – den ersten Entdeckern dieser reichen Kohlenlager – ein großer Antheil des Gewinnes zu. Harry wurde demnach jetzt selbst eine gute Partie. Aber er dachte gar nicht daran, die Cottage zu verlassen. Er hatte jetzt die Stelle seines Vaters als Obersteiger übernommen und wachte sorgsam über diese Welt von Bergleuten.

Jack Ryan war ebenso stolz, wie hoch erfreut über all' das Glück, das seinem Freunde zu Theil ward. Auch ihm selbst ging es dabei recht wohl. Beide sahen sich sehr häufig, entweder in der Cottage oder bei den Arbeiten in der Grube. Jack Ryan hatte recht wohl die Gefühle bemerkt, welche Harry für das junge Mädchen hegte. Zwar gestand es Dieser nicht ein, aber Jack lächelte verschmitzt, wenn Harry seine Anspielung durch ein verneinendes Kopfschütteln abweisen wollte.

Jack Ryan's innigster Wunsch war es, Nell zu begleiten, wenn sie ihren ersten Besuch an der Oberfläche der Grafschaft machen würde. Er hätte so gern das Erstaunen und die Bewunderung über die ihr noch völlig unbekannte Natur mit angesehen. Wohl hoffte er, daß Harry ihn bei diesem Besuche mitnehmen werde, doch hatte dieser ihm noch keinen dahin zielenden Vorschlag gemacht – was ihn immerhin ein wenig beunruhigte.

Eines Tages stieg Jack Ryan eben einen der Luftschächte hinunter, durch welche die unteren Stollen der Grube mit der Erdoberfläche in Verbindung stehen. Er benutzte dabei eine jener Leitern, welche durch ihre auf einander folgenden Bewegungen nach auf- und abwärts ohne Mühe hinauf oder hinunter zu gelangen gestatten. Zwanzig Bewegungen dieses Apparates hatten ihn etwa um hundertfünfzig Fuß hinunter befördert, als ihm auf der schmalen Leiter, auf der er eben Platz genommen, Harry begegnete, der wegen einiger Tagarbeiten nach oben steigen wollte.

»Bist Du es?« fragte Jack, indem er den Anderen scharf ansah.

»Ja wohl, Jack,« erwiderte Harry, »und es freut mich sehr, Dich noch zu treffen. Ich möchte Dir einen Vorschlag machen . . .«

»Ich höre auf nichts, bevor Du mir nicht eine Nachricht über Nell giebst!« rief Jack Ryan.

»Nell geht es gut, Jack, und sogar so gut, daß ich sie binnen einem Monat oder sechs Wochen . . .«

»Zu heirathen gedenke, Harry?«

»Du weißt nicht, was Du sprichst, Jack.«

»Das ist möglich, Harry, aber ich weiß, was ich thun würde.«

»Und was denn?«

»Ich würde sie heirathen, ja ich, wenn Du es nicht thust,« versetzte Jack hell auflachend. »Beim heiligen Mungo! Sie gefällt mir einmal, die niedliche Nell. Ein junges und herzensgutes Geschöpf, welches die Mine noch niemals verlassen hat, das ist eine Frau, wie sie der Bergmann braucht. Sie ist eine Waise und ich auch, und für den Fall, daß Du wirklich nicht an sie denkst, möchte ich nur, daß sie Deinen Kameraden auch wollte.«

Harry sah Jack ernsthaft an. Er ließ ihn plaudern, ohne überhaupt eine Antwort zu geben.

»Was ich da sagte, macht Dich doch nicht eifersüchtig, Harry?« fragte Jack mit ernsterem Tone.

»Nein, lieber Jack,« erwiderte Harry ruhig.

»Nun, wenn Du Nell nicht zu Deiner Frau machst, hast Du mindestens kein Recht, zu verlangen, daß sie eine alte Jungfer bleiben soll.«

»Ich beanspruche gar keine Rechte!« antwortete Harry.

Eine Bewegung der Leiter hätte den beiden Freunden jetzt erlaubt, sich zu trennen, indem der Eine den Schacht hinauf, der Andere hinunter gegangen wäre. Sie blieben aber noch beisammen.

»Harry,« fuhr Jack fort, »glaubst Du, daß ich jetzt zu Dir bezüglich Nell's ganz im Ernste gesprochen habe?«

»Nein, Jack, das glaube ich kaum.«

»Nun, so werde ich es jetzt thun.«

»Du, im Ernste sprechen?

»Mein lieber Harry,« begann Jack, »ich wäre im Stande, einem Freunde einen guten Rath zu ertheilen.«

»So thu' es, Jack.«

»Nun, so höre! Du liebst Nell so innig, wie sie es verdient, Harry! Dein Vater, der alte Simon, und die alte Madge, Deine Mutter, lieben sie ebenfalls, als wär' es ihr eigenes Kind. Es würde Dir nicht viel kosten, sie ganz zu Eurer Tochter zu machen. – Warum heirathest Du sie nicht?«

»Kennst Du denn, um so zuversichtlich zu sprechen, auch Nell's eigene Meinung hierüber?«

»Darüber ist sich Jedermann klar, auch Du, Harry, und eben deshalb bist Du auch weder auf mich, noch auf irgend einen Anderen eifersüchtig. – Doch genug, die Leiter wird sich sogleich nach unten bewegen und . . .«

»Warte noch, Jack,« bat Harry und hielt seinen Kameraden, der den Fuß schon von der festen Leiter zurückgezogen hatte, um ihn auf die bewegliche zu setzen, zurück.

»Recht schön, Du willst mich hier wohl viertheilen lassen!«

»Höre mir aufmerksam zu, Jack,« antwortete Harry, »denn was ich sage, meine ich ernsthaft.«

»Ich bin ganz Ohr . . . das heißt bis zur nächsten Bewegung der Leiter, nicht länger.«

»Jack,« fuhr Harry fort, »ich brauche Dir ja nicht zu verheimlichen, daß ich Nell liebe und sie herzlich gern zu meinem Weibe machen würde . . .«

»Das ist ja schön . . .«

»Doch wie sie jetzt noch ist, würde ich mir Gewissensbisse machen, von ihr eine für ewig bindende Erklärung zu fordern.«

»Was willst Du damit sagen, Harry?«

»Sieh, Jack, Nell hat die Tiefen der Kohlengrube, in der sie jedenfalls einst geboren wurde, noch niemals verlassen. Sie weiß nichts, sie kennt noch nichts von der Außenwelt. Ihre Augen, vielleicht auch ihr Herz, hat noch sehr Vieles zu lernen. Wer weiß, welche Gefühle sie haben wird, wenn sie erst andere Eindrücke vom Menschenleben erhalten hat! Jetzt hat sie, so zu sagen, noch gar nichts Irdisches an sich, und mir scheint, es hieße sie betrügen, bevor sie sich nach eigener Anschauung entschieden hat, ob sie den Aufenthalt in der Kohlengrube jedem anderen vorzuziehen Willens ist. – Verstehst Du mich nun, Jack?«

»Ja . . . so ungefähr . . . Vorzüglich sehe ich schon, daß Du es dahin bringen wirst, mich auch die nächste Bewegung der Leiter verfehlen zu lassen.«

»Jack,« antwortete Harry sehr ernsthaft, »und wenn diese Maschinen sich niemals mehr bewegten, wenn die Leiter unter unseren Füßen verschwinden sollte, Du wirst hören, was ich Dir zu sagen habe.«

»Ah, Harry, so höre ich Dich gern zu mir sprechen. Wir beschließen also, daß Du Nell, bevor sie die Deine wird, erst noch in ein Pensionat nach dem alten Rauchfange schickst.«

»Nein, Jack, erwiderte Harry, »ich werde die Erziehung Derjenigen, die mein Weib werden soll, schon selbst zu leiten wissen.«

»Und daran dürftest Du auch weit besser thun, Harry!«

»Vorher aber will ich jedenfalls, wie ich Dir eben sagte, daß Nell aus eigener Anschauung Kenntniß von der Außenwelt erhält. Ein Vergleich, Jack: wenn Du ein junges, blindes Mädchen liebst, von der man Dir sagte, ›binnen einem Monat wird sie geheilt sein!‹ würdest Du nicht mit der Hochzeit warten, bis die Heilung da wäre?«

»Wahrhaftig, ja,« antwortete Jack.

»Nun wohl, Jack. Nell ist auch noch blind, und bevor sie meine Frau wird, will ich, daß sie es wisse, daß sie mich und meine Lebensverhältnisse vor anderen, die sie erst kennen lernt, vorzieht. Ihre Augen müssen mit Einem Worte erst das Licht des Tages gesehen haben!«

»Schön, Harry, sehr schön,« rief Jack Ryan, »nun verstehe ich Dich ganz. Wann wird diese Operation vor sich gehen?« . . .

»In einem Monat, Jack, Nell's Augen gewöhnen sich allgemach an die Helligkeit unserer Strahlenbündel. Das ist die Vorbereitung. In einem Monat, hoffe ich, wird sie die Erde und ihre Wunder, den Himmel und seinen Glanz gesehen haben! Wird wissen, daß die Natur dem Blicke des Menschen einen weiteren Horizont ausgespannt hat, als den einer finsteren Kohlengrube. Sie wird erkennen, daß das Weltall keine sichtbaren Grenzen hat!«

Während Harry sich so von seiner Phantasie hinreißen ließ, hatte Jack die Leiter verlassen und war auf den oscillirenden Apparat hinüber getreten.

»He, Jack,« rief Harry, »wo bist Du denn?«

»Unter Dir,« antwortete lachend der lustige Kamerad. »Während Du Dich in die Unendlichkeit erhebst, steige ich in den Abgrund hinab.«

»Leb wohl, Jack,« rief ihm Harry noch zu, und ergriff nun selbst den jetzt emporsteigenden Apparat. »Ich bitte Dich, gegen Niemand von dem zu sprechen, was ich Dir jetzt anvertraut habe.«

»Gegen Niemand!« versicherte Jack Ryan, »doch unter einer Bedingung . . .«

»Und die wäre?«

»Ich begleite Euch Beide bei Nell's erstem Ausfluge nach der Oberwelt.«

»Gewiß, Jack, das verspreche ich Dir!« willigte Harry ein.

Eine neue Pulsation der beweglichen Leiter brachte die beiden Freunde noch weiter auseinander. Der Ton der Stimme reichte nur noch schwierig von dem Einen zum Anderen.

Dennoch vermochte Harry noch zu hören, wie Jack ihm zurief:

»Und wenn Nell die Sonne, den Mond und die Sterne gesehen hat, weißt Du, wen sie ihnen vorziehen wird?«

»Nein, Jack.«

»Nun Dich, mein Freund, immer und allezeit Dich!« Jack's Stimme erlosch allmälig in einem herzlichen Hurrah!

Harry widmete nun alle freien Stunden der Erziehung Nell's. Er hatte ihr lesen und schreiben gelehrt – Fächer, in welchen das junge Mädchen überraschende Fortschritte machte. Es schien, als kenne sie Vieles rein aus Instinct. Niemals besiegte eine seltene Intelligenz schneller eine frühere vollständige Unwissenheit. Jeder verwunderte sich, der diese schnelle geistige Entwickelung mit ansah.

Simon und Madge fühlten täglich mehr, wie innig sie an ihrem Adoptivkinde hingen, deren Vergangenheit ihnen doch noch immer einige Sorge wegen der Zukunft einflößte. Die Natur der Gefühle Harry's für Nell durchschauten sie sehr bald, und hatten ihre innige Freude darüber.

Der Leser erinnert sich, daß der alte Obersteiger, gelegentlich des ersten Besuches des Ingenieurs in der früheren Cottage, etwa geäußert hatte:

»Warum sollte sich mein Sohn verheirathen? Welches Wesen von da oben könnte für einen jungen Mann passen, dessen Leben in den Tiefen eines Kohlenwerkes zu verlaufen bestimmt ist?«

Gewann es jetzt nicht den Anschein, als habe die Vorsehung selbst die einzige Lebensgefährtin gesendet, welche für seinen Sohn passen konnte? Mußte man hierin nicht eine Gnade des Himmels finden?

Der alte Obersteiger gelobte sich auch heimlich, daß der Tag, an dem dieser Ehebund zur Wahrheit würde, in Coal-City mit einer Festlichkeit begangen werden sollte, welche unter den Bergleuten von Aberfoyle Aufsehen erregen werde.

Auch ein Anderer noch wünschte eine Verbindung zwischen Harry und Nell von ganzem Herzen; das war der Ingenieur James Starr. Vor Allem hatte er dabei gewiß das Glück der beiden jungen Leute im Auge. Aber auch ein anderer Beweggrund von allgemeiner Bedeutung leitete ihn dabei.

Bekanntlich bedrückten James Starr noch immer einige Vermuthungen, obgleich sie bis jetzt nichts gerechtfertigt hatte. Nell war offenbar die einzige Mitwisserin des Geheimnisses der Kohlengrube, das bis heute noch derselbe Schleier deckte. Sollte die Zukunft nun den Bergleuten von Aberfoyle noch mit weiterem Unglück drohen, wie vermochte man sich dagegen zu schützen, so lange man nicht einmal den Ausgangspunkt desselben oder die dabei mitwirkenden Personen kannte.

»Nell hat sich bis jetzt nicht aussprechen wollen,« philosophirte der Ingenieur; »doch was sie jedem Anderen verschwieg, das wird sie dem Gatten nicht lange verheimlichen können. Eine Gefahr würde Harry nicht weniger bedrohen, als uns selbst. Eine Heirath also, welche das Lebensglück des Mannes und die Sicherheit der Freunde desselben begründet, ist gewiß nur zu billigen, und verdient mehr als jede andere hier unten begünstigt zu werden.«

Das war das Raisonnement James Starr's, dem man nicht alle Logik absprechen wird. Er verrieth seine Gedanken auch dem alten Simon, der diese Wünsche und Erwartungen vollkommen theilte. Nichts schien also entgegen zu stehen, daß Harry der Ehemann Nell's würde.

Wer hätte auch Einspruch erheben sollen? Harry und Nell liebten sich. Die bejahrten Eltern wünschten sich gar keine andere Schwiegertochter. Harry's Kameraden freuten sich über sein Glück, das sie ihm als ein wohlverdientes gönnten. Das junge Mädchen stand im Übrigen ganz unabhängig da und brauchte nur seinem eigenen Herzen zu gehorchen.

Wenn dieser Eheschließung aber Niemand ein Hinderniß in den Weg legen zu können schien, warum schlich, wenn die elektrischen Strahlen während der Stunde der Ruhe erloschen und die Nacht sich über das Arbeiterstädtchen verbreitete, aus einem der verborgensten Winkel von Aberfoyle ein geheimnißvolles Wesen hervor, das unhörbar durch die Dunkelheit dahin glitt? Welcher Instinct leitete diesen Schatten durch verschiedene so enge Galerien, daß man sie für unwegsam gehalten hätte? Warum suchte dieses räthselhafte Wesen stets nach den Ufern des Malcolmsees zu kriechen? Warum wendete es sich beharrlich der Wohnung Simon Ford's, und das mit solcher Schlauheit zu, daß es bis jetzt stets unbemerkt blieb? Warum drängte es sich an die Fenster der Cottage heran und suchte einzelne Bruchstücke der im Hause geführten Gespräche durch die Läden zu erlauschen?

Und wenn dann einige Worte zu ihm herausdrangen, warum bedrohte seine geballte Faust dann die trauliche Wohnung? Warum entschlüpften seinen wuthverzerrten Lippen dann immer wieder die Worte:

»Sie und er? – Niemals!«

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