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Schüsse in der Nacht

Annie Hruschka: Schüsse in der Nacht - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorAnnie Hruschka
titleSchüsse in der Nacht
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140214
projectid7154783b
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IX.

Silas Hempel stand am nächsten Morgen eben im Begriff, sich nach Kreuzstein zu begeben, als eine junge Dame gemeldet wurde, die ihn dringend zu sprechen verlangte.

Es war Mara von Rittler.

Er erkannte sie sogleich und starrte überrascht in das schöne bleiche Gesicht, das dem Yolanthes so sehr glich und doch so ganz verschieden im Ausdruck war.

Was wollte sie bei ihm?

Mara erkannte ihn nicht wieder. Erstens hatte er sich bei seinen Nachforschungen gestern so wenig als möglich bemerkbar gemacht, zweitens war Mara viel zu tief mit andern Dingen beschäftigt, um bei den vielen fremden Leuten, die nun in Kreuzstein aus und ein gingen, auf eine derselben zu achten.

»Sie wünschen mich zu sprechen, meine Gnädige,« sagte Hempel, ihr höflich einen Stuhl anbietend, auf den sie sich mechanisch niederließ.

»Ja,« antwortete Mara, rasch den Blick voll auf sein Gesicht richtend, »ich habe gehört, daß Sie ein sehr geschickter Detektiv sind, und möchte Sie bitten, unabhängig von dem, was die Behörde unternimmt, Licht in eine dunkle Sache zu bringen, die ...«

»Sie meinen unzweifelhaft den an Ihrem Vater begangenen Mord, nicht wahr?«

»Oh – Sie wissen –?«

»Spricht nicht heute ganz Wien davon? Und da ich die Ehre habe, Sie vom Ansehen zu kennen ...«

»Gut, gut, das erleichtert die Sache. Ich brauche Ihnen also nicht zu wiederholen, was man bisher ermittelte ...«

»Die Morgenblätter brachten alle Details. Auch bezüglich des mutmaßlichen Mörders ...«

Eine flüchtige Röte glitt über Maras blasses Gesicht.

»Ich las heute noch keine Zeitungen,« sagte sie, »aber ich weiß aus den Fragen, die man gestern in Kreuzstein an verschiedene Personen stellte, wohin sich der Verdacht der Behörden lenkt, und dies ist mit ein Grund, weshalb ich hier bin. Dr. Sturm, den ich als Ehrenmann kenne, ist bestimmt unschuldig, und wenn ich auch hoffe, daß schon seine erste Einvernehmung den lächerlichen Verdacht zerstreuen wird, so ist es zu seiner völligen Rehabilitierung doch durchaus nötig, den wahren Täter zu finden.«

»Darin haben Sie nur zu sehr recht, mein Fräulein,« nickte Silas Hempel ernst, »umsomehr als Dr. Sturm durch seine unverständliche Flucht leider den gegen ihn gehegten Verdacht in furchtbarer Weise verstärkte.«

Mara fuhr zurück, als habe sie einen Schlag erhalten, und starrte den Detektiv verstört an.

»Flucht ... Sie sagten Flucht? Das ist unmöglich ...!« stammelte sie endlich tonlos.

Hempel berichtete, was er von Wasmut gehört hatte. Mara hörte gespannt zu. Immer blässer und verstörter wurde ihr Gesicht, immer deutlicher malten sich Schreck und Todesangst darauf, bis sie plötzlich außer sich aufsprang.

»Nein,« rief sie, »er ist nicht geflohen! Aber ihm ist ein Unglück zugestoßen ... oh Gott, vielleicht weilt er gar nicht mehr unter den Lebenden, während diese Elenden ihn für einen flüchtigen Mörder halten!«

Tränen erstickten ihre Stimme.

»Fassen Sie sich, mein Fräulein,« sagte Hempel, wenn auch ergriffen von ihrem Schmerz, dennoch seine Ruhe nicht verlierend. »Wenn Dr. Sturm tot wäre, müßte man seine Leiche gefunden haben, und dies ist nicht geschehen. Anders läge die Sache, wenn es sich nur um einen Unfall handelte. Er kann mit dem Rad gestürzt sein – und, bewußtlos aufgefunden, in einem unserer Spitäler liegen. Ich verspreche Ihnen, darüber noch heute Erkundigungen einzuziehen. Nebenbei wollen wir aber auch die andere Angelegenheit nicht vernachlässigen – die Frage seiner Ehrenrettung. Denn auch ich bin bis jetzt von seiner Unschuld überzeugt.«

»Das lohne Ihnen Gott,« murmelte Mara tiefbewegt.

»Um sie aber beweisen zu können, müssen wir, wie Sie vorhin sehr richtig bemerkten, den wahren Schuldigen haben. Deshalb möchte ich Sie bitten, mir einige Fragen zu beantworten.«

»Fragen Sie!«

»Vor allem: Erwiderte Ihre Schwester Sturms Liebe?«

»Darüber kann ich keine Auskunft geben. Ich bin nicht meiner Schwester Vertraute,« antwortete Mara kurz, indem sie die Augen, verwirrt durch Hempels forschenden Blick, von ihm abwandte.

Es entging Hempel aber nicht, daß Mara bei seinen Worten noch tiefer erblaßt war.

›Sie weiß mehr, als sie sagen will oder darf,‹ dachte er befriedigt und fuhr rasch fort: »Vorderhand können wir übrigens diese Frage beiseite lassen. Sie würde ja auch den Verdacht gegen Dr. Sturm nur teilweise entkräften. Nur die Entdeckung des wahren Täters kann ihn ganz entlasten. Haben Sie in dieser Richtung einen bestimmten Verdacht?«

»Nein.«

»Besinnen Sie sich gut! Allem Anschein nach ist die Tat aus Haß oder Rache geschehen. Ihr Vater muß also einen Feind besessen haben. Wurde vielleicht jemand aus der Dienerschaft vor kurzem entlassen?«

»Nein, die Leute sind sämtlich schon länger im Hause und waren meinem Vater, der ihnen ein sehr milder Gebieter war, stets besonders zugetan. Wenn es mal einen Streit im Hause gab, so war es zwischen Major Botstiber und irgend einem Diener. Sie werden vermutlich gehört haben, daß der Major bei uns die Oberaufsicht führte?«

»Jawohl. Geschah dies auf Wunsch Ihres Vaters?«

»Gewiß! Papa beschäftigte sich am liebsten mit Wissenschaft und Sport. Er war ein vorzüglicher Reiter und Jäger. In seinen Mußestunden trieb er geschichtliche Studien. Praktische Dinge, besonders landwirtschaftlicher Natur, waren ihm verhaßt. Deshalb bestand auch auf Kreuzstein bis zu meines Vaters zweiter Heirat gerade keine Musterwirtschaft, und wenn es in den letzten dreizehn Jahren anders wurde, so verdanken wir es gewiß nur Major Botstibers Umsicht und unermüdlicher Tätigkeit. Freilich – er war ein strenger Herr und darum gab es zwischen ihm und den Leuten manche Reibereien, die aber Papa stets wieder in seiner gütigen taktvollen Art in Ordnung brachte.«

»Ihr Vater heiratete aus Liebe, nicht wahr?«

»Ja. Er kannte Major Botstiber, der gleich ihm Mitglied des Reiterklubs war, schon geraume Zeit. Durch ihn lernte er eines Tages anläßlich eines Praterrittes dessen Mündel, meine nachmalige Stiefmutter, kennen. Sie war damals erst neunzehn Jahre alt und von bestrickender Anmut. Heute, mit 32 Jahren, ist sie noch eine Schönheit ersten Ranges.«

»Vermögen besaß sie wohl keines?«

»Nein. Ihr Vater war ein Regimentskamerad Major Botstibers und so mittellos wie dieser. Aber Sie dürfen nicht glauben, daß Mama meinen Vater des Geldes wegen heiratete. Es war auch von ihrer Seite eine Liebesheirat.«

»Trotzdem glaube ich gehört zu haben, daß die Ehe keine ganz friedliche war?«

»Oh – daran waren hauptsächlich schuld Papas große Eifersucht und Mamas zuweilen etwas kindische Launen. Aber sie hatten sich bis zuletzt doch herzlich lieb. Früher gab es überhaupt nie Streit, erst seit –«

Mara brach errötend ab und griff nach ihrem Sonnenschirm, indem sie sich erhob.

»Ich glaube, Sie wissen nun alles, Herr Hempel, und ich kann ...«

»Pardon,« unterbrach Silas sie ruhig, aber bestimmt. »Sie vollendeten den letzten Satz nicht. Seit wann gab es Streit zwischen Ihren Eltern?«

»Ich möchte darüber lieber nicht sprechen. Die Sache ist verjährt und hat ja auch ganz bestimmt keinerlei Beziehung zu unserem Thema.«

»Dies ist möglich. Wenn Sie aber meine Hilfe wünschen, müssen Sie vor allem meine Fragen offen beantworten und Vertrauen in meine Diskretion setzen. Wenn ich finde, daß Ihre Auskunft wirklich in keiner Beziehung zu unserem Thema steht, so werde ich sie gewiß sofort vergessen wie ein Beichtvater.«

Mara zögerte noch einen Augenblick, dann sagte sie entschlossen: »Nun gut, obwohl die ganze Sache nur eine Kinderei war. Ich sagte Ihnen bereits, daß Mama zuweilen etwas kindische Launen hat. Eine solche war es, daß sie vor ungefähr einem Jahr, als sie mit Yolanthe und mir vier Wochen in Franzensbad zubrachte, sich einfach als Isabel von Rittler in die Kurliste aufnehmen ließ und es für einen Kapitalspaß ansah, daß man uns für drei unverheiratete Schwestern nahm. Ein junger Aristokrat, Baron Weltenberg, machte ihr ahnungslos den Hof und verliebte sich zuletzt so ernstlich in sie, daß er im Begriff stand, ihr seine Hand anzutragen. Am selben Tag kam mein Vater, um uns abzuholen, und erfuhr die ganze Geschichte von Mama selbst, die sich totlachen wollte über den ›Spaß‹! Begreiflicherweise nahm mein Vater die Sache nicht so scherzhaft. Es bedurfte meines ganzen Einflusses, um erstens die Eltern wieder zu versöhnen, zweitens ein Duell zu verhindern zwischen Papa und dem genarrten Weltenberg, der leider nur zu ernsthaft in Mama verliebt war und sie beschuldigte, sein ganzes Lebensglück zerstört zu haben.

Am nächsten Tage reisten wir gottlob ab. Aber seitdem war Papa so eifersüchtig und mißtrauisch, daß er Mama auch nicht für einen Tag ohne seine Begleitung von Kreuzstein fortließ, Sie, die an Freiheit und Vergnügungen gewöhnt war, litt darunter, und so gab es öfter kleine Zwistigkeiten.

»Baron Weltenberg hätte also Ihre Stiefmutter geheiratet, wenn sie frei gewesen wäre?«

»Unbedingt!«

»Und Frau von Rittler?«

»Oh, meine Mutter ist eine kühle, passive Natur. Was sie an Liebesfähigkeit besitzt, gehörte sicher nur Papa.«

»Hm – wir wollen es hoffen. Und auch, daß dieser Baron, dem so übel mitgespielt wurde, keine leidenschaftlich oder rachsüchtig angelegte Persönlichkeit ist.«

»Letzteres ist er bestimmt nicht. Ich bin überzeugt, daß er sein Vorhaben ausführte, auf Reisen ging und jene törichte Episode längst verwunden hat.«

»Eine Frage noch: Warum wies Ihr Vater Sturms Werbung so schroff zurück? Warum war er überhaupt gegen diese Verbindung, wenn er sonst so gütig war, wie man sagt?«

»Bestimmtes kann ich darüber nicht sagen. Sturm ist arm, und Papa hielt ihn wohl für einen Mitgiftjäger, Mama deutete mir einmal an, er habe in diesem Sinne eine anonyme Mitteilung bekommen, die ihn sehr gegen Dr. Sturm einnahm.«

»Mehr wissen Sie nicht über diesen Punkt?«

»Nein.« Mara erhob sich und schickte sich an, zu gehen, als sie plötzlich wie von einem Gedanken betroffen stehenblieb und den Detektiv fast bestürzt ansah.

»Sie haben mir noch etwas zu sagen?« fragte er.

»Ja. Und ich begreife kaum, wie ich es bis heute vergessen konnte! Oh – und gerade diese Sache erhält ja nun durch Papas Tod eine furchtbare Bedeutung!!«

»Welche Sache?«

»Hören Sie! Es mag ein halbes Jahr her sein, da kam Papa zu mir auf mein Zimmer und sagte folgendes: Mara – mir ist etwas sehr Seltsames begegnet. Als ich heute früher als gewöhnlich von der Jagd heimkehrte und eben langsam durch den dämmernden Park schritt, stieß mein Fuß an etwas Klirrendes, das mitten im Wege lag. Ich bückte mich darnach und hob zu meinem grenzenlosen Erstaunen meine eigenen Schreibtischschlüssel auf. Erst dachte ich, ich selbst hätte sie soeben verloren, aber ein Griff in die Tasche überzeugte mich, daß sie an ihrem richtigen Platze waren. Das Duplikat lag, wie ich bestimmt wußte, im Tresor der Wertheimkasse geborgen, also mußte irgend jemand sich ein drittes Paar haben anfertigen lassen. Die Entdeckung war, wie du dir denken kannst, nicht angenehm! Ich blickte unwillkürlich suchend um mich. Es wäre ja möglich, daß der Betreffende, der sie verloren hatte, sich noch in der Nähe befand. Im nächsten Augenblick schon erblickte ich wirklich eine verdächtige Gestalt, die scheu zwischen den Büschen hinglitt.

Ich sofort hinter ihr drein. Es war ein alter Mann mit struppigem grauen Kopf und verwildertem Bart, aber ganz sauber gekleidet. Einen Augenblick lang wandte er mir das Gesicht zu – mein Lebtag habe ich nichts Wilderes, Unheimlicheres gesehen als diese flackernden schwarzen Augen über schlaffen bläulichen Säcken und fahlen Wangen! Ich jagte ihn eine Weile, aber in der zunehmenden Dämmerung entkam er mir schließlich und verlor sich zwischen den Feldern.‹

›Und hast du nachgesehen, ob dir Gelder fehlen, Papa?‹ fragte ich.

Er zuckte verlegen die Achseln.

›Du weißt, ich bin etwas leger in Geldsachen, mein Kind. Und da ich über die Summen, die ich allmonatlich zur Bestreitung meiner persönlichen Liebhabereien in meinem Schreibtisch deponiere, nicht speziell Buch führe, so kann ich es wirklich nicht sagen. Vorgekommen ist es mir allerdings schon öfter, als ob ich unverhältnismäßig schnell damit fertig würde.‹

›Wirst du eine Anzeige machen, Papa?‹

›Gott bewahre! Dadurch würden alle im Haus beunruhigt werden und heraus käme wahrscheinlich doch nichts. Vorläufig habe ich ja die Schlüssel und in den nächsten Tagen will ich neue Schlösser an dem Schreibtisch anbringen lassen. Sage auch Mama ja nichts. Sie würde erschrecken. Ich wollte es nur dir erzählen, weil du ja stets mein guter Kamerad bist und auch reinen Mund halten kannst.‹

Wir sprachen noch einigemale von der Sache, aber da die Schlösser geändert wurden und nie mehr etwas wegkam, so geriet die Geschichte in Vergessenheit, bis mir Papa am Abend vor seiner Ermordung beim Gutenachtkuß zuflüsterte: ›Denke dir, Mara, ich habe heute den Kerl wiedergesehen, der damals meine Schreibtischschlüssel nachmachen ließ. Ich verfolgte ihn bis an seinen Schlupfwinkel, wagte aber nicht einzutreten, da ich ohne Waffe war. Morgen will ich mir indessen das Haus jedenfalls näher ansehen. Und denke dir: er sieht unserem alten verstorbenen Portier zum Verwechseln ähnlich!‹«

»Wo das Haus lag, sagte Ihr Vater nicht?«

»Leider nein. Wenige Stunden später war er eine Leiche und ich vergaß über andern Dingen diese Mitteilung vollständig. Erst jetzt erinnerte ich mich daran.«

»Eine sonderbare Geschichte. Aber Sie haben recht – angesichts der grausigen Mordtat gewinnt sie furchtbare Bedeutung. Der Kerl mit dem verwilderten Bart und blauen Säcken unter den flatternden schwarzen Augen muß jedenfalls aufgefunden werden!«

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