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Schüsse in der Nacht

Annie Hruschka: Schüsse in der Nacht - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorAnnie Hruschka
titleSchüsse in der Nacht
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140214
projectid7154783b
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XXIV.

Hempel glaubte nicht, daß sich der Geist des toten Kastellans in dieser Nacht noch einmal zeigen werde, aber er hielt es auch nicht für ganz ausgeschlossen.

Deshalb begab er sich wieder auf seinen Platz im Vorraum zur Heizerkammer und wartete. Schlaf hatte er gar keinen.

Wirre Gedanken quälten ihn. Was hatte er im Grunde gewonnen? Er wußte, daß der Mörder sich gelegentlich als Gespenst verkleidete, um weniger leicht belästigt zu werden, falls ihm zufällig jemand begegnen sollte.

Aber hatte er dies nicht aus Trines Erzählungen längst vermutet?

Er wußte weiter, daß der Mörder auch Mara nach dem Leben trachtete. Indessen komplizierte dies das Geheimnis, anstatt es zu lösen.

Die beiden großen Fragen: »Warum wurde Herr von Rittler getötet?« und »Wie konnte der Mörder sich in Zeit von wenigen Minuten ungesehen vom Schauplatz der Tat entfernen?« wußte er heute noch so wenig zu beantworten wie vor vier Wochen.

Draußen blieb alles still bis zum ersten Schein der Morgendämmerung. Dann war es Silas, als vernehme er ein unbestimmtes, mehr mit dem Instinkt als dem Gehör wahrnehmbares Geräusch.

Vorsichtig spähte er hinaus. Richtig – dort bog die Gestalt, die wie der Geist des toten Kastellans erschien, eben um die Korridorecke. Diesmal kam er von rechts und trug kein Licht in der Hand.

Geräuschlos verschwand er in Herrn von Rittlers Zimmer, dessen Tür, wie Hempel deutlich hörte, leise abgesperrt wurde.

»Er kann sich doch nicht dort einlogiert haben, zum Kuckuck?« dachte Silas und glitt im nächsten Augenblick geräuschlos den Korridor entlang zu der betreffenden Türe, wo er sich bückte und durch das Schlüsselloch spähte.

Lange Zeit blieb er in dieser Stellung. Als er sich endlich aufrichtete, war sein Gesicht leichenblaß.

»Oh,« murmelte er, sich verwirrt über die Stirne streichend, »das also ist des einen Rätsels Lösung ...! Und: Nun weiß ich auch, wo ich die zweite zu suchen habe! ...

Er kehrte nur in die Heizerkammer zurück, um seine Mappe und den Mantel zu holen, dann stieg er leise die Treppe hinab, öffnete im Parterre ein Fenster und schwang sich hinaus.

Der noch nicht völlig angebrochene Tag fand Silas Hempel bereits oben am alten Winzerhaus, wo er sich zwischen Gestrüpp und dahinter beginnenden Weinstöcken geschickt ein Versteck zurechtgemacht hatte.

Er konnte von da aus nicht nur die ganze Vorderfront und einen Teil der linken Seitenfront, sondern auch ein gutes Stück der Umgebung übersehen.

Hinter dem verwahrlost aussehenden Haus, dessen Läden geschlossen waren, gab es ein Stück Rasen, von Gestrüpp eingefaßt. Links davon begannen, sanft ansteigend, Weingärten, rechts Felder. Vorne ging die Straße vorbei.

Hempel mochte kaum eine Viertelstunde in seinem Versteck gelegen haben, als er auf der Straße, von Heiligenstadt heraufkommend, einen jungen Burschen sah, der ihm trotz seines vagabundenmäßigen, wenig vertrauenerweckenden Aussehens bekannt schien.

Im nächsten Augenblick lächelte er und stich einen leisen eigentümlichen Pfiff aus.

Der Bursche stutzte, eilte aber dann sofort vorsichtig näher, bis er Hempel erblickte und nun ohne weiteres neben ihm ins Gebüsch kroch.

»Sie, Meister! – Wie kommen Sie denn hieher und was tun Sie hier?«

»Dasselbe, was Sie vermutlich tun wollten, Marstaller: die beiden Frauenzimmer ein wenig ausbaldowern!«

»Oh, ich treibe mich schon acht Tage hier herum und meiner Treu: nicht umsonst!«

»So? Na, lassen Sie mal hören. Wie lange wohnen denn die Frauen eigentlich hier?«

»Kaum ein Jahr. Die Alte hat offenbar einen Sparren im Kopf und dabei sitzt's ihr faustdick hinter den Ohren. Mit der gibt's kein Anbandeln. « Den ganzen Tag wandert sie in ihrer Stube herum, scheinbar immer aufgeregt, immer in der Erwartung irgend eines Ereignisses, das nicht kommen will. Manchmal weint sie, manchmal foltert sie irgend eine geheime Angst und zuweilen wieder ist sie voll stolzer Zuversicht und spricht von glänzenden Tagen, die nun bald kommen würden. All das hat mir die Junge nach und nach anvertraut, ihre Enkelin, ein armes Ding, das wohl noch wenig gute Tage im Leben gesehen hat. Von den Geheimnissen des Hauses weiß die Kleine nichts, denn man schickt sie dann hinauf in ihre Dachkammer zum Schlafen.«

»Welche Geheimnisse gibt es denn?«

»Nun da sind vor allem drei Kunden, die hier links im Keller unten ihr geheimnisvolles Wesen treiben. Sie kommen ganz unregelmäßig, und bleiben ein paar Stunden, manchmal auch einen Tag lang und verschwinden wieder. Was sie eigentlich unten machen, weiß ich nicht, denn sie haben Tür und Fenster so verrammelt, daß es unmöglich ist, auch nur einen Blick hinein zu werfen. Gehen sie fort, so schließen sie mit einem sehr künstlich konstruierten amerikanischen Sicherheitsschloß ab. Nicht mal die Alte darf hinein, obwohl sie sonst mit dem Anführer auf dem besten Fuß steht.«

»Eine Diebsbande also, deren Hehlerin die Alte ist,« brummte Hempel enttäuscht, »wahrscheinlich haben sie im Keller ein Lager gestohlener Waren! Weiter!«

»Wissen Sie, wer der Anführer ist, Herr Hempel? Ich habe ihn gleich auf den ersten Blick erkannt!«

»Nun?«

»Der Ignaz Halwanger, der einst als geschickter Kupferstecher anfing, dann seine Frau erstach und seitdem immer tiefer sank, bis er aus Wien polizeilich abgeschafft wurde.«

»Was – der alte Gauner ist wieder da, der in den letzten zehn Jahren mehr Zeit im Gefängnis verbrachte als anderswo?«

»Derselbe. Die beiden andern kenne ich nicht. Aber Halwanger tritt hier auf, als wäre er der Hausherr – das heißt nur so lange, als der andere nicht in Sicht ist. Sonst macht er sich sofort aus dem Staub.«

»Welcher ›andere‹?«

»Ja, wenn ich das nur schon herausgebracht hätte!! Dieser andere kommt nur selten und meist nachts. Poldi – das ist die Kleine – hat ihn noch nie gesehen, aber sie sagt, alle hätten eine furchtbare Angst und noch größeren Respekt vor ihm. Er kommt nur zur Großmutter und wird einfach ›der Herr‹ genannt. Wenn er da war, ist stets Geld im Haus. Anfangs dachte ich, er sei es, der vielleicht die gestohlenen Waren fortschafft und verkauft. Aber Poldi schwört, er wisse gar nichts von der gelegentlichen Anwesenheit der drei andern, und Großmutter habe eine Todesangst, er könne es durch Zufall doch mal erfahren.«

»Von Sturm fanden Sie keine Spur?«

»Nur eine ganz schwache. Poldi scheint um die Sache zu wissen, aber sie ist nicht zu bewegen, offen über die Ereignisse der Nacht des 20. Sept. zu sprechen. Das arme Ding ist so eingeschüchtert und bildet sich ein, man würde es totschlagen, wenn es nur eine Silbe verriete. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. Sie hält mich für einen stellenlosen Arbeiter und gewinnt von Tag zu Tag mehr Vertrauen ...«

»Bst,« unterbrach ihn Hempel, indem er nach dem Hause hinüberwies, aus dem soeben ein ärmlich gekleidetes Mädchen getreten war. »Ist sie das?«

»Ja, es ist Poldi, Sie geht jeden Morgen hinunter nach Heiligenstadt, die kleinen Bedürfnisse des Haushaltes einzukaufen. Wer so spät wie heute ging sie noch nie ...«

Hempel erhob sich.

»Bleiben Sie hier und lassen Sie das Haus nicht aus den Augen. Besonders ist auf das Gebaren der Alten zu achten – jede Miene ist wichtig. Ich will inzwischen das arme Ding dort ein wenig näher besehen.«

Ohne Hast schlenderte Hempel anscheinend gleichgültig die Straße abwärts. Poldi war schon weit voraus. Sie schien große Eile zu haben und lief beinahe.

An den ersten Häusern angelangt, verlangsamte sich ihr Schritt. Zögernd schritt sie weiter, blieb zuweilen ratlos stehen und musterte verstohlen die wenigen Leute, die ihr begegneten, als wollte sie jemand ansprechen und wage es doch nicht.

Aber alle, die ihr entgegenkamen, waren nur Arbeiter, was sie offenbar nicht befriedigte.

Zuletzt wandte sie sich um und schritt langsam zurück. Ihr schmales, nicht unhübsches Gesicht trug einen kläglichen Ausdruck. Aber dann erblickte sie Hempel, der ihr behaglich schlendernd entgegenkam.

Ihre Augen leuchteten auf, als sie seinen Anzug musterte. Rasch näherte sie sich ihm und sagte bittend: »Ach könnten Sie nicht so gut sein, Herr, und mir eine Zwanzigkronennote wechseln? Der Kaufmann hat noch nicht so viel Kleingeld beisammen, da es noch zu früh morgens ist.«

Sie hielt ihm die Note entgegen. Hempel wußte natürlich, daß sie noch gar nicht beim Kaufmann gewesen war. Auch sah er auf den ersten Blick, daß die Note, obwohl geschickt gemacht, doch falsch sei.

Trotzdem zog er bereitwillig seine Börse und wechselte.

Poldi gab sich alle Mühe, ihre heimliche Freude zu verbergen, und entfernte sich mit lebhaftem Dank. Aber auch Hempel frohlockte.

Mehr Glück hätte er im Augenblick gar nicht haben können. Er wußte nun, was die drei Männer unter Halwangers Leitung im Keller des abgelegenen Winzerhauses trieben.

Natürlich hatte sich Poldi, die beim Kaufmann bekannt sein mußte, gefürchtet, dort die falsche Note wechseln zu lassen. Aber indem sie dieselbe Hempel übergab, gab sie sich selbst und alles, was sie wußte, gleichfalls in seine Hand.

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