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Schwankende Gestalten

Rudolf Stürzer: Schwankende Gestalten - Kapitel 18
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwankende Gestalten
authorRudolf Stürzer
year1926
firstpub1926
publisherBurgverlag
addressWien
titleSchwankende Gestalten
pages196
created20140617
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Rosenwirt und sein Hund

Der Rosenwirt von Glockenbrunn hatte einen Hund. Und dieser Hund war schuld, daß der Rosenwirt seinen Glauben verlor. Dazu war allerdings auch noch das Bezirksgericht von Sternsee vonnöten, denn ohne dessen Eingreifen hätte der Rosenwirt von Glockenbrunn noch heute seinen Glauben und – seinen Hund.

Es war ein deutscher Schäferhund, daher hieß er Rolf; es war ein braver Hund, gab jedem Gaste die Pfote, lag meistens vor der Tür der Gaststube in der Sonne oder, wenn diese zu heiß brannte, im Schatten unter dem Futtertroge. Rolf war das reine »Lamperl«, wedelte selbst im Schlafe mit dem Schweife und schnappte nicht einmal nach den Fliegen, die ihm um die Schnauze tanzten. So war er außer Dienst – im Dienste aber war er ganz anders. Da kannte er keinen Freund, da war er nichts als Pflicht. Das wußte ganz Glockenbrunn und richtete sich danach.

Der Rosenwirt war auch Fleischhauer und kaufte oft Kälber in den nächsten Ortschaften. Die holte dann sein Sohn, der Christian, und der nahm als Hilfsgenossen den Rolf mit. Da war dieser also im Dienst.

An einem der ersten Tage im Juli kam dem 150 Rosenwirt die Kunde zu, daß der Schöpflbauer in Grabenstetten ein schönes Kalb zu verkaufen habe, man wurde handelseinig und der Christian sollte es abholen.

»Roif, kumm her, Kaiwi hoin!« Der Christian sagte Roif, weil er zu faul war, die Zungenspitze zu heben, und der Hund trug es ihm nicht nach. So zogen sie selbander gen Grabenstetten, der Christian knieweich und versonnen, Rolf mit gespitzten Ohren und hoher Rute. Ganz Dienst.

So ein Kalb hat eine merkwürdige Anhänglichkeit an die Scholle und geht nicht gern fort, nicht einmal aus Grabenstetten, von dem sonst alle Glockenbrunner behaupten, sie möchten dort nicht begraben sein. Der Christian zog am Strick und half mit der »Goasl« nach, und wenn auch das nichts fruchtete, sagte er nur ganz einfach: »Roif, beiß' 's eini!« und Rolf fuhr mit scharfem Laut dem Kälbchen an die Hinterbeine, worauf dieses ein paar Sprünge nach vorwärts machte, so daß es der Christian wieder beruhigen mußte: »Luadersviech, wirst aufhör'n!«

So ging's von Grabenstetten bis Glockenbrunn. Das Kalb blökte, der Christian schwitzte, und der Hund bellte, wenn es nötig war. Vor den ersten Häuschen von Glockenbrunn nahm Rolf in Anbetracht des baldigen Endes seines Dienstganges 151 eine Baumgelegenheit wahr, und Kalb und Christian zogen allein fürbaß. Da kamen sie an der Keusche der Häuslerin Katharina Obermayer vorbei, die hatte auch einen Hund, den sie Tschockerl nannte. Er gehörte jener Rasse an, die man im ganzen Bezirk als »Gfraßt« bezeichnete, war jedoch lebhaften Geistes und kläffte alles an, was sich bewegte, folglich also auch das Kalb des Christian. Das Kalb bockte, der Tschockerl wurde kühn und sprang vor ihm wie toll umher, der Christian aber sagte nur: »Roif!«, und schon war er auch da. Ein Sprung, ein Biß, ein kurzer Heulton, und eine arme Hundeseele verlor sich im Kosmos, begleitet von den schrillen Schmerz- und Klagelauten der Katharina Obermayer. Die Häuslerin hätte ihr Leben lang um den Tschockerl jammern können, es hätte ihr nichts genützt, aber da war eine Sommerpartei in Glockenbrunn, der ging das Leid der armen Häuslerin zu Herzen, schon deshalb, weil der Rosenwirt den Sohn dieser Partei einmal »an kairisch'n Kund, an kairisch'n« genannt und solcherart ein stolzes Mutterherz schwer gekränkt hatte. Sie rieten der Häuslerin zur Klage beim Sternseer Bezirksgericht. Die Obermayer wollte lange nicht; »Jessas, gengan Ros'nwirt soll i klag'n? O du mein Gott, des war do aus der Weis'!« Aber man 152 redete ihr kräftig zu, versprach ihr auch juridischen Beistand, und der »kairische Kund, der kairische« setzte ihr die Klage auf.

Der Rosenwirt sonnte sich just in der ganzen Pracht seines mächtig wallenden schwarzen Vollbartes vor seiner Wirtshaustür, da bekam er die Vorladung: . . . . wegen Uebertretung nach § 391 St. G. . . . am 27. August 1924 vormittags 9 Uhr . . . als Angeklagter zu verantworten . . . im Falle Ihres Ausbleibens dennoch . . . Urteilsfällung vorgegangen werden. Der Hund ist mitzubringen.

Der Rosenwirt hielt das Blatt immer weiter von sich, dadurch wurde die Schrift immer klarer. Auch die Adresse: Matthias Hainzl, Gastwirt »zur Weißen Rose«, Glockenbrunn.

Am Nachmittag des 27. August kam der Rosenwirt schwarzweißrot nach Hause. Schwarz der Bart, rot das Gesicht und weiß das frische Hemd, denn er hatte den Rock ausgezogen.

Zuerst fluchte er greulich, dann stützte er sich mit geballten Fäusten auf den Tisch im Herrgottswinkel und berichtete den erschauernd Lauschenden:

»Dreihunderttausend Kronen für den varreckt'n Pinsch – aber de Obermoar-Kathl soll ma in d' Näch'n kumma! Dreihunderttausend Kronen! Und mein' Roif hab'n s' ma wegg'numma! Und 153 hunderttausend Kronen muaß i aa no zahl'n! Der bucklerte Advakat, der kairische Kund, der kairische! Und der Viechdoktor, der damische! I hab' heut' mein' Glaub'n valurn! I glaub' an gar nix net mehr! ›Da schaun S' her‹, hab' i g'sagt, ›mei Roif tuat gar nix, schön 's Pratzerl geb'n‹, hab' i g'sagt, und er hat an iad'n 's Pratzerl geb'n, 'n Richter, 'n Viechdoktor, aa dem bucklerten Advakat'n, aber der hat a Angst g'habt – und an iad'n hätt' er 's Pratzerl geb'n, aa d'r Obermoar-Kathl, dera ausg'schamt'n Hex, dera ausg'schamt'n – aber da hat nix net g'holf'n, alle alt'n Weiber von Glock'nbrunn, de was an Hund hab'n, war'n da als Zeug'n, und an iade hat g'sagt, daß mei Roif a böser Hund is, und auf amal hab'n s' a Kruzifix daher bracht, hab'n zwa Kirz'n anzund'n, und dann hab'n s' g'schwurn! I hab' kan Glaub'n mehr! Weg'n an varreckt'n Pinsch 'n Herrgott vom Himmi owazahrn! Und der Obermoar-Kathl, dera g'selcht'n Heppin, dera g'selcht'n, muaß i dreihunderttausend Kronen zahl'n! Und hunderttausend Straf extra no! Und mein Roif kriag i aa nimmer! Und zweg'n dem zahrn s' den Herrgott vom Himmi owa! I hab' kan Glaub'n mehr, na, i glaub' an nix net mehr!«

Die Obermayer-Katharina geht nur mehr auf 154 weiten Umwegen ins Dorf, die Sommerpartei zog bald darauf weg, ein stolzes Mutterherz schlug wieder zärtlich, und der Christian sagte, er hole kein »Kaiwi« mehr ohne Roif. 155

 

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