Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Annie Hruschka >

Schüsse in der Nacht

Annie Hruschka: Schüsse in der Nacht - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorAnnie Hruschka
titleSchüsse in der Nacht
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140214
projectid7154783b
Schließen

Navigation:

VIII.

Silas Hempel war erst ziemlich spät abends in seine Wohnung zurückgekehrt.

Kata, die alte Kroatin, welche seit vielen Jahren als Wirtschafterin bei ihm angestellt war und ihm vermöge einer seltsamen Charaktermischung von Treue, selbstlosester Ergebenheit, derber Offenheit, Schlauheit und versteckter Tyrannei, eine abwechslungsreiche Häuslichkeit schuf, empfing ihren Herrn mit unwirscher Miene.

»Wo so lange gewesen?« inquirierte sie polternd, »haben ersten Fasan gebraten und ersten Apfelstrudel gemacht und Herr sein nix gekommen! Jetzt Kata zornig geworden und alles weggeschmissen!«

»Das sieht dir wieder ähnlich, alte Hexe,« erwiderte Hempel ärgerlich, sich auf seinen Schlafzimmerdiwan werfend und erschöpft die Augen schließend, denn er war todmüde. »Wenn man nicht immer gleich da ist, sobald du einem einen guten Bissen zugedacht hast, gleich wirfst du in deinem Zorn die Sachen einfach weg. Eine nette Angewohnheit, das muß ich sagen!«

Kata stand unbeweglich und betrachtete ihren Gebieter höhnisch.

»Daß du auch nie lernen wirst,« fuhr er fort, »meinen Beruf zu begreifen! Wenn ich eine Sache von Wichtigkeit in der Hand habe, werde ich mich doch nicht an deine schnöden Eßstunden binden! Da hört alles andere eben auf zu existieren.«

»Immer Spitzbuben fangen nix wichtig sein!« warf die Kroatin geringschätzig ein. »Aber essen muß die Mensch, wenn will leben.«

»Ach, behalte deine Weisheit lieber für dich und bringe mir wenigstens eine Tasse Tee. Siehst du nicht, daß ich fast verhungere?«

Aber Kata rührte sich noch immer nicht vom Fleck.

»Gestern abend Herr sein fort und jetzt sein wieder Abend. Und Herr gestern haben gesagt, daß gehen in die schlechte Restaurant!«

»Unsinn! Wir waren im Stefanskeller, Dr. Wasmut und ich. Das ist ein sehr gutes Restaurant.«

»Dann Herr keine Hunger haben, wenn sitzen von gestern bis heute in die ›gute‹ Restaurant, wo alles immer kochen mit Unschlitt.«

»Närrin! Erstens ist das nichts als eine fixe Idee von dir, daß in allen Restaurants mit ›Unschlitt‹ gekocht wird, und zweitens saßen wir natürlich nicht 24 Stunden dort. Um eins wurde Dr. Wasmut abgerufen, und da mich die Sache interessierte, schloß ich mich ihm an.«

»Dann Herr später in andere Restaurant gegessen?«

»Nein, zum Kuckuck! Außer einem Kaffee, den wir kurz vor der Abfahrt nach Kreuzstein einnahmen, habe ich nichts im Magen als ein Stück trockenes Brot.«

»Kreuzstein aber sein eine Restaurant?«

Hempel fuhr sich wütend mit allen zehn Fingern durchs Haar.

»Du kannst einen verrückt machen mit deinen ewigen ›Restaurants‹, alter Drache! Nein, Kreuzstein ist keines, sondern ein Schloß, in dem man heute nacht einen Mord beging, der mich den ganzen Tag so auf den Beinen hielt, daß ich ans Essen nicht denken konnte. Und jetzt mach' dich daran, mir einen Tee zu bereiten, sonst, meiner Treu, esse ich unsern Kater Murx hier noch samt dem Fell auf!«

Kata lächelte schlau befriedigt.

Das war ihre Art, Hempel auszuforschen: sie brachte ihn durch Fragen so sehr in Wut, bis sie schließlich genau wußte, wo er gewesen und hauptsächlich, ob er etwa irgendwo besser gegessen hatte als daheim.

Da sie nun in dieser Beziehung beruhigt war und keine unbekannte Hotelköchin als Rivalin in der Gunst um ihres Herrn Magen zu fürchten hatte, lächelte sie plötzlich sanft und sagte beruhigend: »Teewasser schon kochen und Fasan nix weggeschmissen. Auch sonst noch gute Sachen da; Herr gleich essen sollen.«

Fünf Minuten später brachte sie eine so vollbesetzte Platte herein, daß dem erschöpften Privatdetektiv das Wasser im Munde zusammenlief und er Kata trotz ihrer struppigen Haare und ihres häßlichen Altweibergesichtes am liebsten umarmt hätte vor Dankbarkeit.

Bald füllte der Duft des Tees das Zimmer. Murx, der gelbe Angorakater, schnurrte behaglich neben seinem Herrn, und Kata kniete vor dem Diwan, um Hempel statt der kotigen Stiefel seine bequemen Hausschuhe anzuziehen.

Denn darin war er ja unverbesserlich: von selbst dachte er nie an sein Behagen.

Kata, glückselig bei dem Gedanken, daß ihr vielgeplagter Herr nun endlich ein paar Stunden der Ruhe vor sich hatte, suchte in ihrer unbeholfenen Weise auch für Unterhaltung zu sorgen.

So erzählte sie weitläufig von dem Befinden all der Vögel im Nebenzimmer, die Hempels Lieblinge waren und sonst das ganze Interesse seiner Mußestunden bildeten.

Heute aber hörte er gar nicht zu. Er hatte ein mit Namen und stenographischen Zeichen bedecktes Papier aus der Tasche gezogen, dessen Inhalt er aufmerksam studierte. Besonders schien ihn ein in der Ecke flüchtig angebrachter Plan von Schloß Kreuzstein zu interessieren.

So vertieft war er in diese Arbeit, daß er nicht einmal die Klingel hörte, die eben ertönte.

Erst als er eine bekannte Stimme draußen vernahm und gleich darauf Katas barsche Stimme: »Nix herein können. Herr schon lange schlafen!« sprang er auf und eilte lachend hinaus.

»Keine Spur von Schlaf, Wasmut, kommen Sie nur ungeniert herein. Sie hatten nie im Leben eine nettere Idee, als diese, mich heute noch aufzusuchen!«

Dr. Wasmut folgte ihm, von Katas wütenden Blicken gefolgt, gleichfalls lachend.

»Das muß ich sagen – einen netten Hausdrachen haben Sie da als Schutzengel, Silas!«

»Oh, sie ist treu wie Gold und kocht wie eine Göttin! Wenn sie mich jetzt für schlafend ausgab, geschah es nur aus Liebe, denn sie will mich zwingen auszuruhen. Kata ist ein Edelstein, – allerdings ganz ungeschliffen. Aber machen Sie sich's nur bequem, Wasmut. Hier ist noch Tee und allerhand gute Dinge. Dort stehen die Zigarren.«

»Na, ich werde Sie nicht lange aufhalten. Haben wir doch beide die letzte Nacht nicht geschlafen. Eigentlich kam ich nur, erstens um zu erfahren, wohin Sie heute morgen so plötzlich gekommen sind in Kreuzstein – niemand wußte es – und zweitens um Ihnen zu sagen, daß die ganze Geschichte ganz banal verläuft.«

»So? Wirklich? Sie haben den Täter wohl schon?«

»Nun, wir wissen, wie die Tat geschah, kennen den Namen des Täters, das Motiv – alles!«

Ein feines ironisches Lächeln spielte um Silas Hempels schmale Lippen.

»Dann waren Sie viel glücklicher als ich, der ich wie ein Windhund zehn Stunden lang alle Räume des Schlosses ablief, in jeden Winkel schnobberte, alle möglichen Leute ausholte, den ganzen Park durchsuchte und mir jetzt den Kopf vergebens zerbreche über die mögliche Person des Täters, besonders aber über sein Motiv!«

»Nun, die Sache ist ganz einfach: es war ein abgewiesener Freier der schönen Yolanthe von Rittler, der die Tat aus Rache oder Habsucht verübte.«

»Hat er sich bereits dazu bekannt?«

»Noch nicht, denn wir haben ihn noch nicht –«

Hempel richtete sich überrascht auf.

»Ah – Sie hielten es doch noch nicht für geraten, Sturm verhaften zu lassen?«

»Im Gegenteil! Aber das Nest war leer, als die Polizei hinkam. Sturm kehrte nach der Tat gar nicht mehr in seine Wohnung zurück, sondern begab sich sogleich aus die Flucht.«

Silas starrte den Untersuchungsrichter einen Augenblick lang ungläubig an, dann stützte er den Kopf in die Hand, nahm wie stets, wenn ihn etwas stark beschäftigte, eine Prise aus der kleinen perlmutterverzierten Schnupftabaksdose, die er stets bei sich trug, und versank in tiefes Nachdenken.

»Hm – sonderbar,« sagte er endlich wie erwachend. »Das hätte ich nicht erwartet!«

Dr. Wasmut zündete sich gemütlich eine Zigarre an und lächelte.

»Aha – Sie halten ihn aus purer Opposition wieder einmal nicht für den Täter, weil ich von seiner Schuld überzeugt bin!«

»Gar nicht aus Opposition, sondern einfach darum nicht, weil seine Spur da fehlt, wo sie sein müßte, wäre er der Täter!«

»Aber er war zur Zeit der Tat im Park.«

»Zugegeben. Es waren auch noch andere Leute dort und doch ...«

»Andere? Hätten Sie Spuren gefunden, die uns entgangen sein sollten?«

»Oh sie kommen kaum in Betracht, denn sie liegen weit ab von der Stelle, wo sie für uns von Bedeutung wären.«

»Nun, der junge Sturm aber war wenigstens an dieser Stelle, wie die Aussage des Gärtnerburschen beweist.«

»Bah – was beweist sie denn? Daß Sturm unter Rittlers Fenster stand, nachdem die Tat bereits geschehen war. Aber von dort aus könnte kein Mensch durch ein Fenster im ersten Stock schießen! Dies wäre überhaupt nur von dem Rosenspalier oder der Hainbuchengruppe aus möglich.«

»Sehr richtig. Logischer Schluß: nur Sturm selbst konnte es sein oder er hätte die Flucht des Mörders mitansehen müssen!«

»In beiden Fällen hätten sich aber Spuren unten im Erdreich finden müssen, da der Täter doch nicht durch die Luft geflogen sein kann! Nein, nein, Wasmut, es stimmt nicht. Ich muß morgen früh noch einmal hinaus, um mir das Zimmer des Ermordeten genauer anzusehen, als dies heute möglich war. Ist es versiegelt?«

»Nein. Der Tatbestand wurde aufgenommen, die Leiche entfernt, und da ich sämtliche Papiere des Toten in mein Bureau schaffen ließ, lag kein Grund vor, das Zimmer länger abzuschließen.«

»Schade. Indessen, es muß auch so gehen.«

Er versank abermals in Nachdenken und nahm mechanisch eine Prise nach der andern.

Plötzlich sagte er: »Haben Sie sich das Fenster genau angesehen, Wasmut?«

»Jawohl.«

»Und fiel Ihnen nichts auf dabei?«

»Nicht das mindeste. Was sollte mir denn aufgefallen sein?«

»Oh, ich meinte nur so. Ich selbst habe diesem Punkt leider zu wenig Beachtung geschenkt, wie ich jetzt sehe. Sind Sie sicher, daß die Schüsse von außen, d. h. durch das Fenster abgegeben wurden?«

Wasmut lächelte.

»Woher sollten sie denn sonst gekommen sein?«

»Könnte der Täter nicht im Hause versteckt gewesen sein?«

»Unsinn – wohin wäre er gekommen, da die beiden Töchter fast unmittelbar nach der Tat das Zimmer betraten?«

»Das weiß ich nicht. Der Gedanke kam mir eben erst ganz plötzlich ... es ist allerdings rätselhast, daß Herr von Rittler ... aber morgen werde ich es ja ergründen. Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich mich aus Fachinteresse ein wenig mit der Sache beschäftige?«

»Im Gegenteil! Sie wissen, wie viel ich auf Ihr Urteil gebe, wenn ich auch im vorliegenden Falle Ihre Mühe für verloren halte. Sturms Flucht schließt für mich jeden Zweifel an seiner Schuld aus.«

»Diese Flucht ... ja ... sie belastet ihn in der Tat sehr ...« murmelte Hempel, abermals eine Prise nehmend, gedankenvoll. »Dennoch ...«

Er schwieg und blickte verloren in das Licht der Lampe.

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.