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Schwankende Gestalten

Rudolf Stürzer: Schwankende Gestalten - Kapitel 21
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwankende Gestalten
authorRudolf Stürzer
year1926
firstpub1926
publisherBurgverlag
addressWien
titleSchwankende Gestalten
pages196
created20140617
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Eierspeis und Kletzenbrot

Weit zurück im rosengoldnen Dämmer längst verrauschter Jugendtage blinkt hie und da ein Erinnerungslichtlein auf und zaubert weich und lind ein liebes Bild vor die traumentwöhnten Augen. Was bitter und stachlig beim Erleben war, verschwimmt in hüllenden Nebelschatten, und um so hellfroher strahlt der Glanz der fernen Stunde draus hervor.

Wir waren unser zwei; junge arme Teufel, bei karger Kost und harter Fron, doch voll Lebenslust und zukunftsfroh. Der eine war aus Tirol, aus dem Pustertale – er sagte: Puschtertal – und schnitzte Holz, das heißt, er machte Bildwerke aus Holz, war also ein Künstler oder wollte wenigstens einer werden. Kamillo Sitte hatte ihn entdeckt, nach Wien gebracht und ihm ein Stipendium verschafft, damit er hier am Kunstgewerblichen Museum sich weiter ausbilden könne; der andre war um vier Jahre jünger, hatte noch eine schattenlose Oberlippe und den Kopf voll Heine- und Julius Wolf-Liedern und sonst gar nichts; er hätte gar zu gern noch die Matura gemacht, kam aber der gescheitesten aller Wissenschaften, der Mathematik auch nicht annähernd an den Leib. Dieser junge arme Teufel war natürlich ich.

174 Wir waren »Zimmerherren« bei einer Kräutlerin, leisteten ihr noch vor den Morgenstunden Zugdienste für einen Kaffee- und Wasserwecken bei der Kugel am Hof und gingen dann frisch und wohlgemut ans Tagewerk, er ins Museum, ich in eine Druckerei.

Im Frühjahr war der Hans aus dem Pustertale gekommen, konnte anfangs in Wien nicht gehen und stehen und die Wunder dieser Stadt nicht fassen. Einmal kam er mit Schimpf und Glimpf vom Naschmarkt, weil er dort ein »Nagerl« Paradeiser, so wie sie waren, verspeist und die Belehrungen der reschen Marktfee mit einem Tiroler Kernspruch abgewiesen hatte. Das war schon im Herbst, was er alles vorher noch erlebte, dagegen ist die Odyssee ein Kinderspiel. Wir zwei standen mutterseelenallein in der Welt und waren daher ein Sinn und ein Herz. In der Kammer zu ebener Erde hausten wir mehr lustig als zufrieden, hatten die Aussicht in einen Hof, über dessen niedere Mauer die Bäume aus dem Modenagarten ihre Aeste streckten, und Amseln und Finken sangen uns ihre schönsten Lieder. An Sonntagen stand ich ihm in der herben Frische meines Jünglingskörpers Akt zu Diskuswerfern und andern klassischen Figuren, was sich bald herumsprach und die Hälse aller 175 dienenden Geister weiblichen Geschlechtes um mindestens drei Fingerbreiten verlängerte.

Er hatte einmal einen Moseskopf aus Birnholz verkauft und für den Erlös auf dem Tandelmarkt ein Skelett angeschafft, dessen solides Eisengestell wir auch als Kleiderstock benützten und so einigermaßen das Grauen milderten, das es sonst um sich verbreitete. Unsre liebe alte Herbergsmutter wollte lange nicht allein das Aufräumen besorgen, und erst als auch ein breitrandiger Tirolerhut den Grinsschädel deckte, gewann sie allmählich ein zagendes Zutrauen.

Nun rückten Weihnachten heran, und das wollten wir recht festlich begehen. Dazu war Geld nötig, und das hatten wir nicht, wenigstens nicht in ausreichender Fülle. Aber Not macht erfinderisch. Er verkaufte einen mageren Diskuswerfer, und ich die Mathematikbücher, ein paar Gulden trug es doch, besonders der Diskuswerfer wurde hoch bezahlt, zwei Gulden achtzig Kreuzer gab ein Antiquitätenhändler in der Weihburggasse dafür. Für die Bücher der gescheitesten aller Wissenschaften bekam ich fast nur die Hälfte. Wir legten das Geld zusammen, das heißt: nicht das ganze, jeder behielt sich noch etwas zurück für eine Sonderüberraschung des andern. Nun wurde gerechnet: ein Tannenbäumchen, nicht mehr als zehn Kreuzer, 176 Kerzchen und Kettenschmuck, zwei Päckchen Siebzehner-Zigarettentabak, eine Flasche Wein vom Kalterer See und vier Eier für eine Eierspeise. Die dünkte uns der höchste aller Eßgenüsse, noch dazu mit Butter zubereitet. Dann gab es noch etwas, wonach uns ganz besonders leckerte, das war ein Kletzenbrot, aber das kam nicht in die allgemeine Rechnung, ich lehnte es nämlich wegen allzu großer Teuernis schroff ab.

Draußen im Hofe lag der Schnee, der Pumpbrunnen trug ein weißes Häubchen, und die Zweige der Bäume glitzerten im Milliardenschmucke silberner Eisnadeln. In der Kammer lachte das Kanonenöferl mit roten Backen, der Knochenmann grinste unter seinem Tirolerhut und aus einem roten Schal hervor ganz gemütlich auf das Tannenbäumchen, das Hans zu schmücken hatte, während ich die Eierspeise auf einem Schnellsieder bereiten sollte.

Das war wohl das schwierigste Werk; ich war der blutigste Laie in Kochsachen, obwohl ich einmal als Gymnasiast ein Kochbuch abgeschrieben hatte. Ich trat zwar nicht ganz unvorbereitet an den Schnellsieder heran, denn ich hatte vorher bei der Wetti vom Herrn Hofsekretär Kriwanek mir Rats geholt; ich hatte ihr einmal einen kleinen Diskuswerfer gezeigt, und sie liebte mich, außerdem zeigte sie mir auch, wie man ein Ei am Rande 177 eines Bierglases einschlagen und dann auseinanderbrechen kann. Die Sache war kinderleicht, aber das erste Ei, das ich zur Hand nahm, hatte eine Schale aus Stahl; ich schlug sie immer fester auf den Rand unseres Bierhumpens aus Gußglas, konnte aber keine nennenswerte Kerbung damit erzielen. Ich drehte das Ei um, besah mir den »Tetscher« und setzte die Daumennägel in die kleine Ritze. Das Ei leistete harten Widerstand; ich zerrte, drückte, und auf einmal brach die Schale rundum ab, Klar und Dotter spritzten hoch auf und landeten auf dem breiten Fensterbrette, das ich zur Kochstätte auserkoren. Auf dem Fensterbrette lagen aber auch Reste von Zigaretten, angebrannte Zündhölzchen und Reißnägel. Diese suchte ich sorgfältig aus dem Brei heraus, ebenso auch die Zündhölzchen, aber von den dünnen Tabakfasern fand ich nicht alle. Mit dem Karobuben eines nicht mehr ganz neuen Kartenspieles kratzte ich das weißgelbe Gemisch in die Pfanne und nahm das zweite Ei in Angriff; jetzt war ich schon geübter, ich schlug gleich mächtig auf den Humpenrand, und um was das erste Ei zu hart war, um das war das zweite zu weich, es plumpste sofort in das Bierglas hinein, und einige Schalensplitter gingen mit. Der Humpen verlor mein Vertrauen, das dritte Ei schlug ich mit dem Rücken eines Messers gleich über der 178 Pfanne auf und bekam so ziemlich den ganzen Inhalt hinein, nur einiges spritzte über den Rand hinaus. In das vierte Ei stach ich mit der Messerspitze hinein, und das gelang am besten. Jetzt die Butter hinein und dann den Spiritus entzündet! Hei, wie das prasselte und schmorte! Das lockte den Hans herbei, und er leitete die Sache zu Ende.

Wir saßen zu Tisch und gabelten die Eierspeise gleich aus der Pfanne heraus, aßen mächtige Stücke Schwarzbrot dazu und tranken Wein vom Kalterer See. Einmal machte Hans ein bedenkliches Gesicht, stocherte in den Zähnen und meinte, er habe auf ein Bein gebissen, aber es war nur ein angebranntes Zündholz, das der Karobube mitgenommen hatte. Ich spuckte ein paar Schalensplitter aus, aber von dem Zigerattentabak war gar nichts zu merken. In unserm ganzen Leben hat uns eine Eierspeise nicht mehr so geschmeckt wie diese. Dann wurden die Kerzchen angezündet, die Petroleumlampe ausgelöscht, und wir standen vor dem strahlenden Tannenbäumchen und starrten wie in ein lichtes Wunder.

Auf einmal ließ sich Hans auf den Stuhl nieder, warf den linken Arm auf den Tisch, preßte sein Gesicht in den Lodenärmel, und der ganze starke Pustertaler fing zu zittern und zu zucken an. Ja, ja, er weinte. Ich setzte mich nebenhin und sah ihm 179 zu, dann packte es auch mich, und ich schluchzte um eine Terz höher mit. Da ich aber damals erst achtzehn Jahre alt war, war ich früher fertig und entsann mich eines Trostes, den ich noch in der Tasche hatte. Ganz sachte griff ich danach und schob den Wecken Kletzenbrot dem Freunde unter das nasse Gesicht. Der tastete mit der Rechten nach dem Gegenstande, hob das Antlitz, sah auf den Wecken, dann auf mich, und plötzlich lachte er hell auf, griff gleichfalls in die Tasche und schob auch mir einen Wecken Kletzenbrot hin. Jetzt lachten wir beide, und er aß den meinen, ich den seinen, tranken die Flasche Wein vom Kalterer See leer und waren in den vierzig Jahren nachher kaum je mehr so kindlich froh wie damals bei Eierspeise und Kletzenbrot.

 


 

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