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Schüsse in der Nacht

Annie Hruschka: Schüsse in der Nacht - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorAnnie Hruschka
titleSchüsse in der Nacht
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140214
projectid7154783b
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VI.

Silas Hempel hatte sich, als die Gerichtskommission Kreuzstein verließ, nicht eingefunden.

Man wartete einige Minuten und fragte dann nach ihm, aber niemand von der Dienerschaft hatte ihn gesehen, und so fuhren die Herren denn schließlich allein fort.

Zur selben Zeit schlenderte Yolanthe anscheinend planlos den Treibhäusern zu.

Ihre Zofe hatte ihr soeben noch unter dem Bann der Erregung, welche Valentins Aussage vor dem Untersuchungsrichter in der Dienerschaft hervorgerufen hatte, den Inhalt dieses Verhöres mitgeteilt.

Als Yolanthe vernahm, daß der Gärtnergehilfe nur widerstrebend und durch seinen Meister gedrängt, sich überhaupt zur Aussage entschlossen hatte, atmete sie unwillkürlich tief auf und ein erlösender Gedanke fiel in die Unruhe, die sie seit einer halben Stunde marterte.

Hastig nahm sie ihren Schal um, schrieb ein paar Worte auf einen Zettel, den sie kuvertierte, und begab sich alsdann nach den Treibhäusern.

Genau wie sie gehofft, fand sie Valentin allein dort arbeitend vor, während sein Meister einige Taglöhner beim Transport von Gewächsen beaufsichtigte, die nach der Schloßkapelle geschafft werden sollten.

Als Valentin die junge Herrin erblickte, ließ er vor Schreck die Gartenschere fallen und wurde abwechselnd rot und blaß.

Denn Yolanthe, von allen geliebt und bewundert, war für den armen Burschen ein Gegenstand tiefster heimlicher Schwärmerei.

Einmal, als er sich die Hand verletzt hatte, war sie seinetwegen um Verbandzeug gelaufen, und wenn sie ins Dorf kam, so vergaß sie selten, seiner alten Mutter im Vorübergehen ein Almosen zu schenken.

Darum betrachtete Valentin Yolanthe wie ein höheres Wesen, das gleich nach den Heiligen kam.

Aber eines Tages war er ihr auch menschlich näher gekommen, denn der Zufall hatte ihm ein Geheimnis enthüllt, das sonst niemand im Schloß ahnte: ihre Liebe zu Dr. Sturm.

Zwei Stunden vor dessen Abreise von Kreuzstein – im Herbst – war es gewesen, daß Valentin ahnungslos um eine Ecke der verschnittenen Hainbuchenalleen biegend, die beiden zärtlich Hand in Hand auf einer Bank sitzend erblickte und Zeuge eines Kusses wurde. Beide waren zu Tode erschrocken, als sie Valentin gewahr wurden. Die schöne Yolanthe hatte erst ein zorniges, dann ein recht verlegenes Gesicht gemacht. Und später war sie zu Valentin gekommen und hatte ihn mit weicher Stimme und schmachtendem Blick gebeten, doch ja niemand zu erzählen, was er gesehen habe. Und sie würde ihm diesen Dienst nie vergessen bis ans Ende ihrer Tage ...

Valentin wäre lieber gestorben, als daß er sie verraten hätte. War ihr bloßer Anblick ihm doch mehr als die Sonne am Himmel!

Und nun hatte gerade er, der sich seitdem insgeheim als eine Art Beschützer dieser heimlichen Liebe fühlte, Dr. Sturms Anwesenheit gestern nacht verraten müssen!!

Die Tränen traten ihm in die Augen, als er jetzt Yolanthes bleiches Gesicht vor sich sah. Er faltete die Hände und stammelte unbeholfen Bitten um Vergebung, Entschuldigungen, Erklärungen durcheinander.

Aber Yolanthe unterbrach ihn hastig: »Ich weiß alles, mein armer Valentin, du konntest nicht anders! Aber siehst du – nun steht es schlimm um Dr. Sturm, wenn es mir nicht gelingt, ihm rechtzeitig einen guten Rat zukommen zu lassen. Sage, Valentin – kannst du reiten?«

»So gut wie nur irgend einer! Wissen Sie nicht, daß mein Vater Reitknecht auf Kreuzstein war und ich stets bei ihm im Stall steckte, solange er lebte?«

»Das ist gut! Und wolltest du mir zuliebe sogleich nach der Stadt reiten und ein Billett an Dr. Sturm bestellen?«

»Ob ich will! Und wenn es mich meinen Posten kosten sollte!«

»Ich werde dich bei Martin schon entschuldigen. Wir sagen ihm, die Mutter wäre kränker geworden und ich selbst hätte dich hingeschickt und dir meine ›Amelie‹ geliehen, damit du schneller fortkommst. Hier ist das Billett. Die Stute wird noch gesattelt sein, denn ich sah vorhin den Reitknecht auf ihr vom Morgenritt zurückkehren. Wer höre, Valentin – du darfst das Billett absolut nur in Dr. Sturms eigene Hände abgeben! Wenn er nicht zu Hause ist, bringst du es mir zurück.«

»Sie können sich auf mich verlassen, gnädiges Fräulein, wie auf sich selber!«

Yolanthe horchte. Man hörte das Knirschen von Rädern, welche die Schloßrampe herabfuhren.

»Oh – sie fahren schon fort! Spute dich, Valentin! Du mußt unbedingt eher in der Stadt sein als die Herren, die eben wegfahren. Wirst du das können?«

»Sehr leicht! Ich reite über die Felder, da schneide ich einen Drittel des Weges ab.«

Er hatte die Schürze abgenommen und seinen an einem Nagel hängenden Rock übergeworfen.

»Wo wohnt der Herr Doktor?«

»Fürstenstraße 10, bei seiner Tante, Fräulein Rehbein.«

»Gut. In einer halben Stunde bin ich dort.«

»Vergiß nicht, wenn dich jemand frägt, zu sagen, daß du nach Sievering reitest!« rief Yolanthe dem Davoneilenden noch nach.

Er nickte. Yolanthe aber begab sich erleichtert nach ihrem Zimmer zurück. »Hoffentlich verläßt mich mein Glücksstern nicht und Ernst ist daheim, wenn der Bote kommt. Dann ist alles gewonnen,« dachte sie.

Sie öffnete eine Lade ihres Schreibtisches, dessen Schlüssel sie stets bei sich trug, warf einen Teil des Inhaltes achtlos heraus und griff nach zwei Päckchen, die Briefe enthielten.

Ohne das Band zu lösen oder einen Blick hinein zu werfen, schritt sie zum Ofen, zerbrach eine kleine Wandetagere und machte mit den Trümmern ein helles Feuer an, in dessen Mitte sie die Briefe legte.

Dann warf sie sich auf einen niedern Fauteuil und sah zu, wie die Flammen erst zögernd, dann immer gieriger an den zwei Paketchen fraßen.

Je weiter und gründlicher das Zerstörungswerk vorschritt, desto ruhiger wurden die Züge Yolanthes.

Plötzlich wurde sie durch das Oeffnen der Tür aufgeschreckt. Mara stand im Rahmen derselben und blickte verwundert auf das hellbrennende Feuer.

»Was tust du denn? Es kann dich doch nicht frieren?«

»Nein. Ich verbrenne nur Briefe.«

»Briefe?«

»Gott, ja! Ernsts Briefe und meine Antworten darauf, die ich mir gottlob immer zurückgeben ließ,« antwortete Yolanthe in ungeduldigem Tone, »ist deine Neugier nun befriedigt?«

Mara erwiderte nichts.

»Mama schickt mich. Du sollst zu ihr kommen,« sagte sie kurz und verließ das Gemach sofort wieder.

Yolanthe wartete noch eine Weile, ergriff dann einen Schürhaken und zerstampfte die verkohlte Asche, sorgfältig sich überzeugend, daß kein irgendwie lesbarer Rest von den Briefen übrig geblieben war.

Dann wusch sie sich die Hände und murmelte tief aufatmend: »So, nun ist alles, was mich kompromittieren könnte, dahin. Selbst der scharfsinnigste Mensch wird keinen Beweis mehr finden können, daß Ernst mir mehr war als irgend ein anderer Mann.«

Zwei Minuten später begab sie sich zu ihrer Stiefmutter hinüber.

Frau von Rittler hatte sich von den Schrecknissen der Nacht so ziemlich erholt und saß, aufmerksam den Ausführungen des Majors lauschend, der ihr von den bisherigen Resultaten der Untersuchung erzählte, auf ihrer Chaiselongue.

Als Yolanthe eintrat, warf sie dem Freunde einen warnenden Blick zu, denn er sprach eben von dem Verdacht gegen Dr. Sturm.

»Liebe Yolanthe,« nahm Frau Isabel das Wort, »ich wollte dich nur fragen, was deine Ansicht bezüglich der nächsten Zukunft ist. Mara hält es für unsere Pflicht, in Kreuzstein zu bleiben, bis das Dunkel, welches eures armen Vaters Tod umschwebt, gelichtet ist ...«

»Sie erblickt nämlich, wie sie uns soeben emphatisch erklärte, ›die Aufgabe ihres Lebens‹ darin, den Mörder ausfindig zu machen!« fiel Major Botstiber spöttisch ein. »Was sagen Sie dazu, Yolanthe?«

»Daß dies doch Sache der Polizei ist und nicht die unsrige! Und wenn ich die Herren vorhin richtig verstand« – eine flüchtige Röte glitt über ihr Gesicht – »so scheint man ja auch schon eine Spur gefunden zu haben! Meiner Ansicht nach ist es sogar im Gegenteil unsere Pflicht – mag der Betreffende nun mit Recht oder Unrecht verdächtig sein – uns gerade deshalb so fern als möglich von der ganzen Sache zu halten!«

»Nicht wahr? Das sage ich auch!« Frau Isabel atmete erleichtert auf und warf ihrer Stieftochter einen fast dankbaren Blick zu, denn sie hatte kaum zu hoffen gewagt, daß Yolanthe die Sache so ruhig nehmen würde. »Onkel Malchus ist derselben Ansicht und meint, wir könnten dies am besten, wenn wir für einige Zeit ins Ausland gingen. Er will sich sogar so weit opfern –«

»Bitte, liebe Isabel, von ›opfern‹ kann dabei gar keine Rede sein. Irgend jemand muß inzwischen doch in Kreuzstein nach dem Rechten sehen, und da ich Sie stets wie eine Tochter betrachtet habe, Joachim auch nach Ihres Vaters Tod mein bester Freund war, so ist es selbstverständlich, daß ich den leider zu früh von uns Gegangenen vertrete.«

»Sie sind immer gut und edel gewesen, Malchus! Erst vorhin wieder sah ich dies, als Sie sich ohne Zögern bereit erklärten, Leos Vormund zu werden!«

»Mein Gott, wie viele Worte Sie über die natürlichste Sache der Welt machen! Denken Sie doch nun an gar nichts, als daß Sie selbst sich von diesem furchtbaren Schlag erholen. Reisen Sie mit Ihren Töchtern, genießen Sie das Leben und denken Sie: Daheim sitzt einer, der mit Freuden für uns schafft und uns jede Unannehmlichkeit fernhält.«

Frau Isabel drückte gerührt des Majors Hand. Yolanthe aber sagte: »Es ist in der Tat sehr liebenswürdig, wie Sie für uns sorgen, und ich wüßte jetzt wirklich nichts Klügeres als zu reisen. Kreuzstein ist uns allen durch die Schrecknisse der letzten Nacht auf lange verleidet, und wir würden Papas Verlust nirgends so schwer verwinden als hier, wo uns die Erinnerung an ihn auf Schritt und Tritt verfolgt. Die Frage ist nur, ob man uns reisen lassen wird. Wird das Gericht nicht unserer Zeugenschaft bedürfen?«

»Hm – ich hoffe dies durch ein ärztliches Zeugnis zu umgehen. Ihre Mutter ist sehr angegriffen, das läßt sich nicht leugnen, und schließlich – was wissen wir denn alle? Als die Tat geschah, war niemand in Ihres Vaters Nähe. Außer Ihnen und Mara schliefen bereits alle, und was wir wußten, gaben wir ohnehin schon zu Protokoll.«

Wieder glitt eine flüchtige Röte über Yolanthes Gesicht.

»Ich meine nur ... daß man vielleicht in bezug auf jene Spur ...«

»Sie meinen wegen Dr. Sturm? Gut. Aber ich nehme an, daß Sie darüber auch bereits sagten, was Sie wissen?«

»Allerdings, nämlich die Wahrheit: daß ich dem Konflikt Papas mit ihm ganz fernestehe. Er war wie mancher andere ein Bewerber, den ich nicht mehr sah, seit er im vorigen Herbst in Gegenwart aller von mir Abschied nahm. Dafür, daß Papa ihn abwies, kann ich doch nichts?«

Der Major warf einen raschen, fast bewundernden Blick auf Yolanthe.

»Ausgezeichnet! Das genügt. Und will man noch mehr wissen, so bin ja ich da, der in diesem Sinn jede gewünschte Auskunft geben kann. Reisen Sie ohne Sorgen!«

»Und wohin, Mama? Was meinst du?«

»Onkel Malchus meinte, eine Mittelmeerreise, die man bis Indien ausdehnen könnte, würde uns die beste Zerstreuung gewähren?«

»Einverstanden! Wann glauben Sie, daß wir reisen sollen, Onkel Malchus?«

»Oh, sobald Sie reisefertig sind. Uebermorgen dürfte die Beerdigung erfolgen, dann steht Ihrer Abreise nichts mehr im Wege.«

Er blickte auf die Uhr und erhob sich.

»Ich muß nun zur Bahn, der Zug, welcher Leo bringt, trifft in einer Viertelstunde ein. Der arme Junge – ich wollte, ich hätte die erste Stunde nach seiner Heimkehr bereits überstanden!«

Frau Isabel blickte dem sich Entfernenden seufzend nach.

»Ich auch! Leo wird es furchtbar schwer tragen. Ach, und es ist ja auch alles so gräßlich! ... Wirklich, ich müßte verrückt werden, wenn es nicht gerade jetzt so viel zu tun und zu denken gäbe! Da ist vor allem die Reise ... was meinst du, Yolanthe, was wir an Toiletten mitnehmen sollen? Ich schickte Sophie vorhin mit dem Elfuhrzug nach der Stadt um Muster von Trauersachen. Ich ließ auch für euch mitbestellen ...«

»Hoffentlich bei Gerold?«

»Natürlich. Was ich noch sagen wollte, Maras wegen – ah, da ist sie ja selbst! Nun, liebe Mara – du bist überstimmt! Yolanthe ist auch für die Abreise. Wir gehen also nach Indien!«

»So?« Mara, die geräuschlos eingetreten war, ließ sich müde auf einen Stuhl am Fenster nieder. »Nun, wie Ihr wollt. Ich bleibe hier.«

»Mara!!?«

»Jawohl, Mama. Es wäre mir ganz unmöglich, jetzt unter fremde Menschen zu gehen. Auch erklärte ich dir vorhin bereits, daß ich nicht ruhen werde, ehe Papas Mörder gefunden ist.«

»Liebes Kind – das ist eine überspannte Idee! Außerdem hat man aller Wahrscheinlichkeit nach bereits die richtige Spur ...«

»Oh Mama – auch du kannst glauben –«

»Wer um Himmels willen sollte es denn sonst getan haben, da Papa absolut keinen Feind besaß?«

»Das weiß ich nicht. Aber Dr. Sturm ist unschuldig, dafür lege ich meine Hand ins Feuer!«

»Gut, gut, das Gericht wird ja wohl die Wahrheit an den Tag bringen ... Du aber, Mara, kannst unmöglich allein auf Kreuzstein bleiben. Ich meine, ohne weiblichen Schutz!«

»Dann gehe ich eben zu Tante Sessa in die Stadt. Sie hat mich oft genug eingeladen. Ich kann von dort aus jederzeit per Bahn oder Wagen nach Kreuzstein hinaus, was mir die Hauptsache ist.«

»Zu der alten griesgrämigen Stiftsdame willst du? Nun ich gratuliere! Bei der wirst du ein amüsantes Leben führen!« warf Yolanthe ein.

Mara sah die Schwester ernst an.

»Mir ist es jetzt auch gar nicht um ein amüsantes Leben zu tun, wo der schwere Verlust, den wir erlitten, all meine Gedanken beherrscht!«

Yolanthe machte eine ärgerliche Bewegung.

»Gott, tue doch nicht, als ob wir Papas Verlust nicht ebenso schwer empfänden! Aber alle Tränen der Welt können uns schließlich den Toten ja doch nicht wiedergeben ... Es ist Pflicht der Selbsterhaltung, sich in solchen Fällen gewaltsam zu zerstreuen. Aber wie du willst. Du bist ja stets am liebsten deine eigene Wege gegangen und würdest uns so am Ende nur jedes Lächeln zum Verbrechen machen ...«

»Kinder, Kinder, streitet euch doch nicht! Streit ist immer häßlich in einer Familie und wir sollten jetzt im Gegenteil –«

Frau Isabel machte ein hilfloses Gesicht.

»Wir streiten uns nicht, Mama,« fiel ihr Mara sanft in die Rede, »aber wir sind eben ganz verschieden, Yolanthe und ich, deshalb wirst du begreifen, daß es auch von diesem Standpunkt besser ist, ich bleibe hier.«

»Meinetwegen, wenn du durchaus willst ...«

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