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Schüsse in der Nacht

Annie Hruschka: Schüsse in der Nacht - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorAnnie Hruschka
titleSchüsse in der Nacht
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140214
projectid7154783b
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XXI.

Als der Untersuchungsrichter sich dem Angeklagten wieder zuwandte, stand ein lauernder Zug in seinem Gesicht.

»Können Sie die Zeit annähernd angeben, in der Sie den Park verließen?« fragte er.

»Nicht nur annähernd, sondern ganz genau. Irgend eine Kirchenuhr in der Umgebung schlug gerade elf Uhr, als ich die Mauer zum zweitenmal überklettert hatte.«

»So. Dann erklären Sie uns doch, wie es möglich war, daß Sie erst um zwei Uhr Ihren Wagen am Heiligenstädter Friedhof erreichten? Sie können zu dem kaum halbstündigen Weg doch nicht drei Stunden gebraucht haben!«

Diesmal zögerte Weltenberg mit der Antwort. Etwas wie Verlegenheit glitt über seine Züge.

»Es wird Ihnen vielleicht unwahrscheinlich vorkommen, dennoch ist es so: ich verirrte mich,« sagte er endlich zögernd. »Als ich den Park verließ, war ich sehr bewegt. Ohne auf den Weg zu achten, ging ich vorwärts, immer in gerader Richtung einem Pfade folgend, der zwischen Feldern hinführte. Erst als sich der Mond verfinsterte und ein Gewittersturm losbrach, erwachte ich aus meinen Träumen und bemerkte erschrocken, daß ich mich auf gänzlich unbekanntem Terrain befand.«

»Woraus erkannten Sie denn dies in der Dunkelheit?« fragte der Untersuchungsrichter ironisch.

»Es blitzte stark. Dabei sah ich, daß vor mir Wald lag. Mich umwendend, erblickte ich die Lichter der Stadt tief unter mir und so entfernt, daß ich ernstlich erschrak. Ich hatte keine Waffe bei mir, die Gegend schien wie ausgestorben – es war keine angenehme Situation. Immerhin glaubte ich, die Lichter unten als Richtschnur festhaltend, könne es für mich nicht schwer sein, bald wieder hinabzukommen.«

»Haben Sie denn niemand begegnet, den Sie um den Weg fragen konnten?« Wasmut stellte die Frage anscheinend harmlos. Dennoch wartete er begierig auf die Antwort, denn die Aussagen der Taglöhner und des Weinhüters fielen ihm ein.

»Ja, ich begegnete Menschen. Aber ich wagte nicht, mich mit ihnen in ein Gespräch einzulassen, erstens weil sie mir nicht vertrauenerweckend genug aussahen, zweitens weil ich Fragen ihrerseits vermeiden wollte.«

»Schließlich aber fanden Sie sich dennoch zurecht. Nur gibt der Kutscher, der Sie gefahren hat, an, er wäre über Ihr verstörtes gehetztes Aussehen erschrocken gewesen. Was brachte Sie denn in diesen Zustand, wenn Sie einfach harmlos Ihren Rückweg gesucht haben wollen?«

Düstere Schatten legten sich über Weltenbergs Antlitz. Etwas wie Grauen spiegelte sich in seinem Blick.

»Wenn ich verstört aussah,« sagte er dumpf, »und ich gebe dies gerne zu, so war es, weil ich ahnungslos Zeuge einer furchtbaren Szene wurde, die mir kaum je aus dem Gedächtnis schwinden wird. Schon darum nicht, weil wohl auch mein Leben damals nur an einem Haare hing.«

»Wie das? Wollen Sie diese ›furchtbare Szene‹ nicht ein wenig deutlicher beschreiben?«

»Ich mochte etwa eine Stunde herumgeirrt sein und näherte mich eben einer Straße, die sich als graues Band durch das Dunkel der sie umgebenden Weingärten schlang, als plötzlich gedämpfte erregte Stimmen an mein Ohr schlugen. Unwillkürlich blieb ich stehen. Und dies war gut, denn in der nächsten Sekunde hätte mich ein Blitz den Kehlabschneidern zeigen müssen, die dort eben ihr Wesen trieben. So sah ich zu meinem namenlosen Entsetzen nur, wie drei Männer einen vierten vom Fahrrad rissen und offenbar töteten, denn ich hörte ihn einen furchtbaren Schrei ausstoßen, worauf es sofort wieder totenstill wurde. Das Ganze – nur eine Sekunde vom Blitz beleuchtet – glich einer schrecklichen Vision und ließ mir das Blut in den Adern erstarren. Waffenlos, wie ich war, konnte ich nichts anderes tun, als mich selbst in Sicherheit bringen, auch wenn ich nicht die Ueberzeugung gehabt hätte, daß jede Hilfe dort zu spät gekommen wäre. Ich warf mich also in den Weingarten und kroch auf allen vieren zunächst eine Strecke weit tiefer in denselben hinein. Erst nachdem ich annehmen konnte, weit genug entfernt zu sein, richtete ich mich auf und lief, so gut es ging, quer durch den Weingarten weiter. Der Zufall war mir hold. Ich traf auf der andern Seite einen Hohlweg, der schnurgerade abwärts führte, und sah bald darauf in dem wieder auftauchenden Mondlicht die weißen Gruftdenkmäler des Friedhofes vor mir schimmern.«

Er schwieg. Auch der Richter schwieg und betrachtete den Angeklagten mit einer gewissen gereizten Neugierde.

Mehr als vier Wochen hatte der Mann Zeit gehabt, sich auf seine Verteidigung vorzubereiten, und nun kam er mit einem solch albernen System daher. Mancher halbwüchsige Junge hätte sich ein besseres zurechtgelegt.

»Es scheint, daß Visionen bei Ihnen eine große Rolle spielen,« sagte Wasmut endlich mit ätzendem Sarkasmus, »können Sie uns nicht wenigstens den Punkt etwas genauer angeben, auf dem sich diese phantastische Szene abgespielt haben soll?«

»Wie könnte ich dies, da mir die Gegend völlig fremd ist? Ich weiß nur, daß eine Fahrstraße dort war, die aus dem Tal zu den Höhen des Kahlenberges hinauf führte. Etwas unterhalb des Schauplatzes sah ich ein einstöckiges Haus –«

»Oh – ein Haus? Und es fiel Ihnen nicht ein, dorthin um Hilfe zu eilen?«

»Nein, denn das Haus muß völlig unbewohnt sein, sonst hätten die Schurken doch keinesfalls zwanzig Schritte davon einen Mord zu begehen gewagt! Auch würde der Schrei dort vernommen worden sein, und die Bewohner wären von selbst zu Hilfe gekommen. Es rührte sich aber nichts. Die Läden waren geschlossen, es blieb alles dunkel und still darin.«

Dr. Wasmuts Gesicht wurde immer ironischer, der sarkastische Ton seiner Stimme verstärkte sich.

»Wir wollen einmal annehmen, alles, was Sie uns da soeben auftischten, sei wahr – wo blieb der Leichnam des Ermordeten? Wie kam es, daß keiner der Weinhüter etwas von dem angeblichen Todesschrei vernahm? Daß keine Meldung einlief, die irgendwie mit dem von Ihnen behaupteten Auftritt in Zusammenhang zu bringen ist? Erklären Sie mir dies 'mal gefälligst!«

»Ich kann es nicht. Was ich mitteilte, ist die Wahrheit, das kann ich beschwören! Aber ...«

»Genug. Angeklagte schwören nicht,« unterbrach ihn der Untersuchungsrichter scharf, »und da Sie offenbar auf Ihrem Unsinn beharren wollen, ist es am besten, diese Komödie zu enden. Herr Hempel, lesen Sie dem Angeklagten das Protokoll vor, damit er es unterzeichnen kann.«

Hempel, auf dessen Wangen zwei kreisrunde rote Flecken brannten, begann zu lesen, während Wasmut sich in seinen Stuhl zurücklehnte, die Beine übereinander schlug und ärgerlich an seiner Unterlippe nagte.

Er war innerlich wütend. In weniger als einer Stunde war das anscheinend so feste Gebäude seiner Ueberzeugung Stück für Stück zusammengebrochen.

Niemand war geneigter gewesen, an Weltenbergs Unschuld zu glauben, als er, der ja Sturm für den Schuldigen hielt. Jede einigermaßen vernünftige Verantwortung hätte er gelten lassen. Das ganze Verhör erschien ihm anfangs nur als reine Formsache.

Statt dessen tischte man ihm nur unglaubwürdige Märchen auf. Denn, daß es solche waren, daran zweifelte er keinen Augenblick.

Wer sollte glauben, daß ein reifer Mann sich gleich einem verliebten Studenten im Mondschein hinsetzte, bloß um zwei Stunden lang die Fenster seiner Angebeteten anzustarren?

Und wie könnte hart an der Stadtgrenze ein Mord begangen werden, von dem die Polizei nichts wußte?

Nein – es war klar, daß all diese Geschichten erlogen waren. Und man lügt nur, wenn man Ursache hat, die Wahrheit zu verbergen!

So war zehn gegen eins zu wetten, daß tatsächlich Baron Weltenberg und nicht Ernst Sturm der Mörder Rittlers war.

Aber dann ... Wasmut fuhr sich verwirrt über die Stirn und warf einen ratlosen Blick auf Silas Hempel, der dem sich entfernenden Angeklagten vergnügt lächelnd nachsah.

Kaum hatte sich die Türe hinter demselben geschlossen, als der Untersuchungsrichter fast heftig ausrief: »Was sagen Sie jetzt? Haller, dieser junge Niemand, von dem man bisher kaum etwas wußte, hat diesmal den Vogel abgeschossen!«

»Oh, oh – Sie glauben das wirklich, lieber Wasmut?« antwortete Silas, um dessen Lippen noch immer ein vergnügtes Lächeln spielte. »Halten Sie denn diesen armen Baron für schuldig?«

»Na, ich denke doch, darüber kann kein Zweifel mehr bestehen!!« Wasmut sah den Detektiv maßlos verblüfft an. »Wenn man diese unglaubliche Verantwortung gehört hat ...«

»Ja, sie war sehr interessant. Fast so unglaubwürdig, daß sie wahr sein muß! Ein Narr hätte sonst etwas Besseres erfunden.«

Wasmut sprang ärgerlich auf und stürmte ein paarmal durchs Zimmer.

»Ach was – Sie machen schon wieder Witze! Sagen Sie mir lieber, wo Sturm hingekommen ist, wenn Weltenberg der Mörder ist!«

»Hm – ich fürchte sehr, daß Sturm der arme junge Mann ist, dessen Todesschrei Baron Weltenberg gehört hat!«

»Bah – Sie glauben an diese phantastische Geschichte?«

»Unbedingt! Bis dahin zweifelte ich stark an der Wahrheit von Weltenbergs Aussage. Als er aber jene Szene beschrieb, da war ich überzeugt, daß er in allen Punkten nur die Wahrheit sprach.«

»Angenommen, Sie hätten recht – wo wäre denn der Leichnam des Ermordeten?« lächelte Wasmut ungläubig.

»Den hat man wahrscheinlich in einem der umliegenden Weingärten vergraben. Man wird erst im Frühjahr beim Umgraben darauf stoßen «

»Und die Mörder? Niemand hat sie gesehen ...«

»Gott – auf den Abhängen des Kahlenberges zwischen weiten Strecken von Weingärten, Hecken, Feldern und Wald um Mitternacht!! Gewiß werden sie nicht irgend einen Hauptweg gewählt haben zum Verschwinden –«

»Nein, nein, ich glaube nicht daran!« sagte Wasmut energisch. »Es ist zu unwahrscheinlich!!! Schon daß keiner der Weinhüter jenen Schrei gehört haben sollte!«

»Und was würden Sie sagen, wenn ich Ihnen außer einem Weinhüter noch einen Schutzmann brächte, die beide den Schrei hörten und sich nur darum einredeten, der Sturmwind habe sie geäfft, weil sie zu feige waren, die Sache weiter zu verfolgen?«

»Silas!!!« Der Untersuchungsrichter starrte verblüfft drein. »Sie wissen ... Sie könnten ...«

»Den unglaubwürdigsten Punkt in Weltenbergs Aussage durch Zeugen erhärten, jawohl das kann ich.«

Wasmut fuhr sich über die Stirn. Er war ganz verwirrt. Er wußte nicht mehr, was er denken sollte.

»Wenn aber Sturm ermordet und Weltenberg unschuldig ist ...« stammelte er verstört, »wer um Himmels willen hat denn dann den Mord begangen?«

Silas Hempel lächelte geheimnisvoll.

»Ich deutete es vorhin schon an: wahrscheinlich der Geist des toten Kastellans!«

Ehe Wasmut erwidern konnte, sah Hempel auf die Uhr und sprang erschrocken auf.

»Mein Gott, schon vier Uhr, und heute ist Mittwoch! Da bleibt mir ja kaum eine halbe Stunde zum Toilettemachen!«

Er riß seinen Hut vom Nagel und warf den Mantel um die Schultern, ohne ihn ordentlich anzuziehen.

»Hab da nämlich einen kleinen Nebenverdienst angefangen als Kolportagebuchhändler ... Gott der Gerechte, schauen Sie mich nix an so versteinert, Wasmut! Werd ich doch nicht tun was Unrechtes dabei?« Er nickte dem sprachlosen Richter lachend zu, und fort war er.

Wasmut aber wußte nicht, was er von alldem denken sollte. Er wußte in erster Linie nicht, ob er nach dem Gehörten Weltenberg nun doch für unschuldig halten sollte oder nicht.

Plötzlich kam ihm eine wunderliche Idee: Wenn jener Schrei tatsächlich gehört worden war und Sturm ihn sterbend ausstieß – konnte dann nicht Weltenberg auch hier der Mörder sein? Wer wußte denn, ob Sturm nicht Zeuge des ersten Mordes gewesen war und als solcher später aus der Welt geschafft werden mußte?

›Alles käme darauf an, festzustellen, was aus Sturm geworden ist?‹ dachte der Untersuchungsrichter. Dann klingelte er und ließ den Detektiv Haller zu sich bescheiden.

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