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Anastasius Grün: Schutt - Kapitel 4
Quellenangabe
typepoem
booktitleSämtliche Werke Band VI
authorAnastasius Grün
editorAnton Schlossar
firstpub1835
year1907
publisherMax Hesses Verlag
addressLeipzig
titleSchutt
pages3-100
created20060911
sendergerd.bouillon
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Eine Fensterscheibe.

1.
                    Ihr fragt mich lächelnd, ob ich Glaser worden,
Die Zunft ertauscht um freien Dichterorden,
Daß ich mit so gebrechlich zarter Ware
In das Gedräng' des Dichtermarktes fahre?

Erlaubt, daß ich das blanke Glas euch deute,
Ihr war't mir milde stets, o seid's auch heute;
Wie schad', wenn einer aus der Hand mir's stieße,
Und euch's in Scherben fiele vor die Füße!

Seht dort des Klosters morsche Mauerzinken
Verschämt und halb versteckt aus Föhren blinken.
Ha, welch lebend'ges Leben rings sich regte,
Als einst der erste Abt den Grundstein legte!

Aus Kronen brachen Kön'ge da Juwele,
Daß es an Steinen für den Bau nicht fehle;
Es lösten Fraun die güldnen Kettlein wieder,
Um festzubinden des Kolosses Glieder.

Alltäglich stand mit früh'ster Morgenhelle
Der Abt, den Bau befeuernd, schon zur Stelle
Mit strengem Worte und mit mildem Weine,
Daß man mit Fug aus Wein den Mörtel meine.

Da schlich einst still ein Bettler um die Wände
Und brachte scheu ein Pfennigstück als Spende:
»Herr, laßt dies Sandkorn Eurem Bau gesellen,
Nur karger Trank quillt aus versiegten Quellen.«

Es sprach der Abt: »Schön Dank und Christi Gnade!
Das gibt fürs Fenster dort die Scheibe g'rade!«
Da ging der Schalk und wünscht' in seiner Seele,
Daß es dem Hause nie an Lichte fehle.

Doch, von des Abtes Demantring geschrieben,
Ist in der Scheibe noch der Spruch geblieben:
»Aus eines Bettelsackes Finsternissen
Seht hier das Licht und Gold der Sonne fließen!«

Und rüstig aus dem blanken Mauerwalle
Stieg Kuppel, Kreuzgang, Turm und Säulenhalle;
Hoch ragt der Bau und dehnt sich weit und weiter
Als feste Schanze für die Glaubensstreiter.

Zum Bannerträger sie den Turm erkiesen,
Hoch flammt das Goldkreuz in der Hand des Riesen;
Gleich tausend goldnen Schilden glühn vom Hügel
Weithin ins Land der Fenster lichte Spiegel.

Als eine Wache, stolz und auserkoren,
Stehn hohe Marmorbilder vor den Toren;
Nie lüstet's sie, in Schlummer sich zu neigen,
Denn Wächterpflicht ist Wachen ja und Schweigen.

Er braus't aus hundert Kehlen um die Wette
Empor als Schlachtgesang Choral und Mette;
Als Trommeln laut zum Sturm die Kanzeln klingen,
Drauf rüst'ge Schlägel ihre Wirbel springen.

Und horch, sie lösen dröhnend ihr Geschütze:
Die Glocken sind's auf lust'gem Wolkensitze!
Wenn ihre Donner durch den Äther zittern,
Scheint's selbst bei heitrem Himmel zu gewittern.

So war es einst! – Jetzt sehn die grauen Reste
Scheu aus des sonn'gen Tales Blütenfeste,
Wie wenn ein Greis geriet in Kinderspiele,
Ein düstrer Eremit ins Tanzgewühle.

Durch jenen Riß der Kuppel, halb zerfallen,
Drängt Mond und Stern sich in des Domes Hallen,
Als sei'n zu stiller Andacht sie gekommen,
Zu mehren dort die kleine Schar der Frommen.

Ich seh' den Turm, gesenkten Haupts mit Schweigen,
Den stolzen Leib gekrümmt in Demut neigen;
Hat ihm des Alters Last gebeugt den Rücken?
Will neuer Zeit er seinen Bückling nicken?

Warf Sturm die ries'gen Quadern auch zu Trümmern,
Seh' ich des Bettlers schwaches Glas doch schimmern,
Als ob, was fromm des Herzens Andacht weihte,
Selbst die Zerstörung zu berühren scheute!

Am Sternenkranz, Madonnas Bild umschwebend,
Seht eines Taubenpärchens Nest jetzt klebend,
Als rief es girrend zu dem Erdensohne,
Daß Liebe gerne bei den Sternen wohne!

Sankt Peters Bild ließ seine Schlüssel fallen,
Als stünde Edens Tor nun offen allen;
Sie sanken in die scharfen Nesseln nieder:
Nur Handschuh oder Eisen hebt sie wieder!

Auf schmalen Raum im weiten Bau beschieden
Such jetzt des Glaubensstreites Invaliden,
Als flöhen sie vor der Zerstörung Tritten;
Rasch aber folgt die Siegrin ihren Schritten!

Und wie der Arm der Zeit die Pfeiler schüttelt
Und an den Kuppeln und Gewölben rüttelt,
Dröhnt dumpf der Fall der Steine durch die Hallen,
Wie des Verfolgers ferne Schüsse fallen.

Der Zellen und des Kreuzgangs öde Massen
Sind längst dem Feind als Beute überlassen,
Drin Eul' und Fledermaus ihr Lager breiten,
Vorposten des Vertilgungsheers der Zeiten.

Manch Marmorbild in Gras und Rosensträuchen
Versenkt, gleich unbegrabnen Kriegerleichen!
Wie vom erklommnen Wall, weht vom Altane
Das grüne Moos als Siegs- und Friedensfahne!

So liegt ein kranker Greis im Todesbeben,
Durchs Herz allein noch zuckt ein Fünkchen Leben;
Die Seele ahnt's, es spricht's sein brechend Auge,
Daß er der Welt, und sie ihm nimmer tauge.

Tritt hin, mein Lied, – wir kämpfen nicht mit Leichen! –
An seines Mundes Hauch dein Licht zu reichen!
Verwandl' in Efeu dich und fröhlich treibe
Zur Wand empor bis an des Bettlers Scheibe!

Wirf einen Blick hinein, dann lustig weiter!
Und schlendre deine Festgirlanden heiter,
Daß ihr Gewind' von Säul' an Säule reiche,
Ein weicher Kranz den Schläfen dieser Leiche.

Ich aber singe durch die deutschen Gauen,
Wo rüst'ge Meister stolze Dome bauen;
Nehmt hin mein Lied, und laßt es euch gefallen
Als eine Scheib' in deutschen Dichterhallen!

 
2.
Am Hochaltar, umflammt vom Kerzenglanze,
Strahlt in des Priesters Hand die Goldmonstranze,
Um die als Kranz, aus lautrem Gold gegossen,
Ein Rebenreis und eine Ähre sprossen.

Traun, solche Huldigung, wie beiden diesen
Ward keiner Reb' und Ähre je erwiesen!
Seht, jetzt erhebt der Priester die Monstranze
Mit ihrem goldnen Reb'- und Ährenkranze:

Und alles Volk sinkt auf die Knie im Kreise
Und schlägt ans Herz und flüstert betend leise,
Des Weihrauchs duft'ge Wolken aufwärts ringen,
Die Glocken donnern, und die Glöcklein klingen!

Da denkt die Ähre still: Ich wollt', ich stünde
Im Felde bei den Schwestern, frei im Winde,
Wie sie zu wallen leis im goldnen Reigen
Und selbst das Haupt, von Segen schwer, zu neigen!

Da denkt die Rebe still: O könnt' ich sprossen
Auf steilem Hügelrain bei den Genossen,
Wie sie, vom Fruchtkorb schwer, den Rücken neigend
Und selbst das Knie in stiller Andacht beugend!

 
3.
Ein greiser Mönch schleicht durch des Kreuzgangs Hallen,
Horch, Flüche seiner bleichen Lipp' entwallen,
Wie aus zerfallnen Tempeln in der Wüste
Ein Schwarm von Panthern springt mit Mordgelüste!

Ich lauscht', und Fluch um Fluch entbot der Alte
All' dem, was heilig, lieb und groß ich halte;
Mir war's, als schleudert' er mit Hohn, zerrissen,
Mir meiner Freuden Blütenkranz zu Füßen!

Als ob er an der Wand zu Trümmern würfe
Den Goldpokal, draus ich Begeistrung schlürfe!
Als ob der Geifer seines Munds bespeie
Das heil'ge Banner, dem ich stolz mich reihe!

Halt an! – Mein Schwert sollt' aus der Scheide klirren,
Die Pfeile, zücht'gend, aus dem Köcher schwirren,
Wenn dich die weißen Haare nicht, die milden
Fürsprecher, deckten mit den Silberschilden!

Sie sind des heil'gen Stromes weiße Wellen,
Die sanft ein schroffes Inselhaupt umquellen;
Der Silberlocken Brandung heiligt, schirmet
Des Wahnes Tempel selbst, der drauf sich türmet.

 
4.
Gewalt'ge Tische dehnen sich im Saale,
Doch wenig Gäste sammeln sich zum Mahle:
Wie stand dies Schlachtfeld einst voll Waffenbrüder!
Wie hat der Tod gelichtet jetzt die Glieder!

In jenem Schrank, dem Arsenal der Zecher,
Gleich Panzern toter Helden stehn die Becher;
Doch alle leer, vom Spinnennetz durchwoben,
Vom Staub des Zeitenmoders überstoben!

In tiefer Gruft, in üppigem Gedränge,
Mit trocknen Lippen schläft der Zecher Menge;
Mich dünkt's, als ob zur Gruft die Augen schielten,
Als ob zum Schrank der Schädel Augen zielten!

Gern wallt' ich stündlich in der Gruft Gemächer,
Denn heiter sind die Träume lust'ger Zecher;
Doch blieb' ich mitternachts im Mondenscheine
Nicht mit den leeren Bechern gern alleine.

Da ziehn, wie blankem Sarg entsteigend ihnen,
Die Geister froher Stunden, trüb an Mienen,
Im Trauermarsch, in langen Heeresbahnen,
Vorüber mit gesenkten schwarzen Fahnen.

 
5.
Im Beichtstuhl sitzt ein Priester zu Gerichte.
Glaubt nicht des Jünglings ros'gem Angesichte!
Ein Eisfeld ist sein Herz, das kalte, rauhe,
Ein Spiegel, drin sich nur der Himmel schaue!

Und eine Wüste ist's, die schrankenlose,
Die öde, kahle, ohne Quell und Rose,
Draus nur die Pyramide »Gott« sich hebet,
Doch einsam, düster, grau und unbelebet.

Ein lockig Mägdlein kniet zu seinen Füßen,
Ihr Herz ihm ganz und reuig aufzuschließen;
Drin hat die Sünd' ein Gärtlein, ein gar schönes,
Voll Rosenhecken und voll Quellgetönes.

Nun ihre Worte den Bericht beginnen
Und von den ros'gen Lippen lispelnd rinnen,
Da wird es ihm, als riesle eine Quelle
Durch seinen Wüstensand ganz frisch und helle.

Und wie sie flüsternd spricht von sel'gen Lauben,
Da mochte wohl mit Fug der Arme glauben,
Es habe Lenz mit seinen Rosen allen
Den Gletscher bombardierend überfallen.

Das Mädchen schritt entsühnt schon längst von hinnen,
Er lehnt im Stuhle noch in tiefem Sinnen,
Umsäuselt still von keimenden Gedanken;
Die Pyramide, ach, beginnt zu wanken!

Und aus den wiedergrünen Wüstenschollen
Ist Blüt' an Blüt' und Zweig an Zweig entquollen,
Als Laube kühl und lind sein Haupt umdüsternd,
Viel süße, heil'ge Wonnemärchen flüsternd.

Und an den Zweigen gaukelnd auf und nieder,
Singt eine Nachtigall gar seltne Lieder:
Es ist sein Herz! – Wenn Nachtigallen schlagen,
Wer weiß, ist's Jauchzen, ist's ein stilles Klagen?

 
6.
Ich sah der Äbte Bilder in der Halle,
In schwarzem Kleid, mit Inful, Krummstab alle;
Mir schien's, als stünden reihweis' im Spaliere
Um mich des Grabes Gardegrenadiere.

Du mit dem Busenkreuz von Edelsteinen,
Jüngling, magst selbst ein lebend Grabmal scheinen;
Mich dünkt's, als ob dir unterm Kreuze lägen
Begraben deines Herzens Fried' und Segen.

Du, Greis, gebeugt zum Buch vor dir, dem alten,
Du gleichst, vertieft in seine morschen Spalten,
Der Weide, die sich neigt zum Stein am Grabe,
Als ob sie's, seine Schrift zu lesen, labe.

Du, kräft'ger Mann, wie stünd' ein Schwert dir prächtig!
Wohl auch das Zepter schwängst du gut und mächtig!
Wie schade! Doch vielleicht an einem Tage
Wiegt Zepter, Krummstab, Schwert gleich schwer zur Wage.

Du dort, des Aug' voll Lebensglanzes spielend
Liebäugelt, nach dem Totenkopfe schielend!
Jetzt ist's verkehrt! Ins schöne Aug' des Lebens
Schielst du, selbst Totenschädel, ach, vergebens!

Doch fort von hier! Es will mir nicht gefallen,
Aus sichrem Port zu schaun das Sturmmeer wallen,
Des Lebensschiffes Wrack im Zwielicht blinken
Und Schwimmer krampfhaft rudern, ach, und – sinken!

Doch halt! Sieh dort, wie Vollmond aufgegangen,
Ein Abbasbild mit vollen, ros'gen Wangen,
Ehrwürd'gen Bauchs, daß fast mir angst, es sprenge
Sein Atemzug des goldnen Rahmens Enge!

Den Maler küßt' ich gern, der auf den Wangen
Dies sonn'ge Lächeln haschend eingefangen,
Den Paradiesesvogel, glanzvoll stille
Umschwebend dieses Rosengartens Fülle!

Er hieß, wie Josua, die Sonne stehen,
Daß sie der Enkel noch mag leuchtend sehen,
Daß dieses Lächelns Geister einst nach Jahren
Mit mildem Glanz in trübe Seelen fahren!

Wie noch zu uns aus Tagen, längstvergangen
Manch rundgewalt'ge Tempelkuppeln prangen,
So in das magre Jetzt aus beßren Tagen
Seh' kühn ich deinen Bauch herüberragen.

Wie eines bombenfesten Kellers Bogen,
Drein sich die Fröhlichkeit zurückgezogen,
Der vom Geschütz des Witzes nur erschüttert,
Nur von des Lachens Erdebeben zittert!

Und über ihm und seinem Kleid, dem dunkeln,
Seh' ich das gute, runde Antlitz funkeln
Als Morgensonne, feist und purpurglühend,
Licht über dunkle Alpenmassen ziehend.

Du warst wohl gut, ich schwör's! – Aus einem Sterne
Siehst du jetzt täfelnd her und duldest gerne,
Daß keck auf deines Bauches Polsterpfühle
Jetzt meine Phantasie, das Kindlein, spiele.

So blühst du jetzt noch als gefüllte Rose
Durch dies Gestrüpp ringsum, das blätterlose;
So gießest du als Vollmond milde Strahle
Versöhnend rings auf düstre Trauermale.

 
7.
Seht dort den Mönch, kapuzumhüllt die Augen!
Doch diesen scheint ihr Wohnhaus nicht zu taugen,
Zween Adlern gleich, aus dunkeln, öden Klüften
Zum Flug sich schwingend nach den sonn'gen Lüften.

»Auf meinem Haupt, von der Kapuz' umdunkelt,
Hat einst ein Helm mit grünem Zweig gefunkelt;
Dies Herz, in eine Kutte jetzt verkrochen,
An einen Panzer trieb's kampflustig Pochen!

Wie rauschten, Leipzig, einst auf deinen Bahnen
Ums trunkne Haupt uns der Begeistrung Fahnen,
Daß, wer da fiel, mit Jauchzen, wohl wie trunken
Unter des Lebens grünen Tisch gesunken!

Der Himmel glüht', als schien er selbst zu bluten,
Die Sonne lag auf roten Dampfesfluten,
Als wenn ob uns der Purpur Deutschlands schwebte,
Und sie auf ihm als Kaiserkrone bebte!

Uns alle deckte mild sein Riesenschatten,
Darunter focht sich's gut und ohn' Ermatten!
Doch saht ihr's, wie in Fetzen er zerflogen
Und Nebel blieb, der gaukelnd uns belogen!

Die Banner, drauf in Gold: Freiheit! geschienen,
Sie sind zerrissen, und das Wort mit ihnen!
Mir graute nimmer vor des Kampfes Wüten,
Doch bebt' ich vor des Siegeskranzes Blüten!

Mein Lorbeerreis, ich gab es preis den Lüften,
Und die Begeistrung trug ich stumm zu Grüften,
Daß sie wie Tote in der schwarzen Erde,
In dieser Kutte still bestattet werde.

Ihr, die ihr schlaft auf Leipzigs Fluren, Brüder,
Einst tritt zu euch der Waffenbruder wieder;
Das wird ein lustbarlich Erkennen geben,
Seht ihr im Maskenkleid heran ihn schweben!

Statt mich in freies, grünes Feld zu neigen,
Daß meinem Herzen Blumen frisch entsteigen,
Muß dann in dumpfe, dunkle Gruft ich schweben,
Unfruchtbar, ach, im Tode, wie im Leben!

Statt farb'gem Kleid und blankem Wehrgeschmeide,
Dran sich die arme, kahle Erde weide,
Wird meinen Leib die Kutte scheu umschleichen
Und meine Lend' ein Strick, das Sklavenzeichen!

Statt daß bekränzt die Fahn' aufs Grab sich senke,
Als ob sie mein in stillem Dank gedenke,
Wird die Kapuz' aufs Auge mir gerissen,
Fürwahr, als ob sie mein sich schämen müssen!

Statt daß im Trauermarsch die Trommeln hallen,
Den letzten Gruß der Brüder Büchsen knallen
Und pochend an des Himmels Pforten schlagen,
Dem alten Krieger Einlaß anzusagen;

Schnarrt dumpf zur Gruft mein Sarg am Seile nieder,
Umkrächzen mich der Mönche heisre Lieder
Mit müdem Flügelschlag, wie satte Raben!
Wirst du auch, deutsche Freiheit, so begraben?«

 
8.
Ich stand im Klosterhof vorm Marmorbilde
Des Engels mit dem Flammenschwert und Schilde,
Sein Fuß tritt sieghaft auf den Höllendrachen
Mit schupp'gem Leib und offnem Feuerrachen.

Doch seht jetzt zwiefach Satanas bezwungen:
Ein Rosenstrauch hat blühend sie umschlungen
Und wächst und drückt dem Seraph auch behende
Anstatt des Schwerts ein Röslein in die Hände.

Ich ging ins Refektorium der Brüder
Und setzte mich zum Mahl mit ihnen nieder,
Auf schwarzer Tafel aber stand mit Kreide:
»Silentium!« der Todesspruch der Freude.

Doch des Verbotes scheint gar wenig fragend
Die Nachtigall, in nahen Büschen schlagend,
Das Taubenpaar, vorm Fenster liebegirrend,
Der Väter frommes Sinnen fast verwirrend!

Ich wallte durch des Gartens Duftgelände,
Da schmückt' einst eine Sonnenuhr die Wände,
Drauf stand in schwarzer Schrift die trübe Kunde:
»O Mensch, du kennest weder Tag noch Stunde!«

Doch Reben ranken jetzt um Zahl und Zeiger,
Dran eine Traube hängt als Schenkenzeiger,
Die dichten Ranken säuseln lust'ge Kunde,
O Mensch, du kennst jetzt wahrlich nicht die Stunde.

Mich dünkt, als ob Natur mir allerwegen
Hielt' eine große lichte Freud' entgegen,
Und wie Madonna mit dem heil'gen Kinde,
Den Schmerz der Welt versöhnend, vor mir stünde.

Es hat ihr Arm geheftet ihren blauen,
Gewalt'gen Mantel vor der Zukunft Grauen;
Sie ließ den grünen Teppich niedergleiten
Auf all den Moder der Vergangenheiten.

Sie aber spricht: Bereitet sind die Wege!
Durchzieh, mein Gast, frei meines Reiches Stege,
Das Haupt umstrahlt von Himmels Sternenglanze,
Den Fuß geküßt vom Erden-Blütenkranze.

Setz dich zu Tisch, doch zieh nicht Gramgesichter,
Sei meiner Satzung kein trübsel'ger Richter,
Denn üb'rall hinter dir mit grüner Rute
Steht Lenz, mein lust'ger Rat, im Schellenhute.

 
9.
Der ew'ge Mond im Dom der Nächte schimmert,
Die ew'ge Lamp' im Klosterkirchlein flimmert;
Horch Mitternacht! Von den zwölf Schlägen gellen
Der Mönche Särge, wie einst ihre Zellen!

Und wie zur Hora einst, entsteigt den Bahren
Ein dunkles Heer in schleppenden Talaren,
Voran die Kirchenfahne mit dem Kranze
Und ein gewaltig Kreuz auf hoher Lanze.

In langem Zug, gesenkten Auges, schweigend,
Langsam und feierlich zum Chore steigend,
Jetzt braust ihr Lied, und Orgelklang gewittert,
Daß Wand und Pfeiler bebt, die Kuppel zittert:

»Weh! was wir bauten, ist in Schutt geschmettert!
Weh! was wir säten, hat der Sturm entblättert:
Das Los all unsres Lebens und Gebetes,
Der Mensch zertritt es, und der Wind verweht es!«

Dort unten wandeln zwei verblichne Meister!
Das sind des Bildners und des Malers Geister,
Jetzt vor zerfallnen Marmorbildern stehend,
Jetzt manch entfärbtes Altarblatt besehend:

»Web dir, o Zeit, verstümmelt wie ein wilder,
Mutwill'ger Bube hast du unsre Bilder!
Weh euch, o Staub und Moose! Euer Weben,
Das Bahrtuch ist's von unsres Geistes Leben!«

Und wieder trat aus einem schlichten Grabe
Ein Mann mit Zirkel, Winkelmaß und Stabe;
Er setzte sich auf morsche Quadernstücke,
Arkad' und Kuppel maßen seine Blicke:

»Weh! Stolzer Säulen Zier liegt rings gebrochen!
Mir ist's, als wären's meine eignen Knochen!
Wer untergeht im Werk all seines Lebens,
Der stirbt wohl zwiefach, ach, und lebt vergebens!«

Indes stand lächelnd mitten unter ihnen
Der helle Mond und sprach mit heitren Mienen:
»Ich wall' als Geist der Sonn' in dieser Stunde,
Und so spricht sie zu euch aus meinem Munde:

Ich wandle meine Bahn seit Jahr und Jahren,
Wer hat des Leides mehr als ich erfahren?
Was nennt ihr eures Lebens Preis vergebens?
O seht den schnöden Preis all meines Lebens!

Ich bin das Licht! – Die Welt liegt noch in Nächten!
Ich bin die Freiheit! – Sie ist voll von Knechten!
Ich bin die Liebe! – Sie ist hassestrunken!
Ich bin die Wahrheit! – Sie in Trug versunken!«

Und wie er's sprach, war's, als ob flüchtig walle
Ein leis Gewölk vor seinem hellen Balle,
Wie um ein schönes Antlitz Gramgedanken!
Die Geister aber in die Nacht versanken.

Der ew'ge Mond durchs Kirchenfenster schimmert,
Die ew'ge Lampe matt und matter flimmert;
Die Leichenstein' im fahlen Zwielicht ragen,
Im Osten graut's, mich dünkt, es will bald tagen.

 
10.
Im Klosterkeller ragt aus vielen mindern
Ein riesig Faß, wie Vater unter Kindern;
Drum nehmen sie's nicht krumm, daß es zu ihnen
Sich also stolzen Wortes mag erkühnen:

»Ich bin mit Fug der Abt in eurem Orden!
Denn wem ist solch Prälatenbäuchlein worden,
Ein also rundgewölbtes, kugelfeistes?
Wer ist von euch, gleich mir, so voll des Geistes?

Ihr fühlt's und kniet von Demut voll im Kreise
Tief unter mir nach frommer Brüder Weise,
Als sollt' aufs Haupt der Abt die Hand euch legen
Und über euch nun sprechen seinen Segen.

Und öffn' ich meine Lippen, wahrlich allen
Wird meine Lehr' und Predigt wohlgefallen;
Denn voll und kräftig dem Prälatenmunde
Entquillt die unverfälschte goldne Kunde.

Seht meinen Leib in brauner Kutte prangen,
Den Wanst gespannt in blanke Gürtelspangen;
Aus niedrem Stamm hat mich der Herr erhoben,
Daß ihr in mir mögt seine Wunder loben!

Denn meine Väter sind nur Winzerleute,
Als Bäurin dient noch Mutter Erde heute;
Das ist der einz'ge Unstern in dem Spiele:
Ach eine Mutter nur und Väter viele!

Der Kindheit Garten, Eltern, Brüder alle
Verließ um die Klausur ich dieser Halle!
Und aus der Jugendfreiheit sonn'ger Schwüle
Trat ich zum Klosterfrieden dieser Kühle.

Dort mußt' am Stab bergan ich klimmend keuchen,
Hier dehn' ich mich auf breitem Bett von Eichen:
Dort hab' ich jeder Wolke bang gezittert,
Hier hör' ich's kaum, wenn's oben sturmgewittert.

Ganz eingesessen meinem Lehngestühle,
Wird mir das Aufstehn schwer aus seinem Pfühle;
Da müssen sie von hinten, kaum zu glauben,
Mich in die Höhe mit der Winde schrauben!

Nur wenn der Lenz um jene Hügel glühte,
Und jede Rebe sprießt in voller Blüte,
Da wird mir's fast zu eng in diesen Hallen,
Und mein Prälatenblut beginnt zu wallen!

Vom Leibe möcht' ich meine Kutte lösen
Und wieder Rebe sein, wie ich's gewesen,
Auf meinem Herzen auch mein Sträußchen bringen
Und meinen Arm um eine Schwester schlingen!«

 
11.
Im Klosterdome prangt, aus Stein gehauen,
Des Stifters Grabmal, kläglich anzuschauen:
Ein Ritter kniend, Stahl um Brust und Lenden,
Den Rosenkranz fest in gefaltnen Händen.

Vor ihm liegt ein Brevier und Totenschädel,
Ein Kruzifix und dran ein Weihbrunnwedel
Und eine Geißel, daß den Leib er schlage!
Ei, ob er drum wohl Schien' und Panzer trage?

Und was noch Trübes fehlt, der Stein mag's künden:
Wie er gen Sion zog, sich zu entsünden,
Wie er die Fasten hielt und sich kasteite
Und keine Mess' versäumt' und niemals freite.

Doch muß ich dieser Marmorlüge lachen,
Denn mir erzählt mein Herz ganz andre Sachen,
Als sei's mit dir, du teurer Held, vor Jahren
In lust'gem Zug froh durch die Welt gefahren.

Ich seh' dich zwar nach Schädeln noch verlangen,
Doch ist noch Goldhaar dran und ros'ge Wangen!
Zwar noch den Rosenkranz, doch aufgezwungen
Den Händen nicht, nein, frei ums Haupt geschlungen!

Ich sehe dich an Bord, die Flut durchjagend,
Du stehst am Deck, die Harfe fröhlich schlagend,
Daß selbst das Schiff im Tanz durchflog die Wogen,
Und hinterdrein Delphine walzend zogen!

Seh' deiner Sehnsucht heilig Grab dich finden
In Salem in zwei Armen, weichen, linden;
Es neigen schattend sich, wie seine Fahnen
Rings um den Sieger, Palmen und Platanen.

Ich sind' auf Burgen süßer Heimat wieder
In Landen kühl dich und die Waffenbrüder,
Die klingenden Pokale frisch erneuend
Und Scherz und Lied drein als Gewürze streuend;

Seh' auf der Klänge Meer im Saal dich wiegen,
Als rüst'gen Segler tanzend es durchfliegen;
So hält der Sprosser nimmermüden Reigen
Im sel'gen Festessaal von Blütenzweigen.

Daß sie am Grab dir lesen so viel Messen,
Ist, weil du lebend ihrer oft vergessen!
Doch log etwa die Kunde meines Herzens?
Und warst du doch ein trüber Sohn des Schmerzens?

Dann, kraft des Dichterrechts, das mir gegeben,
In meinem Herzen leb' ein schönres Leben!
In meinem Herzen wirst du neu geboren,
Und alles dir erweckt, was du verloren.

Der Freund, daß du ihn liebend magst umschließen,
Die süße Maid, die du versäumt zu küssen,
Der Rosenstrauch, dem kalt vorbei du gingest,
Daß du ihn jetzt in deine Locken schlingest!

 
12.
Am Zellenfenster lehnt im Mondenlichte
Der strenge Abt mit düstrem Angesichte;
Es steht ein Priesterjüngling vor dem Manne,
Ein grüner Sproß bei alter, dunkler Tanne.

Es müht der Mondstrahl sich umsonst, dem Alten
Zu streichen aus der Stirn die finstern Falten,
Die in so grellern Schattenfurchen brechen,
Nun er zu jenem so begann zu sprechen:

»Dies Kleid, das, Jüngling, heute dich umfangen,
Die Welt sah's einst als schwarzen Purpur prangen,
Des Haupts Tonsur als Kron', als eine echte!
Als Fürst der Fürsten herrscht' der Knecht der Knechte!

Voll Kön'ge ist die Welt, das Land voll Heere,
Das Feld voll Pflüge, segelvoll die Meere!
Er winkt, und Segel, Pflüge, Heere wallen!
Er winkt, und auf ihr Knie die Kön'ge fallen!

Kühn fühlte über Sterne sich gerissen
Des Priesters Stolz, die Welt zu seinen Füßen,
Die Welt, die Puppen gleich im Puppenspiele,
An seinem Draht er spielend lenkt zum Ziele!

Das Puppenspiel beginnt, die Kerzen flammen;
Ihr Bänke brecht der Menge nicht zusammen!
Den Priester decken des Theaters Wände:
Ein Puppenspieler berge gut die Hände.

Des Chaos Nacht, des Paradieses Zweige,
Die Schlang' und das berühmte Blatt der Feige,
Der Fels von Löschpapier, des Meeres Wogen,
Sie kommen all' an seinem Draht gezogen.

Dem Engel, dem vom Weingeist brennt der Säbel,
Der liebe Herrgott selbst im Wolkennebel,
Der ölgetränkte Mond, samt Sonn' und Sternen,
An seinem Drahte mußten gehn sie lernen.

Ein Guß von Streusand wird als Sündflut taugen!
Streut so viel Sand dem Volk nicht in die Augen!
Der transparente Regenbogen nahte
Dem wasserscheuen Noah jetzt am Drahte.

Ein Engel packt dort Habakuk beim Schopfe!
Sieh Judith mit des Holofernes Kopfe!
Horch, Josua schießt mit Posaunen Bresche!
Elias reist in brennender Kalesche.

Die Krone Sauls, des Makkabäus Degen,
Die Harfe Davids weiß sein Draht zu regen,
Den Hohenpriester mit Papierscher', Brillen,
Bereit, des Herrn Beschneidung zu erfüllen.

Schon soll der Draht gen Himmel Christum tragen,
Wohl hungert längst des Puppenspielers Magen;
Da wandelt Satan in Gestalt des Schenken
Mit Wein und Würsten zwischen Bühn' und Bänken.

Die Hand ließ Christum aus den Wolken fallen,
Rasch in die Schüssel griffen ihre Krallen!
Das Auferstehungsfest des Himmelsfürsten,
Ach, wurde so zur Himmelfahrt von Würsten!

Das Volk stürzt pfeifend, lachend aus dem Saale,
Zum Nachtisch hagelt's Äpfel noch zum Mahle;
Das war des Puppenspieles tragisch Ende:
Ein Puppenspieler berge gut die Hände.

Ob wir aufs neu' auch Sonn' und Mond polierten,
Neu Evens Baum mit goldner Frucht staffierten,
Aus bleibt das Volk, leer stehn des Saales Wände:
Ein Puppenspieler zeige nicht die Hände.«

So sprach der finstre Mann zu dem Gesellen
Im Angesicht des Monds, des glänzend hellen,
Indes die Nachtigall im nächsten Flieder
Die Jungen lehrte ihre ew'gen Lieder.

 
13.
»Der Brüder Mangel gab mir zu viel Würden!
Im Büchersaal hüt' ich Foliantenhürden,
Als Gärtner muß ich Kohl und Blumen treiben
Und als Chronist des Klosters Chronik schreiben!

Quartanten dort gleich Leichensteinen prangen,
Dran Spinnennetz' als Totenhemden hangen;
Ich wehr' es nicht, da dieser Grüfte Blüten
Die Welt ja längst mit Duft und Glanz durchglühten.

Die Chronik schlag' ich auf, da find' ich wieder
Die Rose, die ich drein einst legte nieder
Als Zeichen, wo mein Vorfahr stehn geblieben.
Ach! meine Hand hat noch kein Wort geschrieben!

Ist's meine Schuld, daß längst die Wunder schweigen,
Kein Fürst sich zum Besuch am Tor will zeigen,
Kein Bannstrahl blitzt, und in dem Klosterleben
Sich's nur begibt, daß gar nichts sich begeben?

Mich aber dünkt's, als ob die Weltgeschichte
Sich mählich ganz in meinen Garten flüchte;
Wenn draußen tatenleer die Tage wandern,
Blüht drin ein hold Ereignis nach dem andern.

Als sich des Winters Wüsten in den Sonnen
Des Lenzes zu bevölkern kaum begonnen,
Da ward die Tulpe auf des Thrones Stufen
Erhöht und laut als Kön'gin ausgerufen.

Die Rose zeigt dem Voll sich vom Altane,
Da wird entthront die eitle Tulipane!
Die Rose prangt mit Duft und Dorn und Blüte:
Es herrsche Schönheit, Kraft und Herzensgüte!

Des nicht zufrieden, sind zum Bund verschworen
Violen, die rebellisch trikoloren;
Die Köpfchen stecken flüsternd sie zusammen,
Gen die Tyrannin Wettkampf zu entflammen.

Sieh Goldorangen, Kronen in den Händen,
Granaten, die das Aug' mit Purpur blenden,
Gesandte Welschlands, Kron und Purpur bietend,
Das Glashaus, das Hotel der Fremden, hütend!

Sieh hier des Fruchtbaums got'schen Domturm ragen,
Darin als Glocken hell die Vögel schlagen,
Um seinen Fuß die farb'gen Blumen alle,
Wie Gläub'ge Sonntags um des Münsters Halle.

Dort hüllt in Traubenschmuck und Laubgewebe
Den kahlen Pfahl, der sie gestützt, die Rebe,
Des Armen Blöße deckend und im Bilde
Mir schön entschleiernd christlich echte Milde.

Ich weiß mit Blütenranken, Baumspalieren
Die Wand, die von der Welt uns trennt, zu zieren;
Was sollt' ich ob der Scheidemauern klagen,
Die mir so schöne Blüt' und Früchte tragen!

So ist, o Herr, ein stilles, schönes Schweben
Durch Blütenglanz und Sonnenduft mein Leben!
So mag mein Geist zu deines Frühlings Hallen
Durch Blütenglanz und Sonnenduft einst wallen! –

Ha, Zeit ist's, meine Blumen zu begießen!
Ach, unbeschrieben muß mein Buch ich schließen!
Dich, Rose meines Gartens, leg' ich wieder
Als Zeichen in der Chronik Blätter nieder.

Da magst du Würze hauchen in die Spalten
Des vollgeschriebnen Säkulums, des alten,
Und in das leere weisse Blatt des neuen
Dein Morgenrot und deine Düfte streuen.«

 
14.
Wie seid ihr schön, ihr lieben, grünen Ranken,
Die jener Zelle Fensterlein umschwanken,
Ihr steigt empor wie Stufen lust'ger Stiegen,
Drauf grüne Teppiche gebreitet liegen!

Wie lieb' ich euch, ihr Ranken, schön und heiter,
Ihr grünen Sprossen einer Frühlingsleiter!
An euch empor ziehn kletternd meine Träume,
Neugierig blickend in des Innern Räume.

Den letzten Mönch seh' drin auf Knien ich liegen,
Die andern all' sind längst zur Gruft gestiegen,
Den andern allen drückt' er zu das Auge,
Und keiner blieb, der sein's zu schließen tauge.

Da fließt ums greise Haupt in ernster Mahnung
Wie leiser Flügelschlag ihm Todesahnung,
Als fühlt' er säuselnd drauf im Windeswallen
Sanft einen Kranz von dürrem Herbstlaub fallen.

Er rafft sich auf; mit dumpfem Nachhall gleiten
Des Mönchs Sandalen durch der Gänge Weiten,
Ihm dünkt es, wie er hört die Doppeltritte,
Als ob mit ihm der Geist des Hauses schritte.

Den Dom entlang bis zu des Chores Bogen!
Da greift er mächtig in der Orgel Wogen
Und läßt aus voller Brust laut durch die Hallen
Sein: »Großer Gott, wir loben dich!« erschallen.

Und wie die Tön' im leeren Dom mit Dröhnen
Ringsum, gewalt'gen Brausens, widertönen,
Ist's, als ob Antwort ihm aus Grüften klänge,
Und mit der Chor der toten Brüder sänge.

Jetzt ist es still, und Lied und Klang zerstoben!
Des Mönches offnes Aug' starrt kalt nach oben,
Als spräch's: Seht hier den letzten Mönch, ihr Frommen!
Denn mich zu schließen will kein Bruder kommen!

Und eine Weile drauf mit leisem Flimmern
Erlosch im Dom der ew'gen Lampe Schimmern;
Doch mir schien's, da ihr letztes Flackern bebte,
Als ob des Domes Seele still entschwebte.

Und eine Weile drauf, da stürzen fallend
Die Engelchöre, jenes Kreuz umwallend,
Wie wenn ein Baum am Grabe, sturmgerüttelt,
Drauf seine weißen Blütenflocken schüttelt.

Und eine Weile drauf, den Dom erschütternd,
Stürzt selbst der Baum, im Fall zu Moder splitternd!
Ihm nach Gewölbe, Kuppeln, Säulen rollen,
Wie Särgen eine Schaufel Erdenschollen.

Und eine Weile drauf wallt diesen Steinen
Die Zeit vorbei, wie morschen Totenbeinen:
Streut fromm darüber eine Handvoll Erde,
Daß ihnen christliche Bestattung werde.

Und eine Weile drauf, der Erd' entsprießend,
Wehn grüne Saaten drüber, lichtbegrüßend,
Stehn volle Rosen drauf, so duft'ge, helle!
Das ist wohl eine schöne Grabesstelle.

Und durch die Saatengänge, Rosenhallen
Seh' einen Dichter ferner Tag' ich wallen,
Sein Lied, auf lust'gen Saaten leis geschaukelt,
Sein Lied, von frischen Rosen hell umgaukelt!

Sie aber wollen ihm nicht anvertrauen,
Was ihnen in der Tiefe ward zu schauen,
Wie einst in meinem Herzen schon sie keimten
Und drin den Traum der Auferstehung träumten!

Nur eine Lerche, sonn'gen Äthers trunken,
Als Geist der Glocke, die dort tief versunken,
In Turmeshöhe schwebend über ihnen,
Läßt tönen ihre schönen Matutinen.

So hielt mein Herz des letzten Mönchs Begängnis,
Schon bricht herein mit Grausen das Verhängnis,
Die Kuppeln bersten, und die Pfeiler wanken! –
Wie schad' um meine lieben, schönen Ranken!

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