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Schwarz-Indien

Jules Verne: Schwarz-Indien - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchwarz-Indien
authorJules Verne
translatorunbekannt
firstpub1878
year1878
publisherA. Hartleben Verlag
addressWien, Pest, Leipzig
titleSchwarz-Indien
created20060201
senderngiyaw@googlemail.com
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Neuntes Capitel.

Neu-Aberfoyle.

Wäre es möglich gewesen, mittels irgend einer übermenschlichen Kraft in einem Stück und in einer Dicke von etwa tausend Fuß die ganze Erdrinde abzuheben, welche alle die Seen, Flüsse und Golfe der Grafschaften Stirling, Dumbarton und Renfrew trägt, so würde man unter diesem enormen Deckel eine ungeheure Aushöhlung gefunden haben, der sich nur eine einzige andere auf der ganzen Erde – die berühmte Mammouth-Grotte in Kentucky – vergleichen könnte.

Diese Aushöhlung bestand aus mehreren hundert Zellen von jeder Form und Größe, einem Bienenkorbe mit verschiedenen, willkürlich angelegten Etagen nicht unähnlich, doch einem Bienenkorbe in riesenhaftem Maßstabe, der statt der Bienen recht gut die Ichthyosauren, Megatherien und Pterodactylen der geologischen Vorzeit hätte beherbergen können.

Ein Labyrinth von Galerien, die einen höher als die höchsten Wölbungen der Kirchen, andere eng und gewunden, diese in horizontaler Richtung verlaufend, jene in ganz beliebiger Abwechslung schräg nach oben oder unten sich hinziehend – stellten diese Höhlen dar, welche frei untereinander zusammenhingen.

Die Pfeiler, welche die alle Baustyle nachahmenden Wölbungen trugen, die dicken, zwischen den Galerien verlaufenden Mauern und die Nebengänge in diesen secundären Schichten waren alle aus Sandstein und schiefrigen Felsen zusammengesetzt. Zwischen diesen werthlosen Lagern aber, und von denselben mächtig zusammengepreßt, zeigten sich herrliche Kohlenflötze, ähnlich schwarzem Blute, das in der Vorzeit durch dieses unentwirrbare Netz geflossen zu sein schien. Jene Lager erstreckten sich übrigens nach Norden und Süden in einer Länge von vierzig Meilen und setzten sich sogar unter dem Grunde des Nordkanales fort. Die Mächtigkeit des ganzen Bassins konnte freilich erst nach vielfachen Sondirungen abgeschätzt werden, sein Gesammtinhalt aber übertraf ohne Zweifel weit die Kohlenvorräthe Cardiffs, der Grafschaft Galles und der Flötze von Newcastle in der Grafschaft Northumberland.

Hierzu kommt noch, daß die Ausbeutung dieser Kohlengrube gewiß eine sehr bequeme sein mußte, weil die Natur schon durch die sonderbare Gestaltung dieser secundären Gesteinmassen, durch ein unerklärliches Zurücktreten der mineralischen Stoffe in der geologischen Epoche, als diese Bergmasse erhärtete, eine Menge Stollen und Nebengänge in Neu-Aberfoyle geschaffen hatte.

Ja, die Natur allein! Man hätte wohl auf den ersten Blick glauben können, irgend eine seit Jahrhunderten verlassene Kohlenmine wieder aufgefunden zu haben, doch dem war nicht so. Solche Reichthümer hätte Niemand liegen lassen. Die menschlichen Termiten hatten diesen Theil des Untergrundes von Schottland noch nicht durchwühlt, Alles war das reine Werk der Natur. Doch wie gesagt, kein Hypogeon Egyptens, keine Katakombe der Römerzeit wäre jenen Höhlen zu vergleichen gewesen – höchstens jene berühmten Mammouthhöhlen, welche bei einer Länge von zwanzig Meilen zweihundertsechsundzwanzig Straßen, elf Seen, sieben Ströme, acht Wasserfälle, zweiunddreißig unergründliche Schluchten und siebenundfünfzig ungeheure Gewölbe zählen, von denen einige mehr als vierhundert Fuß Höhe haben.

So waren auch diese Grotten von Aberfoyle nicht ein Werk von Menschenhänden, sondern ein solches des Schöpfers aller Dinge.

Die Ehre der Auffindung dieses Gebietes mit allen seinen unvergleichlichen Reichthümern gebührte ohne Zweifel dem alten Obersteiger. Ein zehnjähriger Aufenthalt in der Kohlengrube, eine seltene Zähigkeit in seinen Nachforschungen, ein unerschütterlicher Glaube und neben diesem ein ausgezeichneter bergmännischer Instinct, Alles hatte sich hier vereinen müssen, um ihn einen Erfolg da erzielen zu lassen, wo alle Versuche Anderer gescheitert waren. Warum setzte man mit den unter James Starr's Leitung, während der letzten Jahre des Betriebes vorgenommenen Bohrversuchen gerade hier, dicht an der Grenze dieser neuen Kohlenmine, aus? Man kann das nur dem Zufalle zuschreiben, der ja bei allen Nachsuchungen dieser Art eine so große Rolle spielt.

Doch, wie dem auch sei, hier in dem Unterirdischen Schottlands lag eine ganze Grafschaft verdeckt, der um bewohnbar zu sein, nichts fehlte als die Sonne des Himmels oder irgend ein anderes Gestirn, welches sie speciell beleuchtete.

Das Wasser hatte sich hier in diesen verschiedenen Vertiefungen gesammelt und bildete Teiche, selbst noch größere Seen als der Katrinesee, der genau darüber lag. Freilich entbehrten diese Seen der Bewegung des Wassers, der Strömungen und Brandung. In ihnen spiegelte sich nicht das Bild irgend eines gothischen Schlosses; weder Weiden noch Eichen hingen über ihren Ufern, kein langer Schatten benachbarter Berge fiel auf ihre Oberfläche; der Sonne Strahlen zitterten nicht darin und der Mond ging niemals über ihrem Horizonte auf. Und dennoch wären diese tiefen Seen, deren Spiegel keine Brise kräuselte, nicht ohne Reiz gewesen, wenn der Glanz eines elektrischen Lichtes darüber gelegen und die vielverzweigten Kanäle gezeigt hätte, welche die Geographie dieses fremdartigen Gebietes vervollständigten.

Wenn auch ungeeignet zu jeder pflanzlichen Vegetation, hätte es doch einer zahlreichen Bevölkerung als Wohnsitz dienen können. Und wer weiß wohl, ob inmitten dieser immer gleichmäßigen Temperatur, im Grunde der Werke von Aberfoyle, ebenso wie in denen von Newcastle, Alloa und Cardiff, wenn ihre Lagerstätten erschöpft sein werden – wer weiß, ob die ärmere Classe des Vereinigten Königreiches nicht einmal noch darin Zuflucht suchen wird?

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