Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Annie Hruschka >

Schüsse in der Nacht

Annie Hruschka: Schüsse in der Nacht - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorAnnie Hruschka
titleSchüsse in der Nacht
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140214
projectid7154783b
Schließen

Navigation:

V.

Yolanthe kam nicht allein, sondern in Begleitung Maras.

Sie entschuldigte dies mit ihrer großen Angegriffenheit, und wer einen Blick in ihr verweintes bleiches Gesicht tat und sah, wie die samtartigen Augen mit verstörtem Blick umherwanderten, begriff nur zu gut, wie tief die letzten Stunden sie erschüttert hatten.

Trotzdem war ihre Schönheit auch in diesem Augenblick noch so überwältigend, daß einige Minuten vergingen, ehe Dr. Wasmut so viel Fassung fand, um das Verhör zu beginnen.

Er stellte erst mehrere belanglose Fragen über die Auffindung der Leiche, die Yolanthe ruhig beantwortete.

Als man wissen wollte, ob sie bereits geschlafen habe, als die Schüsse fielen, sagte sie ohne Zögern: »Nein, aber ich stand eben im Begriff, zu Bett zu gehen, da trat meine Schwester, durch den Sturm erregt, aus dem Nebenzimmer herein. Gleich darauf hörten wir die Schüsse.«

Maras Augen hefteten sich groß und erstaunt auf die Schwester. Warum verschwieg Yolanthe, daß sie im Park gewesen und später mit ihr auf dem Korridor gestanden hatte, als die Schüsse fielen?

Aber Yolanthe tat, als sähe sie den fragenden Blick nicht.

Im nächsten Augenblick glitt eine jähe Röte, die aber sofort wieder verschwand, über ihr Gesicht. Der Untersuchungsrichter hatte gefragt:

»Wollen Sie uns nun – aber völlig wahrheitsgetreu – sagen, welcher Natur Ihre Beziehungen zu Dr. Sturm sind?«

»Meine – Beziehungen zu Dr. Sturm? Ich verstehe nicht ...!« Yolanthe schien sprachlos vor Erstaunen.

»Nun, Sie werden mindestens wissen, daß der junge Mann Sie verehrte?«

»Ja. Aber ich sehe nicht ein, was daran besonderes ist? Es kommt sehr häufig vor, daß junge Männer jungen Damen den Hof machen.«

»Gewiß. Indessen – hier handelt es sich um mehr. Oder sollte es Ihnen unbekannt sein, daß Dr. Sturm vor einigen Tagen brieflich bei Ihrem Vater um Sie anhielt?«

»Ich weiß es. Papa teilte es mir erst nachträglich mit und auch, daß er ihn abwies.«

»Aber Sie? Waren Sie damit einverstanden?«

»Ich hatte keine Gelegenheit, eine Meinung auszusprechen, denn Papa teilte mir seine Entscheidung ja erst nachträglich mit.« Yolanthe antwortete ganz ruhig, ohne Erregung. Nur ein verwundertes Kopfschütteln schien ihr wachsendes Staunen über den Gegenstand der Unterredung anzudeuten. Untersuchungsrichter Wasmut sah ein, daß er so nicht weiter kommen würde. Er sagte deshalb: »Sie sprechen nur von Ihrem Vater. Ich aber möchte wissen, welcher Art Ihre Beziehungen zu dem jungen Mann waren, ob Sie seine Liebe erwiderten und vor allem, ob Sie selbst nach jener verunglückten Werbung mit ihm etwa eine geheime Zusammenkunft hatten?«

Aller Augen hingen an dem jungen Mädchen. Aber kein Zug ihres Gesichtes veränderte sich.

Eine Sekunde lang öffneten sich Yolanthes Augen weit und sie sah den Untersuchungsrichter starr an. Dann schüttelte sie langsam den Kopf und antwortete unbefangen: »Nein. Ich bin ja niemals allein – wie sollte ich eine solche Zusammenkunft, selbst wenn ich sie für passend hielte – ermöglicht haben?«

»Dann können Sie uns also keine Auskunft darüber geben, was Dr. Sturm diese Nacht nach dem Park von Kreuzstein führte?«

Ein kalter hochmütiger Zug erschien in Yolanthes Antlitz. Starr wie eine Bildsäule stand sie da und blickte den Untersuchungsrichter an, als fasse sie den Sinn seiner Worte gar nicht.

Mara aber fuhr in namenlosem Schreck auf. »Oh,« stammelte sie völlig fassungslos, »er war hier ... heute nacht hier ... und du ...«

Mit einer gebieterischen Gebärde ergriff Yolanthe ihre Hand und drückte sie fast brutal.

»Fasse dich, Mara, was hast du denn?« sagte sie kalt, während ein scharfer Zug ihren schönen Mund entstellte. »Oder hättest du Dr. Sturm etwa heute nacht hier zufällig gesehen?«

»Ich? Nein! – Du weißt wohl, daß ich mein Zimmer nicht verließ, aber ...«

»Du wunderst dich natürlich gleich mir,« fiel ihr Yolanthe schroff in die Rede, »wie man dazu kommt, solche Fragen an uns zu stellen!! In der Tat, meine Herren, Sie scheinen sehr sonderbare Begriffe von der Anständigkeit einer jungen Dame aus gutem Hause zu haben ... klingt es nicht fast, als vermuteten Sie, ich habe ein nächtliches Stelldichein mit dem Herrn gehabt? Wie sollte ich sonst wissen, ob er im Parke war? Was geht mich Dr. Sturm überhaupt an? Er warb um mich und wurde abgewiesen – das ist alles! Beziehungen irgend welcher Art bestanden und bestehen zwischen uns nicht. Wünschen Sie sonst noch etwas zu wissen?«

Sie stand da, flammende entrüstete Abwehr in jedem Zug. Ihre schönen Augen hatten den sanften Ausdruck verloren und wanderten vorwurfsvoll von einem zum andern.

Dr. Wasmut kam sich klein und beschämt vor, angesichts dieses edlen Mädchenstolzes, den er verletzt hatte.

»Nein, gnädiges Fräulein,« sagte er in entschuldigendem Ton, »und ich bitte inständig um Vergebung, daß ich durch meine Fragen Ihre gerechte Entrüstung hervorrufen mußte. Leider gebot die Pflicht, sie zu stellen. Dr. Sturm wurde diese Nacht unter Umständen hier gesehen, die ihn schwer verdächtigen. Hätte seine Anwesenheit mit Ihrem Einverständnis stattgefunden, würde sie natürlich einen ganz anderen Charakter tragen. Ihre bestimmte Erklärung vorhin beweist jedoch unzweifelhaft, daß er bei seinem nächtlichen Besuch andere Dinge im Auge hatte als ein verliebtes Stelldichein.«

Mara wurde leichenblaß und zuckte zusammen. Aber Yolanthe nahm auch diese Erklärung mit der stolzen Miene einer Königin entgegen. Nichts in ihren unbewegten Zügen verriet, daß sie überrascht oder erschrocken war, ihren Anbeter als Mörder verdächtigt zu sehen.

Und nichts konnte gleichgiltiger klingen als der Ton, in dem sie nun sagte: »Wenn die Dinge so stehen, habe ich allerdings kein Recht, beleidigt zu sein. Immerhin glaube ich, daß Dr. Sturm seine Anwesenheit irgendwie wird erklären können, denn ich halte ihn einer schlechten Handlung nicht für fähig. Was mich betrifft, so möchte ich bitten, mich nun zurückziehen zu dürfen ... wir hatten seit gestern so viel Schweres durchzumachen, daß ich mich wirklich kaum mehr fähig fühle, gleichgiltigeren Dingen Aufmerksamkeit zu schenken.«

»Selbstverständlich! Ich bitte nochmals um Vergebung.«

Yolanthe neigte mit unvergleichlicher Grazie den Kopf zum Gruß und schritt, ihre Schwester mit sich ziehend, aus dem Gemach.

Mara, die dem Auftritt wie versteinert beigewohnt hatte, ließ sich willenlos fortführen. Ihr Antlitz war schneeweiß, die grauen Augen hatten einen völlig abwesenden Blick.

Erst als die Schwestern Yolanthes Zimmer betreten hatten, löste sich der Bann, der über Maras Wesen lag.

Mit einer heftigen Gebärde riß sie ihren Arm aus dem der Schwester und rief leidenschaftlich:

»Oh du ... du! Fremde Leute konntest du belügen, aber mich nicht! Mir sollst du Rechenschaft geben ...«

Sie verstummte erschrocken. Denn auch von Yolanthes Gesicht war die gleichgiltige Ruhe wie eine Maske abgefallen.

Kein Tropfen Blut war in dem plötzlich ganz entstellten Gesicht, dessen Zähne wie im Frost aneinander schlugen, während die eben noch so stolz und ruhig blickenden Augen angstvoll umherglitten und die Worte nur abgerissen über die Lippen kamen.

»Laß mich ... hast du denn nicht begriffen ... was es mich kostete ... siehst du nicht ... daß ich am Ende ... aller Kräfte ...«

Und plötzlich sank sie leblos wie ein geknicktes Rohr zu Boden.

Es dauerte eine lange Weile, ehe sie unter Maras Bemühungen die Augen wieder aufschlug. Ihr Atem ging rasch und eine fiebrige Röte bedeckte ihre Wangen, während sie lange schweigend nach der weißlackierten Decke emporstarrte, als suche sie dort nach einem Ausweg aus schweren Gedanken.

So fremd und hart war dieser unverwandt nach oben gerichtete Blick, daß Mara in dem Glauben, sie sei noch immer nicht bei voller Besinnung, sie durch keine Frage zu stören wagte.

»Geh und schließe die Türe ab, damit niemand uns belästigt,« sagte dann Yolanthe plötzlich in rauhem, gebieterischen Ton, indem sie sich von der Chaiselongue aufrichtete und mehrmals über die Stirn strich. »Wir wollen uns ein für allemal über die Sache aussprechen und dann nie mehr darauf zurückkommen.«

Mara gehorchte schweigend. Als sie aber zur Schwester zurückkehrte, warf sie sich, einem Impuls folgend, mit gerungenen Händen plötzlich vor Yolanthe auf die Knie und rief in inbrünstigem Flehen: »Nur eines, Yolanthe, ehe du irgend ein anderes Wort sprichst, – aus Gnade und Barmherzigkeit, sage mir die Wahrheit: Weißt du wirklich nichts von Sturms Anwesenheit gestern abend im Park? Kam er nicht um deinetwillen? Warst du nicht mit ihm beisammen?«

Einen Augenblick lang nur zögerte Yolanthe mit der Antwort, dann sagte sie ruhig: »Ja, er kam um meinetwillen, und wir waren fast zwei Stunden lang beisammen auf der Bank an dem kleinen rückwärtigen Parkpförtchen, das ich selbst ihm öffnete. Als das Gewitter begann, begleitete er mich bis in die Nähe des Schlosses, wo wir Abschied nahmen. Er verlangte diese Zusammenkunft, um sich nach Papas schroffer Abweisung mit mir über unsere Zukunft zu verständigen, und ich war schwach genug, darauf einzugehen. Bist du nun befriedigt?«

Mara war aufgesprungen.

»Und du hast ihn verleugnet? Kalt, fühllos, obwohl du erraten mußtest, wessen man ihn beschuldigte ...«

»Sollte ich meine Ehre preisgeben? Meinen guten Ruf für immer vernichten? Und was hätte es ihm schließlich geholfen? Ich weiß ja nicht, was er nach unserer Trennung tat. Vielleicht kehrte er sogleich zu seinem Fahrrad zurück, vielleicht ...« Ihr Blick nahm einen grübelnden Ausdruck an, während sie langsam fortfuhr: »Er war furchtbar erbittert auf Papa ... kann ich beschwören, daß der Zorn ihn nicht schließlich sinnlos übermannte ... daß er eine günstige Gelegenheit benützte ...«

»Yolanthe!!!« schrie Mara entsetzt aus. Dann schüttelte sie die Schwester wild an der Schulter. »Du sagst dies ... du! Die du ihn kennst! Ihn liebst! An ihn glauben müßtest, auch wenn alle Welt an ihm zweifelte! Du, die du ganz genau weißt, daß er der edelste, reinste Mensch auf Erden ist und unfähig auch des allerkleinsten Unrechtes!«

Yolanthe betrachtete die Erregte mit unendlicher Ueberlegenheit.

»Liebes Kind, jeder Mensch ist tadellos bis zum ersten Fehltritt, und wer kann schließlich in das Innere eines Menschen blicken? Uebrigens habe ich nur die Möglichkeit angedeutet, keine Behauptung aufgestellt. Aber laß uns endlich vernünftig sprechen. Sieh, als man um die Behörde schickte, tauchte sogleich die Möglichkeit vor mir auf, daß Ernsts Anwesenheit gestern bekannt werden und der Verdacht auf ihn fallen könnte. Darnach überlegte ich. Die Wahrheit hätte ihm selbst wenig genützt, mich aber hätte sie zugrunde gerichtet. Und schließlich ist in Stunden der Gefahr doch jeder sich selbst der Nächste, nicht wahr?«

»Du vergißt, daß Dr. Sturm, verhaftet und befragt – selbst die Wahrheit enthüllen wird!«

»Ernst? Niemals! Er liebt mich und würde sich lieber in Stücke hauen lassen, als meine Ehre den Mäulern der Leute preisgeben.«

»Oh – und darauf baust du! Auf seine selbstlose Liebe – du, die du ihn kaltblütig –«

»Laß das doch! Ich kann ja nicht anders handeln. Glaubst du denn, es wurde mir so federleicht? Aber ich denke, es gibt nur zwei Fälle: entweder ist er schuldig –«

»Niemals!!«

»Gut, dann muß ein anderer die Tat begangen haben, und man wird ihn finden. Ist Ernst rehabilitiert, dann steht unserer späteren Verbindung ja nichts im Wege.«

»Und wenn der Schuldige nicht gefunden wird?«

»Dann bliebe der Verdacht auf Ernst sitzen, und ich könnte doch keinesfalls seine Frau werden – siehst du das nicht ein?«

»So leicht könntest du ihn aufgeben? Oh, Yolanthe – und das nennst du Liebe?«

»Beruhige dich. Ich weiß ganz gut, was Liebe ist, aber ich lasse mich eben nicht blind von ihr regieren. Die Vernunft muß stets die Oberhand behalten.«

Maras Wangen bedeckten sich mit glühender Röte.

»Nein, ich sage dir, das ist nicht Liebe, die noch fähig ist zu klügeln und den eigenen Vorteil zu erwägen! Das ist nicht Liebe, die nicht ohne Bedenken sich für den Geliebten zu opfern bereit, der es nicht Wonne ist, seine Not zu teilen, seine Schmach auf sich zu nehmen, mit ihm in den Tod zu gehen, wenn es sein muß!«

»Nun – es liebt eben jeder auf seine Weise, und Ernst war bisher mit der meinigen zufrieden. Er wäre sicher der letzte, der ein nutzloses Opfer von mir verlangte.«

Mara trat erblassend zurück und strich sich mechanisch das feuchtgewordene Haar aus den Schläfen. Endlich murmelte sie matt: »Du willst also weiterlügen ... Tag für Tag ... immerzu, bloß weil dein bißchen Ruf auf dem Spiele steht?«

»Ich muß! Der Ruf eines Mädchens ist alles, mit ihm steht oder fällt ihre ganze Existenz! Uebrigens werde ich der Geschichte gern aus dem Wege gehen. Onkel Malchus meinte schon vorhin, es wäre für Mama das beste, wenn sie zur Erholung jetzt eine Reise machte. Ich finde den Gedanken sehr gut ...«

»Wie – du könntest fortgehen? Jetzt? Ehe du weißt, wie sich deines Bräutigams Angelegenheit entscheidet?«

»Warum nicht? Uebrigens vergiß nicht, daß kein Mensch außer dir um unsere Liebe weiß und Ernst noch lange nicht mein ›Bräutigam‹ ist. Vor der Welt ist er für mich nicht mehr als jeder andere oberflächliche Bekannte.«

»Und wenn dein Schweigen, welches ja den Dingen eine völlig andere Bedeutung gibt, Dr. Sturms Leben in Gefahr bringt?«

»Ich könnte es nicht ändern,« antwortete Yolanthe in gefühllosem Tone, so daß sich Mara darüber ganz entsetzte.

»Aber ich!« rief sie außer sich. »Du hast mich vergessen! Wenn er aus Liebe schweigt und du aus Selbstsucht, so werde ich sprechen aus Gerechtigkeit! Hörst du – ich werde hingehen und alles sagen! Magst du deine Liebe bisher noch so vorsichtig vor aller Welt verborgen haben, daß nicht einmal die Eltern, nicht die Dienerschaft sie bemerkten, so werde ich, die ich sie werden und wachsen sah, nun die volle Wahrheit sagen, weil mein Gerechtigkeitsgefühl sich dagegen empört, daß ein Unschuldiger geopfert werden soll!«

Yolanthe fuhr zusammen und starrte die Schwester erschrocken an.

»Das wirst du nicht tun, Mara ... denn ich schwöre dir, so wahr wir einer Mutter Kind sind ... daß ich es nicht überleben würde! Eher würde ich mich töten, als die Leute mit Fingern nach mir weisen lassen!«

»Oh, Menschen, die sich selbst so sehr lieben, daß sie kaltblütig die heiligsten Gefühle anderer in den Staub treten, töten sich nicht!« antwortete Mara bitter. Dann ballte sie zornig die Hände. »Ich habe so viel ertragen neben dir ... wie viel, kannst du ja gar nicht ahnen, denn du hattest immer nur Augen für dich selbst! ... Und ich ertrug es geduldig, denn deine Schönheit hat auch mich bezaubert und ich kannte dich noch nicht, wie ich dich heute kennen lernte. Daß du ein Sonntagskind bist, dem die Herzen mühelos zufliegen, daß du immer und überall, von den Eltern angefangen, die erste warst und ich die zweite, daß ich dich bediente und mich von dir tyrannisieren ließ, all das schien mir nur gerecht, denn du bist so schön, und ich hielt dich für gut ... jetzt aber ...«

»Nun – fahre nur fort – jetzt aber ...« sagte Yolanthe, die ihre Schwester immer aufmerksamer betrachtete, spöttisch.

Und Mara, die jede Besinnung verloren zu haben schien, fuhr leidenschaftlich fort:

»Jetzt aber weiß ich, was hinter deiner Märchenschönheit steckt, ein kaltes, eiskaltes Herz! Und ich dulde nicht, daß du Sturm einfach deiner Selbstsucht opferst. Er vor allem hat dies nicht um dich verdient!«

Sie schwieg erschöpft und sank auf einen Stuhl, mit bebenden Händen die Lehne umklammernd.

Totenstille herrschte in dem Gemach, bis Yolanthe plötzlich dicht an die Schwester herantrat und mitleidlos sagte: »Ich will dir sagen, warum du die Ehre deiner Schwester besinnungslos einem fremden Mann zulieb preisgeben willst: Du liebst diesen Mann selber! Nicht Gerechtigkeit treibt dich zum Sprechen an, sondern einfach das Bestreben, ihn mir zu entreißen!«

»Yolanthe!!!« Mara schnellte auf, wie von einem Schuß getroffen. An allen Gliedern zitternd, starrte sie die Schwester leichenblaß an.

Yolanthe nahm Mara bei der Hand und führte sie an den Schreibtisch, über welchem das Bild einer schönen, dunkelhaarigen Frau hing, die lächelnd auf den Beschauer blickte.

»Hier ist das Bild unserer Mutter, Mara. Denke, sie selber stünde lebendig neben uns, und wage es nun noch zu behaupten, daß ich log!«

Mara blickte abwesend auf das Bild. Allmählich wurde sie ruhiger.

»Nein,« murmelte sie endlich matt. »Ich leugne es nicht. Ich liebe ihn. Wie man das Beste, Edelste liebt, das einem vergönnt war, im Leben zu schauen. Aber ich schwöre, daß ich dir niemals auch nur mit einem Gedanken seine Liebe neidete.«

»Dann schwöre auch hier vor dem Bilde unserer Mutter, daß du über alles schweigen willst, was ich dir heute mitteilte, daß du mit keiner Silbe und gegen niemand unsere Liebe verraten willst!«

Mara schwieg. Ein furchtbarer Kampf spiegelte sich in ihren Zügen, die bis zur Unkenntlichkeit entstellt schienen.

»Mara – besinne dich! Wenn du nicht schwörst, so könnte ich nie mehr an die Reinheit und Selbstlosigkeit deiner Liebe für ihn glauben!«

Da flüsterte Mara mit Anstrengung. »Ich ... ich schwöre es dir! Gott wird mir helfen, seine Unschuld auch anders an den Tag zu bringen ...«

Tief aufatmend ließ Yolanthe ihre Hand los. Im nächsten Augenblick war sie allein im Zimmer. Mara hatte dasselbe fluchtartig verlassen.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.