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Schwankende Gestalten

Rudolf Stürzer: Schwankende Gestalten - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwankende Gestalten
authorRudolf Stürzer
year1926
firstpub1926
publisherBurgverlag
addressWien
titleSchwankende Gestalten
pages196
created20140617
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Klavierkauf

Damals rechnete man noch in Gulden, obwohl die Kronenwährung schon eingeführt war – und Herr Stürmer hatte ein achtjähriges Töchterchen. Das stand zwar in keinem Zusammenhange mit der Gulden- oder Kronenwährung, aber das Kind war hochmusikalisch. Daher meinten auch alle – nämlich die Mutter –, daß das Kind unbedingt Klavierspielen lernen müsse.

»A Schand und a Spott, daß mir ka Klavier hab'n, damit die Mitzerl lerna kunnt, wo das Kind do so a G'hör hat! Da Herr Direktor von der Schul sagt selber, daß das Madl a Talent hat . . .«

»Muaß's denn g'rad a Klavier sein? Wann ans musikalisch is, kann's ja a anders Instrument aa sein – a Klavier kost an Surm Geld, a Zither is billiger und hört si aa ganz guat an, jed'nfalls macht s' kan so an Krawall wiar a Klavier . . .«

»I bitt di, hör' ma mit ana Zither auf! Des is do ka Musi! Mi wundert's nur, daß d' net sagst, sie soll Okarinablas'n lerna – du bist ja so a Freund von die Lamentierplutzer!«

»No, wann's schön blas'n wird, is net so schlecht, des is aa a Kunst . . .«

»Ja, Mann, du wirst do net hab'n woll'n, daß die Mitzerl Okarinablas'n lernt! Bei dem Talent, 42 was di Klane hat! Was die für a Zukunft hat, wann s' urndli Klavierspiel'n kann! In jeder G'sellschaft kann sie sich beweg'n und macht sich beliebt, wann s' was vorspiel'n kann!«

»No, i waß g'rad net – – i fahr oh, wann i wo siech, daß si ane zum Klavier schleicht, der Fratz soll z'erscht was anders lerna, zum Klavierspiel'n hat s' no Zeit gnua . . .«

»Nein, da is gar nicht mehr viel Zeit, als Kind lernt sie's leichter und kann auch mehr ang'halt'n werd'n, alser Großer kommen dann andre Sach'n, da hat s' dann net mehr die Zeit so wie jetzt . . .«

»No, mir is recht – jetzt muaßt halt nur schaun, wos d' a Klavier find'st – i waß kans und für 'n Bös'ndorfer oder für 'n Ehrbar g'lengt mei Marie net, da is s' viel z'schwach auf der Brust!«

»Mein Gott, es muaß ja net a neuch's Klavier sein, man kriegt ja auch überspielte. Du hast ja Freunderln genug, vielleicht weiß einer eins . . .«

»No ja, frag'n kann ma ja!«

Am Stammtisch wurde die Frage ebenfalls erörtert.

»Was willst denn ausgeb'n dafür?«

»No, hundert Guld'n, mehr net.«

Schallendes Gelächter.

»Hundert Guld'n? Hörst, soviel kost ja a Hax'n 43 von an Klavier! Oder willst vielleicht ans ohne Tast'n und Sat'n? Streich deiner Klan a Nud'lbrett an, des kummt billiger, und die Nachbarn murr'n net!«

»Ueberhaupt des Klavierspiel'n! No dazua, wann's erst g'lernt wird! Von an Kind aa no! I rennat aus, wann bei mir daham Klavierspiel'n g'lernt wurdat!«

»Des kann ja da Stürmer aa tuan – waßt was, kauf a Klavier und dann sagst, du kannst dem Klempern net zuahör'n, und kummst daweil zu uns auf an Tapper oder Königruafa

Dieses Samenkorn schlug Wurzeln und ließ Herrn Stürmer ein Klavier allgemach als etwas Begehrenswertes erscheinen. »Aber mehr als hundert Guld'n gib i net aus – es wird si scho mit der Zeit was find'n lass'n . . .«

Wochen vergingen. Eines Tages strahlte die Sonne ganz besonders schön hernieder, und Herr Stürmer dachte: »Heut' wär's beinah g'scheiter zu an Rutscher nach Grinzing als in das fade Kaffeehaus« – aber da standen an der Ecke vor dem »faden Kaffeehaus« vier Schicksalsboten. »Serwas, Stürmer! Mir wart'n schon auf di! Mir hab'n a Klavier g'fund'n! Hundert Guld'n! Vielleicht könna ma no was owahandl'n! Fahr'n ma nur glei aussi nach Döbling, sunst schnappt's a andrer!«

44 Ein Klavier! Noch dazu in Döbling! Ein Katzensprung nach Grinzing!

»Also guat, fahr'n ma aussi!«

Von der Landstraße bis nach Döbling war damals noch ein weiter Weg – aber wenn man ein so talentiertes Kind hat und dort ein Klavier um hundert Gulden steht!

Während der Fahrt wurde berichtet: »Weißt, dem Felgenhauer seine Tant is g'storb'n, die hat ihnen a Klavier hinterlass'n, aber es kann kana spiel'n, Platz hab'n s' aa kan in der Wohnung, jetzt schau'n s' halt, daß sie's wegbringen, so a Gelegenheit kummt nimma!«

»Eigentli möcht i grad net – mei Alte red't schon seit a paar Woch'n nix mehr von an Klavier, i waß gar net, ob's ihr recht is, aber weil ma schon da san, schau'n ma's uns halt an . . .«

Fünf ernste Männer stiegen auf der Döblinger Hauptstraße die drei Stockwerke hinauf zu den glücklichen Erben, und die Hausmeisterin sah ihnen bekümmert nach: »Jessas, am End' gar die Pfändungskommission . . .«

Dem Ehepaare Felgenhauer leuchtete die helle Freude aus den Augen, als um das Klavier gefragt wurde. Da stand es: eine Art Stutzflügel, nicht mehr sehr neu, aber ohne äußerlich merkbare Fehler. Herr Stürmer flüsterte einem Freunde zu: 45 »Du, der Kast'n hat ja nur drei Füaß«, der achtete aber nicht darauf, setzte sich an das Klavier und spielte das schöne Lied: »Das is da Nazi, den a jeder kennt.« Die andern prüften die Politur, die drei Füße, und traten dann ein paar Schritte zurück. Der Spieler hob nachher den Deckel und sah mißbilligend in das Innere des Instruments.

»Die Hammerln san net ganz in da Urdnung, da wack'ln a paar beim Baß, drei Tast'n müass'n aa g'richt't werd'n – aber sunst kann ma nix sag'n. – Wiss'n S' was, Herr Felg'nhauer, sag'n ma halt achz'g Guld'n, hundert werd'n S' nia net kriag'n . . .«

Nach einiger Zeit war der Kauf getätigt, das Geld gezahlt und der Verspruch getan, das Klavier schon am nächsten Tage in die Erdbergstraße zu schicken.

Fünf ernste Männer stiegen wieder zur Döblinger Hauptstraße nieder, viel Volk stand auf den Gängen und sah ihnen mißgünstig nach. Unten aber schüttelten vier Herren Stürmers Hand.

»I gratulier' dir, da bist billig dazua kumma! Es war früher a großer Flüg'l, der is og'schnitt'n wurd'n, aber sunst is er tadellos! Die Hammerln und die Tast'n san bald g'richt', die paar Sprüng' am Deck'l mach'n aa nix, da kummt ja eh a Klavierdeck'n d'rauf, die macht dei Alte schon! Beim 46 Baß scheppern a paar Sat'n, aber de kannst ja spanna lass'n, i bitt' di, um achz'g Guld'n, was willst denn da hab'n?«

»Zwanz'g Guld'n hab'n ma dir owaghandelt, des is der Leihkauf, also Stürmer, jetzt bist amol nob'l und führst uns zum Heurig'n nach Grinzing!«

Käuferfreude und Herzensdrang stimmten Herrn Stürmer nur allzu gefügig. »Also guat is, geh'n ma umi nach Grinzing!«

Was bekam man damals alles um zwanzig Gulden! Sie waren schier gar nicht anzubringen beim Heurigen, selbst zu fünft nicht! Sechzig Kreuzer kostete der Liter besten Weines und ein Gerebelter erst achtzig! Der Klavierkauf ward mit vierzehn Liter Wein begossen, darunter ein Liter Gerebelter. Dieser soll dann schuld an einer gewissen Gleichgewichtsstörung gewesen sein, die es Herrn Stürmer unmöglich machte, den schmalen Ausgang zu gewinnen.

Die andern vier drehten sich in einem Knäuel um den vergeblich Strebenden herum, und jeder sang dabei ein andres Lied. Dann trat ein Mann an die Gruppe heraus und schlug vor: »Wiss'n S' was, meine Herr'n? I hab' an viersitzig'n Landauer, i spann' ein, und um fünf Guld'n führ' i Ihna in d' Stadt eini, wohin S' woll'n!«

47 Der Erlöser mußte vorerst noch bei einem Liter Gerebelten mittun, dann wurde eingespannt, und in einem geräumigen Wagenkasten verschwanden die fünf Freunde; drei sangen, einer schimpfte auf den Kutscher, der seiner Meinung nach ein Rauber sei, und Herr Stürmer schlief. Furchtbare Träume quälten ihn, und plötzlich empfand er einen unbändigen Drang ins Freie. Mühselig entklomm er dem Wagen und steuerte in Wellenlinien einem dunkeln Hauswinkel zu, wo er Bacchus alles opferte, was sein Inneres barg. Auch den Orientierungssinn. Er kam bei einer andern Gasse heraus, starrte in die Dunkelheit und rief die Namen seiner Freunde in die stumme Leere. Weit und breit kein Wagen, dafür aber in mäßiger Entfernung eine blinkende Pickelhaube. Herr Stürmer schwang um die nächste Ecke und steuerte mit ungewissem Kurse irgendwohin. Ein ungeheures Durstgefühl quälte ihn. Jetzt weitete sich die Gegend, aus dem Schwarz der Häuserreihe leuchtete ein heller Punkt heraus, und gedämpfte Geigentöne umschmeichelten des matten Wallers Ohr. »A Wirtshaus!«

Drinnen ging's hoch her. Volkssänger waren da, und Herrn Stürmers Eintritt wurde übel vermerkt, weil er gerade in den schönsten Kehrreim trat: »Mein Liebchen wohnt am Donaustrand, da 48 zieht es stets mich hin, mein Liebchen ist mein Vaterland, mein Liebchen ist mein Wien.« Im schwülen Dunst der Bierstube und nach zwei Vierteln Gespritzten überkam Herrn Stürmer eine Art ungeduldiger Erregtheit. Gerade sang ein Barde mit schönstem Vorstadttenor: »I bin a echta Weana, so nach'n alt'n Schlag, der nur a harbe Gaudi und a guat's Weinerl mag!« – da erhob sich Herr Stürmer, schlug mit weitausgestrecktem Arm den Takt und sang im braven Bierbaß mit, kam dabei jedoch früher als der Tenor zu Ende, was bei den Zuhörern eine sich rasch steigernde Unzufriedenheit auslöste. »Gosch'n halt'n! Hörst net glei auf, blada Sechta! Schmeißts 'hn aussi! Zahr dein Schwamma wo anderscht hin! Josef, führ'n S' den Herrn auf d' Luft!«

Drei Kellner umringten Herrn Stürmer, einer forderte die Zeche, die andern nahmen den so hart abgelehnten Sänger unter die Arme, hoben ihn vorsichtig über die drei Stufen des Einganges hinab und schoben ihn an den Rand des Gehweges. »So, Herr Nachbar, da gengan S' jetzt schön stad füri und drahn S' Ihna ja net mehr um!«

Herr Stürmer versuchte vergeblich, die Flut der Ereignisse chronologisch zu sammeln – nur das eine wußte er ganz bestimmt: in das soeben verlassene 49 Eden gab es keine Rückkehr mehr. »Also, da kann ma nix mach'n, de blöd'n Aff'n da drin – a so a Knöd'ltenur, den hör' i mir net mehr an, des waß i – ja, ja, a andre Zeit . . .« und er hub traurig zu singen an: »Von ana G'müatlichkeit ka Spur – wo ma hinschaut, siecht ma nur – fremde G'sichter, fremde Leut' –, pfirt die God, du alte Zeit!«

»Sie, lieber Herr, sind Sie ruhig, singen können Sie zu Hause, aber nicht auf der Gass'n«, sprach ein weißbehandschuhter Wachmann, und Herrn Stürmer überkam ein Gefühl des Geborgenseins. »Herr Wachmann, san S' so freundli – wo bin i denn? Wo kumm i da außi auf d' Landstraß'n?«

»Wann S' net mehr singen und die Gass'n da hinuntergeh'n, sind S' gleich auf'n Schott'nring, aber net mehr singen!«

Richtig, da war der Schottenring! Und von ferne bimmelte eine Pferdebahn heran. Herr Stürmer schob die linke Schulter vor, denn er fühlte ein Ziehen nach rechts, lehnte sich fest auf links und kam in einer nur unwesentlich gebogenen Diagonale über die Straße zur Haltestelle. Der Wagen war leer, kein Mensch fuhr mit.

»U–u–u–umsteig'n«

»Des werd'n S' net mehr könna, des is da letzte Wag'n.«

50 Da begab sich etwas Merkwürdiges; Herr Stürmer wollte etwas sagen, aber Gedanken und Zunge verwirrten sich, schlossen dann plötzlich einen Bund, und der im Kampfe Unterliegende sagte restlos verzichtend: »Nachtigall.«

Der Schaffner nickte erkenntnisvoll, zuckte die Achseln und sah sinnend auf den sanft Entschlummernden.


»Herr Nachbar, aussteig'n, mir san in da Remis'!«

»Was für a Remis'? I war do grad in Grinzing!«

»Tuat ma lad, aber mir san in da Mariahilfer Remis', also außi!«

In finsterer Mitternacht stand Herr Stürmer vor dem Mariahilfer Linienwalle. Nur ein schwaches Erinnern dämmerte durch quälende Zwangsvorstellungen: »Mariahilfer Lina – Erdbergstraß'n!«

Dann trieb ihn ein unbestimmter Drang nach vorwärts, trieb ihn die ganze Mariahilferstraße herab, bis er todmüde an einem Einspännerstand landete. »Führ'n S' mi um a Zwararl ham!« – »Zwa Sechserln geb'n S' no drauf!« – »A Kranl kriag'n S', aber fahr'n S' nur schon!«

Frau Stürmer sprach kein Wort; auch andern Tags nicht. Der Herr Gemahl erwachte spät und 51 schwer, schlich sich aus dem Hause und trug seinen Jammer bis in die Abendstunden. Ein marinierter Hering und etliche Krügel Pils stimmten den vergrämten Magen leidlich um, und mit einiger innerer Sicherheit zog er wieder in sein trautes Heim. Dort empfing ihn die Gattin voll bebender Erregtheit:

»Ja, Mann, was treibst denn? Den ganz'n Tag kummst net ham, auf d' Nacht kummst mit an Rausch, daß ma di net kennt, und mi laßt den ganz'n Tag allani! Und da kumman auf amal zwa Männer und sag'n, sie bringen a Klavier vom Herrn Felg'nhauer, es g'hört da her zu uns – und i waß ka Wurt, i frag s', ob's schon zahlt is, das Klavier, sie sag'n, des wiss'n s' net – i hab dann g'sagt, das muaß a Irrtum sein, i kenn kan Herrn Felg'nhauer, mir hab'n aa ka Klavier bei eahm bestellt – und die Männer werd'n d'r grob, schimpf'n und drahn auf, i hab s' furtg'schickt, i hab g'sagt, i kenn kan Felg'nhauer, und i nimm ka fremds Klavier . . .«

Herr Stürmer hörte ergriffen zu. »Aber Mariederl, da hast an schön Blödsinn g'macht! I hab ja gestern das Klavier kauft, drum bin i aa so spat hamkumma! Was werd'n si jetzt die Leut denken?«

Die Felgenhauer waren sehr beleidigt, gaben Herrn Stürmer die achtzig Gulden zurück, er mußte 52 den zweifachen Transport bezahlen und ein andres Stammlokal wählen, denn mit seinen Freunden konnte er nicht mehr verkehren.

Ein Wesen aber gab es, das sich darob herzlich freute; das war das hochtalentierte Mitzerl. Zu ihrer Freundin, der Rosner Steffi, sagte sie: »Weißt, i hab' schon so a Angst g'habt, daß das Klavier kummt – i pfeif auf das Klavierspiel'n, des lern' i a so aa . . .« 53

 

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