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Schüsse in der Nacht

Annie Hruschka: Schüsse in der Nacht - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorAnnie Hruschka
titleSchüsse in der Nacht
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140214
projectid7154783b
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XXIII.

Die Heizerkammer konnte nicht besser für Hempels Zwecke liegen, als sie in der Tat lag. Ein kleiner Vorraum – einst offenbar für Holz- und Kohlenvorräte bestimmt – trennte sie vom Korridor.

Da dieser Vorraum kein Fenster besaß, war in die Tür ähnlich wie bei Speisekammern eine durchlöcherte Blechscheibe eingefügt, welche die Ventilation besorgen sollte.

Hempel, dessen Schmerzen wie weggeblasen schienen, als er allein war, warf einen Blick durch die Löcher der Scheibe und nickte befriedigt.

Man übersah nicht nur den ganzen linken Flügel, sondern auch die beiden Absätze der Treppen, die hinab ins Parterre und hinauf nach dem zweiten Stockwerk führten.

Und das war gut. Denn Silas hatte so eine Ahnung, als ob diese Treppen heute nacht noch benützt werden würden: entweder von jemand, der von außen herein kam, um zu spionieren, oder von jemandem, der in derselben Absicht hinausging.

Einstweilen war es ganz still geworden im Haus. Man ging stets zeitig zu Bett aus Kreuzstein. Auch heute hatte man sich um zehn Uhr getrennt. Major Botstiber begab sich mit Inspektor Leffler, der in einem der Gastzimmer des zweiten Stockwerkes schlief, nach oben, Mara zweigte links ab.

Sie bewohnte ihr altes Zimmer, Trine schlief in einer Kammer daneben.

Hempel hatte sich einen Stuhl an die Tür des Vorraumes getragen und saß nun dort, in seinen Mantel gehüllt, frierend und erwartungsvoll.

Er wußte nicht, worauf er wartete. Er hatte keinerlei bestimmten Verdacht, überhaupt keinen klaren Ueberblick über das, was geschehen war und noch geschehen konnte.

Aber einer jener blitzartigen Instinkte, die ihn zuweilen überkamen und fast nie betrogen, hatte ihn heute abend erfaßt, als er den Major jenen Brief an Mara vorlesen hörte. Darum war er geblieben.

Jetzt zwang ihn irgend ein unheimliches Vorgefühl, hier Zu sitzen und zu warten ...

Indessen verging Stunde um Stunde, und es rührte sich nichts draußen. Mitternacht war vorüber. Es schlug ein Viertel, zwei Viertel, drei Viertel – alles blieb totenstill.

Plötzlich aber fuhr Hempel zusammen: es war ihm gewesen, als sei draußen im Korridor leise eine Tür gegangen. Blitzschnell erhob er sich und spähte hinaus. Seine Augen öffneten sich weit vor Erstaunen, unwillkürlich lief ein Schauer über seinen Rücken.

Es war die Türe des Zimmers gegangen, in dem Herr von Rittler ermordet worden war! Des Zimmers, das seitdem unbewohnt und stets fest verschlossen geblieben!

Die Gestalt, welche sie eben wieder hinter sich zuzog, trug ein dünnes Wachslicht in der Hand, dessen winziges Flämmchen nur einen schwachen flackernden Schein auf das blutlose, von verwildertem grauen Bart- und Haupthaar umrahmte Antlitz warf.

Zwei starrblickende schwarze Augen standen über bläulichen Hautsäcken in dem weißen Gesicht.

Der tote Kastellan!! Genau so, wie ihn Trine oft und oft beschrieben hatte! Aber auch der Mann, der Herrn von Rittlers Schreibtischschlüssel hatte nachmachen lassen, den dieser zweimal verfolgte und dessen Schlupfwinkel er sicher näher erforscht, wenn der Tod ihn nicht daran verhindert hätte ...

Mit steifen feierlichen Schritten bewegte sich die Gestalt vorwärts, ohne daß man das geringste Geräusch vernommen hätte. Es war, als schwebe sie über dem Boden.

Hempel hielt den Atem an vor Erregung. Die Gestalt hatte die Treppe erreicht. Würde sie hinauf oder hinab gehen? Nein, keines von beiden: Sie schritt weiter. – Langsam, feierlich, lautlos vorüber an Hempels Versteck, bog um die Ecke und näherte sich dem Ende des linken Flügels.

Hempels Augen verschlangen den Vorüberschreitenden förmlich. Gierig suchte er nach einem Zeichen, irgend einer leisen Andeutung, die ihm die wahre Person des nächtlichen Wanderers verraten hätte.

Aber er fand nichts als unnatürlich weiße Wangen, blutleere Lippen und schwarze Augen, die einen toten stieren Blick hatten. Verworren und glanzlos starrte das struppige Grauhaar um den Kopf. Jede Bewegung war von automatenhafter Steifheit. Er sah wirklich aus wie ein dem Grabe Entstiegener.

Nur eines konstatierte der Detektiv, und es entlockte ihm einen leisen Seufzer der Befriedigung: die Füße des Gespenstes steckten in Filzschuhen von genau derselben braunen Farbe wie die Wollflöckchen, die er seinerzeit an den Glassplittern in Herrn von Rittlers Zimmer gefunden hatte.

Wer immer auch hier in der Maske des toten Kastellans einherging – es war der langgesuchte Mörder!

Hempel hatte nicht Zeit, seinen Gedanken länger nachzuhängen, denn das Gespenst lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf sich.

Es war an Maras Zimmertür stehen geblieben. Einen Augenblick streckte sich der graue struppige Kopf horchend vor, dann legte es die Hand auf die Klinke, öffnete und verschwand lautlos im Innern des Zimmers.

»Teufel – was macht er dort?« dachte Hempel unruhig. »Er wird doch nicht ein neues Unheil im Schilde führen? Ich muß hin ...«

Schon wollte er die Türe seines Versteckes öffnen und hinausstürzen, als das Gespenst, Maras Zimmer verlassend, wieder auf dem Korridor erschien.

Fast zugleich öffnete sich aber Trines Kammertür, und das alte Mädchen, das wahrscheinlich ein Geräusch vernommen hatte, streckte den Kopf heraus. Das Gespenst erblicken und einen Schrei ausstoßen, war eins. Dann blieb sie mit krampfhaft ausgespreizten Fingern schreckgelähmt stehen.

Der tote Kastellan hatte den Kopf gewendet und ihr einen seiner furchtbaren starren Blicke zugeworfen, war dann aber ruhig weitergeschritten, dem Ende des Korridors zu.

Dort befand sich die Tür zu einer Seitentreppe, die in den Park hinab führte, genau wie drüben im rechten Flügel an Frau Isabels Zimmern.

Als das Gespenst sie erreichte, blieb es stehen, zog einen Schlüssel heraus und öffnete. Im nächsten Moment war es verschwunden.

Im selben Augenblicke hatte Hempel seine Tür aufgerissen und jagte den Korridor entlang ihm nach, ohne Trine, die noch immer wie erstarrt dastand, zu beachten.

Aber Hempel hatte nicht mit der Vorsicht dieses schlauen Verbrechers gerechnet, der zwar keine Ahnung von des Detektivs Anwesenheit hatte, aber offenbar jede Möglichkeit in Betracht zog.

Die Tür zur Treppe war versperrt! Unten aber hörte man soeben die Ausgangspforte zuschließen.

Entwischt! Silas weinte beinahe vor Wut und Enttäuschung. Warum habe ich ihn nicht gleich gefaßt – dachte er. Aber alsbald beruhigte er sich wieder.

Nein – es ist besser so! Er hätte mich einfach niedergeschossen und sein Geheimnis wäre dann wahrscheinlich nie entdeckt worden. So aber – oh, ich werde es ihm schon entreißen! Vom Erdboden verschwinden kann er nicht.

Langsam kehrte er zurück. Trine stand noch an ihrer Kammertür. Ihre Finger waren noch immer krampfhaft ausgespreizt, und sie zitterte wie Espenlaub.

»Der Kastellan ... haben Sie ihn gesehen?« stammelte sie flüsternd.

Silas nickte. Er war so in Gedanken versunken, daß er seine Rolle als Kolporteur ganz vergessen hatte. Aber auch Trine war viel zu aufgeregt, um an Hempel irgend eine Veränderung in Gebaren oder Sprache zu bemerken.

»Gehen Sie in Ihre Kammer zurück, Trine, und treten Sie beileibe nicht mehr heraus, außer man ruft Sie,« sagte er, »der Geist könnte wieder kommen.«

»Jesus ...« Trine stürzte hastig in die Kammer, und Hempel hörte mit Befriedigung, wie sie innen einen Riegel vorschob. Es war besser, man ließ die alte Jungfer noch bei ihrem Gespensterglauben.

Er blieb einen Augenblick unschlüssig an Maras Zimmertür stehen und horchte. Nichts regte sich innen.

»Ich habe keine Ruhe, ehe ich nicht wenigstens weiß, daß ihr kein Leid geschehen ist,« dachte er und klopfte leise an. Aber er mußte mehrmals klopfen, ehe eine Stimme von innen matt frug: »Ja? Trine sind Sie es?«

»Bitte, öffnen Sie! Es ist nicht Trine, aber ich muß Sie einen Augenblick sprechen,« antwortete er leise, dicht am Schlüsselloch. »Silas Hempel.«

Plötzlich aber setzte er hastig im Ton des Schreckens hinzu: »Machen Sie um Gottes willen kein Licht, oder es gibt ein Unglück!«

Zwei Minuten später öffnete Mara die Türe. Sie hatte rasch einen Schlafrock übergeworfen. Ihr Schritt schien unsicher, fast taumelnd. »Ich bin noch ganz betäubt vom Schlaf,« murmelte sie. »Was gibt es denn? Wie kommen Sie hieher, Herr Hempel? Und warum ...«

Aber anstatt zu antworten, stürzte Hempel an ihr vorüber, stolperte im Dunkeln über einen Stuhl, raffte sich auf und öffnete die beiden Fenster des Gemaches weit.

»Wieviel Gasarme gibt es hier?« fragte er aufgeregt.

»Einen dreiarmigen Lustre über dem kleinen Tisch in der Mitte. Aber warum ... oh mein Gott, ja, jetzt rieche ich es auch ... es strömt Leuchtgas aus!!«

Hempel hatte den Lustre bereits gefunden und schloß die Hähne. Sie waren alle offen gestanden.

»Das also hat er gewollt,« murmelte er dabei schaudernd, »und es wäre nur zu sicher gelungen, wenn ich nicht ... drei Arme auf einmal! Teufel, Teufel ... Sie haben doch sicher abends die Hähne abgedreht, nicht wahr?« wandte er sich an Mara.

»Ja – natürlich. Ich brannte überhaupt nur eine Flamme an. Aber erklären Sie mir ums Himmels willen ...«

»Später.« Er schnobberte in der Lust. Der Gasgeruch hatte sich durch das Eindringen der kalten Luft und den durch das Offenlassen der Tür erzeugten Zug rasch verloren. Hempel schloß erst die Türe, dann beide Fenster und ließ die Rollbalken herab.

»Ich glaube, wir können nun getrost wagen, Licht zu machen,« sagte er, ein Streichholz anreibend und eine der Gasflammen anzündend.

Mara, die nun bei Licht sich einem anscheinend fremden Menschen gegenüber sah, prallte erschrocken zurück.

»Um Gottes willen, wer sind Sie? Wie –«

»Jaso,« entschuldigte er sich lächelnd und riß mit einem Griff Perücke und Bart herab, »die Verkleidung hatte ich wirklich vergessen. Sie war nötig, um Eintritt in das mir von Ihrem Onkel verbotene Haus zu erlangen. Aber nun brauche ich sie nicht mehr.«

Er rieb mit seinem Taschentuch all die seinen, geschickt angeschminkten Linien vom Gesicht.

»So – nun sind Sie wohl überzeugt, daß ich der bin, für welchen ich mich beim Eintritt ausgab? Und nun wollen wir vor allem keine Zeit verlieren –«

»Wollen Sie mir denn nicht wenigstens erklären, was dies alles zu bedeuten hat?«

»Ich bin eben dabei: Der Mann, welcher Ihren Vater erschossen hat, wollte soeben auch Sie töten, Diesmal wählte er eine harmlosere Form – er wollte den Anschein eines Selbstmordes erwecken. Warum Sie ihm im Wege standen, weiß ich noch nicht und auch über seine Person besitze ich momentan nur Vermutungen. Bestätigen sich dieselben, dann allerdings war mein erster Instinkt der richtige, und vieles, wenn auch nicht alles klärt sich auf ... Doch darüber haben wir morgen Zeit zu sprechen. Für jetzt will ich Ihnen nur Verhaltungsmaßregeln geben, die Sie streng befolgen müssen, wenn die errungenen Vorteile nicht wieder verloren gehen sollen. Vor allem: der Mörder darf nicht ahnen, daß Sie seinen Plan errieten. Sie müssen morgen allen Leuten im Hause erzählen, daß Sie aus Unachtsamkeit die Gashähne zu schließen vergaßen und beinahe erstickt wären. Nur durch große Willensanstrengung gelang es Ihnen, sich halb bewußtlos zum Fenster zu schleppen und dieses zu öffnen.

Im übrigen zeigen Sie sich völlig unbefangen. Mißtrauen Sie allen Personen im Hause – von Trine angefangen bis zum Inspektor Leffler, der heute hier übernachtete. Dies ist sehr wichtig. Und nachmittag begeben Sie sich zu jener Unterredung an das Winzerhaus ...«

»Wie – Sie wissen?«

»Ja. Ich war ungesehen Zeuge Ihrer Unterredung mit Major Botstiber. Er will während der Zusammenkunft in Ihrer Nähe bleiben. Ich will noch mehr: ich will jede Silbe, die gesprochen wird, hören! Wählen Sie also einen Platz, wo ich mich in der Nähe verbergen kann. Keinesfalls aber willigen Sie ein, das Haus selbst zu betreten. Ich habe alle Ursache, diese alte Baracke für eine Mördergrube zu halten.«

Mara hatte schaudernd, wie betäubt zugehört. Man sah ihr an, daß tausend Fragen auf ihren Lippen brannten, aber Hempel schien nicht gewillt, für jetzt auch nur eine derselben zu beantworten.

Rasch stand er auf.

»Sie wissen nun alles Nötige, und ich muß auf meinen Posten zurück. Schließen Sie die Türe ab, wenn ich draußen bin, es war ein großer Leichtsinn, sie vorhin unversperrt zu lassen! Und nun Gott befohlen! Vergessen Sie nur keinen Augenblick, die größte Ruhe und Unbefangenheit zu heucheln!«

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