Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jules Verne >

Schwarz-Indien

Jules Verne: Schwarz-Indien - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchwarz-Indien
authorJules Verne
translatorunbekannt
firstpub1878
year1878
publisherA. Hartleben Verlag
addressWien, Pest, Leipzig
titleSchwarz-Indien
created20060201
senderngiyaw@googlemail.com
Schließen

Navigation:

Fünfzehntes Capitel.

Nell in der Cottage.

Zwei Stunden später kamen Harry, der die Besinnung nicht so schnell wieder erhalten hatte, und das überaus schwache Kind mit Hilfe Jack Ryan's und seiner Kameraden in der Cottage an.

Jetzt erzählte man dem alten Obersteiger das Vorgefallene, und Madge widmete dem armen, von ihrem Sohne geretteten Geschöpfe die sorgsamste Pflege.

Harry hatte ein Kind aus dem Abgrund zu bringen geglaubt . . . es war schon ein junges Mädchen von etwa sechzehn Jahren. Ihr irrender, verwunderter Blick, ihr eingefallenes Gesicht, dem man die Spuren grausamer Leiden ansah, ihre helle Farbe, welche vom Tageslichte noch unberührt schien, ihre zarte und niedliche Gestalt – Alles ließ sie eben so fremdartig als reizend erscheinen. Jack Ryan verglich sie mit einigem Recht mit einem Kobold von etwas übernatürlichem Aussehen. War es eine Folge der eigenthümlichen Umstände, der ganz ungewöhnlichen Umgebung, in der das junge Mädchen bis jetzt offenbar gelebt hatte, daß sie dem menschlichen Geschlecht nur zur Hälfte anzugehören schien? Ihr Gesichtsausdruck mußte Jedem auffallen. Erstaunt und doch schüchtern blickten ihre Augen, welche die Lampen der Cottage anzustrengen schienen, umher, als ob ihnen Alles neu erschiene.

Die alte Schottin richtete an dieses eigenthümliche Wesen, das man auf Madge's Bett niedergelegt hatte, und welches wieder zum Leben kam, als erwache es aus einem jahrelangen Schlafe, einige freundliche Worte.

»Wie heißt Du, mein Kind?« fragte sie.

»Nell,« antwortete das junge Mädchen.

»Fehlt Dir etwas, Nell?« fuhr Madge fort.

»Mich hungert,« erwiderte Nell. »O, ich habe nichts gegessen seit . . .«

Man hörte es schon bei diesen wenigen Worten, daß Nell nicht gewöhnt war, zu sprechen. Ihr Dialect war der alt-gaelische, den auch Simon Ford und die Seinigen häufig gebrauchten.

Madge brachte dem jungen Mädchen einige Nahrung. Nell war nahe daran, vor Hunger zu sterben. Seit wann befand sie sich im Grunde jenes Schachtes? Niemand wußte es.

»Wie viele Jahre lang warst Du dort unten, meine Tochter?« fragte sie Madge.

Nell antwortete nicht; sie schien den Sinn der Worte nicht zu fassen.

»Seit wieviel Tagen?« . . . wiederholte Madge.

»Tagen?« . . . erwiderte Nell, für welche jenes Wort gar keine Bedeutung zu haben schien.

Dann schüttelte sie kurz mit dem Kopfe, wie Jemand, der eine an ihn gestellte Frage nicht versteht.

Madge hatte Nell's Hand ergriffen und streichelte sie, um jene zutraulicher zu machen.

»Wie alt bist Du denn, mein Kind?« fragte sie weiter und schaute ihr freundlich in's Gesicht.

Dasselbe verneinende Zeichen von Nell's Seite.

»Nun, ich meine, wie viele Jahre zählst Du?« erläuterte Madge ihre Frage.

»Jahre?« . . . antwortete Nell verwundert.

Wie für das Wort »Tag« schien das junge Mädchen auch für dieses zweite kein Verständniß zu haben.

Simon Ford, Harry, Jack Ryan und die Übrigen betrachteten sie mit dem doppelten Gefühle des Mitleids und der Sympathie. Der Zustand des armen, mit einem groben Rocke bekleideten Wesens rührte sie innig.

Harry besonders fühlte sich noch mehr als die Anderen von der Eigenart Nell's angezogen. Er sah Nell, deren Lippen sich dabei zu einem leichten Lächeln zu öffnen schienen, offen in's Gesicht und sagte:

»Nell . . . da unten . . . in der Grube . . . warst Du da allein?«

»Allein! Allein!« rief das junge Mädchen, sich aufrichtend.

In ihrem Antlitz malte sich jetzt der Schrecken. Ihre unter den Blicken des jungen Mannes so sanften Augen sprühten jetzt ein fast unheimliches Feuer.

»Das arme Kind ist noch zu schwach, uns Rede und Antwort zu stehen,« meinte Madge, nachdem sie das junge Mädchen wieder niedergelegt hatte. »Einige Stunden Ruhe und dann etwas Speise und Trank werden sie schon wieder kräftigen. Komm, Simon, und Du, Harry, und kommt Ihr anderen Alle, lassen wir sie ruhig schlummern!«

Auf Madge's Rath wurde Nell allein gelassen, und kurz darauf konnte man sich schon überzeugen, daß sie fest eingeschlafen war.

Das ganze seltsame Ereigniß verfehlte natürlich nicht, erst in dem Kohlenwerke, dann in der Grafschaft Stirling und endlich in dem ganzen Vereinigten Königreiche das größte Aufsehen zu erregen. Die wunderbarsten Gerüchte über Nell kamen in Umlauf. Hätte man ein junges Mädchen direct in dem Schieferfelsen gefunden, wie eines jener vorsündfluthlichen Geschöpfe, welche Hammer und Fäustel des Bergmannes manchmal aus dem Jahrtausende alten Felsengrabe wieder an das Licht bringen, das Aufsehen wäre kaum ein größeres gewesen.

Sich selbst unbewußt, kam Nell so zu sagen in die Mode. Abergläubische Leute fanden hier eine neue Unterlage für ihre Legenden. Sie glaubten steif und fest, Nell sei die gute Fee von Neu-Aberfoyle, wie Jack Ryan das auch seinem Freunde Harry gegenüber aussprach.

»Es sei,« erwiderte Harry, um ein solches Gespräch nicht auszudehnen, »es sei, Jack. Aber jedenfalls ist sie nur die gute Fee. Sie war es, die uns zu Hilfe kam und uns Brot und Wasser brachte, als wir in der Kohlengrube eingesperrt waren. Das kann nur sie gewesen sein. Wenn der andere böse Geist aber noch in der Grube haust, so werden wir ihn schon eines Tages entdecken.«

Es versteht sich von selbst, daß man den Ingenieur James Starr schleunigst von dem Vorgefallenen unterrichtete.

Das junge Mädchen, welches am Tage nach der Ankunft in der Cottage ihre Kräfte völlig wieder gewonnen hatte, wurde von ihm nach allen Seiten befragt. Ihr schienen die meisten Dinge des Lebens völlig unbekannt. Dennoch erweckte sie den Eindruck einer mehr als gewöhnlichen Intelligenz, nur daß ihr einzelne Begriffe, unter anderen der der Zeit, völlig abgingen. Man merkte es, daß sie nicht gewöhnt war, die Zeit in Stunden oder Tage zu theilen und daß sie selbst diese Worte nicht einmal kannte. Ihre an eine ununterbrochene Nacht gewöhnten Augen vertrugen nur schwierig den Glanz der elektrischen Sonnen; in der Finsterniß aber erreichte ihr Blick eine überraschende Schärfe, und die weitgeöffneten Pupillen gestatteten ihr, selbst bei tiefer Dunkelheit noch zu sehen. Eindrücke von der Außenwelt schien ihr Gehirn noch nicht erhalten zu haben; sie umgab nie ein anderer Horizont, als die dunkle Kohlengrube; was sie von der Menschheit kannte, beschränkte sich gewiß auf eines oder wenige in dieser Aushöhlung der Erde lebende Wesen. Wußte dieses arme Kind überhaupt, daß es eine Sonne und Sterne, Städte und Länder, daß es ein Weltall gab, durch welches ungezählte Weltkörper kreisten? Daran mußte man zweifeln bis zu der Stunde, in welcher gewisse ihr noch unbekannte Worte in ihrem Geiste eine feststehende Bedeutung gewannen.

Auf die Lösung der Frage, ob Nell in den Tiefen von Neu-Aberfoyle allein gelebt habe, mußte der Ingenieur verzichten. Jede Anspielung hierauf erfüllte dieses eigenthümliche Wesen mit schauderndem Entsetzen. Entweder wollte oder konnte Nell hierauf nicht antworten; jedenfalls aber war hier noch ein Geheimniß zu entschleiern.

»Willst Du hier bei uns bleiben, oder dahin zurückkehren, wo Du früher warst?« hatte sie der Ingenieur gefragt.

Auf den ersten Theil der Frage rief sie schnell und freudig: »Ach ja!« und den zweiten Theil beantwortete sie nur durch einen ängstlichen Schrei.

Gegenüber diesem hartnäckigen Stillschweigen beschlichen James Starr, Simon Ford und Harry auf's Neue ihre früheren Ahnungen. Sie konnten die unerklärlichen Zufälle bei Gelegenheit der Entdeckung der neuen Kohlengrube nicht vergessen. Obwohl schon drei Jahre ohne jedes hieraus herzuleitende Ereigniß verstrichen waren, versahen sie sich doch jeden Tag eines wiederholten Angriffs seitens ihres unsichtbaren Feindes. Sie nahmen sich vor, jenen geheimnißvollen Schacht näher zu untersuchen und führten es auch wohlbewaffnet und in größerer Anzahl aus. Dabei fand sich indeß keine verdächtige Spur. Der Schacht communicirte mit den unteren Etagen des Höhlensystems, welches die mächtige Kohlenablagerung durchsetzte.

Wiederholt besprachen James Starr, Simon und Harry dieses Räthsel. Wenn ein oder mehrere Übelthäter sich in der Grube versteckt hielten und irgend einen hinterlistigen Streich vorbereiteten, so hätte Nell vielleicht darüber Auskunft geben können, aber diese schwieg nach wie vor. Die geringste Erwähnung ihrer Vergangenheit rief allemal so heftige Anfälle hervor, daß man es für räthlich hielt, eine solche ganz zu unterlassen. Mit der Zeit würde sie ihr Geheimniß vielleicht wider Willen verrathen.

Vierzehn Tage nach ihrer Ankunft in der Cottage machte sich Nell schon als die intelligenteste und eifrigste Helferin der alten Madge nützlich. Ihr erschien es ganz natürlich, dieses Haus, in dem sie eine so entgegenkommende Aufnahme gefunden, niemals zu verlassen, und vielleicht glaubte sie, außerhalb desselben überhaupt gar nicht leben zu können. Ihr genügte die Familie Ford vollkommen, sowie es sich von selbst verstand, daß sie von derselben, seit ihrem ersten Betreten der Cottage, als Adoptivkind angesehen wurde.

Nell war in der That reizend. Das neue Leben machte sie nur noch schöner. Jetzt blühten ihr wohl die ersten glücklichen Tage ihres Lebens, die sie voll aufrichtiger Erkenntlichkeit gegen Diejenigen, denen sie sie schuldete, genoß. Madge empfand für Nell eine wahrhaft mütterliche Theilnahme. Der alte Obersteiger war bald ganz vernarrt in sie. Alle liebten das Mädchen. Jack Ryan bedauerte nur allein, daß er selbst sie nicht gerettet habe. Er hielt sich häufig in der Cottage auf. Er sang wohl auch, und Nell, welche noch niemals singen gehört hatte, fand das sehr schön, leicht hätte Jeder aber wahrnehmen müssen, daß sie vor den Liedern Jack Ryan's offenbar den ernsteren Unterhaltungen Harry's den Vorzug gab, durch welche sie nach und nach lernte, was sie von der Außenwelt noch nicht wußte.

Wir müssen gestehen, daß Jack Ryan, seitdem Nell ihm in ihrer natürlichen Menschengestalt erschien, seinen Glauben an die Berggeister etwas verblassen sah. Zwei Monate später sollte seine Gläubigkeit noch einen weiteren Schlag erhalten.

Harry machte da nämlich eine ganz unerwartete Entdeckung, welche zum Theil die Erscheinung der Feuerhexen in den Ruinen des Dundonald-Schlosses bei Irvine erklärte.

Nach einer weit fortgesetzten Untersuchung des südlichen Theiles der Kohlengrube – eine Untersuchung der äußersten Ausläufer dieses unterirdischen Labyrinthes, welche mehrere Tage in Anspruch nahm – hatte Harry einen schräg aufwärts führenden engen Gang erklommen, der sich durch den Schieferfelsen hinzog. Wie erstaunte er da, sich plötzlich in freier Luft zu befinden. Die Galerie endigte außerhalb genau bei den Ruinen von Dundonald-Castle. Es bestand also eine bisher unbekannte Verbindung zwischen Neu-Aberfoyle und jenem von dem Schlosse gekrönten Hügel. Die obere Mündung dieses Tunnels war fast gar nicht zu entdecken, so dicht war sie von Steinblöcken und Gesträuch verhüllt. So gelang es auch damals trotz ihrer Untersuchung den Beamten nicht, diesen Eingang zu finden.

Einige Tage später nahm auch James Starr, den Harry hierher geleitet hatte, die natürliche Anordnung der Gesteinsschichten und des Kohlenflötzes näher in Augenschein.

»Nun,« sagte er, »da besitzen wir ja das Mittel, die Abergläubischen eines Besseren zu belehren. Jetzt fahrt wohl, ihr Gespenster, Kobolde und Feuerhexen!«

»Ich glaube kaum,« wendete Harry ein, »daß wir Ursache haben, uns deshalb zu beglückwünschen! Ihre Stellvertreter taugen wahrlich nicht mehr und könnten sogar noch schlechter sein.«

»Du magst Recht haben, Harry,« erwiderte der Ingenieur, »doch was sollen wir dagegen thun? Offenbar benutzen die Bösewichte, welche in der Grube ihr Wesen treiben, diesen Tunnel als Verbindungsgang zur Oberwelt. Sie sind es ohne Zweifel, welche während jener stürmischen Nacht mit Fackeln in den Händen die »Motala« anzulocken wußten, deren Wracktrümmer sie sich, ganz wie die ehemaligen Strandräuber, zugeeignet hätten, wenn ihnen Jack Ryan und seine Genossen nicht hinderlich gewesen wären. Doch jedenfalls erklärt sich hiermit Alles. Hier ist der Eingang zur Räuberhöhle, und die Frage ist nur, ob die früheren Insassen sie auch heute noch bewohnen.«

»Gewiß, denn Nell erzittert stets, wenn man hiervon etwas erwähnt,« erwiderte Harry zuversichtlich. »Gewiß, da Nell hierüber niemals zu sprechen wagt!«

Harry konnte wohl Recht haben. Wenn die räthselhaften Bewohner der Grube diese verlassen hatten oder vielleicht gar todt waren, welchen Grund hätte das junge Mädchen dann gehabt, bei ihrem Schweigen zu beharren?

James Starr hielt es jedoch für unumgänglich nothwendig, dieses Geheimniß zu lüften. Er ahnte, daß die ganze Zukunft des großen Werkes davon abhängen könne. Man sorgte also auf's Neue für die strengsten Vorsichtsmaßregeln. Die Behörden wurden benachrichtigt. Einige Beamte besetzten insgeheim die Ruinen von Dundonald-Castle. Harry selbst verbarg sich während mehrerer Nächte in dem Gebüsch, welches den Hügel bedeckte. Vergebliche Mühe! Man entdeckte nichts. Kein menschliches Wesen trat durch die Tunnelmündung heraus.

Endlich brach sich die Überzeugung mehr und mehr Bahn, daß die Übelthäter Neu-Aberfoyle definitiv verlassen hätten und die zurückgelassene Nell als in der Tiefe jenes engen Schachtes umgekommen betrachteten. Vor Beginn des Abbaues konnte die Kohlengrube ihnen ein sicheres Versteck bieten, in dem ihnen keine Nachsuchung drohte. Jetzt hatten sich die Verhältnisse vollkommen verändert. Ihr Lagerplatz wäre nur noch schwierig zu verheimlichen gewesen. Man hätte also vernünftiger Weise annehmen sollen, daß für die Zukunft nichts mehr zu fürchten sei. Dennoch konnte James Starr sich nicht vollkommen beruhigen. Auch Harry theilte diese Ansicht und sprach sich wiederholt darüber aus.

»Nell steht offenbar mit diesem Geheimniß in Verbindung,« sagte er. »Wenn sie nichts mehr zu befürchten hätte, warum sollte sie noch länger schweigen? Ohne Zweifel fühlt sie sich bei uns glücklich und liebt uns Alle. Sie verehrt meine Mutter. Wenn sie über ihre Vergangenheit schweigt, über das, was uns wegen der Zukunft beruhigen könnte, so muß ein gewichtiges Geheimniß, welches zu entschleiern das Gewissen ihr verbietet, auf ihrer Seele lasten. Vielleicht glaubt sie sich auch mehr um unseres, als um ihres eigenen Besten willen in dieses unerklärliche Schweigen hüllen zu müssen.«

In Folge ähnlicher Betrachtungen war man allgemein übereingekommen, im Gespräche Alles zu vermeiden, was das junge Mädchen an seine Vergangenheit erinnern könnte.

Eines Tages wollte es jedoch der Zufall, daß Harry Nell mittheilte, wie viel James Starr, sein Vater, seine Mutter und er selbst ihrer uneigennützigen Hilfe zu verdanken glaubten.

Es war ein Festtag. Ebenso wie auf der Oberfläche der Grafschaft feierten die fleißigen Arme heute auch in diesem unterirdischen Gebiete. Alle gingen ein wenig spazieren. An zwanzig verschiedenen Stellen ertönten fröhliche Gesänge unter den mächtigen Wölbungen von Neu-Aberfoyle.

Harry und Nell hatten die Cottage verlassen und folgten langsamen Schrittes dem linken Ufer des Malcolmsees. Dort leuchteten die elektrischen Strahlen minder heftig und brachen sich launenhaft an einigen pittoresken Felsen, welche den gewaltigen Dom stützten. Das Halbdunkel hier that Nell's Augen wohl, die sich nur schwierig an das Licht gewöhnten.

Nach einer Stunde Wegs blieben Harry und seine Begleiterin vor der Kapelle des heiligen Gilles auf einer natürlichen, die Gewässer des Sees beherrschenden Terrasse stehen.

»Deine Augen sind noch nicht an das Licht des Tages gewöhnt, Nell,« sagte Harry, »und würden den hellen Schein der Sonne wohl kaum ertragen.«

»Gewiß nicht, Harry,« erwiderte das junge Mädchen, »wenn die Sonne so ist, wie Du sie mir beschrieben hast.«

»Ach Nell,« fuhr Harry fort, »mit Worten vermag ich Dir keine richtige Vorstellung von ihrem Glanze, noch von den Herrlichkeiten der Welt zu geben, die Deine Augen noch nicht erblickten. Doch sage mir, ist das möglich, daß Du seit dem Tage Deiner Geburt in der dunklen Kohlengrube niemals die Oberfläche der Erde betreten hättest?«

»Niemals, Harry, und ich glaube auch nicht, daß mich der Vater oder die Mutter, selbst als ich noch ganz klein war, jemals dahin getragen haben. Ich würde doch eine dunkle Erinnerung an die Außenwelt bewahrt haben.«

»Ich glaub' es,« antwortete Harry. »Zu jener Zeit verließen auch manche Andere niemals das Werk. Die Verbindung mit der Außenwelt war zu beschwerlich, und ich habe mehr als einen jungen Burschen oder ein junges Mädchen gekannt, die in Deinem Alter ganz so wie Du nichts von den Dingen da oben wußten. Jetzt befördert uns aber die Eisenbahn des großen Tunnels in wenigen Minuten nach der Oberfläche der Grafschaft. O, Nell, wie sehne ich die Stunde herbei, wo Du mir sagen wirst: ›Komm, Harry, meine Augen vertragen nun das Licht des Tages, ich will die Sonne schauen! Ich will die Werke des Schöpfers bewundern!‹«

»Ich hoffe, Harry,« antwortete das junge Mädchen, »recht bald so zu Dir sprechen zu können. Ich werde mich laben an dem Anblick der Außenwelt, und doch . . .«

»Was willst Du sagen, Nell?« fragte Harry lebhaft. »Bedauerst Du vielleicht, den finsteren Abgrund verlassen zu haben, in dem Du Deine ersten Lebensjahre verbrachtest und dem wir Dich dem Tode nahe entrissen haben?«

»O nein, Harry,« erwiderte Nell, »mir kam nur der Gedanke, daß auch die dunklen Tiefen ihre Schönheiten haben. Wenn Du es wüßtest, was die allein an diese Finsterniß gewöhnten Augen da Alles erkennen! Manchmal huschen dort Schatten vorüber, denen man so gern in ihrem Fluge folgte. Ein andermal schlingen sich wunderbare Kreise vor dem Auge durcheinander, in deren Mitte man so gerne bleibt. Tief im Grunde der Grube giebt es finstere Schluchten, durch welche dann und wann ein ungewisser Schein zittert. Dann hört man wohl Geräusche, welche zu sprechen scheinen; – siehst Du, man muß da unten gelebt haben, um zu verstehen, was ich Dir mit Worten nicht zu schildern vermag.«

»Und Du fühltest keine Angst, Nell, wenn Du da allein warst?«

»Wenn ich allein war, Harry,« antwortete das junge Mädchen mit besonderer Betonung, »fürchtete ich mich niemals!«

Harry bemerkte es, er glaubte den günstigen Augenblick benützen zu müssen, um vielleicht noch mehr zu erfahren.

»Doch man konnte sich verirren in den langen Gängen, Nell. Hättest Du das niemals befürchtet?«

»Nein, Harry, ich kannte alle Stollen und Schächte der neuen Kohlengrube schon lange Zeit sehr genau.«

»Verließest Du dieselbe niemals?« . . .

»Doch . . . einige Male . . .« antwortete das junge Mädchen zögernd, »ich kam wohl auch bis zu dem alten Werke von Aberfoyle.«

»Du kanntest demnach auch die alte Cottage?«

»Die Cottage . . . ja . . . aber deren Bewohner so gut wie gar nicht.«

»Die Bewohner derselben,« erklärte ihr Harry, »waren mein Vater, meine Mutter und ich. Wir hatten unsere alte, lieb gewordene Wohnung nicht verlassen wollen.«

»Vielleicht wäre es für Euch doch besser gewesen . . .« murmelte das junge Mädchen.

»Und weshalb, Nell? Danken wir die Auffindung der neuen Kohlenschätze nicht unserem treuen Ausharren? Und war diese Entdeckung nicht von den wohlthätigsten Folgen für eine ganze Bevölkerung, deren Wohlstand die Arbeit neu begründete; auch für Dich, Nell, welche, dem Leben zurückgegeben, Herzen fand, die Dir ganz und gar gehören?«

»Für mich!« antwortete Nell lebhaft ». . . Ja, was auch kommen könne! Für die Anderen? . . . wer weiß? . . .«

»Was willst Du damit sagen?«

»Nichts . . . nichts! . . . Aber das erste Eindringen in die neuerschlossene Grube hatte seine Gefahren; ja, seine großen Gefahren. Einmal, Harry, waren einige Unvorsichtige in diese unbekannten Gänge gerathen: sie wagten sich weit, weit hinein, zuletzt haben sie sich verirrt . . .«

»Verirrt?« unterbrach sie Harry und sah sie beobachtend an.

»Ja . . . verirrt . . .« wiederholte Nell mit zitternder Stimme. »Ihre Lampe verlosch, sie konnten den Rückweg nicht finden.«

»Und blieben dort acht Tage eingeschlossen,« setzte Harry ihre Rede fort. »Sie wären bald dabei umgekommen, hätte ihnen Gott nicht ein hilfreiches Wesen, vielleicht einen Engel, gesendet, der sie geheimnißvoll mit etwas Nahrung versorgte, und nicht einen wunderbaren Führer, der ihnen später ihre Befreier zuführte. Ohne dem hätten sie nie wieder jenes ungeheure Grab verlassen.«

»Woher weißt Du das Alles?« fragte das junge Mädchen.

»Jene Gefangenen, Nell, waren James Starr, meine Eltern und ich.«

Nell erhob den Kopf, ergriff die Hand des jungen Mannes und sah ihm so tief in die Augen, daß dieser sich bis in's Herz erzittern fühlte.

»Du?« wiederholte das junge Mädchen.

»Ja,« bestätigte Harry nach kurzem Schweigen, »und die, der wir es verdanken, noch heute zu leben, das warst Du, Nell, das kann Niemand sonst gewesen sein, als Du!«

Nell ließ den Kopf in ihre Hände sinken und gab keine Antwort. Noch niemals hatte Harry sie so tief ergriffen gesehen.

»Die, welche Dich gerettet haben, Nell,« fügte er bewegt hinzu, »schuldeten vorher schon Dir ihr Leben, und glaube mir, sie können und werden das niemals vergessen!«

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.