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Anastasius Grün: Schutt - Kapitel 3
Quellenangabe
typepoem
booktitleSämtliche Werke Band VI
authorAnastasius Grün
editorAnton Schlossar
firstpub1835
year1907
publisherMax Hesses Verlag
addressLeipzig
titleSchutt
pages3-100
created20060911
sendergerd.bouillon
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Der Turm am Strande.

1.
                    Ich lag im weichen Gras, gelehnt auf Trümmer,
An Istriens vom Lenz umblühten Strande;
Der Himmel quoll in abendros'gem Schimmer,
Das Meer erglomm im purpurroten Brande.

Sie wollen flammend beid' in eines fließen,
Nicht sieht das Aug', wo Meer und Luft sich trennen,
Wie sich zwei Lippen aneinanderschließen,
In einem ew'gen Liebeskuß zu brennen.

Von Liebe wollen Flur und Hain erzählen,
Das ist rings ein Erröten, Flüstern, Kosen!
Die Wellen hüpfen ans Gestad' und stehlen
Sich flüchtig Küsse von des Strandes Rosen.

Sie legen nachts gar heimlich und behende
Ans Land der Muscheln farbenreich Geschmeide,
Daß morgens an der Liebe zarter Spende
Der Rosen Aug' sich beim Erwachen weide.

Doch du dort, alter Turm, öd' und zerfallen,
Willst du nicht auch von Lieb' ein Wörtlein sagen?
Mich dünkt es, deine morschen Quadern lallen
Ein böses Lied aus alten, bösen Tagen!

Dein Antlitz blickt so ernst, als ob es zürne,
Und finstres Moos ist dämmernd drauf zu schauen,
Wie auf des Denkers tiefgefurchter Stirne
Die dunklen und gedankenschweren Brauen.

Wohl dämmert's in dir von Erinnerungen,
Wie Schuldbewußtsein in des Sünders Herzen,
Du finsterer Geselle, rings umschlungen
Von ros'gen Schäkern und verliebten Scherzen!

Ob deinem Tor ein Wappen, moosumwoben,
Ein Löwe ist's, das Evangelium haltend!
Venedig. ha, dein Leu! Wohl muß ich loben
Des Sinnbilds Wahl, dein ganzes Sein entfaltend.

Der Mähne Königsmantel schüttelnd, Leue,
Doch nicht verleugnend das Geschlecht der Katze!
Das heil'ge Buch des Glaubens und der Treue
Erhoben hoch, – doch in bekrallter Tatze!

Großmütig, wenn gesättigt schon vom Morden,
Und sanft, wenn du gebändigt mußt erliegen,
Dein Thron die Kluft, drin nie es Tag geworden,
Und doch voll Glanz und Ruhm und Kraft und Siegen!

Sprich, und was wolltest du am Turme dorten?
Ich ahn's, ein Kerker war's! Als Kerkermeister
Hat sich der Leu gelegt vor seine Pforten,
Denn gern in Haft hielt Leiber er und Geister!

Sieh hin jetzt: du zertreten, er zerschlagen!
Sieh selbst dein Werkzeug: Ketten, Eisenstangen
Im Purpurschmuck des Rosts am Siegeswagen
Der Freiheit als entthronte Zwingherrn prangen!

Selbst in die Quadern, die den Turm dir trugen,
Ist einst der Freiheit frischer Hauch gefahren,
Daß sie in wilder Lust aus ihren Fugen,
Sich selbst entknechtend, taumelten in Scharen!

Die Klagen, die sie hörten, tönen wider
Aus ihrer Marmorbrust, der schmerzgeweihten;
Es senkte drauf sich dunkler Efeu nieder,
Die immergrüne Elegie der Zeiten.

Ein Ölbaum sprießt nicht fern, den Schutt verschönend,
Und Rosen rankten dran die jungen Triebe;
Zur Menschensaat des Hasses pflanzt versöhnend
Natur so gern den Frieden und die Liebe.

Doch wie die Lüfte flüstern heimlich leise,
Und wie die Wellen rauschen auf und nieder,
Wehn aus den Trümmern still, in düstrer Weise
Zu mir herüber des Gefangnen Lieder:

 
2.
»Ich war bescheidener Sonettendichter,
Im Qualm Venedigs zündend Himmelslichter,
Gebundne Rede meisternd wohlbedächtig,
Gebundner Hände jetzo minder mächtig.

Da lieg' ich nun gleich einem schlechten Verse,
Verrenkt, gezwängt, vom Wirbel bis zur Ferse,
Die Ketten klappernd wie unreine Reime,
In übler Form verwischt die schönsten Keime!

Vorm Tor San Marcos hielt ich Siesta gerne,
Betrachtend irdische und Himmelssterne;
Einst ungefähr, vertieft ganz in ihr Blitzen,
Blieb einer Prozession im Weg ich sitzen.

Einst in Fenices höchstem Logenrange
Sah ich ein schönes Kind mit heitrer Wange;
Ich flog empor, – da saß der alte Doge
In einem Winkel, ach, derselben Loge!

Zum Unglück reimt' ich einmal auf: Tyrannen
In einem Klinggedicht das Wort: von dannen!
Ein andermal fiel mir auf: Senatoren
Kein andrer Reim just ein, als: Midasohren!

Die Reime, traun, sind reine, regeltreue,
Ich brauchte gleich sie wieder ohne Reue;
Doch meinten drauf die Herrn, auf mein Sonette
Gäb's keinen bessern Reim mehr, als: die Kette!«

 
3.
»Ans Meer, gleich diesem, baut die Kerker alle!
Ringsum nur Meer, endloser Himmel drüber!
Setzt eures Sklaven enge, dunkle Halle
Der Freiheit und Unendlichkeit genüber!

Daß, wenn er schuldig, selbst der Wellen Kosen
Ihm nachts und tags von seiner Schuld erzähle,
Und fort und fort ihm laut der Brandung Tosen
Des Herrn Gerichte donnre in die Seele!

Daß, wenn er schuldlos, nicht ans Ohr euch dringe,
Euch nicht den Schlummer störe seine Klage,
Daß sie des Meeres Rauschen ganz verschlinge,
Daß sie des Windes Flügel weiter trage!

Ich klimm' empor zum hohen Fensterbogen
Und kralle fest mich an des Gitters Stäben!
Ha, endlos seh' den Ozean ich wogen,
Nur fern, gar fern ein weißes Segel schweben!

Ach, meiner Freiheit Bild! Nicht flieh so schnelle!
Es eilt mein Herz dir nach, nicht kann es rasten,
Es schwebt als Möwe über dunkler Welle
Und klammert schreiend sich an deine Masten!«

 
4.
»Ihr, denen in die Hände ward gegeben,
Wenn sich's die Händ' etwa nicht selbst genommen,
Das Recht, zu schalten über Menschenleben,
Kennt ihr des Menschenlebens Sinn und Frommen?

Ich rat' euch, wallt aus eurer goldnen Klause
Einmal hinaus in Frühlings Sonnenblicke,
Doch laßt mir fein den Doktorhut zu Hause,
Die grüne Brille, Kodex und Perücke!

Und wenn, von all dem Licht und Glanz entborget,
Ein leiser Abglanz schlich in eure Seele,
Dann ist es Zeit, dann weilet nicht und sorget,
Daß Flinte, Beil und Messer euch nicht fehle.

Seht dort den Rosenstrauch im Duftmeer fluten!
Das Messer her, vom Stamme ihn zu trennen!
Er liegt im Staub und scheint nun zu verbluten
Aus so viel Wunden, als da Knospen brennen.

Seht ihr die Lerche hoch im Frührot schimmern?
Das Feuerrohr herbei, und streckt sie nieder!
Vor euch im Rasengrün mit leisem Wimmern
Versiegt die holde Quelle süßer Lieder.

Seht dort der Linde Haupt die Wolken grüßen!
Die Axt herbei, den Stamm ihr zu zerklüften!
Da liegt die Riesenleiche euch zu Füßen,
Ihr Sterberöcheln ist ein süßes Düften.

Und will euch Wehmut nun ins Herz, so lenket
Heimwärts den Pfad, und nehmt an eurer Schwelle
Den Säugling aus der Gattin Arm, und senket
Eu'r sinnend Haupt zu seiner Lockenhelle.

Und denkt des Baums, zerspellt zu toten Trümmern,
Und denkt der Knosp', erblaßt im Todesbeben,
Und denkt des Liedes, aufgelöst in Wimmern,
Und ahnt es leise, was ein Menschenleben!«

 
5.
»Das grause Königsspiel will ich nun spielen
Und laden zu Gerichte meine Richter!
Es drückt das goldne Zepter euch nur Schwielen,
Doch hoch empor das seine schwingt der Dichter!

Ihr könnt die Ebenbürtigkeit nicht tadeln
Des Geists in mir, ihr stolzen Purpurträger!
Er wird zum Throne diesen Schemel adeln
Und vor die Schranken rufen eure Kläger!

Da sprach die Kette meines Arms: Bei Erzen
Schlief einst ich sanft und tief in ew'gen Nächten!
Was rißt ihr mich dem Berge aus dem Herzen,
Solch unbewehrte Arme zu umflechten?

Der Wölbung Quadern sprachen drauf: Wir trugen
Am Dom des Herrn einst mit als Felsensäulen!
Was habt ihr uns geschmettert aus den Fugen,
Zu hören dieses Armen Klagen heulen?

Des Bettes Diele sprach: Ich ragt' als Eiche,
Auf grünen Höhn zu säuseln Gottes Ehre!
Was habt ihr mich gefällt mit frechem Streiche,
Daß ich dies Herz jetzt an mich pochen höre?

Vorm Fenster eine Lerche klagte bitter:
Was zeigt ihr mir, der Freiheitseelen einer,
Der Knechtschaft gelb Gesicht durch schwarzes Gitter
Und eine Seele, ach, so frei, gleich meiner!

Es sprach mein Herz: Euch freut, was mannigfaltig,
Doch ein Gepräg' nur wollt ihr für Gedanken!
Ihr liebt die Blumen, weil sie vielgestaltig,
Doch darf nicht frei das Herz Gefühle ranken!

In plumpe Fesseln wollt den Geist ihr schlagen,
Der gottgesandt, wie Wolk' und Regenbogen;
Die Wolke wettert, ihr könnt sie nicht jagen,
Und knebeln nicht könnt ihr den Regenbogen!

Und nun vernehmt den Urtelspruch des Richters:
Für Kett' und Schmach, die ihr ihm ließt bereiten,
Denn also richtet mild das Herz des Dichters,
Gibt euren Namen er Unsterblichkeiten!

Nur erst gesellt er seine Ketten alle
Zu Kron' und Stab in eures Wappens Rahmen,
Es rasseln weit durch des Jahrhunderts Halle
Wie seiner Ketten Klirren eure Namen.«

 
6.
»Durch meines Kerkers Eisengitter rangen
Sich meine Blick' empor zum Himmel droben,
Den Ball des Mondes sah ich leuchtend prangen,
Vom goldnen Kranz der Sterne rings umwoben.

Da klang's aus ihnen in mein Herz und keimte
Gleichwie ein kindisch Märchen alter Tage,
Bevor der Götter Schar die Erde räumte
Dem Menschenvolke von gemeinrem Schlage.

Es war ein Ries' einst, hochgewaltig, tüchtig,
Der sprach zum Mond: Dein Licht behagt mir eben,
Doch bist du mir zu wanderlustig, flüchtig
Und solltest fein an festem Wohnsitz kleben.

Nicht übel stündest du mir überm Bette
Als Abendlamp' in meinem Schlafgemache!
Er spricht's und schmiedet eine goldne Kette
Und hängt den Mond dran auf am Himmelsdache.

Doch der rollt fort und fort unaufgehalten,
Und klingend riß die Riesenkette droben,
Daß in Millionen Trümmer rasch zerspalten,
Weithin gesät, die goldnen Splitter stoben!

Und sieh, als Sterne sind sie dort geblieben,
Da leuchten sie ins Herz mir ihre Kunde,
Als Freiheitshymn', in goldner Schrift geschrieben
Tief auf des Himmels dunklem, ew'gem Grunde.

Es flüchtet gern mit seinen stillen Schätzen
Das Menschenherz in die gestirnte Ferne;
Es will der Mann in Fesseln gern versetzen
Selbst seine Ketten in die ew'gen Sterne.«

 
7.
»War einst ein König, der hielt liebumfangen
Den Leib der Königin, der schönen, jungen!
Ob Aug' in Aug' und Hand in Hand auch hangen,
Er hätte gern noch fester sie umschlungen!

Des Gartens Rosen formt er da zur Kette,
Die hält ihr Haupt in süßer Hast umwunden:
So ward aus Rosen einst die erste Kette,
So ward von Liebe einst die Kett' erfunden.

Zwei Königskinder sind's, die dort zu Ringen
Der Wiesenblumen schlichte Halme runden,
Mit solchen Fesseln spielend sich umschlingen;
Und so hat Lieb' die Kette fortgewunden.

Den Tempel sieh, wo Priester um die Wette
Mit Myrt' und Ros' Altar und Säul' umwunden,
So hat die Liebe fest mit ihrer Kette
Den Himmel an die Erde schön gebunden.

Tot sind das Königspaar, die Kinder, Priester!
Doch Kränze ihren Aschenkrug umkosen!
So band den Staub des Grabes, welk und düster,
Der Liebe Kette an des Lebens Rosen.

Da sah der Haß, wie Lieb' erfand die Kette,
Das, was sie liebt, noch fester zu umwinden!
Er formt – aus Erzesblüten – nach die Kette,
Noch fester, was er haßt, an sich zu binden!

Doch von Girlanden scheint mein Arm umwunden,
Gleich Blumen flüsternd mir die schöne Märe:
Wie selbst im Haß ein Fünkchen Lieb' entzunden,
Wie selbst der Haß bei Lieb' einst ging in Lehre.«

 
8.
»Gebt mir ein Buch! – Sie wollen keins mir gönnen!
So mag mein Aug' im Buch des Himmels blättern,
Das dem Gefangnen sie nicht rauben können,
Und lesen, Herr, in deinen ew'gen Lettern!

Ich seh' den Äther rein und leuchtend blauen
Und seh' das Abendrot in Flammen zittern,
Draus mild der Englein Tränen niedertauen,
Ich seh's, – doch aus des Kerkers Eisengittern.

Seh' ziehn die Wolke mit der Brust voll Segen,
Des Mondes Kahn im Meer der Nächte prangen,
Die Sterne sich im goldnen Wirbel regen,
Ich seh's, – doch durch des Kerkers Eisenstangen.

Ich seh' die Morgenwolke leuchtend steigen
Und mitleidvoll der Rosen Bild und Reize,
Die längstentbehrten, meinem Auge zeigen!
Ich seh's, – doch durch des Gitters ehrne Kreuze.

Ich sah die Wetter, die nun ausgestritten,
Ich seh' den Regenbogen flammend schweben;
Des Himmels lichter Grund doch ist durchschnitten,
Ach, von des Kerkergitters schwarzen Stäben.

Da dünkt es mich, im Buch des Himmels wären
Die schönsten Stellen, heiligsten Legenden,
Des Friedens und der Liebe Gotteslehren
Mit schwarzem Strich durchkreuzt von Menschenhänden.«

 
9.
»Wie eine Rose aussieht, wüßt' ich gerne!
Wohl wußt' ich's einst, doch hab' ich's, traun, vergessen,
Denn zwischen mir und jenes Frühlings Ferne
Dehnt längst der Knechtschaft Nacht sich unermessen!

Ich sah die Rose einst in einem Garten,
Durch den die Spiele meiner Kindheit flogen;
Ich sah sie einst auf flatternden Standarten
Der Heere, die zum blut'gen Kampfe zogen.

Ich sah sie einst im Dom vorm Brautaltare
An einer Jungfrau Herz sich zärtlich schmiegen;
Ich sah sie einst in meines Vaters Haare,
Als Tod ihn auf den Schragen streckte, liegen.

Ich sah, wie an der Brust der Mörder einer
Sie mit zur Richtstatt führt' im Sünderwagen;
O daß ich säß' im Karren anstatt seiner,
Daß ich die Rose könnt' am Herzen tragen!«

 
10.
»Ich zog aus meinem Strohbett eine Ähre
Und hielt sie lang' vors Aug' in meinen Händen;
Als ob in ihr ein stiller Zauber wäre,
Konnt' ich die Blicke nimmer von ihr wenden.

Ein Feld voll Garben stieg vor meinen Blicken!
Ha, wie sie flüsternd durcheinandergaukeln,
Geschäftig mit den goldnen Häuptern nicken
Und weithin ihres Meeres Wogen schaukeln!

Von blanken Sicheln, durch die Schwaden ringend,
Ist, Silberkähnen gleich, dies Meer befahren,
Und Schnittermädchen, aus den Wogen springend,
Es sind der Meeresgöttin Dienerscharen.

Und blanke Dörfer rings und grüne Hügel,
Darüber hin der ew'ge Himmel blauend
Und Lerchen drin, von Morgenrot die Flügel,
Und von Gesang die Kehlen übertauend!

Die Wälder säuseln, und die Quellen klingen,
Dort um die Linde tönt's von Flöt' und Geigen,
Daß Bursch und Dirne sich im Reigen schwingen,
Und selbst die Blüten tanzen von den Zweigen.

Die Garben ruhn den Jungfraun nun zu Füßen,
Und auf den Garben farb'ge Kränze liegen;
Ich fasse einen, um in eines süßen,
Geliebten Hauptes Locken ihn zu schmiegen.

Da rasselt mir am Arm die Kett' entgegen,
Der Hand, der bebenden, entsinkt die Ähre!
Du dürrer Halm, wie hätt' ich's denken mögen,
Daß ich durch dich noch einst so elend wäre!«

 
11.
»Sie haben aus der Erde mich gestoßen
Und nur ein Stücklein Himmels mir gelassen,
So viel, vom Kerkerfensterlein umschlossen,
In seinen Eisenrahmen wollte passen!

Des Menschen Blick und Wort darf mich nicht laben;
Ich seh' ein Antlitz nur auf weiter Erde,
Das deine, Graukopf, fütternd deine Raben,
Daß ihre Kette nicht zu locker werde.

Die Zeit hab' ich begraben und vergessen,
Ich zähle nicht der Knechtschaft bange Stunden!
Nur reinen Weizen mag der Landmann messen,
Doch nicht das Unkraut, das er drin gefunden!

Ich weiß nicht, wann es Lenz! Ich darf nicht sehen
Die Rosen glühen und die Blüten blinken,
Die grüne Wies' in duft'gen Halmen stehen
Und in den Schoß ihr goldne Früchte sinken!

Ich seh' den Herbst nicht an den Blumen rütteln,
Ach, wie mich welke Blätter selbst erfreuten!
Ich seh' ihn nicht das Laub der Wälder schütteln
Als Sand ins Stundenglas der Jahreszeiten!

Ich sah die Zeit, den rüst'gen Falken, steuern
Einst hoch ob mir mit klingendem Gefieder!
Doch mit durchschoßnem Flügel, matt und bleiern,
Sank er vor meines Kerkers Pforten nieder.«

 
12.
»Ein Vöglein setzt sich auf die Fenstereisen,
Sein Schnabel hält des Waldes Purpurbeere,
Es drängt sein Herz, im Liede laut zu preisen
Von Freiheit Waldeslust die süße Märe!

Doch wie es mich ersieht, denkt's mit Erbarmen:
Nein, schweigen will ich, daß die Wonnefülle,
Die mich labt, nicht betrübe diesen Armen,
Mein Beerlein nur will ich verzehren stille.

Wie so das Vöglein an der Beere pickte,
Mußt' ich vom Baum, dran sie einst schwellte, träumen
Und dann vom Wald, aus dem der Baum mir nickte,
Dann von den Feldern, die den Wald umsäumen;

Dann von dem Strom, der durch das Feld geschlungen,
Dann von dem Meer, zu dem der Strom mag reisen,
Von Ländern dann, die von dem Meer umklungen,
Von Sternen dann, die Meer und Land umkreisen!

Was bist du, Vöglein, für ein Vogelriese
Mit eh'rnen Fängen und gewalt'gen Schwingen,
Daß du die Weltenkugel, als sei diese
Ein winzig Beerlein, mir vermocht zu bringen!«

 
13.
»Ich schaute Bilder einst von Sudlerhänden,
Da hatten Mond und Sonne Mund und Nasen,
Da sah den Sturm ich hinter Wolkenwänden
Als wind'gen Jungen volle Backen blasen.

Ein übler Maler ist der Schmerz, gleich ihnen,
Denn, blick' ich auf aus diesen Finsternissen,
Seh' ich nur fromme, heil'ge Menschenmienen
Als Sterne, Sonn' und Mond vom Himmel grüßen.

O Menschenantlitz, wundervoller Spiegel,
Vom lauen Hauch der Gottheit leis umflossen!
Du heilig Buch, in dessen Purpursiegel
Des Himmels ew'ge Rätsel tief verschlossen!

Dein Antlitz nur blieb mir, mein Kerkermeister!
Doch ist der Spiegel unpoliert befunden,
Das schöne Buch verklebt mit schnödem Kleister
Und, ach, in Fell unsaubren Tiers gebunden.

Und dennoch, was verloren ich mit Beben,
Ich les' es drin, in altem Glanze tagend!
All, was ein Antlitz nur vermag zu geben,
Gibt deines mir, wenn alles gleich versagend!

Wie, als der Lava schwarze Krusten sprangen,
Das heitre Bild des Liebesgotts draus blickte,
So find' im Furchenschutte deiner Wangen
Das Lächeln ich, des Glanz mich einst entzückte.

Die Wolken deiner Stirne müssen sinken,
Ich lasse reinen, lichten Himmel tagen,
Drauf der Gedanken Stern' und Sonnen blinken,
Und kühn gewalt'ge Regenbogen schlagen.

Die Augen dein, im Zauberschlaf seit Jahren
Zween Bären gleich in busch'ger Höhle sitzend,
Den Bann lös' ich! Sie werden, was sie waren:
Zwei Königskinder, in Demanten blitzend!

Dein Mund, versperrt wie dieses Kerkers Pforte,
Er tut sich auf nun als Triumphesbogen,
Draus die geharn'schten Sieger: Ernstesworte,
Bekränzte Jungfraun: Liebesworte wogen.

Dein Busen, klanglos, wie die dürre Scholle,
Wölbt sich zum Dom voll süßer Liedertöne;
Aus deines Leibs formloser Felsenrolle
Entsteigt der delph'sche Gott in ew'ger Schöne!

Selbst deiner eh'rnen Hand kann ich nicht zürnen,
Wenn sie die Fesseln prüft, ob sie nicht weichen;
Ich seh' sie Kron' und Lorbeer würd'gen Stirnen
Und mild ein labend Brot der Armut reichen.

Du finstrer Schließer dieser ird'schen Hölle,
Wie jauchzt mein Herz bei deiner Schlüssel Klingen!
Du bist Sankt Peter mir, vor dem zur Stelle
Weitauf die Pforten meines Himmels springen!

O bleib, daß dir ins Antlitz still ich schaue,
Mein durstig Aug' am Quell des deinen labe,
Daß aus den Trümmern ich den Tempel baue
Und aus dem Schutte meine Götter grabe.«

 
14.
»Der Riegel knarrt zur ungewohnten Stunde,
Ein Mann tritt ein im Kleid von schwarzer Farbe,
Verschnitten ist sein Haar zur Glatzenrunde,
Sein Mund fast lippenlos wie eine Narbe.

Ein Krüppelast des Edelpalmenbaumes,
Mannheit genannt! Nicht tränkt und nährt begeisternd
Sein Wort als süße Frucht so schönen Baumes,
Als unrein Harz nur trieft's andringlich, kleisternd!

Er spricht von Büßen und Bereun, Bekehren,
Von Demut, die sich höhrer Weisheit schmiege,
Von Rückkehr zu der Gläub'gen frommen Heeren,
Von Todesgraun, das einst auch Starke biege.

O lieber Mann, wollt Ihr ein Vogler werden,
Müßt Ihr aufstreuen beßre Futterbrocken;
Wollt Ihr als schlauer Werber Euch gebärden,
Muß Uniform und Handgeld reicher locken!

Es legt ein Mann dem alten satten Leuen,
Den mehr als er der feuchte Norden zähmte,
Sein Haupt zum Schlund, drin keine Zähne dräuen;
Ob er des Pöbeljubels sich nicht schämte?

Ein Gaukler ist's, indes ein Held mir heißet
Der Neger, der im Wüstensand ihn meistert,
Das Lamm dem Rachen jenes Leun entreißet,
Den Hunger stachelt, Sonnenbrand begeistert!

Nur leichten Gauklerruhm, nicht Heldensiege
Wird Euer Priestereifer sich erjagen,
Nimmt als Genossen er im Glaubenskriege
Mein Elend, meine Ketten, Todeszagen.

Ein Sterbender ist gar ein Sanfter, Milder,
Muß viel, wird Euch sich auch gefallen lassen
Und gleichen Sinns Sterbkerze, Heil'genbilder,
Den Kuhschwanz auch nach Inderweise fassen.

Er kann Euch nicht von seinem Bette scheuchen:
Könnt' er die Hände regen, wollt' er lieber
Dem Weib, den Kindern sie zum Abschied reichen;
Nicht Ihr bekehrt, besiegt ihn, nein, das Fieber.

Mich wird das heil'ge Brot von weißem Weizen
Nach schwarzer Kerkerkrume nicht anwidern;
Auch mögt Ihr mit dem heil'gen Öl nicht geizen,
Heilbalsam ist's den kettenwunden Gliedern.

Mit dem gesunden, geistesfrischen Sünder
Klimmt auf den Berg, daß weit ins Land er sehe,
Dort werdet ihm des heil'gen Worts Verkünder,
Denn Gottes Rede scheut nicht Gottes Nähe.

Steht Mann dem Mann und Wort dem Wort entgegen,
Daß Licht und Waffen gleich für beide Streiter!
Ist Eures Wortes Schwert gefeit mit Segen,
Wird dann ein Sieg ihm, herrlich, groß und heiter!

Die Linde, feierlich geneigt die Gipfel,
Wird stumm ihr Jawort nicken Eurem Psalme,
Fortrauschen werden ihn des Waldes Wipfel,
Fortsäuseln werden ihn der Wiesen Halme.

Aus jeder Blume ihm entgegenlächeln
Wird Euer Wort in farbenreichen Lettern,
Die Lüfte werden's um das Ohr ihm fächeln,
Die Wolken werden's um das Haupt ihm wettern.

Mit Feuerpfeilen streckt die Sonn' ihn nieder,
Das Wort des Lichtes in das Herz ihm gießend,
Der Geist fährt, nicht in Flammenzungen wieder,
Herab auf ihn, in Blütenflocken fließend.«

 
15.
»Glückauf, ein Jahr der Haft vorbei! denn winken
Seh' ich ein grünes Blatt am Fensterrande;
Gottlob! 's ist wieder Lenz! Schon will mich's dünken,
Als schaut' ich weit in sonn'ge Blumenlande!

Ich höre singen die kristallnen Bronnen,
Den Sprosser flöten zwischen duft'gen Ranken,
Ins Kerkerdunkel glänzen Frühlingssonnen,
Dir, stilles, grünes Blättlein, muß ich's danken!

Doch wehe, weh'! Des Efeus starr Gewinde
Hab ich gesehn statt saft'gem Lenzgesträuche,
Ach statt des Frühlings ros'gem, frischem Kinde
Nur seine Mumie, die immergleiche!

Des Efeus Ranken grünen Fesseln gleichen,
Und mit dem Schergen steht er längst im Bunde;
Daß nicht des Kerkers Steine lockernd weichen,
Schlingt seine Arm' er um des Turmes Runde!

Sein bittres Amt dem Wächter zu ersparen;
Nach mir zu schielen durch des Fensters Raine,
Kroch er heran, mühvoll, vielleicht seit Jahren,
Indes nach einem einz'gen Lenz ich weine.«

 
16.
»Frei, frei bin ich! Die Knechtschaft ist zu Ende!
Das offne Tor, ha, wie mich's fast erschreckte!
Wie ungelenk jetzt fesselfrei die Hände,
Die einst in Ketten leicht zu Gott ich streckte!

Frei, frei bin ich! Die Fesseln sind gefallen,
O Licht, wie blend'st du meine Augenlider!
Frei darf ich durch den Garten Gottes wallen
Und stürzen an die Herzen meiner Brüder!

Reicht eure Hände mir! – Doch, ach, wie sollen
Sie dringen durch der Gräber grüne Decken!
Und die Lebend'gen fliehn, denn nimmer wollen
Sie mit des Sklaven Handschlag sich beflecken!

Wohlan, so will ich selber denn erringen
Mir neue Liebe und ein neues Leben!
Noch fühl' ich Jugendkraft den Arm beschwingen,
Der Jugend Locken noch ums Haupt mir schweben!

Da nahm mein Todfeind schweigend mich am Arme
Und stellte mich vor einer Quelle Spiegel:
O weh, mein Haupt eisgrau, daß Gott erbarme!
Auf Wang' und Stirn der Knechtschaft Furchensiegel!

Und so ist ungesehn und ohne Grüße
Mein Lenz gewallt durch meines Kerkers Grauen;
Die Hülle tiefer, ew'ger Finsternisse
Ließ mich die leuchtende Gestalt nicht schauen.

Empfang, o Kerkernacht, dies Herz jetzt wieder,
Als Blume, die gewöhnt an deine Schatten!
In dich als Marmorurne leg' ich's nieder,
Im Grabgewölb der Zeit es zu bestatten.«

 
17.
Und still verklingen des Gefangnen Lieder,
Die Wellen wimmern, fahle Wolken reisen;
Da jauchzt es unfern mir und jauchzet wieder
Und singt, mir fast zur Unzeit, lust'ge Weisen.

Mir naht ein Greis mit silberweißen Haaren,
Doch Morgenrot des Frohsinns auf der Wange!
Ei, seltne Nachbarschaft! Wie Rosenscharen,
Umblühend Gletschereis am Alpenhange!

Willkommen, Greis! Du mußt wohl Kunde wissen
Von diesem düstern grauenvollen Hause,
Wer einst geächzt in seinen Finsternissen?
Wes Ketten klirrten durch die dunkle Klause?

»Geächzt hat niemand als die Wetterfahne,
Wenn sie der Wind gedreht im spröden Gleise!
Geklirrt hat nichts hier, als von dem Altane
Die Becher all' in lust'ger Brüder Kreise!

Ein Leuchtturm war dies Haus in alten Tagen,
Zerfallen nun, seit dort gebaut der neue;
Anstatt des Invaliden, lahmgeschlagen,
Trat der Rekrute in die offne Reihe.

Ich war sein Wächtersmann, der wohlbestallte,
Gottlob! daß Pech und Wein dem Land nicht fehlen!
Ha, wie, wenn Wind und Wetter pfiff und hallte,
Geflammt die Leuchten, und gejauchzt die Kehlen!«

So sprach der Greis; noch leuchtet des Gelages
Erinnerung ums Haupt dem alten Zecher,
Wie durch der Dämmrung Grau Nachglanz des Tages,
Wie Reste Rebenbluts durch leere Becher.

So sang ich in des Lichtes Heiligtumen
Von Finsternissen und verdorrten Lenzen!
Der Gärtner zieht zu Wonn' und Lust die Blumen
Und, ach, verbraucht sie oft zu Totenkränzen!

So war der Hain des Friedens und der Liebe
Mir überschattet von dem Baum der Schmerzen!
Mich dünkt wohl gar, des dunklen Stammes Triebe,
Sie wurzeln nur in meinem eignen Herzen.

Verglommen mählich ist die Abendröte,
Es senkt die Nacht des schwarzen Mantels Schwere
Rings um die Trümmer und die Blumenbeete
Und über weites Land und ew'ge Meere.

Da läßt der Himmel Mond und Stern' erglimmen,
Da glühn am Golf empor des Leuchtturms Flammen:
Licht! Licht! ihr Losungswort, das große, stimmen
Jetzt Erd' und Himmel, Gott und Mensch zusammen.

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