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Schwankende Gestalten

Rudolf Stürzer: Schwankende Gestalten - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwankende Gestalten
authorRudolf Stürzer
year1926
firstpub1926
publisherBurgverlag
addressWien
titleSchwankende Gestalten
pages196
created20140617
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das Gisela-Kind

Es lebt der Mensch geruhig das Gleichmaß seiner Tage und wähnt Geschehenes längst vergessen – urplötzlich aber zuckt von ungefähr aus heiterem Himmel ein Strahl hernieder und deckt Schuld und Fehle auf. Allerdings müssen dabei auch gute Freunde und insbesondere liebe Frauen tätig sein.

Also geschah es, daß eines Tages Herr Josef Schwingenschlögel einen Brief erhielt und mit ihm sein bisher ungestörtes seelisches Gleichgewicht verlor. Es liegt zwar bis heute noch keine einwandfrei beglaubigte Tatsache vor, daß Schicksalsfragen im Extrazimmer eines Vorstadtbeisels richtig oder günstig entschieden wurden, dennoch aber drängt es manchen hin, der sich bedrückt und mit Kümmernis beladen fühlt.

»Da schaut's her, da hab' i an Briaf kriagt, i kriag ja viele Briaf, aber an solchanen hab' i no net kriagt! Also schaut's her: da steht mei Adreß, a jeder kann s' les'n: Josef Schwingenschlögel, Breitnergasse 27, zweiter Stock, Tür 16 – also ganz richtig, net? Und ob'n steht drauf: Giselaverein, Versicherung und so weiter – net? Und der Briaf war offen, gar net zuapickt – und drinn steht P. T. Des bin i. Sunst schreibt ma halt Euer 80 Wohlgebor'n oder so was, aber da steht ganz deutli: P. T. Also wia g'sagt, des bin i. Die Adreß stimmt ja, also kann des nur i sein, P. T. No dazua is druckt, wia da ganze Briaf. Und da schreib'n s' ma, i soll mei Kind bei eahna vasichern lassen . . .«

»Du hast aber gar kans!«

»Des is ja das Merkwürdige, i hab' gar ka Kind, i bin schon fünf Jahr vaheirat, glei nach'n Umsturz, und mir hab'n ka Kind – also, wia kumma de dazu, daß ma schreib'n, i soll mei Kind vasichern lass'n, wann i gar kans hab'?«

»No ja, de schreib'n des halt nur a so, es werd'n andre aa solche Briaf kriagn, waßt, des is halt nur a so a Propaganda, wia ma sagt . . .«

»Des hab' i ma aa schon denkt, aber i hab' bei a paar umagfragt, de hab'n an Schippl Kinder und hab'n kan solchanen Briaf kriagt, also, i möcht nur wiss'n, wia de grad auf mi kumma, daß i a Kind vasichern lass'n soll, wo i do gar kans hab'!«

»No, vielleicht kriagst no ans, des haßt dei Alte, dann waßt glei, was d' z'tuan hast – wann's a Madl is, kannst es auf a Aussteuer vasichern lass'n, des is aa net ohne.«

»Guat, aber dann muaß i erst a Madl hab'n, de könnan des do net heut schon wiss'n, und dann schreib'n s' da ganz anfach P. T. und off'n aa no, 81 wann mei Alte den Briaf in d' Hand kriagt, is aus und gschehgn – was de dann alles glaubt, des is net so leicht g'sagt – P. T.! und sunst nix, a offana Briaf – wann da Hausmasta einig'schaut hat, kann was Schöns aussawachs'n . . .«

»Waßt was, geh' halt hin zu dem Verein und frag!«

»A freili, i wir da no aweil hinrenna, i hab' was anderst z' tuan, als nach an Kind z' frag'n, des i gar net hab' . . .«

»Recht hast, laß geh'n, i sag: gar net ignorirn!«

Herr Schwingenschlögel verließ den Freundeskreis nur halb getröstet. Noch schwang der Windfang hinter dem Scheidenden, als Herr Simmerl anhub:

»Des is a Hetz, Kinda! D'r Schwingerl hat jetzt die Federn! Natürli hat er a Kind – aber sei Alte derf nix wissen, de is a so net hanti! Er hat ja a Pantscherl g'habt mit an Stub'nmadl, und er muaß no allerweil zahl'n dafür – no ja, die Selcherei tragt's ja – aber sei Alte tragt's net, de brüaht eahm d' Haar ohne Pech o, wann s' draufkummt! Des is a Hetz, sag' i euch!«

»Aber wia is denn der Verein d'raufkumma, daß er so a Kind hat?«

»Des waß i net, aber de werd'n schon ihre Nas'n hab'n, de des aussariach'n . . .«

82 »No ja, dann soll er halt des Kind vasichern, da is ja nix dabei, sei Alte braucht's ja net z' wissen . . .«

»Ah na, mei Liaba, de G'schicht' is net so anfach, d'r Teuf'l schlaft net! Ka Wunder, daß 'n Schwingerl jetzt das G'wiss'n druckt – des is a Hetz, sag' i!«

Herr Simmerl war ein Prophet – der Teufel schlief wirklich nicht. Und wenn er ein Uebel stiften will, bedient er sich des Weibes. Diesmal hieß es Amalie Simmerl. So kam es, daß eines Tages Frau Schwingenschlögel an ihren Gatten die lauernde Frage stellte:

»Du hast ja an Briaf kriagt, net? Von an Verein, net? Den hab' i gar net gsehgn, wo is denn der hinkumma?«

Herr Schwingenschlögel stieß ein hohles Lachen aus. »A Briaf? Ah ja – a nix! Von ana Vasicherung, i hab' 'hn wegg'wurf'n.«

»Ah geh, was d' net sagst! Is vielleicht der da?«

Sie wies ihm den Brief samt Umschlag, und Herr Schwingenschlögel starrte entgeistert drauf hin. Dann lachte er noch hohler. »Meiner Seel', ja des is er! No, was sagst dazua?«

»Ich sag' nur, das is gar net zum Lachen; wia kumman de dazua, daß dir an solchanen Briaf schreib'n?«

83 »Aber de schreib'n halt so uma, i bin net der anzige, i hab' a paar g'fragt, de hab'n aa solchane Briaf kriagt und hab'n aa kane Kinder.«

»So, so! Na ja, mir kann's recht sein, Kind hab'n ma kan's, wenigstens net i – also schreib'n ma heut' den Filz mit zwaradreiß'g an?«

»Freili, freili, zwaradreiß'g, und 's Schmalz mit vierz'g!«

Nachmittags zog Frau Schwingenschlögel das Schwarzseidene an und setzte den Tagalhut auf, auf der ganzen Breitnergasse lastete ein unheimliches Staunen. Einige Zeit danach rauschte das Schwarzseidene in das Bureau des Giselavereines.

»Ich bitt' Sie, Sie haben da einen Brief an meinen Mann g'schrieb'n weg'n einer Versicherung von ein Kind, ich bitt' Sie, wie ist das?«

Der Beamte sah vorerst verstört auf den Tagalhut und dann auf die in schwarze Seide gepreßte Busenfülle, besah sich dann die Drucksorte und begann schier automatisch einen Vortrag über die Kinderversicherung und ihre Vorteile. Frau Schwingenschlögel lauschte geduldig und verstand kein Wort. In eine Atempause des Vortragenden hinein schnellte sie die Frage: »Alles recht schön, aber wann der Herr gar ka Kind hat?«

Daraufhin riß dem Beamten der Faden seiner 84 Ausführungen, und er stammelte irgend etwas heraus.

»Aber ich bitt' Sie, wie ist denn das, wenn einer, sag'n ma zwar kein Kind im Haus hat, aber vielleicht außer Haus, Sie werd'n mi vielleicht schon versteh'n, net wahr? Weiß das der Verein?«

Der Beamte begann zu schwitzen und zu ahnen. »Das können wir natürlich nicht wissen, das entzieht sich unsrer Kenntnis, das ist auch nicht unsre Aufgabe, gnädige Frau . . .«

»Aber ich bitt' Sie, wie kommt denn dann so ein Brief an den Betreffenden?«

»Da kann ich nicht dienen, gnädige Frau, das geschieht vom Expedit aus, und da ist jetzt niemand mehr da . . .«

»So, so . . . . na ja, mir kann's recht sein, i hab' nur so gelegentlich frag'n woll'n . . ., 'pfehl' mich . . .«

Zu Frau Simmerl sprach Frau Schwingenschlögel: »Also, i war dort, im Verein; hätt'n S' den Beamt'n gsehgn! So was von Valeg'nheit, z'erscht hat er mir an Schmäh g'halt'n, über was waß i, und dann, wia i 'hn auf'n Kopf zua g'fragt hab', wia des mit die außaehlich'n Kinda is, da hätt'n S' dabei sein soll'n! Da hat er zum stiegazn 85 ang'fangt und hat si auf andre ausg'redt, de net da war'n – i sag' ihna, es is ana wia da andre, und alle halt'n z'samm' in der Schlechtigkeit, da kriag'n S' aus kan was aussa! Aber was soll i jetzt tuan? I muaß dahinter kumma, i gib net nach – i sag' Ihna, i zitter am ganz'n Leib! Umasunst schreib'n de do net so an Briaf, des is do eahna G'schäft, net? Und daß s' nix varrat'n, des is aa ganz natürli . . ., aber wia soll i des aussabringa? I kann do den Mann net frag'n, der sagt auf kan Fall ja, ja, der lacht nur allerweil so blöd, aber i hab's eahm glei ankennt, daß da a G'stankerl dahinter is . . ., aber wia bring' i des nur aussa! I sag Ihna, i zitter am ganz'n Leib . . .«

»I glaub's Ihna, Frau Schwingenschlögel, es is ja aa ka Klanigkeit, aber mir werd'n 's schon deichs'ln, amal muaß 's ja aufkumma! Mein Mann kann i net so direkt ausfratsch'ln, i bitt Ihna, die Mannsbilder . . ., Sie wiss'n ja selber, wia de z'sammhalt'n, aber mit eahnara G'scheitheit is net weit her, hab'n S' nur no a bißl Geduld, auf ja und na is heraust, i wir mei möglichstes tuan, und dann red'n ma weita.«

Im Extrazimmer beim Zanglwirt fragte einer: »Was is denn mit'n P. T., den siecht ma ja jetzt gar nimma?«

86 »Des is a Hetz, Kinda! Den hat sein Alte auf tutti! Sie is eahm auf sei Gisela-Kind kumma und buhrt jetzt solang, bis sie's aussakriagt, wo er's hat, des is a Hetz, sag' i euch!«

Dann trat wieder Frau Simmerl in Tätigkeit: »Wissen S', Frau Schwingenschlögl, Sie kennen mich, Sie wiss'n, i bin ka Tratsch'n und fang aa net gern was an, aber das hat ma selber ka Ruah lass'n und i hab's Ihna vasprochen, daß i was aussabring –, no und i hab' aa was aussabracht! Sind S' nur ganz ruhig, Frau Schwingenschlögl, und hör'n S' zua: also in dem Haus, wo Ihna Mann war, bevor er Ihna kennag'lernt hat, da war aa a Stubenmadl, ja, bei die Wasserberger, die was damals mit die Kuhhäut so viel Geld g'macht hab'n –, ja, da war a Stub'nmadl, Anna Blechinger hat s' g'hassen, de is jetzt vaheirat an an Schofföhr, aber sie hat a Maderl mit a sechs Jahr –, also das stimmt ja, net wahr? Und wohnen tut s' in der Elbogengasse auf 15, unter Mirkowitsch –, mehr kann i Ihna net sag'n . . .«

»No, mir is des gnua – i waß jetzt alles –, i sag' Ihna, Frau Simmerl, i zitter am ganzen Leib! Daß i des erleb'n hab' müassen!«

Frau Schwingenschlögel zog wieder das Schwarzseidene an und setzte den Tagalhut auf, dann ging 87 sie in die Elbogengasse. Frau Mirkowitsch empfing den Besuch mit maßlosem Staunen. Ihr Töchterlein sah angstbeklommen zu der Norne empor und bohrte vorläufig in der Nase.

»Sie entschuldigen schon, daß i Ihna so ins Haus fall, aber es handelt sich für mich um eine Sache . . ., Sie werd'n mi glei vasteh'n, wann i Ihna sag', i bin die Frau Schwingenschlögl . . .«

Die andre horchte auf, war aber sofort kampfbereit. »So, das freut mich, also mit was kann i dienen?«

»Sie kennen ja meinen Mann, net wahr? Das heißt, Sie hab'n ihn amal kennt, von die Wasserberger her, net wahr? No – und das is Ihna Töchterl, net wahr? Also, Sie werd'n mi jetzt vielleicht versteh'n, hm?«

»I vasteh' gar nix, Sie müss'n da schon deutlicher red'n. Was hab'n da die Wasserberger oder Ihna Mann dabei z' tun?«

»Na, i glaub', das werd'n Sie besser wissen als i, von die Wasserberger red' i nix – aber vom Herrn Schwingenschlögl –, Sie hab'n ihn ja sehr gut kennt – damals wenigstens . . .«

»Ja, kennt hab' ich ihn schon, aber weiter weiß ich nichts von ihm – i muß da schon bitt'n . . .«

»No, Ihna Töchterl is jetzt sechs Jahr alt, net 88 wahr, und seit drei Jahr'n sind S' erst vaheirat, net wahr?«

»Wem geht denn das was an? Das Kind is von mein Mann, jetzt is es in die Eh' g'schrieb'n und heißt Mirkowitsch, i weiß net, was Sie von mir woll'n?«

»So? Das Kind is also von Ihr'n Mann, und er hat's auf sein Nam' schreib'n lass'n, so, so, no ja, mir kann's ja recht sein . . «

»Jawohl, das Kind is von mein' Mann – von wem soll's denn sein? I versteh' Ihnen net! Es geht doch kein Menschen was an, daß i das Kind alser lediger g'habt hab' – Lieserl, geh' aussi, schau' was der Hansi macht! – I möcht' schon sehr bitt'n – i bin a anständige Frau und hab' mir gar nix zum vorwerf'n, und von andre schon gar net . . .«

»Also, Ihna Mann weiß, daß das Kind von ihm is, na, das is ja recht schön, i wirf Ihna natürli auch nix vor, das wär' mein Letztes, aber Sie wissen ja selber: Es gibt soviel schlechte Leut' auf der Welt – nein, nein, ich weiß jetzt, was i hab' wissen woll'n, also nix für ungut – 'pfehl' mich . . .«

Im Extrazimmer beim Zanglwirt fand eine große Feier statt.

89 »Des is a Hetz, Kinda! Mei liaba P. T., du bist sein aussag'rutscht! A Glück muaß d'r Mensch hab'n und a Selcher muaß er sein! Des is a Hetz, Kinda! Er hat sei Gisela-Kind valurn, und sei Alte frißt eahm wieda aus der Hand! Der P. T. soll leb'n! Des is a Hetz, Kinda!«

»Meiner Seel', guat is ganga, nix is gschehgn – mei Alte war selber durt bei der Annerl, de hat 's ihr glei guat einig'sagt, a Dulli-Weiberl! Aber wann i nur wußt, wer den Tratsch ang'fangt hat, den tät i ma z'leich'n nehma, i hab' schon glaubt, du warst es, Simmerl, oder dei Alte, aber auf de is die meinige jetzt harb und sagt, sie will mit deiner Alten nix mehr z' tuan hab'n! Aber denkt's euch, was no für a Glück dabei aussag'wachs'n is: Die Annerl hat g'sagt, das Kind is von ihr'n Mann und is aa schon in die Eh' g'schrieb'n – also zahl' i aa nix mehr! Des Mistviech hat die ganz'n Jahr her die Alimenter eing'steckt, aber vom Mirkowitsch aa, und wia jetzt mei Alte einig'fahren is, is ihr d'r Schiach anganga, und sie hat z'ruckschiab'n müass'n auf'n Mirkowitsch – was? San d'r die Weiber schlecht? I möcht' nur wissen, was s' jetzt ihr'n Mann sag'n wird, wann das Geld ausbleibt . . .«

»Aber, de erfind't schon wieder was, a so a Frau'nzimmer is ja brennt, da hat unserana gar 90 ka Idee net. Aber sei froh, daß d' a so guat aussakumma bist, dei Alte hätt' di sunst alser lebendiger g'selcht!«

»Also, P. T.! Fünf Liter Zöbinger und das Gisela-Kind soll leb'n! Des is a Hetz, Kinda!« 91

 

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