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Schwankende Gestalten

Rudolf Stürzer: Schwankende Gestalten - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwankende Gestalten
authorRudolf Stürzer
year1926
firstpub1926
publisherBurgverlag
addressWien
titleSchwankende Gestalten
pages196
created20140617
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Kobold Gumpolz

An einem grauen Nebelsonntag unterbreitete Herr Klotzinger seiner Ehefrau den folgenden Antrag: »Waßt was, Alte, wannst heut eh zu Deiner Schwester nach Dornbach fahrst, mach i an Rutscher nach Gumpoldskirchen außi, i war schon seit zehn Jahr net durtn, i kann ja das kalte Schweinerne mitnehma, bei Deiner Schwester kriagst ja eh a Nachtmahl, das Aufhebn hat kan Sinn, am Montag habn ma ja eh allerweil einbrennte Erdäpfel und da paßt das Schweinerne eh net dazua, um a zehne längstens bin i ja eh wieder daham . . .«

»Jessas, hätt i nur des net ghört! Da wirst D'r wieder an schön Schwamma brockn! I möcht nur wissn, was Di auf amal so nach Gumpoldskirchn außi reißt? Geh nur schön mit zu der Resi, da warst aa schon seit'n Umsturz net draußt!«

»Aber geh, was tua i bei Deiner Schwester? Da wachst ma ja eh 's Maul zua, es Weiber redts euchare Sachn und i sitz da wia a Mamlaß – die Resi mag mi ja eh net, seit i ihrn Flockerl 'n Schwaf otretn hab – – und dann das Schweinerne . . . .«

»Was Du Di auf amal um das Schweinerne annimmst? Am Dienstag kriagn ma an Kelch, 26 da paßt 's dann ganz guat dazua. Und die Resi hat jetzt schon an andern Hund, der hat an gstutztn Schwaf, den kannst net otretn, wer waß aber, was D' in Gumpoldskirchn alles otretn wirst!«

»Geh red net so, i wir was otretn! I geh eh schon amal' außi zu Deiner Schwester, aber grad heut net – mir habn ja alle drei nix davon, wann i mit Dir geh, es is heut eh d'r letzte Sunntag, jetzt kumman eh bald die Feiertag, da kummt ma eh nirgends hin! . . .«

»Jessas ja, in Gottsnam, geh nach Gumpoldskirchn, bevur i mir's anzwidern laß und Dei Pappn anschaun muaß, was D' allerweil machst, wannst bei der Resi bist – sie gift si no heut übers letzte Mal –, also nimm Dir das Schweinerne mit und a Kas is aa no da und a halber Lab Brot – aber das ane sag i Dir, wannst wieder mit so an Affn ham kummst, wia aus Thallern, dann wirst mi kenna lerna!«

»Eh net, eh net, woher denn! Uma sechse geht d'r Zug, bis i außikumm is siebne, bis i hinkumm is halber achte, uma zehne muaß i ja eh scho wieder eina, da wachst si no lang ka Schwamma außa! – – I laß Dei Schwester schön grüaßn!«

Herr Klotzinger fuhr nach Gumpoldskirchen. Ein seliges Freiheitsgefühl wärmte sein Herz, nicht 27 minder aber auch ein freudiges Ahnen geisterhebender Genüsse und eindrucksvoller Erlebnisse.

Am Fuß des Anninger hingegossen liegt versonnen und verträumt das liebliche Gumpoldskirchen, hochberühmt ob seines Rebensaftes, der im Wiener Becken hier am feurigsten und kernigsten aus den Keltern fließt. Da wispern und kichern die Weingeisterchen in allen Winkeln und Ecken und wehe, wem der Kobold Gumpolz in den Nacken springt! Vorerst führte er Herrn Klotzinger noch treufürsorglich ein paar Gäßchen lang, dann wußte dieser schon Bescheid. Lichterglanz aus weißverhängten Fensterchen, lustiges Stimmengewirr und dann war er drinnen in der kleinen Stube mit der niederen Decke, von der herab ein Glühlicht in leichtem Dunst und Qualm versprühte; lange Tische und Bänke quer über, alles freundnachbarlich gedrängt; zwischen fetten Papierpaketen goldgrün schimmernde Flaschen und davor rötlich angehauchte Gesichter weinfroher Zecher, sorglos hingegeben der Frohheit kurzer Stunden.

Herr Klotzinger spähte nach einem freien Plätzchen, aber da rief schon einer von einem dichtbesetzten Tische her: »Jessas, da Herr Klotzinger! Kumman S' nur her da, für Ihna is no allerweil a Platzerl da!«

Es war ein Glattrasierter, der so sprach und 28 Herr Klotzinger zermürbte sich das Gehirn mit der Frage, wo er den Rufer schon gesehen habe.

»Aber machn S' kane Gschichtn, Sie kennan mi schon und i Ihna aa, also nur her da! Wißts, meine Herrn, das is da Herr Ehnet, von dem i euch schon d'rzählt hab!«

»Also kummans zuwa, Herr Ehnet« – ein lachender Chor rief es und nun war kein Zweifel mehr möglich: wer seinen Spitznamen kannte, der konnte nicht fremd sein. So saß Herr Klotzinger in der trinkfesten Männerschar, die den Glattrasierten »Bramburi« nannte und aus der einer die Geschichte einer Heurigenfahrt nach Perchtoldsdorf beendete. ». . . also, daß i euch weiter d'rzähl: in Hietzing habn ma 'hn valurn, mir san no in a Kaffeehaus ganga, i bin erst uma viere hamkuma, aber uma zehne wir i wach, mir laßt's ka Ruah, i muaß wissn, was aus'n Gramml wurd'n is, also guat, i ziag mi an und geh in die Pfeiffergassn in sei Wohnung, sei Schwester macht ma auf und fangt glei zum debbern an, daß 'hn a Gwölbwachter und da Hausmasta uma zwa in der Fruah aufabracht habn, daß er no drinn liegt und sie mag gar net einigehn, ihr graust so vor an Bsoffanen, no i sag aber, gengan ma nur eini und wia ma drinn warn im Kabinett, stößt s' an Schra aus und i war aa bald umgfalln, denn alles war 29 schwarz, die Deckn, da Boden, 's Nachtkastl und da Gramml aa! I sag euch, der hat ausgschaut! A Murl is da reine Eisbär dagegn! Er hat nämli in sein Dampus die Lampn anzundn und den Docht net owi gschrauft, jetzt hat die Lampn die ganze Zeit graucht bis ausbrennt war, a Glück, daß 's Fenster offn war . . .«

Die Wechselrede über diesen Vorfall nahm viel Zeit in Anspruch; Meinungen, Schlüsse und Analogien wurden eingehend erörtert, Herr Klotzinger fand keine Zeit, der Persönlichkeit Bramburi's nachzuforschen. Schließlich riß auch ihn die Stimmung und der Kobold Gumpolz mit. Auf einmal aber hub der Glattrasierte von selber an: »Sehgn S', des gfreut mi, daß S' nimmer bös san auf mi, i hab's allerweil gsagt, da Herr Ehnet is a fescher Kerl!«

Herr Klotzinger war gerührt und meinte bescheiden: »I wußt net, wegn was i auf Ihna bös sein sollt!«

»No ja, eigentli sollt's ja i sein, denn die Watschn damals war von kane schlechtn Eltern – aber i bin net nachtragerisch und dann habn S' ja aa gnua zahlt dafür . . .«

Kobold Gumpolz zog blitzschnell eine dunkle Wand weg und Herr Klotzinger sah wie in magischem Lichte ein Bild: er stand vor dem 30 Bezirksrichter in Hernals, angeklagt der tätlichen Ehrenbeleidigung des Hausbesorgers Bramberger, begangen durch Verabreichung einer Ohrfeige; Urteil: 30 Kronen.

Herr Klotzinger starrte ganz entgeistert in des anderen Gesicht. »Dreißig Kranln – und an bsoffanen Surm habn S' mi ghassn! Des war im Zwölferjahr, aber Se habn damals ja an Kaiserbart tragn . . .«

»Ja, der is weg, beim Umsturz hat er owa müass'n, i bin jetzt urganisiert, aber jetzt san ma wieder guat mitanander, i gspür heut nix mehr von dera Fotzn und Se nix von die dreißig Kranln!«

»Eh net, eh net – aber . . .«

Chorus: »Da gibts ka aber, da haßt's trinkn!«

Gläser klirren, frische Flaschen rücken auf.

»I hätt den Bramburi gern gsehn mit da Watschn auf'n Kaiserbart!«

Das träufelt Balsam in Herrn Klotzingers wieder wund gewordenes Herz, weg ist aller Groll und helle Lust entfacht eines anderen Frage: »War's aber aa die dreißig Kranln wert? Bruada, des war damals no a Geld!«

»Mei Liaba, de war unter Gschwister ihre fufzg wert«, anerkennt in bescheidener Zuvorkommenheit Herr Bramberger und Herr Klotzinger lächelt stolz zurückhaltend. Dann hub einer an: »Menschn, 31 Menschn, san ma alle . . .«, dann tranken alle Bruderschaft, auch Herr Bramberger und Herr Klotzinger, der Gumpoldskirchner goß sanfte Wonne in die liebende Runde und Kobold Gumpolz kürzte das Zeitmaß. Einmal noch flackerte eine Art Mißton auf: »Jessas, es is bald zehne, mir vasaman den Zug!« aber da dämpfte auch schon ein anderer ab: »Heut' is Sunntag, da fahrt a Eingschobener um dreiviertl elfe . . .«

Mit dem »Eingschobenen« fuhren auch andere und viele waren schon drinnen. Beim Sturm auf den Zug kam die Freundesschar auseinander. Herr Klotzinger mit einer Gießhüblerflasche voll Reserveweines war ganz allein in einen Wagen eingestiegen und suchte nun im ungewissen Dämmern einer Südbahnlampe unter den Fahrtgenossen nach einem Freundesantlitz. Fremd und feindselig starrten ihn die anderen an, ein Gefühl trostloser Verlassenheit überkam ihn. Sein Ruf: »Bramburi, wo bist denn?« verhallte ungehört im höhnischen Echo der Uneingeweihten. Da raffte sich Herr Klotzinger auf, stapfte über Touristenbeine, Bauernbinkeln und schüttelnde Plattformen von einem Wagen in den anderen immer schmerzlicher lockend: »Bramburi, wo bist denn?«

Endlich ein freudiges Echo!

32 »Da is er ja, der Ehnet! I hab's ja gwußt, er is da! Halloh und den Wein hat er aa!«

»Siehgst, die andern habn schon gsagt: der Fallott is ogfahrn – aber i hab gsagt, des tuat er net, der Ehnet, den kenn i besser, wann er aa damals draufzahlt hat bei mir . . .«

»Eh net, eh net! I hab da gar net draufzahlt, i bereu's aa heut no net, höchstens, daß 's net zwa warn . . .!«

Kobold Gumpolz schürte; Herrn Klotzingers eben noch so weiche Stimmung schlug allgemach ins Gallige um. Herr Bramberger aber war ganz Gefühl, Weichheit und Bekennerfreude.

»Recht hast, Ehnet, zwa hättn mir ghört, für das, was i alles gsagt hab über Di und Dei Alte – wannst mi aa klagt hättst, war i gsund einganga – aber mach D'r nix draus, kum trink ma!«

»Was? Ueber mei Alte hast aa gschimpft? Des hör i jetzt erst!«

»Aber ja, i hab gschimpft, was i außa bracht hab, an gselchtn Stellwagn hab i 's ghassn, a windvadrahts Christbamgstell, a wampate Gastrumml . . .« Herr Bramberger sprach sehr langsam, wie aus Furcht, daß sich die Silben verwirren könnten. Die anderen gröhlten und Kobold Gumpolz stachelte Herrn Klotzingers schwer darniederliegendes Ehrgefühl zu etlichen Zuckungen auf.

33 »Wann i des gwußt hätt! I hätt D'r no a paar Gsunde einigriebn! A so a Falott, – i muaß dreißg Kranln zahln und er schimpft mi und mei Alte!«

»No, schau, dafür hab i ja de Watschn ghabt, i sag ja selber, daß i s' vadient hab, jetzt schlag kan Murrer mehr und sauf!«

»Mit Dir net mehr, i steig überhaupt in Meidling aus!«

Heftiger Widerspruch, Herrn Klotzinger wird die Gießhüblerflasche mit Gewalt angesetzt und noch vor Meidling hüllt ein sanfter Nebel seligen Selbstvergessens den Erbosten ein.

Sieben schwankende Gestalten schleiften eine achte über die Stufen des Südbahnhofes hinab in die Wiener Nacht. Etliche strebten weiter in der hoffnungsfrohen Vorstellung des glücklichen Erreichens einer Elektrischen, nur Herr Bramberger wich nicht von Herrn Klotzingers Seite, die vorerst an einer Säule des Vorbaues verankert war. Kobold Gumpolz stieß und stupfte die andere, wodurch ein leichtes Wiegen entstand, das Herr Bramberger aufopfernd zu verringern trachtete. Schemenhafte Bilder zogen an Herrn Klotzingers innerem Auge vorbei, die er stoßweise zu schildern versuchte.

»Meiner Schwägerin – ihrn Hund – bin i amal – aufn – aufn Schwaf treten – – – i 34 habs eh net, eh net tuan wolln – – – murgn – einbrennte Erdäpfl – i mag s' eh net – – – an Kelch kriagn ma aa – – i wir mi glei niederlegn – i hab an Schlaf – – –«

Am andern Tage saß Frau Klotzinger zu Gerichte vor dem Bette des schwer erwachenden Gemahles. »Ja sag mir nur amol, Mann, hast denn du an Charakter? Vom Bramberger laßt du di zhaus bringen, demst a so a Watschn gebn hast, daß d' dreißg Kranln hast zahln müass'n, wo do damals ane nur zehne kost hat?«

»I iß heut kane einbrenntn Erdäpfel . . . .«

»Des glaub i, nach so an Fetzn – a Schand und a Spott, die ganzn Leut redn davon, i trau mi gar net vor die Tür, – bei der Resi hättst den Schwamma natürli net gfangt, aber da hilft ja ka Redn, a Bsuff bleibt a Bsuff und grad i hab das Unglück habn müassen – – wenn das mei Mutter sehgn tät . . .«

Da meldet sich Kobold Gumpolz als milder Tröster und mit wehmütiger Befriedigung hört es der Kranke durch das Brausen seines Kopfes wie fernen Schalmeienklang: gselchter Stellwagn – windvadrahts Christbamgstell – wampate Gastrumml . . . . . . 35

 

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