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Schwarz-Indien

Jules Verne: Schwarz-Indien - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchwarz-Indien
authorJules Verne
translatorunbekannt
firstpub1878
year1878
publisherA. Hartleben Verlag
addressWien, Pest, Leipzig
titleSchwarz-Indien
created20060201
senderngiyaw@googlemail.com
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Zwölftes Capitel.

Jack Ryan's Nachforschungen.

Jack Ryan wurde mit drei seiner ebenfalls verwundeten Genossen in ein Zimmer der Meierei zu Melrose geschafft, wo man Allen die sorgfältigste Pflege widmete.

Jack Ryan trug bei jenem Abenteuer die schlimmsten Verletzungen davon, denn, als er sich mit dem Tau um die Lenden in's Wasser warf, rollten ihn gleichsam die wüthenden Wogen über die Klippen hin. Es fehlte nicht eben viel, so hätten ihn seine Kameraden leblos an's Land gebracht.

Der wackere Bursche blieb also einige Tage an's Bett gefesselt, was ihm recht ungelegen kam. Da ihn jedoch Niemand verhinderte, nach Herzenslust zu singen, so ertrug er seine Leiden in Geduld und die Meierei von Melrose erschallte jederzeit von seinen fröhlichen Gesängen. Bei jener Gelegenheit aber nahm in Jack Ryan das Gefühl der Furcht nur noch mehr zu vor jenen Gespenstern und bösen Geistern, welche sich ein Vergnügen daraus machen, die arme Welt zu quälen, und so schrieb er ihnen allein jene Katastrophe der »Motala« zu. Man wäre bei ihm übel angekommen mit der Behauptung, daß diese Feuerhexen gar nicht existirten und daß jene Flamme, welche plötzlich aus den Ruinen emporschlug, auf eine einfache physikalische Erscheinung zurückzuführen sei. Keine Auseinandersetzung hätte ihn überzeugt. Seine Kameraden lagen vielleicht noch mehr als er in den Fesseln des Aberglaubens. Ihrer Erklärung nach hätte eine solche Feuerhexe die »Motala« boshafterweise nach der Küste gelockt. Sie zu bestrafen, erschien etwa ebenso leicht, wie dem Orkane eine Geldstrafe zu dictiren. Die Behörden durften getrost zu ihrer Verfolgung Alles aufbieten. Eine Flamme steckt man in kein Gefängniß, ein körperloses Wesen legt man nicht an Ketten. Die sorgsamsten Untersuchungen schienen auch wirklich – wenigstens vor der Hand – diese abergläubische Art der Erklärung nicht Lügen zu strafen.

Da dem Magistrat des Ortes die Verpflichtung oblag, wegen des Unterganges der »Motala« eine Untersuchung einzuleiten, so befragte er die verschiedenen Augenzeugen jener Katastrophe. Aller Aussagen stimmten darin überein, daß der Schiffbruch nur durch die übernatürliche Erscheinung der Feuerhexen auf den Ruinen des Schlosses von Dundonald verschuldet sei.

Natürlich konnte sich die Behörde bei einer derartigen Lösung der Frage nicht beruhigen. Es unterlag ja keinem Zweifel, daß man es mit einer rein physikalischen Erscheinung zu thun habe. Ob aber hier nur der Zufall oder die böswillige Absicht im Spiele sei, das wollte und mußte der Magistrat klar legen.

Über die Unterstellung einer böswilligen Absicht braucht man sich nicht zu wundern. Man würde in der bretagnischen Geschichte nicht allzuweit zurückzugehen haben, um Belege dafür zu finden. Nicht wenige Strandräuber der Küste machten ein Geschäft daraus, Fahrzeuge anzulocken und sich die dadurch erhaschte Beute zu theilen. Bald verlockte eine in Brand gesteckte Gruppe harziger Bäume ein Schiff in ein Fahrwasser, in dem es zu Grunde gehen mußte. Bald täuschte eine Fackel, die man an die Hörner eines Ochsen befestigte und von diesem beliebig umhertragen ließ, die Besatzung eines solchen rücksichtlich des einzuhaltenden Kurses. Derlei Schandthaten führten dann nicht selten einen Schiffbruch herbei, den sich das Raubgesindel zu Nutze zu machen wußte. Es bedurfte des strengsten Einschreitens der Behörden und der empfindlichsten Strafen, um diese barbarischen Gewohnheiten auszurotten. Konnte man also nicht auf den Gedanken kommen, daß hier ein gewissenloser Verbrecher sich auf's Neue jenes früher beliebten Mittels der Strandräuber bediente?

Trotz aller Aussagen Jack Ryan's und seiner Genossen blieb das doch immer die Ansicht der Polizeibeamten. Als jene von einer einzuleitenden Untersuchung hörten, theilten sie sich in zwei Parteien, deren eine sich begnügte, mit den Achseln zu zucken, während die furchtsamere gar prophezeite, daß man damit nur jene übernatürlichen Wesen reizen und weitere Unglücksfälle herbeiführen werde.

Trotz alledem ging die Untersuchung ihren Gang. Die Polizeibeamten begaben sich nach Schloß Dundonald und begannen daselbst die sorgfältigsten Nachforschungen.

Zunächst suchte man festzustellen, ob der Erdboden vielleicht Fußabdrücke zeige, welche von anderen Füßen, als denen der Gespenster, herrührten; es war aber unmöglich, auch nur die leichteste frischere oder ältere Fußspur zu entdecken, trotzdem die noch von dem gestrigen Regen feuchte Erde gewiß den seichtesten Eindruck bewahrt hätte.

»Fußtapfen von Geistern!« rief Jack Ryan aus, als er von dem Mißerfolge der Untersuchung hörte, »da könnte man wohl auch die Fußspuren eines Irrlichtes auf dem Sumpfe wieder finden wollen!«

Die ersten Maßnahmen lieferten also keinerlei Resultat. Es war kaum anzunehmen, daß die weiteren von besseren Erfolgen gekrönt sein würden.

Es handelte sich nun vorzüglich darum, nachzuweisen, wie das Feuer auf der Spitze des alten Thurmes angezündet worden wäre, welches Brennmaterial man verwendet und endlich welche Rückstände dieses gelassen habe.

Bezüglich des ersten Punktes fand man nichts, weder Reste von Zündhölzchen oder Papierstückchen.

Der zweite Punkt blieb ebenso dunkel. Nirgends lag dürres Gras, ein Stückchen Holz oder sonst etwas von dem Material umher, das in vergangener Nacht dem Feuerherde gewiß in reichlicher Menge zugeführt worden war.

Der dritte Punkt trotzte nicht minder jeder Erklärung. Das vollständige Fehlen der Asche oder jedes anderen Brennstoffrestes ließ nicht einmal den eigentlichen Herd des Feuers erkennen. Nirgends, weder am Boden, noch am Gestein zeigte sich auch nur eine geschwärzte Stelle. Sollte man annehmen, daß ein Bösewicht nur eine große Fackel in der Hand gehalten habe? Das war doch unwahrscheinlich, da die Flamme nach der Aussage der Zeugen ganz riesenmäßige Dimensionen gehabt hatte, so daß die Mannschaft der »Motala« sie trotz des nebeligen Wetters schon in der Entfernung mehrerer Meilen von der offenen See her wahrnehmen konnte.

»Herrlich!« sagte Jack Ryan, »die Feuerhexe soll Streichhölzchen nöthig gehabt haben! Sie bläst, und rings um sie entzündet sich die Luft, von der keine Asche zurückbleibt!«

Der Erfolg aller Bemühungen der Behörden war schließlich nur der, daß eine neue Legende zu den früheren hinzukam – eine Legende, welche die Erinnerung an den Untergang der »Motala« verewigen und die nicht wegzuleugnende Erscheinung der Feuerhexen bekräftigen mußte.

Ein so braver Bursche wie Jack Ryan konnte bei seiner vortrefflichen Constitution indeß nicht lange an's Bett gefesselt bleiben. Einige Hautschrunden und Verrenkungen waren nicht im Stande, ihn länger als nöthig zur Unthätigkeit zu zwingen. Ihm fehlte jetzt die Zeit, um krank zu sein. Wenn diese Zeit aber mangelt, so ist man es am wenigsten in den gesunden Landstrichen der Lowlands (Unterlande von Schottland).

Jack Ryan war also sehr bald wieder hergestellt. Sobald er das Bett verlassen, wollte er, vor Wiederaufnahme seiner Arbeiten in der Meierei, erst einen schon früher gefaßten Vorsatz ausführen, nämlich seinem Freunde Harry einen Besuch abstatten, um zu erfahren, warum er beim Feste in Irvine zu erscheinen versäumt habe. Bei einem Manne, wie Harry, der nichts versprach, ohne es zu halten, erschien ihm das unerklärlich. Höchst wahrscheinlich hatte der Sohn des alten Obersteigers auch von dem in allen Zeitungen ausführlich berichteten Unfalle der »Motala« nichts gehört. Er hätte dann wissen müssen, welcher Antheil an dem Rettungswerke Jack Ryan gut zu schreiben und was ihm dabei zugestoßen sei: in diesem Falle aber wäre es von Harry's Seite ein Zeichen gar zu großer Theilnahmslosigkeit gewesen, nicht nach der Meierei zu kommen, um seinem leidenden Freunde die Hand zu drücken.

Stellte sich Harry also nicht ein, so mußte ihm das jedenfalls unmöglich sein. Jack Ryan hätte eher die Existenz der Feuerhexen geleugnet, als Harry für so theilnahmslos gehalten.

Zwei Tage nach dem Schiffbruche schon verließ Jack Ryan fröhlich und wohlgemuth die Meierei, als fühle er nicht das Geringste mehr von seinen Wunden. Mit einem munteren, aus voller Brust gesungenen Liede rief er das Echo an den Uferfelsen wach und wanderte nach der Eisenbahn, welche über Glasgow nach Stirling und Callander führt.

Da fiel ihm, als er auf dem Bahnhofe wartete, ein an verschiedenen Stellen angeheftetes Placat in die Augen. Es enthielt folgende Bekanntmachung:

»Vergangenen 4. December hat sich der Ingenieur James Starr aus Edinburgh am Granton-pier an Bord der »Prince de Galles« begeben und dieses Schiff an demselben Tage in Stirling verlassen. Seit dieser Zeit fehlt jede Nachricht von ihm.

Man bittet dringend, jede bezügliche Auskunft dem Präsidenten der Royal Institution in Edinburgh zukommen zu lassen.«

Jack Ryan blieb vor einer dieser Affichen stehen und las sie zweimal unter dem Ausdrucke des höchsten Erstaunens.

»Herr Starr!« rief er aus. »Gerade am 4. December bin ich ihm und Harry doch auf einer der Leitern des Yarow-Schachtes begegnet! Seitdem sind zehn Tage vergangen, und so lange sollte er nicht wieder erschienen sein? Das scheint mir zu erklären, warum mein Freund Harry nicht nach Irvine gekommen ist.«

Ohne sich Zeit zu nehmen, den Präsidenten der Royal Institution brieflich von dem zu benachrichtigen, was er von James Starr wußte, sprang der wackere Bursche in den Zug, um sich zunächst selbst nach dem Yarow-Schachte zu begeben. Dort wollte er, wenn nöthig, bis ganz hinunter in die Grube Dochart steigen, um Harry aufzusuchen und gleichzeitig den Ingenieur James Starr zu finden.

Drei Stunden später verließ er in Callander die Bahn und eilte so schnell er konnte nach dem Yarow-Schachte.

»Sie sind nicht wieder herausgekommen?« fragte er sich. »Weshalb? Sollte sie irgend ein Hinderniß davon abhalten? Sind sie im Grunde der Kohlengrube so lange mit einer wichtigen Arbeit beschäftigt? – Das muß ich wissen!«

In weniger als einer Stunde traf Jack Ryan an dem Schachte ein.

Äußerlich zeigte sich hier keine Veränderung; dieselbe Stille in der Tiefe, kein lebendes Wesen in der Einöde.

Jack Ryan betrat das halb verfallene Haus, welches die Schachtöffnung bedeckte. Er blickte hinunter in den Abgrund . . . er sah nichts. Er lauschte gespannt . . . er hörte nichts.

»Und meine Lampe,« sagte er, »sollte sie nicht auf ihrem Platze sein?«

Die Lampe, deren sich Jack Ryan bei seinen Besuchen der Grube zu bedienen pflegte, stand gewöhnlich in einem Winkel nahe dem Podest der ersten Leiter.

Die Lampe war verschwunden.

»Das wäre also der erste auffällige Umstand!« sagte Jack Ryan, der etwas unruhig zu werden begann.

Dann setzte er, trotz seiner Hinneigung zum Aberglauben, hinzu:

»Ich werde doch hinunter gehen, und wäre es in der Grube finsterer als im tiefsten Schoße der Hölle!«

Sofort machte er sich daran, die lange Reihe der Leitern hinabzuklettern, welche in den schwarzen Schacht führten.

Dieses Wagniß konnte Jack Ryan deshalb unternehmen, weil er die Grube Dochart noch von früher her genau genug kannte. Er stieg mit aller Vorsicht hinab und prüfte mit dem Fuße jede Sprosse, ob sie noch haltbar sei. Jeder Fehltritt konnte für ihn todtbringend werden. Jack Ryan zählte auch die einzelnen Leitern, welche er hinabkletterte, um nach einer tieferen Etage zu gelangen. Er wußte es, daß er den Grund des Schachtes erst nach Zurücklegung der dreißigsten erreichen würde. Dort einmal angelangt, dachte er die am Ende der einen Galerie errichtete Cottage ohne Schwierigkeiten wieder zu finden.

Jack Ryan erreichte den sechsundzwanzigsten Podest: hier trennten ihn also höchstens noch zweihundert Fuß von der Schachtsohle.

Er suchte mit dem Fuße die Stufen der siebenundzwanzigsten Leiter – vergeblich, er fand keinen Stützpunkt.

Jack Ryan kniete auf dem Podeste nieder, er dachte das Ende der Leiter mit der Hand besser zu finden . . . es gelang ihm nicht.

Offenbar befand sich die siebenundzwanzigste Leiter nicht an ihrem Platze und war folglich entfernt worden.

»Hier muß der alte Nick geklettert sein,« sagte er sich, nicht ohne das Gefühl eines gelinden Schauers.

Erst stand er mit gekreuzten Armen überlegend in der undurchdringlichen Finsterniß. Dann kam ihm der Gedanke, daß es, wenn er nicht hinuntersteigen konnte, den Bewohnern der Grube ebenfalls unmöglich sein müsse, herauf zu kommen. Zwischen der Erdoberfläche der Grafschaft und der Sohle des Kohlenwerkes bestand keine Verbindung mehr. Wenn diese Entfernung der unteren Leitern des Yarow-Schachtes schon kurz nach seinem letzten Besuche stattgefunden hatte, was mochte dann aus Simon Ford, seiner Frau, seinem Sohne und dem Ingenieur geworden sein? Die fortdauernde Abwesenheit James Starr's bewies, daß er die Grube seit dem Tage, als er Jenem im Yarow-Schachte begegnete, nicht verlassen habe. Wie war dann die Cottage mit den nöthigen Nahrungsmitteln versorgt worden? Sollten diese den unglücklichen, fünfzehnhundert Fuß unter der Erde Gefangenen nicht ausgegangen sein?

Alle diese Gedanken kreuzten sich in Jack Ryan's Gehirn. Er sah wohl ein, daß es ihm allein unmöglich sei, bis zur Cottage zu gelangen. Lag dieser Unterbrechung des Verbindungswerkes wohl eine böse Absicht zu Grunde? Ihm erschien es kaum zweifelhaft. Jedenfalls hielt er es für seine Pflicht, hierüber bei der zuständigen Behörde schleunigst Anzeige zu erstatten.

Noch einmal bog sich Jack Ryan über den Abgrund hinaus.

»Harry! Harry!« rief er, so laut er konnte.

Wiederholt rief das Echo den Namen zurück, bis er in der Tiefe des Yarow-Schachtes verhallte.

Jack Ryan klomm eiligst wieder die oberen Leitern empor und kam glücklich an das Licht des Tages. In größter Schnelligkeit legte er den Weg nach dem Bahnhof in Callander zurück, um keinen Augenblick zu verlieren. Glücklicher Weise brauchte er nur einige Minuten auf den Abgang des Eilzuges nach Edinburgh zu warten, so daß er sich daselbst schon Nachmittags drei Uhr dem Lordmayor der Stadt vorstellte.

Hier wurden seine Aussagen zu Protokoll genommen. Die Einzelheiten, welche er mittheilte, ließen seine Wahrhaftigkeit nicht bezweifeln. Sir W. Elphiston, der Präsident der Royal Institution, der nicht nur ein College, sondern auch ein specieller Freund James Starr's war, erhielt sofort Nachricht und er bat sich das Vorrecht, die Nachforschungen zu leiten, welche in der Grube Dochart ohne Aufschub in's Werk gesetzt werden sollten. Man stellte ihm also mehrere Beamte zur Disposition, welche mit Lampen, Äxten, langen Strickleitern, Nahrungsmitteln und einigen Herzstärkungen ausgerüstet wurden. Unter der Führung Jack Ryan's begaben sich dann Alle schleunigst auf den Weg nach den Kohlenwerken von Aberfoyle.

Noch an dem nämlichen Abend trafen Sir W. Elphiston, Jack Ryan und die Beamten am Yarow-Schachte ein und stiegen bis zum sechsundwanzigsten Podest hinab, auf dem Jack nur wenige Stunden vorher hatte umkehren müssen.

Zuvörderst ließ man die Lampen an langen Seilen in die Tiefe hinabgleiten und überzeugte sich dabei, daß sogar alle vier letzten Leitern fehlten.

Ohne Zweifel hatte man also die Verbindung zwischen Ober- und Unterwelt hier absichtlich unterbrochen.

»Was zögern wir, mein Herr,« fragte Jack Ryan ungeduldig.

»Wir wollen nur die Lampen wieder herausziehen lassen, mein Sohn,« erwiderte Sir W. Elphiston. »Dann steigen wir hinab bis zur Sohle der letzten Galerie und Du führst uns . . .«

»Nach der Cottage,« fiel Jack Ryan ein, »und wenn es sein muß, bis zu den letzten Ausläufern der Grube!«

Als die Lampen wieder herausgezogen waren, befestigten die Beamten an dem Podeste Strickleitern, welche man in den Schacht hinunter gleiten ließ. Die unteren Absätze waren noch vorhanden. Man konnte also von einem zu dem anderen hinab klimmen.

Immerhin ging das nicht so leicht von statten. Jack Ryan vertraute sich zuerst den schwankenden Leitern an und erreichte vor den Anderen den Grund der Kohlengrube.

Sir W. Elphiston und die Beamten folgten ihm alsbald nach.

Die runde Grundfläche des Yarow-Schachtes erschien vollkommen leer, aber Sir W. Elphiston erstaunte nicht wenig, als er Jack Ryan ausrufen hörte:

»Hier liegen einige Überreste der Leitern, sie sind jedoch halb verbrannt!«

»Verbrannt?« wiederholte Sir W. Elphiston. »Wahrhaftig, da liegt noch erkaltete Asche.«

»Glauben Sie, mein Herr,« fragte Jack Ryan, »daß der Ingenieur James Starr ein Interesse daran gehabt haben könne, diese Leitern zu verbrennen und die Verbindung mit der Außenwelt zu unterbrechen?«

»Nein,« erwiderte Sir W. Elphiston nachdenklich. »Vorwärts, mein Sohn, nach der Cottage! Dort werden wir die Wahrheit erfahren.«

Jack Ryan zog den Kopf ein, als zweifle er daran. Er nahm indessen eine Lampe von einem der Beamten und ging rasch durch die Hauptgalerie der Grube Dochart voran. Alle folgten ihm.

Eine Viertelstunde später hatten Sir W. Elphiston und seine Begleiter die Aushöhlung erreicht, in deren Grunde Simon Ford's Cottage errichtet war. Kein Lichtschein erhellte die Fenster.

Jack Ryan stürzte auf die Thür zu, die er hastig aufstieß.

Die Cottage erwies sich verlassen.

Man durchsuchte alle Räumlichkeiten der dunklen Wohnung. Im Innern zeigte sich keine Spur einer Gewaltthätigkeit. Alles stand in Ordnung, als ob die alte Madge noch hier wäre. Lebensmittel waren genügend vorhanden und hätten für die Familie Ford noch mehrere Tage ausgereicht.

Die Abwesenheit der Bewohner der Cottage erschien also unerklärlich. Vermochte man vielleicht wenigstens mit Gewißheit zu bestimmen, wann sie dieselbe verlassen hatten? – Ja, denn in dieser Umgebung, wo Tage und Nächte einander nicht folgten, hatte sich Madge gewöhnt, jeden angefangenen Tag im Kalender durch ein Kreuz zu bezeichnen.

Dieser Kalender hing an einer Wand des Zimmers. Das letzte dieser Kreuze stand bei dem 6. December, dem zweiten Tag seit der Ankunft des Ingenieurs, was Jack Ryan ja bestätigen konnte. Seit dem 6. December, d.h. also seit zehn Tagen hatten Simon Ford, sein Sohn und seine Frau nebst ihrem Gaste die Cottage verlassen. Konnte eine neue Untersuchung der Grube seitens des Ingenieurs eine so lange Abwesenheit rechtfertigen? Nein, gewiß nicht.

So urtheilte wenigstens Sir W. Elphiston. Nach genauester Besichtigung der Cottage schien er in große Verlegenheit zu gerathen, was nun zu beginnen sei.

Es herrschte eine tiefe Finsterniß. Der Schein der Lampen, welche die Beamten hielten, schimmerte allein in der dunklen Umgebung.

Plötzlich stieß Jack einen Schrei aus.

»Da! da!« rief er.

Er zeigte dabei mit dem Finger nach einem Lichtpunkte, der sich im dunklen Hintergrunde der Galerie hin und her bewegte.

»Eilen wir diesem Feuer nach, meine Freunde,« drängte Sir W. Elphiston.

»Einem Geisterlichte!« warf Jack Ryan ein, »was sollte uns das nützen, wir erreichen es doch niemals!«

Der Präsident der Royal Institution und die Beamten waren zu frei vom Aberglauben, um sich dadurch von dem Versuche einer Verfolgung abhalten zu lassen. Trotz seines Widerstrebens schloß sich auch Jack Ryan ihnen, und zwar nicht als der Letzte, an.

Es kam zu einer langen, ermüdenden Verfolgung. Der leuchtende Punkt schien von einer kleinen, aber sehr beweglichen Gestalt getragen zu werden. Jeden Augenblick verschwand die Erscheinung hinter einem Felsenvorsprunge, dann sah man sie plötzlich in einem Quergange wieder. Durch rasche Seitensprünge wußte sie sich immer wieder den Blicken der Verfolger zu entziehen. Schon hielt man sie für vollständig verschwunden und plötzlich schimmerte der Lichtschein wieder in desto hellerem Glanze. Jedenfalls gewann man keinen merkbaren Vorsprung und Jack Ryan bestand auf seiner Ansicht, daß man sich fruchtlos abmühen werde.

Bei dieser schon eine Stunde andauernden Verfolgung drangen Sir W. Elphiston und seine Genossen tief in den nordwestlichen Theil der Grube Dochart ein. Beinahe kamen auch sie auf den Gedanken, es nur mit einem Irrlichte zu thun zu haben.

Jetzt schien es aber doch, als wenn sich die Entfernung zwischen ihnen und dem Lichtscheine verminderte. Ermüdete vielleicht das vor ihnen fliehende Wesen oder wollte es sie etwa eben dahin verführen, wohin es vielleicht die Bewohner der Cottage verlockt hatte? Es wäre schwierig gewesen, diese Frage zu entscheiden.

Jedenfalls verdoppelten die Beamten, als sie einen Erfolg zu erreichen glaubten, nur ihre Anstrengungen. Der Lichtschein, welcher sonst in einer Entfernung von ungefähr zweihundert Schritt vor ihnen sichtbar war, hatte sich etwa bis auf fünfzig Schritt genähert und wurde immer deutlicher. Auch der Träger der Leuchte war ein wenig zu erkennen. Manchmal wandte er den Kopf zurück, wobei das Profil eines Menschenantlitzes unbestimmbar sichtbar ward, und wenn kein Berggeist diese Gestalt angenommen hatte, so mußte Jack Ryan wohl oder übel zugeben, daß hier von einem übernatürlichen Wesen nicht die Rede sein könne.

Nun lief er selbst schneller und suchte die Anderen anzutreiben.

»Hurtig! hurtig!« rief er. »Wir erreichen diese Erscheinung bald. Sie scheint zu ermüden, und wenn sie ebenso gut sprechen kann, wie sie bisher zu entweichen wußte, wird sie uns so Manches mitzutheilen vermögen!«

Leider wurde die Verfolgung immer schwieriger. In der Nähe der letzten Ausläufer der Grube kreuzten sich enge Stellen wie die Irrgänge eines Labyrinthes. Dieses Gewirr erleichterte dem Träger jenes Lichtes sehr wesentlich die Flucht. Er brauchte dasselbe nur zu verlöschen und sich seitwärts in irgend einem dunklen Gange zu verbergen.

»Aber angenommen, er wolle uns entgehen,« dachte Sir W. Elphiston, »warum that er es nicht längst?«

Wenn das bisher nicht geschehen war, so verschwand doch in demselben Augenblicke, als Sir W. Elphiston jener Gedanke kam, der Lichtschein und die immer weiter eilenden Beamten standen plötzlich am Ende eines Stollens vor einer engen Öffnung in dem Schieferfelsen.

Schnell wurden die Lampen geprüft und entschlossen drangen Sir W. Elphiston, Jack Ryan und ihre Begleiter durch diese Pforte. Kaum aber waren sie hundert Schritte weit in einer sich immer höher ausweitenden Galerie vorgedrungen, als Alle plötzlich stehen blieben.

Dicht neben der Wand lagen hier vier Körper, – vielleicht vier Leichname, auf dem Boden.

»James Starr!« sagte Sir W. Elphiston.

»Harry! Harry!« rief Jack Ryan.

In der That, hier lagen der Ingenieur, Madge, Simon und Harry Ford bewegungslos ausgestreckt.

Bald aber regte sich der eine Körper und vernahm man die schwache Stimme der alten Madge.

»Sie, sie sind es! Endlich!«

Sir W. Elphiston, Jack Ryan und die Beamten suchten nun den Ingenieur und die Anderen wieder in's Leben zurückzurufen und flößten ihnen einige erwärmende Tropfen ein. Bald erreichten sie ihr Ziel. Die seit zehn Tagen in Neu-Aberfoyle eingeschlossenen Unglücklichen waren nahe daran, vor Hunger zu sterben.

Wenn sie während dieser langen Gefangenschaft noch nicht umkamen, so rührte das – wie der Ingenieur Sir W. Elphiston mittheilte – einzig davon her, daß sie dreimal ein Brot und einen Krug Wasser in ihrer Nähe gefunden hatten. Sicher vermochte das hilfreiche Wesen, dem sie es verdankten, noch am Leben zu sein, nicht mehr für sie zu thun! . . .

Sir W. Elphiston fragte sich, ob es nicht dasselbe unerreichbare Irrlicht gewesen sein möge, welches auch sie nach der Stelle geführt hatte, an der die Unglücklichen lagen.

Wie dem auch sei, jedenfalls waren der Ingenieur, Madge, Simon und Harry Ford gerettet. Durch die enge Öffnung, nach der der Träger jenes Lichtes Sir W. Elphiston offenbar hatte bringen wollen, begaben sich nun Alle nach der Cottage zurück.

Daß James Starr und sein Begleiter den durch den Dynamit gesprengten Ausgang nicht wieder zu finden vermochten, hatte seinen Grund darin, daß derselbe durch übereinander gehäufte Felsstücke verschlossen worden war, die sie in der Finsterniß nicht beseitigen konnten.

Während sie also die weite Höhle im Innern untersuchten, hatte eine feindliche Hand jede Verbindung zwischen dem alten und Neu-Aberfoyle absichtlich unterbrochen.

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