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Schüsse in der Nacht

Annie Hruschka: Schüsse in der Nacht - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorAnnie Hruschka
titleSchüsse in der Nacht
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140214
projectid7154783b
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XXVII.

Mara ging unruhig in ihrem Zimmer auf und ab. Die Ereignisse der letzten Nacht gingen ihr immerfort im Kopf herum.

Je länger sie darüber nachdachte, desto unheimlicher und rätselhafter schien ihr alles.

Sie begriff weder, wer ihr nach dem Leben trachten konnte noch warum. Und am wenigsten begriff sie, wie Silas Hempel sich verkleidet hatte ins Schloß einschleichen können, wo man doch seit dem Mord doppelt vorsichtig war. Seine Weisungen, weit entfernt sie zu beruhigen, ängstigten sie nur noch mehr.

»Mißtrauen Sie allen im Hause!«

Klang das nicht, als ob sie von Räubern und Mördern umgeben wäre?

Mit Aufbietung aller Willenskraft war es Mara gelungen, das Frühstück zu überstehen. Leidlich unbefangen hatte sie ihre Geschichte vorgebracht, man hatte sie erschrocken bedauert, und Onkel Malchus war unerschöpflich gewesen in besorgten Fragen, wie ihr dies denn habe passieren können und ob sie wohl keine Nachwirkungen der Leuchtgasvergiftung mehr spüre.

Endlich gelang es ihr, sich unter dem Vorwand von Kopfschmerzen in ihr Zimmer zurückzuziehen.

Gegen neun Uhr war von Yolanthe ein ausführliches Telegramm aus Graz an den Major gekommen.

Sie und Frau Isabel waren bereits vor zwei Tagen von Brioni abgereist, doch war Mama so leidend, daß man in Graz die Reise unterbrechen mußte und erst heute morgen fortsetzen konnte.

Um Mittag würden sie in Wien eintreffen und gleich mit der Verbindungsbahn weiterfahren.

Onkel Malchus, an dem Mara schon gestern eine gewisse Nervosität aufgefallen war, strahlte plötzlich.

»Endlich!« sagte er aufatmend. »Wie froh und beruhigt werde ich sein, wenn Mama erst wieder bei uns daheim ist! Wir wollen ihr den Empfang so hübsch machen, daß sie alle Traurigkeit vergißt!«

Er rief den Gärtner und befahl ihm, die Treibhäuser zu plündern. Ueberall in Zimmern und Korridoren sollten Blumen und Gewächse stehen. Frau Baumer sollte die Teppiche auflegen lassen, der Heizer dafür sorgen, daß um Mittag kein Fleckchen im Schloß sei, wo die Temperatur nicht 16° betrage. – »Sie müssen bedenken, die Damen kommen aus dem Süden!« –

Ein Diener wurde in die Stadt geschickt, um junges Gemüse und Fasanen – Frau Isabels Lieblingsessen – einzukaufen. Die Konferenz mit der Köchin und Frau Baumer wegen des Menüs dauerte eine volle halbe Stunde.

Der Major war wie ausgewechselt, förmlich verjüngt. Er lief treppauf und ab, als wäre er fünfundzwanzig Jahre alt. Die Dienerschaft warf sich heimlich bedeutungsvolle Blicke zu, und auch Mara dachte halb erschrocken, halb empört: Oh – sollte er denn andere Gefühle für Mama haben, als irgend jemand ahnen konnte? Er ist ja ganz verändert ...

Als Botstiber gegen Mittag, vom Kopf bis zu den Füßen schwarz gekleidet, bei ihr erschien, um sie zum Mitfahren auf den Bahnhof aufzufordern, lehnte sie kalt ab.

»Ich erwarte Mama und Yolanthe hier.«

Sie bemerkte wohl, daß der Major gar nicht ungehalten war über dieses Arrangement, und ihre Unruhe wuchs, als sie wieder allein war.

Plötzlich blieb sie, ihre Wanderung unterbrechend, wie angewurzelt mitten im Zimmer stehen.

Ein furchtbarer Gedanke war blitzartig in ihr aufgetaucht: Wenn Onkel Malchus wirklich die Absicht hätte, sein Mündel zu heiraten, wessen Einfluß mußte er dabei fürchten? Mama war lenksam und leicht zu bereden, Leo ein Kind, Yolanthe dachte nur an sich selber. Sie aber, Mara, würde sich dieser Heirat einer lebensdurstigen unerfahrenen Frau mit einem alten Mann sicher widersetzt haben. Ihr Gewissen würde sie zwingen, die Mutter zu warnen ...

Ahnte Botstiber das? War sie ihm deshalb im Wege gestanden?

Der Schweiß trat Mara auf die Stirn, abwehrend erhob sie die Hände. »Nein – nein – ich bin wahnsinnig, so etwas nur zu denken,« murmelte sie, »es ist ja nicht möglich!«

In diesem Augenblicke – der Wagen, welcher den Major an die Bahn bringen sollte, war soeben abgefahren – klopfte es an Maras Tür.

»Herein,« sagte sie mechanisch.

Silas Hempel erschien auf der Schwelle. Sein Gesicht strahlte, ein frohes Leuchten lag in seinen blauen Augen.

»Oh – Sie! Sie!« stieß Mara, in tiefster Seele erleichtert, heraus, und es war, als wiche bei dem bloßen Anblick dieses Mannes alle Angst und Unruhe von ihr. »Gottlob, daß Sie da sind ... werden Sie mir nun endlich erklären ...«

»Vor allem bringe ich Ihnen eine frohe Botschaft,« sagte er, ihre Frage überhörend, »Dr. Sturm lebt und ist gefunden!«

Bei diesen Worten versank alles andere in Mara. Unfähig, sich zu verstellen, stieß sie einen Schrei tiefsten Glückes aus, während Tränen in ihre Augen traten.

»Er lebt ... er lebt ... er lebt ...« wiederholte sie unaufhörlich, als hätte die Sprache kein süßeres Wort als dieses.

Hempel wandte sich ergriffen ab und trat ans Fenster. Er hatte längst geahnt, daß Maras Herz dem Verschwundenen gehörte, und da sein Beruf ihn nicht gegen weiche Regungen verhärtet hatte, war er zuerst zu ihr geeilt, um ihr die frohe Nachricht zu bringen.

Als er sich nun nach fünf Minuten Mara wieder zuwendete, klang seine Stimme weich und teilnehmend.

»Dr. Sturm wurde in jener Nacht überfallen und nur durch ein Wunder dem Tode abgerungen. Er machte eine schwere Gehirnerschütterung durch und ist noch sehr schwach. Man hat um einen Krankentransportwagen geschickt, aber es wird wohl noch eine Weile dauern, ehe er oben am alten Winzerhaus eintrifft.«

»Wie – Sturm ist im Winzerhaus?«

»Ja. So nahe, und doch konnten wir ihn nicht früher finden, da ... aber das erzähle ich Ihnen später alles im Zusammenhang. Wollen Sie nun nicht lieber zu ihm gehen?«

»Ich – zu ihm –?« Mara, deren sich eine ungeheure Aufregung bemächtigt hatte, wich erschrocken zurück. »Oh nein, nein ... um keinen Preis ...«

Und sie dachte entsetzt an sein enttäuschtes Gesicht, wenn er sie anstatt Yolanthe erblicken, wenn er Fragen stellen würde, auf die sie nur mit Schweigen antworten konnte.

Eine tiefe Niedergeschlagenheit, wie sie meist auf langanhaltende Erregungen folgt, bemächtigte sich ihrer zugleich mit der Erkenntnis, daß nur neue Leiden seiner und ihrer harrten.

Ja, er lebte! Aber wie trostlos würde ihm dies Leben nun erscheinen ohne Yolanthes Liebe! Er war gefunden – ihr aber war er mehr verloren als je zuvor. Sie durfte ihn weder trösten noch pflegen, noch auch nur – sehen, obwohl sie wußte, daß Brigitte Rehbein kein Blatt vor den Mund nehmen werde in bezug auf Yolanthes herzloses Verhalten.

Gestern noch hatte sie zu Fräulein Rehbein gehen und mit ihr um den Verlornen weinen können. Heute ..., sie stöhnte auf und sank erschöpft auf einen Stuhl.

Hempel verstand sich zu gut auf die Schrift in Menschenantlitzen, um nicht zu erraten, was in Mara vorging. Bisher hatte er sich kaum in Gedanken mit Yolanthe beschäftigt, jetzt aber fiel ihm ein, was Sturm damals in den Park von Kreuzstein geführt hatte, und er begriff alles.

Mara erhob sich plötzlich entschlossen.

»Ich will zu Fräulein Rehbein,« sagte sie, »wenn ich den nächsten Zug benütze und drin einen Wagen nehme, komme ich wohl noch früher bei ihr an als der Verwundete.«

»Gewiß. Aber,« er ergriff sanft Maras Hand und versenkte seinen Blick forschend in den ihren, »was wollen Sie bei Fräulein Rehbein?«

»Sie vorbereiten. Sie bitten ... ich will nicht, daß Dr. Sturm erfährt ...«

»Warum soll er nicht erfahren, was Sie für ihn getan haben und was – andere nicht taten?«

Mara senkte den Blick, machte sich verwirrt los und kleidete sich hastig zum Ausgehen an.

»Ich will es so!«

»Denken Sie nicht, daß Schweigen manchmal ... Lüge ist?«

»Möglich. Aber es gibt Lügen, die beglücken ...«

»Und Wahrheiten, die befreien!« sagte Hempel sehr ernst. Mara tat, als höre sie nichts, und wollte das Zimmer verlassen. Hempel vertrat ihr noch einmal den Weg.

»Gut. Ich kann Sie nicht hindern zu tun, was Sie für Ihre Pflicht ansehen, auch wenn diese mir zwecklos und töricht erscheint. Aber ich möchte vorher von Ihnen erfahren, wo sich Ihr Onkel aufhält?«

»Er ist auf die Bahn gefahren, um meine Stiefmutter und Yolanthe abzuholen, die heute zurückkehren.«

»Dann bitte ich Sie noch, ehe Sie gehen, mir einen Schlüssel zu Ihres Vaters Sterbezimmer zu geben. Sie besitzen doch einen?«

»Ja –« Mara war an ihren Schreibtisch getreten, schloß eine Lade auf und reichte Hempel einen Schlüssel. »Hier ist er. Und nun adieu, Herr Hempel – verzeihen Sie, wenn ich Ihnen jetzt nur flüchtig danke, obwohl mein Herz voll inniger Dankgefühle ist ... ich bin so aufgeregt ... ich möchte nicht zu spät kommen zu Fräulein Rehbein ...«

Sie drückte dem Detektiv hastig die Hand und eilte hinaus.

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