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Schwankende Gestalten

Rudolf Stürzer: Schwankende Gestalten - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwankende Gestalten
authorRudolf Stürzer
year1926
firstpub1926
publisherBurgverlag
addressWien
titleSchwankende Gestalten
pages196
created20140617
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Salomo im O-Wagen

Ort der Handlung: rückwärtige Plattform, erster Beiwagen, Linie O. Zeit: zwischen ¼10 und ½10 Uhr abends. Die Handlung beginnt bei der Ferdinandsbrücke und endet bei der Ungargasse. Man schrieb das Frühjahr 1924.

In der Rundung der Brustwand lehnt ein Mann, Halsweite 48, Bauchmaß dementsprechend. Haupt gesenkt, Kinn und Wangen ineinander geschoben; durch den Schnurrbart fährt ab und zu ein sanftes Blasen – pffff, pffff –, das einen Duft erzeugt, aus dem selbst ein nur halbwegs geübter Beurteiler unschwer auf Ausstrahlungen der Rebengelände um Zöbing schließen kann. Vor sich hält er eine schwarze, fettige, mit allerlei Papieren vollgepfropfte Brieftasche, in der die »Würstelfinger« mühselig herumwühlen.

Mit gezückter Zange steht der Schaffner da und verfolgt mit sichtlicher Spannung die Bemühungen des Suchenden. Dieser beginnt nun zu sprechen, mit einer werbenden Weichheit in der Stimme, wie sie nur der Zöbinger verleiht:

»Wart'n S' nur a biß'l, i wir's schon z'sammkriag'n – pffff –, i hab's ja, no sehg'n S', da is schon a Zwanz'ger, da san aa zwa Zehner – pffff –, Kronen nehmen S' aa? De hab' i gnua, 68 sehg'n S', da san amal sechse, achte, zehne – pffff –, aber da is aa no a Zwanz'gkronenschein, de gelt'n do no? – pffff –, also wia viel hab'n ma? Aushalt'n, da is aa a Hundata, es müss'n no mehr da sein, nur a bisserl Geduld, mir werd'n 's schon z'sammbringa – pffff –, da is schon wieder a ganz Packl Zehner; nachzähl'n: fünfe, achte, elfe – ung'schauter san's zwanz'g oder zwarazwanz'g – pffff – – (er wischt sich mit dem Handrücken über die Augen), de Kält'n reißt am's Wasser her – da schau'n S' her, ganz verwuzelt san da aa no Zwanz'ger, no, wia viel könna des sein? I sag' dreiß'g – pffff –, des war'n also sechz'g, no und das andre da, des müass'n ja schon bald drei- oder vierhundert sein, brauch ma also no dreizehne . . .«

Des Schaffners Interesse erlahmt allmählich, zumal schon eine Haltestelle vorüber und andere Fahrgäste ungeduldig auf ihn warten.

»Wia lang' werd'n S' mi denn no für 'n Narr'n halt'n? Se hab'n das Fahrgeld abgezählt bereitzuhalten, verstand'n? Da steht's! Also außa mit siebzehnhundert!«

Der Mann hebt das Haupt, bläst eine Wolke Zöbinger Ausstrahlungen vor sich, und zwei vergißmeinnichtblaue Augen blicken schreckhaft-erstaunt auf den Mahner. »I zahl' Ihna ja eh, Se seg'n 69 ja, das Geld is da, i hab' halt ka groß', i muaß ja aa das Geld nehma, wia i 's kriag – Geld is Geld –, seg'n S', da san wieder vier Hundata, jetzt muaß ja eh schon die Hälfte beinand' sein, zähl'n ma nach . . .«

»Dazua hab' i ka Zeit, wo kummat ma denn da hin, wann a jeder Fahrgast so lang' brauchat wia Se? Da brauchat i ja a Butt'n und ka Tasch'n, wann alle mit Kronen und Zwanz'ger oder Zehner zahl'n tätat'n – also woll'n S' endli zahl'n oder net?«

»I zahl' ja eh, aber jetzt hab'n S' mi irrg'macht mit Ihnan Dreinred'n – wo hab' i denn jetzt die Hundata hingeb'n? Nur ka Angst net, Se kriag'n Ihna Geld – im Sack hab' i ja aa no a Massa Kronen . . .«

»Jetzt sag' i 's Ihna zum letzt'nmal: zahl'n S' oder zahl'n S' net? Jetzt san ma schon beim Hauptzollamt – i kann mi net zu Ihna herstell'n und zuaschau'n, also zahl'n S'!«

»I waß net, was Se allerweil mit 'n Zahl'n hab'n – i zahl' ja eh schon in ana Tour – gengan S' halt daweil eini zu die andern, i wir's schon z'samm'kriag'n, i hab' 's ja da, oder nehmen S' Ihna selber das ganze Tasch'l und suach'n S' Ihna die Kran'ln z'samm', de S' hab'n woll'n.«

»Also jetzt is aus – Se werd'n sofort zahl'n 70 oder aussteig'n, i laß mi von Ihna net für 'n Narr'n halt'n, glaub'n S', i siech net, daß S' des mit z' Fleiß tuan?«

»Nur ka Aufregung net, i wir zahl'n, wann i's beinand hab' . . .«

»So lang wart' i net, jetzt red'n ma anderscht!«

Haltestelle Ungargasse. Der Schaffner ruft von der hinteren Plattform des Triebwagens einen zufällig mitfahrenden Wachmann, die Schaffner der zwei andern Wagen kommen ebenfalls herbei. Lange Erklärung des Tatbestandes, dann fragt das Wachorgan im strengsten Ton den Zöbinger Ausstrahler:

»Also wollen Sie zahl'n oder nicht?«

»Aber Herr, i zahl' ja eh schon seit d'r Ferdinandsbruck'n, aber wann d'r Kondukteur net wart'n kann – da kann do i nix dafür . . .«

»Das ist keine Zahlerei mit so kleinen Noten!«

»Na ja, wann er was g'sagt hätt' – im letzt'n Wag'n is mei Bruada, der hat's große Geld . . .«

Richtig, auf der Plattform des zweiten Beiwagens steht auch ein Dicker, strahlt gleichfalls Zöbinger aus und erweist seine Verwandtschaft mit dem andern außerdem auch noch dadurch, daß er mit derselben werbenden Weichheit in der Stimme die Angelegenheit sofort zu ordnen sich bereit erklärt.

71 »Aber ja, mit Vagnüg'n, da san zwa Fetz'n –, siechst, weilst net g'wart hast auf mi, i hab' grad no den letzt'n Wag'n d'rglengt, i hab' jetzt no ka Luft, so hab' i tschuck'n müass'n . . .«

Das Wachorgan wendet sich fragenden Blickes an die drei Schaffner, da erklärt der eine: »Mit mir fahrt der Herr net mehr, der soll mit an andern fahr'n!«

»Mit mir fahrt er aa net!« erklären die zwei andern Schaffner in schöner Solidarität.

Da wirbt der Bruder: »Aber schaun S', jetzt hat er ja schon die Kart'n, nehmen S' 'hn mit, nur kan Wirb'l mach'n . . .«

»Nein, mit uns fahrt er net, er soll in an andern O-Wagen einsteig'n!«

Da findet aber nun ein andrer das entscheidende Wort; ein schlichter Bürger ist es, der mit ebenso schlichter Würde sein Urteil spricht:

»Aber gengan S', geb'n S' eahm halt a Fotz'n und lass'n S' ihn mitfahr'n!«

Die drei Schaffner sehen sich stumm beratend an, dann Achselzucken, Schmunzeln – und: »Also steig'n S' ein!« 73

 

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