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Schwankende Gestalten

Rudolf Stürzer: Schwankende Gestalten - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwankende Gestalten
authorRudolf Stürzer
year1926
firstpub1926
publisherBurgverlag
addressWien
titleSchwankende Gestalten
pages196
created20140617
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vielleicht ist doch was dran

Herr Hofeneder tobte.

»Lisi, das sag' i dir, wannst no amal zu dera Hex' aussifahrst, dann wirst was sehgn! Das Geld a so aussischmeiss'n, das is ja nimmer schön!«

»Aber schau, Josef, es is do gar nix dabei, es is mei Freud' und mei Zerstreuung, und dann hat die Sach' halt do auch an Hintergrund, das mußt selber sag'n . . .«

»A freili, i sag' da gar nix als: es is a Aberglaub'n und a Blödsinn, und i hab' in mein' Leb'n nix drauf geb'n – und außerdem is's jetzt aa verbot'n, ma kann da leicht in was eini kumma, und i lass' mi von die Leut' net auslach'n weg'n ana Kart'naufschlagerin!«

»Du kummst in gar nix eini, die G'schicht' kann net aufkumma, und dann gengan ja so viele zu der Frau Schicketanz, die hat schon ihre Leut' . . .«

»Und i will's net hab'n, und wannst no amal außifahrst, dann kannst aa glei draußt bleib'n, dann hast die Wahl: entweder i oder die Frau Schlitt'ntanz, oder wia s' hast, die alte Hex'!«

»Josef, das is ka alte Hex', das is a sehr a a gebildete Frau, und du waßt ganz guat, daß sie sehr viel derrat'n hat! – Damals, wia du so krank 102 wurd'n bist, hat sie's mir schon a halb's Jahr vorausg'sagt . . .«

»So a Blödsinn, in an halb'n Jahr kann ja leicht ana krank werd'n!«

»No, und wia unsrer Mali ihr Mutter g'storb'n is, hat sie das net aa vorausg'sagt? Es steht Ihna a Trauerfall ins Haus, hat sie g'sagt, und richti, in sechs Woch'n d'rauf is der Mali ihr Mutter g'sturb'n, is 's net wahr?«

»Daß die alte Blaschek g'sturb'n is, is natürli wahr, aber das hat s' ja ganz guat wiss'n könna, da hast ihr halt schon früher vurzaunt, daß die Mali allerweil so tramhappert is, weil ihr Muatta krank is!«

»I hab' ka Wort g'red't, i kann dir nur sag'n, daß die Frau mehr weiß als andere Leut'! Hat sie net a die Wahl'n vorausg'sagt, daß 's anderst kumma wird?«

»Des hätt' i dir aa sag'n könna, ohne Kart'n – des alles is a Blödsinn, und das wirst ma du net einred'n, daß in die Papierln a Zukunft drin liegt, daß der Treffsieb'ner oder der Karoachter a Bedeutung für an Menschen hab'n kann! Die Polizei hat 's verbot'n, und wann ma di amal bei dera Schlitt'ngans oder wia s' haßt, d'rwischt, dann gehst grad so ein wia die Hex', und d'r ganze Bezirk lacht si bucklat über uns!«

103 »Jessas, der Mann red't was z'samm'! Wannst di nur amal selber überzeug'n tätast! Fahr' aussi und laß dir von ihr die Kart'n leg'n, du wirst dann anderst red'n!«

»Freili, i wir a alt's Weib sein! I hab' mein' g'sund'n Vastand, und der sagt mir, daß ma an Pagatultimo net mit sechs Tarock und zwa Fehlfarb'n ansag'n derf, aber sunst nix, de Kart'ln, de d'r Piatnik g'malt hat, hab'n kan Magnetismus und kan Spiritismus, und die Kart'naufschlagerinnen soll ma alli ausbaz'n – des is d'r aufg'legte Betrug. Wann i was z' red'n hätt', i tät s' wieder so verbrenna lass'n wia 's amal war, mitsamt eahnare Kart'n!«

»Es is nur a Glück, daß d' nix z' red'n hast, da san gescheitere Leut', die was von der Sach' halt'n, weil sie sich überzeugt hab'n! Gelt, wia i dir damals g'sagt hab', du sollst dem Wasservogl ka Geld geb'n, da hast mir g'folgt, und guat war's, und siegst, des hat ma die Frau Schicketanz g'sagt aus die Kart'n . . .«

»Des hab'n andre aa g'sagt, und hab'n si net erst aufschlag'n lass'n – i sag' dir nur, i glaub' net an den heiligen Piatnik, außer beim Königruafn oder beim Preferanzn, und es is traurig gnua, daß i a Frau hab', de sich zu so was hergibt und sich wahrsag'n laßt!«

104 »Josef, das derfst net sag'n, i bin ka dumme Gans, i hab' aa mein' Verstand, so wia du, aber wann i mi von was schon so oft überzeugt hab', wie von dem, dann muß i sag'n, es is halt do was d'ran . . .«

»Also guat, i wer mi überzeug'n, i fahr' amal aussi und wir die Hex' hamsuachn, und dann werd'n ma ja selber hör'n, was dran is . . .«

Draußen in der Vorstadt, im vierten Stocke einer dem ödesten Baumeisterwahn entsprungenen Zinskaserne, wohnte Frau Theresia Schicketanz, Private, wie auf dem Türschilde stand. Dort läutete eines Tages Herr Josef Hofeneder an. Und ihm ward aufgetan. Die schwarzen Haare glatt zurückgestrichen, die Nase etwas angerötet, die dunklen Augen, von denen das eine beständig aus der geraden Sehlinie wich, unruhig flackernd, das blauseidene Matinee an Aermeln und Kragen neckisch mit Spitzenrüschen verziert, so stand Frau Schicketanz vor dem Einlaß Heischenden.

»Ah, Herr von Hofeneder, das freut mich, Ihre Frau Gemahlin hat mir schon viel Schönes und Gutes von Ihnen erzählt, bitt' nur ablegen, und dann bitte nur hinein zu spazieren, so – bitte nur Platz nehmen – nein, wie mich das freut, daß Sie auch einmal zu mir kommen, Herr von Hofeneder! Ja, die Frau Gemahlin ist eine gute Kundschaft von 105 mir, wie oft hat sie gesagt, wann Sie nur mein' Mann seh'n könnten – ich hab' es mir immer gewunschen, ich hab' mir schon ein Bild von Ihnen gemacht, Herr von Hofeneder, aber ich hätt' nie geglaubt, daß ich einen so feschen Herrn seh'n wer' – nein, wirklich, ein fescher Herr, man möcht's nicht glaub'n, daß Sie schon über vierzig sind, wie ein Dreiß'ger, wirklich wahr!«

»Na ja, hm, ja, ja, aber – na ja . . .«

»Also Herr von Hofeneder woll'n auch einmal einen Blick in die Zukunft mach'n?«

»Na, desweg'n bin i net da, und i sag' 's Ihna glei, i halt gar nix davon, i glaub' an solchane Sach'n net!«

»Ach, das hab'n schon so viele g'sagt, und dann hab'n s' anderst g'red't . . .«

»Das is bei mir net der Fall, i halt das alles für an Betrug, und es is sehr guat und g'scheit, daß die Polizei das endli do verbot'n hat, und i will Ihna nur sag'n, wann i mei Frau no amal bei Ihna waß, dann mach' i die Anzeig'! I will net hab'n, daß mir zum G'spött werd'n, daß 's haßt, die Hofeneder gengan zu ana Kart'naufschlagerin, und i bin nur da, damit i Ihna das sag', und sunst gar nix . . .«

»Herr von Hofeneder, Sie sind ein intelligenter Mann, Sie hab'n auch was g'lernt, das weiß ich, 106 das hab' ich auch oft Ihrer Frau Gemahlin aus den Kart'n g'sagt, aber Sie werd'n auch wiss'n, daß es Dinge gibt, von denen man sich keine Rechenschaft geb'n kann und die doch wahr sind! Ich bitt' Sie, schaun S' Ihna nur einmal das Radium an, hätt' das früher ein Mensch für möglich g'halt'n, daß man ein Konzert in Paris in Gumpendorf hör'n kann? Nein, nein, Herr von Hofeneder, es gibt Sach'n, die kann man nicht erforschen . . .«

»No also, Sie sag'n 's ja selber, und Sie werd'n 's aa net erforschen!«

»Ich gewiß nicht, aber der liebe Gott hat mir eine Gabe verlieh'n, und ich kann im Schicksal von ein jed'n Mensch'n lesen . . .«

»Gengan S', des könnan S' wem andern erzähl'n, aber net mir! Aus die Kart'nblatt'ln a Schicksal! Vielleicht d'r Pickbua oder die Karodam'?«

»Seh'n S' Herr von Hofeneder, das is eben der Irrtum, für mich sind die Karten nicht der Pickbub' und die Karodam', für mich sind sie ganz etwas andres, wann ich die Karten in die Hand nimm – seh'n S' so –, dann werd'n s' von einer überirdischen Macht g'mischt! – Sie hab'n sicher schon auch Bücher g'les'n von geheimnisvollen Sach'n, Sie sind ja ein sehr ein intelligenter Mann, seh'n S', und wenn ich nur jetzt fest dran 107 denk', daß ich über Ihner Schicksal was erfahr'n will, dann legen sich die Karten so, daß ich d'raus ganz genau wie in ei'm gedruckten Buch les'n kann! – Also bitte, was sag'n S' dazu! Da schau'n S' her, auf den ersten Blick! Ja, ja, Sie hab'n sehr viel zu kämpfen g'habt, bis Sie es so weit gebracht hab'n, aber Ihre Rechtschaffenheit, Ihr gutes Herz und Ihr scharfer Verstand haben Sie nicht im Stich lassen! Und krank waren Sie auch schon ein paarmal, als Kind die Masern . . .«

»O na, es war'n nur die Vierz'ger . . .«

»Ja, aber die sind sehr ähnlich, und wer weiß, ob die Aerzte das damals so genau g'wußt hab'n! Und da schau'n S' her! In der Schul' is es Ihnen nicht gut gangen, sie hab'n aufsässige Lehrer g'habt, Sie hab'n ja viel g'wußt, aber man hat Sie sekkiert . . .«

»D'r Katechet hat's scharf g'habt auf mi . . .«

»Na, seh'n Sie, und jetzt komm' ich zu dem großen Glück, das Sie mit Ihrer Frau g'habt hab'n, aber da sag' ich Ihnen nichts Neues, Sie werd'n vielleicht glaub'n, das weiß ich von der Frau Gemahlin, einen so intelligenten Mann wie Ihnen darf ma nix vormach'n . . . also, schau'n wir einmal in die Zukunft! Hm, hm, hm, Sie werd'n noch eine große Rolle spiel'n, Herr von Hofeneder, aber so leicht wird Ihnen das nicht 108 werd'n! Man schätzt Sie allgemein als einen aufrechten Menschen, besonders aber Ihren scharf'n politisch'n Verstand, aber Sie haben Neider, da ist besonders einer, ein Schwarzer oder Dunkelblonder . . .«

»A ja, d'r Swatosch . . .«

»Der steht Ihnen sehr im Weg, er wird vielleicht noch vor Ihnen etwas erreichen, aber es wird kein'n Halt hab'n, er kann Ihnen in keiner Weise das Wasser reich'n, man wird endlich doch draufkommen, daß Sie der richtige Mann sind, und Ihre Freunde werden sich für Sie dann erst recht einsetz'n. Sie werden von einer großen Versammlung hören, in der Ihr Name genannt wird, Sie werden einige kleine Reisen machen müssen, es steht Ihnen auch noch ein kleiner Geldverlust bevor, aber Sie werden alles wieder hereinbringen, und Ihr scharfer Verstand wird alles überwinden, Sie werden in politischen Sachen noch ein sehr angesehener Mann werden!«

»No ja, mir werd'n ja sehg'n, aber i hab' mir ja gar net aufschlag'n lass'n woll'n, i halt' ja no allerweil nix davon, aber weil's schon g'schehg'n is, was bin i schuldig?«

»Aber, Herr von Hofeneder, Sie werd'n mi do net beleidig'n woll'n!«

Auf der Straße ging Herr Hofeneder sehr 109 nachdenklich fürbaß. Er wälzte viele Gedanken hin und her. »Es is ja a Blödsinn, aber das von die politisch'n Sach'n, des hat s' do net wiss'n können – und das mit'n Katechet'n – und das mit'n Swatosch . . . und daß i kandidier'n will, das waß net amal mei Alte – an scharf'n politisch'n Verstand – i waß net, aber vielleicht is do was dran . . .« 111

 

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