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Anastasius Grün: Schutt - Kapitel 5
Quellenangabe
typepoem
booktitleSämtliche Werke Band VI
authorAnastasius Grün
editorAnton Schlossar
firstpub1835
year1907
publisherMax Hesses Verlag
addressLeipzig
titleSchutt
pages3-100
created20060911
sendergerd.bouillon
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Cincinnatus.

1.
                    Im Golf Neapels, an Pompejis Küsten
Liegt eines Schiffes majestät'scher Bau;
Matrosen, an den Masten klimmend, rüsten
Zur nahen Abfahrt Segel schon und Tau.

Am Mississippi grünten einst die Wipfel,
Jetzt im Tyrrhenermeer sich spiegelnd dort
Entlaubt und kahl! Jedoch von ihrem Gipfel
Tönt lust'ger Vögel Lied noch immerfort!

Von außen über der Kajüte schimmert
Ein Römerheld, geschnitzt, als Schutzpatron,
Des Haupt ein goldner Lorbeerkranz umflimmert,
Des Hand als Strauß Cyanen hält und Mohn.

Ein Garbenbund liegt ihm zur Linken munter,
Rechts droht das Beil aus Ruten grimm heraus:
Die Ähnlichkeit verbürgend, spricht darunter
Goldschrift den Namen » Cincinnatus« aus.

Von vierundzwanzig Sternen golddurchschossen,
Neigt drüber sich die blaue Flagge mild,
Wie eine späte Glorie, die umflossen
Mit Sternenglanz das alte Heldenbild.

Ein Sohn Amerikas, gekreuzt die Hände,
Lehnt still am Mast an Cincinnatus Bord:
Sein Aug' durchschweift im Flug des Golfs Gelände,
Winkt hier ein Lebewohl, nickt Grüße dort.

»Europas Hand Italia, die schöne,
Erhebt sich segnend überm Wogenglanz,
Und daß des Meeres Haupt sie liebend kröne,
Hält sie Neapels Golf als würd'gen Kranz.

Er riß vor Füll'! Im Blütenkuß nicht küssen
Misenums und Minervens Kap sich mehr!
Wie einzle Blumen liegen losgerissen,
Zerstreut, die schönen Inseln bunt umher!

O Capri, Rose, schön im Spätrot glühend!
Doch sieh, Tibers zertrümmert Riesenschloß,
Es ist der Kuß der Schlange, geifersprühend,
Der, Rose, dir entweiht den keuschen Schoß!

Nisitas, Ischias weiße Burgen schimmern
Wie Wasserlilien überm Meeresplan;
Doch Kettenklang und der Gefangnen Wimmern
Steigt als der Kelche Duften himmelan!

Ihr Blüten rings, mich täuscht nicht euer Kosen!
Ich weiß, ihr seid ein Selam nur der Schmach!
Geschrieben hat in Lorbeern und in Rosen
Hier jede Zeit die Gräu'l, die sie verbrach!

Ich weiß es, Ros' und Lorber trunken schwellen
Nur in dem Duft, der rings aus Gräbern steigt;
Orangen, Reben und Granaten quellen
Nur von dem Blute, das sie reich gesäugt!

Sie alle sind Girlanden nur, zu ranken
Um einen großen Blutaltar: dies Land,
Die von des Opfers Todeskrampf noch schwanken,
Dran noch sein letzter Sterbehauch gebannt!

Es lodert mitten durch des Weltbrands Trümmer
Vesuv, das letzte Haus, das fort noch brennt;
Neapel, stolz gehüllt in Lärm und Schimmer,
Sein Schutt ist deines Baues Fundament!

Dein Volk, nur Trümmer jenes sturmentrafften,
Gewalt'gen Heldenvolks voll Glanz und Kraft,
Und deines Marktes kleine Leidenschaften
Nur Trümmer einer großen Lebenskraft!

Castellamare dort, wo Anjous Feste
In Trümmern stottert noch manch blutig Wort!
Elysium, eines Himmels Trümmerreste!
Avernus, einer Hölle Trümmer dort!

Sorrents Gestad' im blauen Flur von Lüften!
Wie mich dies Wort mit süßem Schmerz beschlich!
Sieh, auf Gesängen und Orangendüften
Wiegt ein zertrümmert Dichterleben sich!

Pompeji, sei gegrüßt, erhabne Leiche!
Die Gegenwart als Leichenräuber schwingt
Den Spaten; seht, wie er mit jedem Streiche
Zu Tag ein Stück der Weltgeschichte bringt!

Du bist das Antlitz nur vom Leib des Riesen,
Den noch umhüllt der Erde Leichenkleid!
Doch deines Hauptes welke Züge wiesen
Die alte Kraft und Füll' und Heiterkeit!

Dein Sarno, der dir einst als Kraftathlete
Der Schätze Last zum Port gewälzt so leicht,
Sieh, wie er mühsam jetzt zum Meeresbette,
Gleich wie ein Greis zum Grab aufs Krücken, schleicht!

Und triumphierend über Menschenkräfte
Pflanzt manchen Baum in deiner Hallen Flur,
Manch Moos dir auf Altär' und Säulenschäfte
Als Fahne der Erob'rung die Natur.

Doch blinkt noch unversehrt der Gräber Straße;
Ach, das allein Beständ'ge ist das Grab!
Und lächelnd wandelt deine öde Gasse
Der alte Sonnenschein noch auf und ab.«

So sprach des fernen Westens Sohn, indessen
Die Sonn' am Horizonte niederbog,
Von wo durchs Meer ihr Glanzstreif unermessen
Bis an sein Schiff als goldne Brücke flog.

Und auf der goldnen Brücke wandele heiter
Des Jünglings Geist gen Westen unverwandt,
Wallt durch die Meereswüste, immer weiter
Und fort und fort, da ruft er jubelnd: Land!

»Land! Land. o meines Vaterlands Gestade!
Willkommen, Baltimores schöner Strand,
Der mit den grünen Armen die Najade,
Das Meer, als seine süße Braut umspannt!

Es braust der Susquehannah, wogenschlagend,
Als Hymne dir vom Mund zum Preis der Braut;
Washingtons Mal, als lichter Pharus ragend,
Liegt dir als Talisman am Herzen traut.

Seid mir gegrüßt, ihr Wälder, Königsriesen,
Umwallt von farb'ger Ranken blühendem Reis,
Die purpurnen Trompeten gleich, als bliesen
Sie in Posaunen eurer Schönheit Preis.

Gewalt'ge Ströme, drauf des Dampfschiffs Wolke
Durch Urwaldwüsten und Savannen steigt
Und, wie die Säule Rauchs einst Jakobs Volke,
Die Bahn zu neuem, schönrem Eden zeigt!

Ihr Städte, über Nacht entsprossen schnelle
Gleich Blumen, seht, an euren Marktbrunn lenkt
Der Damhirsch seinen Schritt und sucht die Quelle,
Die gestern noch im Walde ihn getränkt!

Ihr stillen Pflanzungen einsam Zerstreuter,
Wo zu den Bäumen floh des Menschen Schmerz,
Die, greisen Ärzten gleich, ihr Laub wie Kräuter
Ihm heilend legen auf das wunde Herz!

Sieh, Leben rings auf jedem deiner Züge!
Selbst jene Grabeshügel alter Zeit
Verhüllt, wie eine tausendjähr'ge Lüge,
Auch eines tausendjähr'gen Waldes Kleid!

Selbst die Zypresse Mont Vernons, die düsternd
Vom Grab des Helden ferne Schiffer grüßt,
Ein Lied des Lebens säuselt sie, das flüsternd
Aufs Vaterland noch wie sein Segen fließt!

Wehklagend flieht der Urwald immer weiter,
Bison entstürzt und Panther mit Geheul,
Und hinter ihnen schwingt triumphesheiter
Der Mensch, obsiegend der Natur, das Beil.

Mein Vaterland, in deines Lebens Glanze
Sieh hin jetzt in Pompejis Angesicht,
Daß auch das deine einst im Todeskranze
So ruhig lächle und so ernst, so licht!

Daß, sollst du einst dem Dolch der Zeiten fallen,
Du heiter dich in deinen Mantel hüllst,
Und, so wie Cäsar, vor den Zeugen allen,
Im Tod noch groß und würdig sinken willst!«

So einte Ostens Lorbeer, Westens Palme
Sein Geist auf goldner Sonnenbrück' als Kranz;
Pompeji gab des Tods Zypressenhalme,
Amerika des Lebens Rosenglanz.

Die Blumen wurden farb'ger stets und lichter,
Da senkt' er sie ins ew'ge, tiefe Meer;
So, Freunde, senkt sie auch, gleich ihm, der Dichter
In eures Busens ew'ges, tiefes Meer.

 
2.
Pompejis Bürger, du, mit dessen Aschen
Vielleicht gerad vorbei die Winde spielen,
Die vor mir, tändelnd, Reb' und Rose haschen
Und in des Mittags Sonnenlocken wühlen!

Dein ist das Haus, das ich, dein Gast, begrüße,
Der sich verspätet um zweitausend Jahre!
Du bist ein Mann, mit dem sich's leben ließe,
Und freundlich heißt willkommen mich dein Lare.

Dein »Salve!« an der Schwelle dieser Hallen,
Nachstammelt dir's der Mosaik seit Jahren;
Es gilt auch mir, wie einst den Nachbarn allen,
Die jetzt mit dir dahin im Winde fahren.

Du wirst nicht zürnen des Besuchs, des späten,
Indes auch ich's dem Hausherrn nicht verarge,
Daß er statt Purpurkissen, Goldtapeten
Zum Sitz mir bietet nur dies Moos, das karge.

Wohl werden deine Laren sich vertragen
Mit meinen Hauskobolden gütlich können!
Wenn sie sich auch mit Kohlenbränden schlagen,
Daß sie nur uns die Schüsseln nicht verbrennen!

Sind Deck' und Goldgebälk auch längst in Trümmern,
Deckt blauer Himmel uns auch nur statt ihnen,
Ich bin ein milder Gast und seh ihn schimmern
Als deine seidnen, blauen Festgardinen.

Und sengt die Sonn' auch brennend meinen Scheitel,
Sie sei des Schweigens Rose, will ich schwören,
Gen deren Pracht selbst Pästums Rosen eitel,
Und die du aufgesteckt dem Gast zu Ehren.

Des Efeus Schnur, drauf die Zikade schaukelt,
Ist überm Haupt als Seil uns aufgehangen,
Drauf uns dein Gaukler seine Sprünge gaukelt.
Wir brauchen seines Sturzes nicht zu bangen!

Hier ist auch Amor! Seine Siege blieben
Verewigt an der Wand von Farbendichtern!
Zwar etwas derb und keck! Doch scheint's, im Lieben
Ist besser allzukeck, als allzuschüchtern!

Bacchustrophäen, Amphor'n in den Hallen
Zerstreut, wie trunkene Bacchanten, liegen;
Ist auch mit Asch' ihr Mund verstopft, doch lallen
Sie noch von ihres Gottes lust'gen Zügen!

Gruß, Musen, euch! Dort die Papyrusrolle,
Verkohlt und morsch, wahrt noch im Eingeweide,
Gleich wie der Muschel Schrein, der perlenvolle,
Wohl manche Perl aus eurem Festgeschmeide.

Laß uns zu deines Gartens Blütenfesten!
Ach, seine Mauern, die verwaisten, gleichen
Dem Aschenkrug mit den verbrannten Resten
Des Lenzes, der als Jüngling mußt' erbleichen!

Doch sieh dort neu Viol' und Rose nickend
Und Reben grünend, Palmen und Platanen!
Sie sprießen draußen, still herüber blickend,
Wie wir jetzt auf die Gräber unsrer Ahnen!

Und sieh, hier kommen ja noch andre Gäste!
Bequem macht sich, wie ich in deinem Zimmer,
In ihrer Schwester tausendjähr'gem Neste
Die Schwalb', umschwebend deines Simses Trümmer!

Den Rosenfriedhof hier umschwebt ein dreister
Goldfalter, wie ein Geist, der sich verirrte!
Umsäuseln ihn des Gartens Blumengeister?
Denkt er des Ahns, des Flug sie einst umschwirrte?

Ich aber weiß, des Daseins Ring, der helle,
Er ist in einem ungeheuren Bogen
Durch Stern und Baum, durch Rosen, Sonnenbälle,
Durch Menschenherz und Engelsbrust gezogen!

Des Daseins Lied, von allen angeklungen,
Aussprechen kann für sich allein es keiner!
Was meine Lippen ganz nicht ausgesungen,
Ergänzen Rose, Stern und Baum statt meiner!

Und nur ein Teil von mir wird eingegruftet,
Ein Teil von mir wird fort sein Dasein leben;
Ein Teil von mir ist's, was in Rosen duftet,
In Sonnen flammt und grünt in Palm' und Reben!

Ein Teil von mir ist's ja, das von dem Hügel
Als Quell durchstürmt der Erde ew'ge Fluren,
Als Schmetterling noch schlägt die farb'gen Flügel,
Als Schwalbe noch verfolgt des Frühlings Spuren!

So soll mein Salve! einst auch Enkeln klingen,
Wenn über ihren Reben, Quellen, Rosen
Im Jubelfluge, aus des Windes Schwingen
Vorüber meine Aschenreste tosen!

 
3.
Sei mir gegrüßt, Ohio schöner Strom,
Der im gebetesstillen Urwaldsdom
Auf neuer Städt' unheil'gen Marktlärm stößt,
Hier Goldsaat tränkt, dort Felskolosse flößt!

Ein Bild der Zeit, begegnen sich auf dir
Der Riesenbaum, den Sturm entwurzelt, hier
Und dort des Dampfschiffs wandelnder Palast,
Des Wilden Kahn, gebaut aus einem Ast!

Hier hörtest du des Briten feilschend Wort,
Des irren Indianers Wehruf dort
Und lauschest jetzt des Deutschen ernstem Lied,
Das auf dem Strom der Sehnsucht heimwärts zieht!

Du sangst mein Wiegenlied, du hieltest klar
Dem Jüngling einst der Reinheit Spiegel dar
Und hast geflüstert leis ins Herz dem Mann
Des Ernstes und der Kraft ein Wörtlein dann!

Du siehst mein Vaterhaus, so deutscher Art,
Als ob's ein Engelpaar in lust'ger Fahrt,
Wie einst Lorettos Gnadenhaus, hierher
Gerad vom Rhein getragen übers Meer.

Drin grüß ich, heimisch Larenpaar, dein Bild,
Dich, großer Fritz, dich, Joseph weis' und mild!
Am Fenster klimmt ein Rosenstrauch hinan,
Auch er durchmaß als Zweig der Meere Bahn.

Ein Frühlingsargonaute zog er fort,
Der, steuernd aus der Heimat sichrem Port
Nach ferner Lenze goldnem Sonnenvlies,
Daheim sein Liebchen Nachtigall verließ.

O Deutscher, deine Heimatlieb' ist gleich
Dem Feuerwein, an Duft und Gluten reich,
Der, wenn er weiter Meere Bahn durchzog,
Nur höhre Glut und neue Würzen sog!

Vorm Hause liegt ein Feld, aus dessen Raum
Manch Strunk noch ragt von manch gefälltem Baum,
Ein Urwaldsforum, von des Säulenzahl
Des Feindes Sturm nur ließ manch Piedestal.

Und mitten in gesunkner Säulen Kreis
Als Triumphator sitzt ein ernster Greis,
Als Zepter blitzt die Axt in seiner Hand,
Als Siegeswagen fuhr sein Pflug durchs Land!

Mein Vater ist's! Seht rings sein rüstig Heer!
Es starrt von Golde, schimmernd Speer an Speer!
Die Saaten sind's, sie lagern nah und fern,
Gewaffnet all' für ihren süßen Kern!

Das sind vom Rhein die Truppen, deren Zelt
Er siegreich an Ohios Bord gestellt!
Sie flüstern, Kriegern gleich an fremdem Strand,
Vertraut vom schönen, fernen Vaterland.

Colibrischwärme flattern farbenreich
Ums Heer, verbuhlten, lust'gen Dirnen gleich;
Ihr Losen, laßt mir ungeschwächt und stark
Die schöne Fremdenschar an Kern und Mark!

Die Herde, die im Walde läutend geht,
O Held, ist deiner Taten Hofpoet;
Gleich dem erhebt, wenn Hunger sie beschlich,
Am allerlaut'sten ihre Stimme sich.

Sieh Riesenbäume, die geschont dein Streich,
Mit Kränzen üpp'ger Schlingeblumen reich
Behängt die Arm', als Abgesandte stehn,
Die kamen, Frieden von dir zu erflehn!

Und nachts, wenn durch des Urwalds dunkles Grün
Myriaden Feuerfliegen leuchtend sprühn,
Ist's die Beleuchtung nur, die funkeln läßt
Dem Sieger die erstürmte Stadt zum Fest!

Nur dort im Mondenschein ragt tot und kahl
Uralter Bäume Patriarchenzahl,
Wie Geister der im Kampf Erschlagnen fast,
Ein stummes Händeringen jeder Ast!

Sieh fern die Wogen eines Feuermeers
Wie Lagerfeuer des geschlagnen Heers!
Als schwäng' das Flammenschwert ein Seraphchor,
Flammt einmal noch der Wald im Zorn empor!

Die Ros' am Fenster glüht im Widerschein,
Sie nickt wohl grüßend in die Nacht hinein,
Doch dünkt mich, in dem blütenreichen All
Fehlt ihr die heim'sche, deutsche Nachtigall.

Du hast erkämpft ein schönes Vaterland!
Was neigst du sinnend, Greis, dein Haupt zur Hand?
Ob deines Herzens stillen Rosen nicht
Wohl auch die heim'sche Nachtigall gebricht?

 
4.
Des schönsten Busens Form seh' ich bewahren
Dich, graue Lava, Aphroditens Becher!
Der Liebe Trank, den ewigen, feuerklaren,
Schlürf' ich aus dir, ein durst'ger Liebeszecher!

Ich seh' die schönste von Pompejis Frauen
Im Garten, der sich sonnig vor ihr breitet!
Wohl ist er schön und blütenvoll zu schauen,
Doch schöner, üpp'ger blüht, die ihn durchschreitet.

Es hält Akanth und Bux als Wacht von Zwergen
In Haft Viol' und Ros' im grünen Erker;
Ihr Mieder doch mag als Gefangne bergen
Zwei schönre Röslein wohl in seinem Kerker.

Ich seh' als Silberschaft den Springquell steigen
Und ihn als Schnee millionenflockig fallen,
Gleich einer Trauerweid' aus Silberzweigen,
Doch schöner, weißer ihren Busen wallen!

Da sieht der Geist des Feuerbergs hernieder
Vom Flammenthron: ihn faßt die Macht der Liebe!
Bebt, wenn euch Götter hassen, Erdenbrüder,
Doch auch nicht minder bebt ob ihrer Liebe!

Schon eilt, daß ihn kein Späher überrasche,
Sein Mohrensklave, jene schwarze Wolke,
Mit einem Schleier – ach, von Staub und Asche! –
Der Liebe Haus zu hüllen vor dem Volke!

Schon muß dem Kuppler nach, daß er nicht weile,
Sein Sklavenvogt, der Sturm, jetzt brausend fahren;
Der peitscht mit Feuerruten ihn zur Eile
Und zaust in seinen schwarzen, krausen Haaren!

Schon tobt herab der Herr die Bergestreppe,
Im Purpurmantel glühnder Laven wallend:
Vesuv als Page hält den Saum der Schleppe,
In ries'gem Bogen seinem Arm entfallend!

So ungestüm hetzt jenen Liebeshitze,
Daß aus der Feuerkron' im Niederwallen
Ihm Diamanten: flammenhelle Blitze,
Granaten: glühnde Felsen taumelnd fallen!

Schon ist er da, die Arme ausgebreitet,
Die feur'gen, daß den süßen Leib er hasche!
Doch ab von seinem Herzen dieser gleitet,
Und knickt zur Erd' als eine Handvoll Asche.

Die Rosen sind verdorrt am Hochzeitfeste!
Die Quellen sind versiegt im Gartengrunde!
Nur in des Königsmantels Lava preßte
Sich ab des schönsten Busens volle Runde.

Da sprach der Gott: »Weib, deines Leibes Schöne
Verweh' nicht, Rosen gleich, im Kuß der Winde!
Sie soll entzücken noch die Enkelsöhne,
Stets leb' ein Zeuge, der sie ihnen künde!

Du graue Lava, sollst in Staub nicht fallen!
Als Lampe, schöngeformt, sollst du erhellen,
Glanzstrahlend, der Jahrtausend' Tempelhallen
Und voll des heil'gen Öls der Liebe quellen!

Als runde Opferschale sollst auf Erden
Der Liebe ew'gen Nektar du kredenzen,
Draus sich Jahrtausende berauschen werden,
Und deren Rand die spätsten Rosen kränzen!«

 
5.
Ihr meine Grüße, fliegt, Sturmvögeln gleich,
Weit übers Meer! Senkt auf die Gipfel euch
Der Alleghany, wo ihr schauen mögt
Das Hans im Tal, das meine Liebe hegt.

Des alten Pflanzers Häuschen, schmuck und blank,
Vor dessen Tor auf weicher Rasenbank
Vereint wir saßen einst, und meine Hand
Des Waldes Blumen ihr zu Kränzen band.

Ihr Haupt lag in des greisen Vaters Schoß,
Des Silberhaar aus ihre Locken floß,
Wie nieder zu des schönen Saatfelds Gold
Ein Wasserfall die weiße Schaumflut rollt.

Wie ihre Augen, Sonnen im Azur,
Geglänzt ob ihrer Wangen Rosenflur!
Des Alten Blick' ein hütend Wächterpaar,
Daß ja kein Leid den Rosen widerfahr'.

Als Adler wiegten meine Augen schnell
Sich über Saatgold, Rosenflur und Quell,
Doch flogen stets sie wieder ohne Ruh
Nach Adlerbrauch den beiden Sonnen zu.

Da sprach die Liebste: O erzählt mir fein,
Was für ein Ding mag eine Krone sein?
Ob sie so schlimm, wie du, mein Vater, klagst?
Ob sie so schön, wie du, Geliebter, sagst?

Der Alte sprach: Einst unheilschwanger stand
Die Krone als Komet ob unsrem Land;
Die Wiesen dorrten, Saaten sengte Reif,
Das Gräßlichste war des Kometen Schweif!

Ich sprach: Die Sonne ist des Himmels Kron';
O sieh, welch Glanz ausströmt von ihrem Thron!
O sieh, wie reich ihr Untertan, die Welt,
In Blumen, Korn und Laub voll Segen schwellt!

Er sprach: Da galt es die Gigantenschlacht!
Der Pelion wieder auf den Ossa kracht!
Mit Pfeif' und Trommel lustig himmelan
Stürmt der Gigante Yankee-Jonathan!

Ich sprach: Sieh dort der Berge Königsschar,
Gekrönt mit Sonnengold das dunkle Haar!
Sieh hier gekrönt mit Laub der Zedern Schaft,
Denn Kronen sind das Erbe ja der Kraft!

Er sprach: Den Unstern packt beim Zopf der Held,
Juchhei! und schlendert ihn hinab aufs Feld,
Daß er in Splitter stob, der Felsen klang!
Ein Splitter, ach, mir an den Schädel sprang!

Ich sprach: Wie strahlt in fürstlich reicher Pracht
Der Mond als Kronendiadem der Nacht!
Das Haupt der Rose schaukelt eine Kron'!
Denn Kronen sind der Schönheit Siegeslohn.

Er sprach: Frei ist das Land! Nur manchesmal
Mahnt mich der Krone dieser Narbe Qual,
Der Kron', die weit jetzt überm Meeresraum
Fortblüht, für uns ein fremder Auslandsbaum!

Ich sprach: Sieh hier, von Blütenfüll' umdrängt,
Den Tulpenbaum, mit Kronen ganz behängt,
Dastehn als Christbaum für ein Königskind,
Da Kronen ja Geschenk der Liebe sind!

Er sprach: Des Volkes hoher Geist wird sein
Der schöne Herbst mit klarem Sonnenschein,
Der einst hinweg, wie welke Blumen, rafft
Die letzte Krone manchem stolzen Schaft!

Ich sprach: Die Liebe kommt als Frühling drauf
Und weckt vom Winterschlaf die Blumen auf
Und bringt zurück die Blüten jedem Schaft,
Die Kronen auch der Schönheit und der Kraft!

So sprachen wir, indes der Liebsten Haupt
Längst meiner Blumen Krone reich umlaubt,
Die arge Kron', gen die der Vater focht,
Die schöne Kron', die der Geliebte flocht!

Noch glüht die alte Wund' im Schmerzenbrand!
Vor dem Rebellen doch, dem greisen, stand
Sein Kind, gekrönt als Kön'gin, zu empfahn
Die Huldigung vom treusten Untertan.

 
6.
Dort im zweitausendjähr'gen Schilderhause
Vorm Tor Pompejis lehnt ein morsch Gerippe;
Den Speer hält noch die Knochenfaust! Welch grause,
Mißlungne Posse auf des Todes Lippe!

In der Livrei bourbon'scher Lilien schreitet
Dabei ein neuer Wächter auf und nieder;
Des Römers Sanduhr, den er ablöst, gleitet
Auch ihm und mißt des trägen Tages Glieder.

Und zu dem knöchernen Kamraden spricht er:
»Ob sie dich all' auch Bild der Treue nennen,
Ich kann in dir, du Armer, den Berichter
Von tausendjähr'gem Narrentum nur kennen.

Ei, meintest du die Vaterstadt zu schirmen?
Die Katapulte des Vesuvs zu hemmen?
Die Glutgeschwader, die, den Wall zu stürmen
Er niederbrausen ließ, zurück zu dämmen?

Auch ich bin einst in Waffen schon gestanden,
Der Freiheit Banner rauschte auf mich nieder!
Durch der Abruzzen grüne Tale wanden
Wie weiße Mauern sich der Deutschen Glieder.

Als Wall des Vaterlands den Kugeln allen
Wollt' ich die freie Brust entgegentragen,
Ei, hätte nur in nahen Waldeshallen
Nicht eine Nachtigall so schön geschlagen!

In ihre Reihn, hoch in der Faust den Degen,
War' ich gestürzt, von Todesmut entglühet,
Ei, hätte nur hart neben meinen Wegen
Nicht eine Rose gar so schön geblühet!

Die Trommeln wirbeln, und die Fahnen wehen:
Ja herrlich ist's, im Feld des Ruhms zu sinken!
Ei, hätt' ich nur die Traube nicht gesehen
So schön und voll an grüner Hecke winken!

Das Leben ist das Schönste doch im Leben!
Drum rett' ich dir, Italia, das meine!
Und sieh, auch dankbar sind die lieben Reben,
Die Nachtigallen und die Rosenhaine!«

Er sprach's, doch hält den Speer noch ohne Wanken
Der tausendjähr'ge Wächter ihm entgegen!
So ein Geripp' mag eigene Gedanken
Von Reben, Rosen, Nachtigallen hegen.

 
7.
Ist heut' der Ent' und Welschhuhns jüngster Tag,
Daß rings ihr Krächzen schreit aus Hof und Hag?
Der Pflanzer rückt zur Wachtparad' von Haus
Und rupft sich einen Federbusch erst aus!

Der Festtag ist's der Unabhängigkeit!
Vor Pittsburgs Toren stehn ins Glied gereiht
Des Pflugs, der Werkstatt Söhne, kriegrisch bunt,
Der Glatzkopf hier, dort Jüngling Rosenmund!

Kopfschüttelnd wallt der Hauptmann durch die Reihn
Durch Weiß und Kupferfarb' und Groß und Klein!
Die Jacke hier, daneben der Talar,
Perückenhaupt und wehend Lockenhaar!

Daß Gott erbarm'! Ei, Nachbar lieb und wert,
Ihr tragt ein gar zu rostig, schartig Schwert!
»Bei Saratoga trug's mein Vater schon,
Den Pfirsichbaum stutzt jetzt damit der Sohn!

So trägt es stolz, von Sieg und Lenz erwählt,
Des Kriegs und Friedens Scharten schön vermählt,
Wie auf des wahren Helden Angesicht
Der Schlacht und Schenke Narb' in eins sich flicht!«

He, Freund, dein Helmbusch spielt gar seltnen Glanz!
Ich mein', er wuchs auf eines Hahnen Schwanz!
»Ei, ist der Hahn mir doch kein übler Bot',
Sein Ruf und Flügelschlag bringt Morgenrot!«

Den Bauch zurück, Gevatter, wenn du's kannst!
Die ganze schöne Front verdirbt dein Wanst!
»Er ist nur eine Festung mehr dem Land!
Verteid'gen soll sie mannlich meine Hand!«

Der trägt die Whiskyflasche angeschnallt,
Wie das Osagenweib ihr Kind im Wald!
»Wohl eines schönen Kornfelds guter Geist
Wohnt drin, der mich der Heimat denken heißt!«

He, Flügelmann, dein Zopf erschreckt mich fast,
Steif und gespenstisch, wie ein kahler Ast!
»Und ist's ein Ast, hüpft wohl ein Vöglein drauf
Und spielt ein hübsches Lied von Freiheit auf!«

Heda, wes ist das Füllen, das dort läuft,
Und an des Fähnrichs brauner Stute säuft?
»Zürnt nicht! Wer wäre doch so schlimm gesinnt,
Zu trennen gar die Mutter von dem Kind!«

Die weiße Schärpe, Alter, läßt dir fein,
Doch paßt sie wirklich nicht in Glied und Reihn!
»Des Kindleins Bahrtuch ist's, das mir erblich,
Und mahnt geweihter, heil'ger Erde mich!«

Der Regenbogen, der doch farbenreich,
Ganz farblos, Kinder, ist er gegen euch!
»Zwängt, Vater, nicht den Leib in spröde Norm,
Sind unsre Herzen doch in Uniform!«

Zerfetzt ist das Panier, drum ihr euch reiht!
Zu Mess' und Predigt kein Kaplan bereit!
»Fahn ist ja jeder Baum im Vaterland,
Gott selbst hat ihm gestickt das Fahnenband!

In unsichtbarer Priesterhand erhöht,
Schwebt hoch, vom blauen Baldachin umweht,
Die Sonne durch der Wolken Opferduft,
Der Lieb' und Freiheit Hostie, in der Luft.«

 
8.
Dort läßt sich's am Triumphtor, das erschlossen
Pompejis Forum einst den Siegeswagen,
Ein brauner Lazarone, hingegossen,
Wie die Philosophei im Staub, behagen!

Am Marmorblock, drauf mocht' ein Gott einst glänzen,
Stützt er sein Haupt, traun, ein' seltne Vase!
Ein Lorbeerbaum umweht's mit Schattenkränzen
Und streut ihm seine Blätter auf die Nase.

Der Tag ist lang, und so geschieht's zuzeiten,
Daß ihn beschleichen mancherlei Gedanken,
Die um den alten Stein wie Moos sich breiten,
Hinan des Lorbeers Schaft wie Efeu ranken:

»Ich seh' im Lavapflaster dieser Straße
Das Gleis noch von des Triumphators Wagen,
So frisch, als sei er noch nicht fern die Gasse;
Vielleicht gelingt mir's noch, ihn zu erjagen.

Ein Wörtlein, das ich ihm zu sagen hätte,
Treibt mich ihm nach! Doch nein! Wozu soll's frommen?
Wozu aufstehn von so bequemem Bette?
Will er's just wissen, mag er selber kommen!

Ich spräche: Freund, wozu dein großes Wagen?
Auf daß ein Siegeslied dir sei gesungen!
Wie schad', die schönen Ross' in Schweiß zu jagen,
Wie schade um des Volkes gute Lungen!

Wozu so viele Weg' im Weltenraume?
Daß dir den Lorbeer reichen deine Brüder?
Sieh, Freund, freiwillig senkt in diesem Baume
Der Himmel selbst den Lorbeer auf mich nieder!

Wozu dein Krieg, da's keinem eingefallen
Zu stehlen uns dies blaue Meer, die Reben,
Den schönen Himmel, Rosen, Nachtigallen?
Was sonst ist wert, drum Schwert und Schild zu heben?

Der Festen Fall, die Siege deiner Heere
Bebürden dich mit Pflicht zu neuen Siegen:
Mir gibt die Last, die früh ich trug zum Meere,
Tagüber frei im Sonnenglanz zu liegen!

Wozu dein Prunkpalast? Was ist's vonnöten,
Sich zu vermauern diesen schönen Himmel!
Lustwandeln gehn heißt nur dem Herrn zertreten
Den Rasen und der Blumen bunt Gewimmel.

Wozu auf der Orangen Bäume klettern?
Sie werden reif selbst in den Schoß dir fallen!
Was soll im Rosendorn die Nase blättern?
Dem Duft liegt selber dran, zu ihr zu wallen!

Der Stein und ich sind Freunde und Vermählte,
Untrennbar liegend Tag und Nacht beisammen;
Er gibt vom Überfluß mir seiner Kälte,
Ich ihm vom Überflusse meiner Flammen!

Wie wär's behaglich, ewig hier zu liegen,
Wenn über mir der Vögel Flüge jagen,
Das Land sich wiegt, Vesuvs Rauchwolken fliegen,
Und Goldgewölke ziehn und Sonnenwagen!

Und vor mir dieses Meer mit weißen Segeln!
Herr, gut ist's, daß du gabst Bewegung allen,
Und daß nicht ich den Wolken, Wellen, Vögeln
Nacheilen muß, nein, daß sie zu mir wallen!

Gut ist's, daß diese Deutschen, Russen, Briten
An mir vorüber selber stolpernd schnaufen,
Und daß nicht ich zu ihren fernen Hütten
Nach England, Deutschland, Rußland mußte laufen!

Seht meinen König dort vorüberfahren,
Die Goldkaross' am Sechsgespann von Falben!
Ich lieg' im Staub und kann mir's so ersparen
In Staub zu werfen mich um seinethalben!

Hier ruh' ich sanft, wenn mich auch Regen näßte;
Ihr kennt nicht Trockenwerdens Wohlbehagen!
Hier lieg' ich, bis ich einst zur ew'gen Sieste
Nicht selbst geh', nein, gottlob! mich andre tragen!

Den Sonntagsgang zur Kirch' auch könnt' ich sparen,
Denn sieh an mir vorbei die Priester wallen
Mit Fahn' und Kreuz und Zügen frommer Scharen;
Etwas vom Segen muß auf mich auch fallen!

Wenn hoch in meiner Hand nach Landessitten
Mir überm Haupt die Makkaronen schweben,
Mein Freund, da muß empor sich unbestritten
Das Auge selber auch zum Himmel heben.

Wenn abends in des Meeres Spiegelbade
Zu Füßen mir sich Mond und Sterne wiegen,
Da dünkt mich's wohl, es sei in seiner Gnade
Der Himmel selbst zu mir herabgestiegen.

Empfängt mein Fürst so glänzende Vasallen,
Wie sie als Sterne, Wellen, Wolkenmassen,
Als Menschen, Blumen, Vögel zu mir wallen,
Bis abends ich in Hulden sie entlassen?

Was auf der Erde Oberfläche prunkte,
Im Kreislauf muß vorbei es glänzend jagen,
Indes ich, gleich der Erde Mittelpunkte,
In Ruhe lieg' und ewigem Behagen.

Und wenn ich eines doch mir wünschen sollte,
So wollt' ich, Makkaronen wären Schlangen
Und kämen, statt daß ich bisher sie holte,
Hinfüro selber doch zu mir gegangen!«

So knüpft der dunkle Pfad in Enkeltagen
Sich an des Ahnherrn Gleis, das glanzerhellte,
Dem Sklaven gleich, der sich am Siegeswagen
Einst hinter Roms Triumphatoren stellte.

Mit einer Kron' in Gold und Demantschimmer
Spielt seine Hand, ihn selbst darf sie nicht krönen.
Dem trunknen Sieger ruft er zu: Denk immer,
Daß du ein Mensch nur, Sohn von Staubessöhnen!

So dieser auch. Ob aus dem schönen Baume
Ihm zu ein Flüstern die Gedanken rauschte?
Ob in der Lorbeerwipfel Schattenraume
Der Geist des alten Triumphators lauschte?

Ich aber möcht' ungern den Anblick missen
Des Lorbeers, um dies braune Haupt sich wiegend,
Des Kleids, von einem Herzen warm, zerrissen
Sich an die kalte Pracht des Marmors schmiegend.

 
9.
Es wogt ein Schiff auf ferner Meeresbahn,
Sein Bild, der Nautilus, schifft nebenan,
Bläht auch sein Segel, – doch kein Sturm zersprengt's!
Lenkt auch sein Schifflein, – doch kein Riff bedrängt's!

Ums Schiff Delphine gaukeln, nah und fern,
Wie treue Hund' am Wagen ihres Herrn;
Sie blasen lustig aufwärts Well' auf Well',
Des grünen Meeresgartens Springequell.

Wo steuert hin das Schiff im Wogentanz?
Mit Menschenfracht ist's überladen ganz!
Auswandrer sind's, die fern an Westens Strand
Jetzt suchen, was sie fliehn: ein Vaterland!

Sieh, da begab sich's, daß ein fremdes Weib
Von süßer Bürd' erleichtert fühlt den Leib,
Ein Kind gebärend in des Schiffes Raum,
In Meeres Mitt' ein fruchtbehängter Baum.

Der Kapitän, die Hände fromm erhöht,
Spricht ihm als Priester Segen und Gebet;
Ist eines Sonnenstrahles stiller Flug
Ins Menschenherz nicht Priesterweih' genug?

Es schöpft des Meeres Welle seine Hand
Und netzt dem Kind der heitren Stirne Rand.
»O Sohn des Meers, des Lebens wahrer Sohn!
Dich weiht's als Kind in seine Rätsel schon.

Sieh, dich gebar in Wind und Wellenreich
Dein Mütterlein, dem Sturmesvogel gleich,
Der unterm Flügel, hoch ob weiter Flut,
Im Flug ausbrütet seine junge Brut!

Nicht Spannen Erde nennst du Vaterland,
Die Scholl' ist nicht des Menschen Heimatstrand!
Dein erstes Lebensbild ist Well' und Wind,
Wie einst wohl auch dein letztes: Well' und Wind!

Die Riff' als Paten in dein Wieglein sehn,
Der Sturm läßt drüber seine Locken wehn,
Das Meer als Amme wiegt's und singt zu Zeit
Das alte Weltlied: Unbeständigkeit!

So werden Wetterlaun' und Sturmesschein
Dir einst nur Märchen deiner Kindheit sein!
Ob's oben tobt, du wahrst dir, wie die Flut,
Die Perle, die in deiner Tiefe ruht.

Ihr andern, alte Kinder alter Welt,
Für euch auch ist das Weltmeer aufgestellt,
Das Becken eurer Taufe soll es sein,
Drin wascht euch von der alten Erbsünd' rein!

Knüpft auf den alten Hochmut an den Mast!
Den alten Knechtsinn rasch kielholen laßt!
Den Haß und Neid, Habsucht und Glaubenswut,
Senkt tief den alten Plunder in die Flut!«

Und horch, da tönen Glocken fern im West,
Wohl ziemt ja Glockenläuten solchem Fest!
Sieh, Schmetterlinge schaukeln sich im Raum,
Wie Blüten, losgeweht vom Frühlingsbaum!

Es wiegt als Kranz sich sanft zum Angebind'
Der Glocken Klang, der Falter Glanz ums Kind;
Zugleich erschallt vom hohen Mastkorb da
Der Jubelruf: Land! Land! Amerika!

Da stürmen all' in Hast aufs Deck hinan,
Das Aug' will früher landen als der Kahn,
Es forscht und frägt den fernen, blauen Strand:
Was bringst du mir, du meiner Sehnsucht Land?

Der, dem die Heimat ein Stück Brot verwehrt,
Meint Fruchtbaumgärten, Felder, saatbeschwert,
Geräum'ge Keller zwischen Rebenhöhn
Und ries'ge Speicher voll des Korns zu sehn!

Der dort, dem Pfaffenwut vergällt sein Land,
Ahnt ein gigantisch Pantheon am Strand,
Das aufgetan zu jener Eifrer Spott
Den Göttern allen in dem einen Gott!

Und jener, dem blutrünstig noch die Hand
Von Ketten, die er trug im Vaterland,
Will dort der Freiheit Siegesbogen sehn,
Rings freies Volk mit Lied und Tanz sich drehn!

Greis, der geflüchtet über Meeresflut
Sein Restchen Leben, dieses winz'ge Gut,
Du ahnst dort Waldesstille blütenvoll,
Drauf bald ein Hügel sich erheben soll.

O Weib, du siehst ein Häuschen schimmernd weiß,
Darin einst walten soll dein stiller Fleiß,
Du hebst dein Kind, wie Mosen Nebos Höhn,
Von ferne der Verheißung Land zu sehn!

Wohl ist's noch fern! Ein schmales blaues Band
Liegt's auf des Horizontes weitem Rand;
Ein blauer Strich nur steigt daraus hervor.
Ragt Obelisk, Turm oder Säul' empor?

Jetzt sind sie nah! Ein Baum ist's nur. Es steigt
Einsam sein Riesenschaft; hoch oben zweigt
Ein Dom von Laub, als sei gestellt hinauf
Ein Tempel auf des Obelisken Knauf!

Mauritia ist's, die Palm', im lauen Wind
Des Wipfels grüne Fächer wiegend lind,
Die Krone säuselt auf den luft'gen Höhn,
Wie Menschenwort, harmonisches Getön.

»Willkommen, Fremdling! Sprich, was tut dir not?
Verlangst du Brot, sieh, meine Frucht ist Brot,
Und dürstet dich, trinke meinen Palmenwein,
Ich will dein Acker, Quell und Weinberg sein!

Bist nackt du, web' ein Kleid aus meinem Bast,
Und schläfert dich, ruh' unter mir, mein Gast,
Mein Schatten wirkt dir Decken leicht und nett,
Ich will dir Wollenherde sein und Bett!

Willst beten du, wölb' ich dir grünen Dom,
Und willst du schaun auf Land und Meeresstrom,
Von meinen Höhn siehst du's in Fried' und Sturm!
Ich will dir Kirche sein und Wart' und Turm!

Sieh hier wildfreie Söhne der Natur!
Ich bin ihr Reich, ihr Haus und ihre Flur.
Auf Wieg' und Brautbett senk' ich Palmenreis,
Ihr Sterblied säus'l ich einst als Glocke leis.

Schwämmst du als Diogen' im Fasse her,
Rasch schwing ans Land den Fuß! Doch stoß ins Meer
Dein Faß zurücke mit dem andern Fuß!
Denn deine Tonne selbst ist Überfluß.«

 
10.
Im Zirkus dort, ob einer dunklen Zelle
Verfallnem Tor, winkt aus der Quadern Rissen
Ein Blütenstrauch, gerankt gar fröhlich helle,
Wie einer Schenke Kranz mit lust'gem Grüßen!

Wir treten ein! Nicht müht um seine Gäste
Der Wirt, der hagre, sich in diesen Räumen;
In einer Ecke hält er ruhig Sieste,
Die tausendjähr'gen Träume auszuträumen.

Seht auf den Polstern tausendjähr'ger Laven,
Die einst geprunkt in Purpurs Königsfarbe,
Gekauert das Geripp' des Fechtersklaven,
Verwischt selbst seiner Stirne Siegesnarbe!

Er träumt vielleicht noch fort die dunkle Kunde
Vom Spartakus, der Knechtschaft Ahasvere,
Des bleich Gespenst noch wandelt seine Runde,
Erneuend stets die alte, blut'ge Mähre!

Er träumt von der Arena Bahn und Stufen,
Vom Siegeskranze, der ihm zugeflogen;
Fast schüttelte des Volkes Beifallrufen
Die Sterne noch dazu vom Himmelsbogen!

Wohl dünkt die bandumwundne Blumenkrone
Ihm ein verschönert Nachbild nur des Strickes,
Den er als Zeichen seiner Knechtschaftsfrone
Einst trug als grausen Kranzreif des Genickes!

Ein Wort durchschlängelt dort den Stein der Wände
»Libertas« heißt's und flammt wie irre Blitze;
Wohl ritzten's ins Gestein der Sklaven Hände
Einst statt des Griffels mit des Kampfdolchs Spitze.

Noch ist die fahle Stirn' dahin gerichtet,
Noch ist das hohle Aug' dahin gewendet,
Wie nach dem Sterne, der sein Dunkel lichtet,
Wie nach der Sonne, deren Glanz ihn blendet.

Wie aus dem Becher Weins, des guten, alten,
Die Sehnen Kraft und Mut die Herzen saugen,
So tränkt' aus jenem Wort, sie wach zu halten,
Mit Licht für lange Nächt' er seine Augen.

Du schöner Strauch vorm Tor, den fremden Gästen
Log nicht dein Zeiger, der gewinkt zum Weine!
Ja hier ist Wein! Und zwar vom stärksten, besten!
Hier wird geschenkt der Tausendjähr'ge, Reine!

Ihr aber, Franken und Germanen, Briten
Und sonst all dieser Trümmerwelt Nomaden,
Laßt einzutreten euch nicht lange bitten!
Ein Schlückchen im Vorbeigehn wird nicht schaden.

 
11.
Der Appalachen Wellenberge lohn
Im Abendrote, während Glockenton
Zum Feierabend durch die Pflanzung hallt,
Und mählich still es wird im dunklen Wald.

Der Specht, Urwalds Kapellenmeister, pickt
Nicht mehr den Takt, er weiß, daß ihm's nicht glückt
Zu stimmen in des Einklangs Melodei
Des Käuzchens Pfiff, des Papageien Schrei.

Im Schatten einer Sykomore sitzt
Am räum'gen Tisch, aus Acajou geschnitzt,
Der Pflanzer, dem aus Kannen silberblank
Entgegenqualmt des Teebaums duft'ger Trank.

Geschmiegt an ihn der ros'gen Kinder Schar,
Die ihm die schlanke Lieblings-Skwa gebar,
Umblüht verschönend seine rauhe Kraft,
Wie Nikisranken blühn am Zedernschaft.

Welch Segensfeld liegt vor mir aufgetan!
Sein weißes Wohnhaus blinkt im Wiesenplan,
Das Maisfeld rauscht, die Baumwollstaude weht,
Das Zuckerrohr in hellen Blüten steht.

Wie eine Opferschale, feierlich,
Hält er die volle Tasse jetzt vor sich,
Und der Begeistrung stiller Glanz umflicht
Fast priesterlich sein strenges Angesicht:

»Heil China dir! Durch ferne Meere weit
Eilt jetzt mein Dank zurück in ferne Zeit
Und sucht den Mann, der dieses heil'ge Kraut,
Den Nektar unsrer Freiheit, einst gebaut!

Als er noch schritt an des Hoangho Strand,
Und still die Saat entsunken seiner Hand,
Wohl hat kein Ahnen dessen ihn umweht,
Daß eines Weltteils Freiheit er gesät!

Hoch vom Pagodenturm der Mandarin
Schaut übers Land und streicht sich froh das Kinn!
Der Teebaum säuselt so geheimnisvoll,
Als ob er mehr als Blüten tragen soll.

Ob sein Vasall es leise nur erriet,
Als er dies Kraut auf glühem Roste briet,
Daß Sankt Laurenzens Rost er schürt und facht,
Der einst als Blutzeug' unsres Worts erwacht?

Der Arzt, des Forschergeist aus diesem Kraut
Dem Siechen wunderkräft'gen Trank gebraut,
Er wußt' es doch nicht, der gelahrte Mann,
Wie daß sein Kraut auch Ketten sprengen kann!

Der Brite, der einst mit dem dunklen Kraut
Voll seines Segelschiffes Bauch gestaut,
Nicht wußt' er's, daß die Rach' er führt' als Gast,
Und daß die Freiheit schwebt' ob seinem Mast!

Hat jemals, Boston, es dein Meer geträumt,
Daß es ein Fruchtfeld einst voll Saaten keimt?
Daß seinem Schoß dereinst entsteigen soll
Der Baum der Freiheit, groß und blütenvoll?

O Kinder, haltet fest an Recht und Licht!
Aus Rosen selbst der Dorn der Rache sticht!
Es sät der Mensch, doch ob den Saaten wacht
Still eine dunkle, rätselvolle Macht.«

So sprach der Mann und strich sich froh das Kinn;
Geheimnisflüsternd rauscht die Saat dahin,
Und hinter ihm blickt aus dem Zuckerrohr
Ein krauses, dunkles Negerhaupt empor.

 
12.
Schuttfreie Lampe, sieh, wie dich mit Funkeln
Des Lichtes, deines Vaters Augen grüßen,
Seit dich aus tausendjähr'gem Kerkerdunkeln
Die Schaufel seiner Feindin Nacht entrissen!

Erfüllt hast du den Lichtberuf, den edeln,
Noch kündet's deiner Mündung Kohlenfarbe;
Sie steht dir gut, wie bleichen Kriegerschädeln
Des alten Schlachtfelds tiefe Ehrennarbe.

Ob einst dein Licht am Bett der Liebe blinkte?
Da warst du in der Nächte Ozeane
Ein Schifflein, dem vom Borde fächelnd winkte
Zum Liebeshafen deine Flamm' als Fahne.

Ob einst dein Strahlenschrein vielleicht geschimmert
Als Phöbuswagen durch die Nacht des Weisen,
Des Herz, von Menschenelend tief bekümmert,
Nachforscht des Glückes lichten, sel'gen Gleisen?

Da warst das Frührot du, an dessen Wärme
Des Geistes Wärme blühend aufgegangen,
Um dessen Strahlenkern, wie Lerchenschwärme,
Gedanken ihre jungen Flügel schwangen.

Die Rosen werden Kränze, die auf Erden
Der alten Götter Tempel reich umschlingen;
Die Lerchen aber, Flügelbarden, werden
Der alten Götter Preis am Himmel singen.

So sann und nickt' einst ein am Tisch von Steine
Des Weisen Haupt, als wenn's noch prüfen werde,
Ob selbst es nun, ob jener kälter scheine?
Noch rollt, des alten Elends voll, die Erde!

Ein andrer kam; und wieder, Lampe, zittert
Dein Strahlenschrein am Tische eines Weisen,
Des Herz, von Menschenelend tief erschüttert,
Nachforscht des Glückes lichten, sel'gen Gleisen.

Da warst du eines Scheiterhaufens Lohe,
Drein warf die alten, heitren Götter alle,
Wie dürres Reisig, der Zerstörungsfrohe,
Daß ganz in Staub und Asch' ihr Glanz zerfalle.

Und lächelnd schaut' ins Prasseln er der Flamme,
Bis einst er selbst am grausen Opferherde
Hinglitt, wie dürres Reis vom Lebensstamme!
Fortrollt, des alten Elends voll, die Erde!

Ein andrer kam; und wieder, Lampe, schimmert
Hehr dein Gedankenpharus einem Weisen
Des Herz, vom Menschenelend tief bekümmert,
Nachforscht des Glückes lichten, sel'gen Gleisen.

Da wardst die Glorie du, von der umfangen
Glanzvoll vor ihm das Christuskreuz jetzt ragte,
In deren Strahl versunkne Gräber sprangen,
Und weithin das Gefild der Zeiten tagte!

Sein Antlitz blieb, nun sich das Aug' geschlossen,
Als ob der Tod ihm zur Verklärung werde,
Von einer lichten Glorie selbst umflossen!
Noch rollt, des alten Elends voll, die Erde!

Die Lampe steht, Pompejis Schutt entstiegen,
Jetzt wieder auf dem Tische eines Weisen,
Des Geist aus des Papyrus welken Zügen
Nachschleicht der Ahnen fernen, lichten Gleisen.

Ein Lenz, zweitausend Jahr' im Grab vergessen,
Als ries'ger Rosenphönix leuchtend, schreitet
Aus des Papyrus Kohlen ihm, – indessen
Sein eigner Lenz vorm Tor vorübergleitet!

Mann, füll' mit Öl die Lampe, daß sie heiter
Zum Tempeldienst des Lichts entzündet werde,
Und sinne du das alte Rätsel weiter!
Noch rollt, des alten Elends voll, die Erde.

 
13.
Im Saalgewölb' des Urwalds ruhn im Kreis
Viel kräft'ge Männer, manch ein ernster Greis,
Der Weißen Abgesandte friedlich bei
Indianern, Waldessöhnen, stark und frei.

Die Friedenspfeife kreist nach altem Brauch,
Der Männer Friedenswort' umhüllt ihr Rauch,
Wie über Frühlings schönstem Rosenbeet
In stillem Flug ein Morgenwölkchen steht.

Zum Bund des Friedens sind sie hier vereint,
Schon rann genug des Blutes ja, schon scheint
Belegt des grünen Saales Boden fast
Mit roten Prunktapeten von Damast.

Ein Häuptling sprach: »Nach Vätersitte macht
Aus Erd' und Laub das Grab dem Beil der Schlacht,
Das manchen unsrer weißen Brüder traf!
Drin schlaf' es, ungeweckt, nun ew'gen Schlaf!«

Ein andrer drauf: »Das Laub verträgt der Wind,
Die Erd' aufwühlt des Waldes Tier geschwind!
Drum soll des Kampfes Beil geborgen sein,
Grabt's unter Wurzeln einer Zeder ein.«

Ein andrer drauf: »An Wurzeln nagt der Wurm,
Zu Boden schleudert Zedern selbst der Sturm!
Drum, soll zutag des Unheils Beil nicht mehr,
Wälzt jenen Berg als Grabstein drüberher!«

Ein andrer drauf: »Sogar des Berges Bauch
Durchwühlt der Schacht des weißen Bergmanns auch!
Drum, soll fortan es ew'ger Friede sein,
Senkt in den Strom des Hasses Beil hinein!«

Ein andrer drauf: »Aus tiefster Stromesnacht
Wird's von des Fischers Netz zutag' gebracht!
Drum, daß es weltverheerend nie ersteh',
Senkt's mitten in des Weltmeers großen See!«

Ein Greis darauf: »Dies Beil von Holz und Erz
O laßt's am Tag! Doch greift in euer Herz!
Drin liegt das Schlachtbeil, das vielleicht schon jetzt
Von euch manch einer frisch zum Kampfe wetzt!

Das Herz ist tiefer als Gebirg' und Seen,
Und doch wird draus das Beil zutag' erstehn!
Bis eine Handvoll Erd' einst, drauf gestreut,
Es besser birgt als Meer und Berge heut!«

So sprachen sie, indes im Waldesraum
Still über ihren Häuptern jeder Baum
In rauhen, braunen Armen, windumspielt,
Den grünen Zweig des ew'gen Friedens hielt.

 
14.
Den Golf hinaus, fort von Pompejis Küsten
Wogt eines Schiffes majestät'scher Bau;
Die Segel, die vom Abendwind geküßten,
Blähn lustig sich, es knarrt in Mast und Tau!

Und, horch! Kanonendonner lauthin knallen –
Dein Abschiedsgruß, o Cincinnatus, klingt,
Daß, aufgeschreckt, die Schar der Nachtigallen
Von Maros Grab sich, ängstlich flatternd, schwingt!

Wie rauh, o Mensch, ist selbst dein Gruß der Liebe:
Preßt deine Hand des Freundes Hand in sich,
Scheint's fast, als ob es dich zu sprechen triebe:
Freund, fühle meine Kraft, und wahre dich!

Der Sohn Amerikas, gekreuzt die Hände,
Lehnt still am Hauptmast an des Schiffes Bord,
Sein Aug' durchschweift im Flug des Golfs Gelände,
Winkt hier ein Lebewohl, nickt Grüße dort:

»Leb' wohl, Europa! Daß dein Aug' sich helle,
Du Niobe, verschönt vom Riesenschmerz!
Gleich ihrer ist auch deiner Leiden Quelle
Dein Reichtum, den du liebend drückst ans Herz!

Gegrüßt, Amerika, du jüngre Schwester!
O nimm des Schmerzes Kinder mild von ihr,
Leg' an dein Herz sie, daß der Schmerzen größter
In seiner Fülle Heilung trink aus dir!

Schlingt Hand in Hand, laßt Haupt am Haupte lehnen,
Ihr Schwestern, euch zu Füßen Meeresglanz!
Es stehn die Kronen, die Europa krönen,
Gut an Amerikas laubgrünem Kranz!

Wie bunt und herrlich rauscht dein Wald, o Leben!
Und sieh, doch ist's nur eine Lebenskraft,
Die graue Moose heißt am Boden kleben
Und Palm' und Zeder in die Wolken rafft.

Die blühnden Lotos wiegt im Wellenschaume,
Der Rosen Purpurkleider taucht in Duft,
Die Reben lehrt den Flug von Baum zu Baume,
Den Kaktus keilt in starre Felsenkluft!

Wie reich, o Menschengeist, dein Garten glühte,
Nur eine Kraft ist's, die zum Keim dich drängt,
Und Krone, Lyra, Hirtenstab als Blüte,
– Ach, auch das Schwert! – an deinen Baum gehängt!

Und diese Blüten sind zum Kranze worden,
Der bunt sich um der Zeiten Harfe schlingt,
Die bebend in den ewigen Akkorden
Der Menschheit Schmerz, der Menschheit Jubel klingt!

Der alte Baum sieht, ewig grünend, nieder
Auf sein verwehtes Laub, das unten lauscht;
O Mensch, du sinkend Blatt, du sinkst auf Brüder
Und hörst's, wie dir schon nach ein Bruder rauscht!

Am Baum vorbei strömt, heut' noch voll, wie gestern,
Die Quelle, flüsternd, in das ew'ge Meer!
O Mensch, du flücht'ge Welle, eilst zu Schwestern,
Und hörst die andern eilen hinterher!

Die goldne Wolke, aufgelöst in Tränen,
Stürzt ihrer Mutter an das Herz, dem Meer!
Zugvögel flattern durch die Luft mit Sehnen,
Wie loses Laub vom Herbstbaum, irr umher!

Ein stiller Todesjubel weht im Raume
Wie Laubessäuseln, ach, nicht minder schön,
Als säh' ich lächelnd süß ein Kind im Traume
Bei ferner Morgenglocken Festgetön.

Stürz' als ein Niagara, schleiche leise
Als Sarno, gleit' ein Tröpflein Taus ins Meer,
Sieh, bald zerrinnen, die du schlägst, die Kreise,
Du wirst zur Well', und ruhig wird das Meer!

Sieh, Welle, allen Himmel glanzentglommen
Sich spiegelnd in dem Ozeane hier.
Da wird wohl auch auf dich ein Sternlein kommen,
Das spiegle heilig, rein und treu in dir.«

So um das blühnde Haupt des Jünglings schreiten
Gedanken, während lieblichen Getöns
Die Wellen rings, die regen, sie begleiten
Mit der Musik des Werdens und Vergehns.

Wie klein die Glut Vesuvs schon glimmt, die ferne!
Sie mengt als Stern sich in der Sterne Reihn,
Als ob der glühende Vernichter gerne
Sich hüllte in des Lichts und Segens Schein!

In Nacht längst des Gestades Lichter traten;
An Bord die Flagge selbst hat Nacht umstrickt,
Die Sternlein zweimal zwölf der Brüderstaaten,
Auf himmelblauen Grund in Gold gestickt.

Doch hat sich glanzvoll über ihr zur Stunde
Vereinter Sternenreiche Flagg' entrollt:
Auf dunklem himmelblauen Wappengrunde
Millionen Sterne, funkelnd all' in Gold!

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