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Schwarz-Indien

Jules Verne: Schwarz-Indien - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchwarz-Indien
authorJules Verne
translatorunbekannt
firstpub1878
year1878
publisherA. Hartleben Verlag
addressWien, Pest, Leipzig
titleSchwarz-Indien
created20060201
senderngiyaw@googlemail.com
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Vierzehntes Capitel.

Am letzten Fädchen hängend.

Jetzt, nach Befriedigung ihrer innigsten Wünsche, fühlte sich Simon Ford's Familie wirklich glücklich. An Harry allein, der schon von Natur einen etwas verschlosseneren Charakter besaß, hätte man beobachten können, daß er mehr und mehr »in sich gekehrt« blieb, wie Madge zu sagen pflegte.

Selbst Jack Ryan gelang es trotz seiner »ansteckenden«, guten Laune nicht, ihn umzuwandeln.

Eines Sonntags im Monat Juni gingen die beiden Freunde am Ufer des Malcolmsees spazieren. Coal-City feierte. Draußen tobte ein stürmisches Wetter. Heftige Regengüsse entwickelten aus der erhitzten Erde einen warmen, fast erstickenden Brodem.

In Coal-City dagegen herrschte die tiefste Ruhe, die angenehmste Temperatur, und gab es weder Regen noch Wind. Hier verrieth nichts den Kampf der Elemente in der Oberwelt. Aus Stirling und dessen Umgegend strömten Spaziergänger herzu, um sich an der angenehmen Frische des Kohlenwerkes zu erquicken.

Die elektrischen Apparate übergossen Alles mit einem Lichtglanz, um den es die für einen Sonntag etwas gar zu nebelverhüllte Sonne Britanniens beneidet hätte.

Jack Ryan machte seinen Kameraden Harry auf den außerordentlichen Andrang von Besuchern aufmerksam: dieser nahm seine Worte aber nur mit sehr getheilter Aufmerksamkeit auf.

»Sieh doch, Harry,« begann er, »welches Gedränge von Gästen! Komm, Freund! Verscheuche Deine trüben Gedanken! Du wirst die Leute von oben auf den Gedanken bringen, daß man sie um ihr Schicksal beneiden könne.«

»Lieber Jack,« antwortete Harry, »sorge Dich nicht um mich! Du bist ja lustig für Zwei, das genügt schon.«

»Hol' mich der alte Nick!« versetzte Jack, »wenn Deine Melancholie mich nicht zuletzt mit ansteckt! Meine Augen werden trüber, die Lippen pressen sich zusammen, das Lachen bleibt mir in der Kehle stecken und zum Singen fehlt mir das Gedächtniß. Sprich, Harry, was fehlt Dir?«

»Du weißt es ja, Jack.«

»Noch immer dieser Gedanke . . .«

»Noch immer.«

»Du armer Harry,« erwiderte Jack Ryan achselzuckend, »wenn Du, wie ich, alles das auf Rechnung der Berggeister setztest, würdest Du weit ruhiger sein.«

»Du weißt wohl, Jack, daß diese Gnomen und Feen nur in Deiner Einbildung existiren, und daß sich seit Wiederaufnahme der Arbeiten kein einziger mehr in Neu Aberfoyle hat blicken lassen.«

»Zugegeben, Harry! Doch wenn sich die Berggeister nicht mehr zeigen, so scheint mir nur, zeigen sich die Wesen, denen Du alles dieses zuschreiben willst, desto weniger.«

»Ich werde sie wiederzufinden wissen, Jack.«

»O Harry! Harry! Die Geister von Neu-Aberfoyle sind nicht so leicht zu fangen.«

»Ich will sie schon entdecken, Deine vermeintlichen Geister!« erwiderte Harry mit einem Tone der festesten Überzeugung.

»Du gedenkst sie also zu bestrafen? . . .«

»Zu bestrafen und sie zu belohnen, Jack. Wenn die eine Hand uns in jener Galerie eingesperrt hatte, so vergesse ich dabei nicht, daß eine andere uns zu Hilfe gekommen ist! Nein, nein, das vergesse ich niemals.«

»Bist Du aber,« entgegnete ihm Jack Ryan, »auch überzeugt, daß diese beiden Hände nicht ein und demselben Wesen angehören?«

»Warum, Jack? wie kommst Du auf diesen Gedanken?«

»Ja, zum Kuckuck . . . Du weißt . . . Harry! Die Wesen, welche in diesen Abgründen hausen . . . sind nicht so wie wir gebaut!«

»Jene aber sind ganz unseres Gleichen, Jack!«

»Nein, Harry, nein . . . wäre es übrigens nicht möglich, daß hier ein Geisteskranker sein Wesen triebe . . .«

»Ein Geisteskranker?« erwiderte Harry; »ein Wahnsinniger, in dessen Ideen eine solche Folgerichtigkeit herrschte! Ein Verrückter, jener Bösewicht, der seit dem Tage, da er die Leitern im Yarow-Schachte zerstörte, uns unausgesetzt zu schädigen suchte!«

»Er thut es aber nicht mehr, Harry. Seit drei Jahren ist weder gegen Dich noch gegen Deine Angehörigen irgend eine neuere Bosheit ausgeführt worden.«

»Das thut nichts, Jack,« antwortete Harry. »Ich kann die Ahnung nicht los werden, daß jener böse Geist, sei er wer er will, auf seine verderblichen Absichten noch nicht verzichtet hat. Worauf ich mich mit dieser Annahme stütze, ich könnte es selbst nicht sagen. Auch im Interesse des wieder aufgelebten Betriebes unserer Grube möchte ich wissen, wer es ist und woher er kommt.«

»Im Interesse des jetzigen Betriebes? . . .« fragte Jack erstaunt.

»Gewiß, Jack,« versetzte Harry, »aber ich sehe in allen diesen Handlungen ein dem unseren offenbar widerstrebendes Interesse. Ich habe wohl oft darüber nachgedacht und glaube mich nicht zu täuschen. Erinnere Dich an jene Reihe unerklärlicher Vorkommnisse, welche sich ganz logisch folgten. Jener anonyme, dem meines Vaters widersprechende Brief beweist zunächst, daß irgend Jemand von unserem Vorhaben Kenntniß gehabt und dessen Ausführung zu vereiteln suchte. Herr Starr kam, uns zu besuchen, nach der Grube Dochart. Kaum habe ich ihn ein Stück dahingeführt, so wird ein gewaltiger Stein nach uns geschleudert und durch Zerstörung der Leitern des Yarow-Schachtes jede Verbindung mit der Außenwelt unterbrochen. Unsere Nachforschungen beginnen. Ein Experiment, welches für das Vorhandensein eines weiteren Kohlenlagers als Beweis dienen sollte, war durch Verschließung der Spalten im Schiefergestein unmöglich gemacht. Nichts desto weniger gelingt dieser Beweis zuletzt, das Flötz wird gefunden. Wir kehren zurück, da entsteht eine heftige Bewegung der Luft. Unsere Lampe zerbricht. Rings um uns wird es finster. Trotzdem gelingt es uns, den richtigen Weg einzuhalten . . . da war kein Ausgang mehr vorhanden, die Mündung verschlossen. Wir waren eingesperrt! – Nun, Jack, erblickst Du in dem Allen nicht eine böswillige Absicht? Unzweifelhaft, ein bis jetzt von mir noch nicht erlangtes, aber keineswegs übernatürliches Wesen, wie Du glaubst, annehmen zu müssen, war hier in der Grube verborgen. Aus einer noch unaufgeklärten Absicht suchte es unser weiteres Vordringen zu verhindern. Es war früher hier! . . . Eine Ahnung sagt mir, daß es auch jetzt nicht verschwunden ist und wahrscheinlich irgend etwas Furchtbares im Schilde führt. – Nun wohl, Jack, und sollte es mein Leben kosten, ich muß hier klar sehen lernen!«

Harry sprach mit einer so sicheren Überzeugung, daß er die Ansicht seines Kameraden gewaltig erschütterte.

Jack Ryan fühlte recht wohl, daß Harry Recht habe, wenigstens bezüglich der Vergangenheit. Doch mochten diese außerordentlichen Ereignisse eine natürliche oder übernatürliche Ursache haben, jedenfalls lagen sie klar vor Augen.

Trotzdem verzichtete der wackere Bursche nicht darauf, die Thatsachen nach seiner Art zu erklären. Da er jedoch wußte, daß Harry niemals die Intervention eines räthselhaften Wesens zugeben würde, so betonte er nur jenes eine Vorkommniß, welches mit der Annahme einer böswilligen Absicht gegen die Familie Ford offenbar unvereinbar schien.

»Nun gut, Harry,« begann er, »muß ich Dir auch hinsichtlich mehrerer Erscheinungen Recht geben, bist Du mit mir nicht darüber wenigstens einer Meinung, daß Euch irgend ein guter Geist durch das Herbeischaffen von Brot und Wasser das Leben rettete und . . .«

»Jack,« unterbrach ihn Harry, »jenes hilfreiche Geschöpf, das Du zu einem übernatürlichen Wesen machen möchtest, existirt unzweifelhaft ebenso wie der betreffende Bösewicht, und ich wiederhole Dir, ich werde sie Beide bis in die letzten Ausläufer der Grube suchen.«

»Hast Du denn irgend welche Vermuthung, die Dich dabei auf den richtigen Weg führen könnte?« fragte Jack Ryan.

»Vielleicht,« antwortete Harry. »Höre mir aufmerksam zu. Fünf Meilen westlich von Aberfoyle, unter den Schichten, welche den Lomondsee tragen, findet sich ein natürlicher Schacht, der senkrecht in die Tiefe hinabführt. Vor etwa acht Tagen versuchte ich schon, seine Länge zu messen. Da, als ich mich über die obere Mündung beugte, um meine Sonde hinabgleiten zu lassen, schien mir die Luft im Innern desselben heftig, wie von kräftigen Flügelschlägen, bewegt.«

»Es wird sich ein Vogel in die unteren Galerien der Grube verirrt haben,« bemerkte Jack.

»Das ist noch nicht Alles,« fuhr Harry fort. »Noch an demselben Tage kehrte ich einmal zu dem Schachte zurück und glaubte da in dessen Grunde leises Wimmern zu hören.«

»Ein Wimmern!« rief Jack, »Du hast Dich getäuscht, Harry. Das ist nur der Luftzug gewesen . . . wenn nicht etwa ein Berggeist . . .«

»Morgen, Jack, werde ich wissen, woran ich bin.«

»Morgen?« fragte Jack, der seinen Kameraden mit großen Augen ansah.

»Gewiß! Morgen steig' ich in den Abgrund hinab.«

»Harry, das heißt Gott versuchen!«

»Nein, mein Freund, ich werde seine Hilfe erbitten zu diesem Unternehmen. Morgen begeben wir Beide uns nebst einigen Kameraden nach dem Schachte. Ich schlinge mir ein langes Seil um den Leib, an dem Ihr mich hinablassen und auf ein gegebenes Zeichen wieder hinaufziehen könnt. – Ich darf doch auf Dich rechnen, Jack?«

»Harry,« antwortete Jack sehr ernst, »ich werde Alles thun, was Du von mir verlangst, und doch wiederhole ich Dir: Du thust unrecht!«

»Es ist besser, einmal unrecht zu thun, als sich die Vorwürfe machen zu müssen, etwas unterlassen zu haben,« erwiderte Harry mit entschiedenem Tone. »Also, morgen Früh sechs Uhr, und – schweigen können! Leb wohl, Jack!«

Um ein Gespräch nicht weiter fortzusetzen, bei dem Jack Ryan gewiß versucht hätte, ihm von seinem Vorhaben abzurathen, verließ Harry schnell seinen Kameraden und kehrte nach der Cottage zurück.

Man muß übrigens zugeben, daß Jack's Befürchtungen nicht übertrieben waren. Wenn Harry ein persönlicher Feind bedrohte und sich in dem Schachte verborgen hielt, den der junge Bergmann untersuchen wollte, so setzte sich dieser der augenscheinlichsten Gefahr aus. Warum sollte es nicht so sein können?

»Und überdies,« wiederholte sich Jack, »warum einer möglichen Gefahr in die Arme laufen, um eine Reihe von Thatsachen zu erklären, welche sich durch die Annahme des Einschreitens übernatürlicher Wesen ganz von selbst erklärt?«

Trotzdem fanden sich am anderen Morgen Jack Ryan nebst drei Kameraden in Begleitung Harry's an der Mündung des verdächtigen Schachtes ein.

Harry hatte sein Vorhaben sowohl James Starr, als auch dem alten Obersteiger verheimlicht. Auch Jack Ryan war seinerseits verschwiegen gewesen. Als die anderen Bergleute die kleine Gesellschaft aufbrechen sahen, glaubten sie, es handle sich nur um irgend eine Untersuchung der Mächtigkeit des Flötzes an einer anderen Stelle.

Harry trug ein zweihundert Fuß langes Seil, das zwar nicht dick, aber besonders fest war. Da er mit Hilfe der Hände und Arme weder hinab-, noch hinaufklettern konnte, so mußte er ein Seil gebrauchen, welches das Gewicht seines Körpers sicher trug. Seine Begleiter sollten ihn also hängend in den Abgrund hinunter sinken lassen und ebenso wieder emporziehen. Eine Erschütterung des Seiles sollte zwischen ihm und jenen als Signal dienen.

Der ziemlich weite Schacht mochte im Durchmesser zwölf Fuß messen. Oben wurde eine Pfoste wie eine Brücke darüber gelegt, so daß der Strick sich beim Nachgleiten immer in der Mitte halten mußte, um Harry bei seiner Fahrt in die unbekannte Tiefe vor dem Anstoßen an den Seitenwänden zu bewahren.

Harry war bereit.

»Du bestehst also auf Deiner Absicht, diese Schlucht zu untersuchen?« fragte ihn Jack Ryan mit ernster Stimme.

»Ja, Jack!« antwortete Harry.

Das Seil wurde nun zuerst um Harry's Lenden und dann unter seinen Armen weg befestigt, so daß der Körper sicher gerade hing.

Hierdurch behielt Harry beide Arme frei. Am Gürtel befestigte er eine Sicherheitslampe und an der Seite eines jener breiten schottischen Messer in einer Lederscheide.

Harry trat bis auf die Mitte der Pfoste vor, über welche das Seil laufen sollte.

Dann ließen ihn seine Begleiter sinken und er verschwand langsam in der Tiefe. Da sich das Seil gleichzeitig langsam drehte, fiel der Schein seiner Lampe nach und nach rings auf die Wand, und Harry konnte sie dabei sehr genau in's Auge fassen.

Diese Wände bestanden aus Schiefer und waren so steil und glatt, daß man daran unmöglich empor klettern konnte.

Harry berechnete, daß er sich nur mit mäßiger Geschwindigkeit senkte – etwa einen Fuß in der Secunde. Er konnte demnach Alles bequem sehen und sich für jede Eventualität bereit halten.

Bis nach Ablauf von zwei Minuten, also bis in eine Tiefe von ungefähr hundertzwanzig Fuß ging diese Niederfahrt ohne jede Störung vor sich. Die Wand des Schachtes zeigte nirgends eine davon ausgehende Seitengalerie; der letztere selbst weitete sich allmälig tonnenartig etwas aus. Vom Grunde aus fühlte Harry jetzt eine kühlere Luft heraufwehen, woraus er schloß, daß der Schacht daselbst mit irgend einem anderen Wetterschachte in der Grube in Verbindung stehen müsse.

Das Seil sank tiefer. Rings herrschte vollständige Finsterniß, vollkommene Ruhe. Wenn irgend ein lebendes Wesen in dieser geheimnißvollen und tiefen Schlucht Zuflucht gesucht hatte, so war es entweder nicht mehr anwesend oder verrieth seine Gegenwart wenigstens nicht durch die leiseste Bewegung.

Je tiefer er hinabkam, desto mißtrauischer ward Harry; er zog deshalb das Messer aus dem Gürtel und hielt es in der rechten Hand zur etwaigen Abwehr bereit.

In einer Tiefe von hundertachtzig Fuß fühlte Harry, daß er den Boden erreicht habe; die Spannung des Seiles ließ nach und dasselbe wurde von oben nicht weiter nachgelassen.

Harry athmete einen Augenblick auf. Eine Befürchtung, der er sich nicht erwehren konnte, daß nämlich das Seil über ihm durchschnitten werden könne, hatte sich nicht erfüllt. Er hatte übrigens nirgends in der Schachtwand irgend eine Aushöhlung bemerkt, in der sich ein lebendes Wesen hätte verbergen können.

Der unterste Theil des Schachtes lief wieder ziemlich eng zusammen.

Harry löste seine Lampe aus dem Gürtel und leuchtete damit auf dem Grunde umher. Seine vorige Annahme hatte ihn nicht getäuscht.

In einem tiefen Kohlenflötze zog sich ein enger, mehr schlauchähnlicher Gang hin, so daß man sich bücken mußte, um in denselben zu gelangen, und nur auf Händen und Füßen darin weiter fortkriechen konnte.

Harry wollte sich über den Verlauf dieses engen Stollens unterrichten und sehen, ob er später vielleicht wieder in eine erweiterte Höhle mündete

Er streckte sich auf den Erdboden aus und begann zu kriechen: aber plötzlich sperrte ihm ein Hinderniß den Weg.

Dem Gefühle nach urtheilte er, daß dieses Hinderniß in einem menschlichen Körper bestand, der den Gang fast verschloß.

Harry wich zuerst entsetzt zurück, kroch dann aber doch wieder vorwärts.

Er hatte sich nicht geirrt; es war in der That ein menschlicher Körper, der hier im Wege lag. Er überzeugte sich durch das Gefühl, daß derselbe, wenn auch eisig an den Extremitäten, doch noch nicht völlig erkaltet war.

Ihn zu sich heran zu ziehen, nach dem Grunde des Schachtes zu bringen und dort zu beleuchten, das war bei Harry schneller ausgeführt, als wir es hier erzählen.

»Ein Kind!« rief er erstaunt.

Das in diesem Abgrunde aufgefundene Kind lebte zwar noch, seine Athmung war aber so schwach, daß Harry jeden Augenblick dessen Tod befürchtete. Er mußte das arme Wesen also schleunigst mit nach der Schachtmündung hinauf nehmen und nach der Cottage bringen, um es der Pflege seiner Mutter anzuvertrauen.

Harry vergaß alles Übrige, befestigte das Seil an seinem Gürtel, band auch die Lampe daran, faßte das Kind, welches er mit dem linken Arm an sich drückte, so daß er die bewaffnete rechte Hand frei behielt, und gab das verabredete Zeichen, um sich hinaufziehen zu lassen.

Das Seil ward bald wieder straff und das Aufsteigen begann.

Mit verdoppelter Aufmerksamkeit blickte Harry rund um sich. Jetzt drohte eine mögliche Gefahr ja nicht mehr ihm allein.

Während der ersten Minuten dieser Fahrt nach oben ging Alles nach Wunsch und kein Unfall schien ihm zu drohen, als er plötzlich eine heftigere Luftbewegung wahrnahm, die von dem Grunde des Schachtes ausgehen mußte. Er sah unter sich und bemerkte bald im Halbdunkel einen sich nach und nach emporschwingenden Körper, der ihn im Vorüberschweben streifte.

Es war ein ungeheurer Vogel, dessen Art er nicht erkennen konnte und der mit mächtigem Flügelschlage emporstieg.

Das furchtbare beflügelte Thier hielt an, schwebte einen Augenblick in ein und derselben Höhe hin und stieß dann wüthend auf Harry nieder.

Harry konnte nur von seinem rechten Arme Gebrauch machen, um die Schläge des gewaltigen Schnabels dieses Thieres abzuwehren.

Er vertheidigte sich jedoch nach Kräften und suchte dabei das Kind so gut wie möglich zu schützen. Die Angriffe des Vogels galten aber auch gar nicht dem Kinde, sondern ihm allein. Durch die Drehungen des Seiles behindert, gelang es ihm auch nicht, jenen tödtlich zu treffen.

Der Kampf zog sich in die Länge. Harry rief aus Leibeskräften, in der Hoffnung, oben gehört zu werden.

Es geschah, was er hoffte, das Seil stieg schneller mit ihm empor.

Noch lag eine Strecke von etwa achtzig Fuß vor ihm. Da gab der Vogel seine directen Angriffe gegen ihn auf. Jetzt drohte aber eine weit schrecklichere Gefahr, denn jener krallte sich zwei Fuß über Harry's Kopfe und so weit, daß er ihn mit der freien Hand nicht erreichen konnte, an dem Seile fest, und suchte es mit seinem furchtbaren Schnabel zu zerstören.

Harry's Haare sträubten sich.

Eine Trosse war schon zerhackt und zerrissen. Mehr als hundert Fuß über dem Grunde der Schlucht begann das Seil sich zu dehnen.

Harry stieß einen entsetzlichen Schrei aus.

Eine zweite Trosse löste sich unter der doppelten Last, welche das halb zerstörte Seil jetzt tragen mußte.

Harry ließ sein Messer fallen und es gelang ihm vermöge einer übermenschlichen Anstrengung, gerade als das Seil dem Zerreißen nahe war, dasselbe mit der rechten Hand über jener durch den Schnabel des Vogels zerbissenen Stelle zu ergreifen. Trotz seiner eisenfesten Hand fühlte er das Seil aber doch langsam durch seine Finger gleiten.

Er hätte sich an demselben mit zwei Händen halten können, wenn er das Kind opferte, welches sein linker Arm noch hielt . . . Nein, er wollte daran gar nicht denken.

Inzwischen zogen ihn Jack Ryan und die beiden anderen Bergleute, da sie Harry's verzweifeltes Rufen vernommen hatten, immer schneller empor.

Harry glaubte nicht, daß seine Kräfte ausreichen würden, bis er die Schachtmündung erreichte. Das Blut schoß ihm in's Gesicht. Einen Augenblick schloß er die Augen mit der gräßlichen Erwartung, in die Tiefe zu stürzen, dann öffnete er sie wieder . . .

Der offenbar erschreckte Vogel war verschwunden.

Gerade als Harry's Hand das Seil entgleiten wollte, um dessen äußerstes Ende seine Faust sich krampfhaft schloß, ward er von seinen Genossen ergriffen und sammt dem Kinde auf den Boden niedergelegt.

Doch eine Nachwirkung konnte hier ja nicht ausbleiben. – Harry war bewußtlos in den Armen seiner Kameraden zusammengebrochen.

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