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Schüsse in der Nacht

Annie Hruschka: Schüsse in der Nacht - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorAnnie Hruschka
titleSchüsse in der Nacht
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140214
projectid7154783b
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XX.

»Ich weiß, es ist gegen die Regel; Wasmut, aber Sie könnten ja Ihrem Protokollführer einmal ein Stündchen Urlaub gönnen und mich dafür an seine Stelle setzen ... was meinen Sie? Ich möchte mir diesen Baron Weltenberg gar zu gerne einmal in der Nähe betrachten!«

Der Untersuchungsrichter lächelte.

»Na – alte Freunde sollen einander nichts abschlagen, wenn es halbwegs geht – und ich sehe nicht ein, warum es nicht gehen sollte, lieber Silas. Noch dazu, da Fellner sich ohnehin krank melden ließ und ich mich um einen andern Schreiber umsehen müßte.«

Er stand auf und schritt im Gemach auf und ab.

»Wissen Sie, daß es mir im Grunde ganz lieb ist, wenn Sie heute dabei sind? Ich kann mir keinen Vers auf die ganze Geschichte machen. Haller spricht ja so bestimmt und ist so felsenfest von Wellenbergs Schuld überzeugt ... aber ich –«

»Sie sind ebenso felsenfest von Sturms Schuld überzeugt!?«

»Jawohl. Und ich glaube mit gutem Grund. Wo anders wäre der Mensch denn hingekommen, wenn er nicht geflohen wäre? Ganz abgesehen von allen andern Indizien!«

»Hm – was die Indizien anbelangt, so werden die bei Sturm und Weltenberg einander schier die Wage halten nach Hallers Feststellungen.«

»Wahr! Leider wahr!« Der Untersuchungsrichter blieb vor Silas Hempel stehen und sagte ungeduldig: »Was ist denn eigentlich Ihre Meinung?«

Silas machte ein harmloses undurchdringliches Gesicht.

»Ich habe noch gar keine. Sonst würde mich Weltenbergs Aussage überhaupt nicht interessieren.«

»Aber Sie haben sich doch gewiß all die Zeit her mit der Sache beschäftigt? Ich wollte Sie neulich besuchen, da hieß es, Sie seien verreist ... haben Sie nichts gefunden, was für die eine oder andere Theorie zu verwerten wäre?«

»Nein. Die Sache ist sehr verzwickt ...« Hempel lächelte seltsam, »bis jetzt möchte ich es fast mit der alten Jungfer auf Kreuzstein halten und sagen: es war der Geist des toten Kastellans, der Herrn von Rittler tötete.«

Dr. Wasmut wandte sich ärgerlich ab.

»Ach – jetzt machen Sie gar noch schlechte Witze, während ich mir den Kopf zerbreche ...«

Ein Justizsoldat steckte den Kopf zur Türe herein.

»Der Angeklagte Weltenberg.«

»Gut – führen Sie ihn herein und warten Sie dann draußen, bis man Sie ruft.«

Dr. Wasmut nahm mit würdevoller Miene an seinem Schreibtisch Platz und musterte den Eintretenden mit einem jener scharfen durchdringenden Blicke, die er sich im Lauf einer zehnjährigen Praxis angeeignet hatte.

Zugleich dachte er halb befriedigt, halb geringschätzig: ›Nein – ich wußte ja gleich, daß Haller sich in seine Idee blind verrannt hat. Der Mann sieht aus wie ein Kavalier, der gedankenlos seine Renten verzehrt, nicht wie ein Mörder.‹

»Sie heißen?« sagte er laut.

»Zdenko Baron Weltenberg, Majoratsherr auf Rosenbühl.«

»Ihr Alter?«

»Fünfundvierzig Jahre.«

»Wo leben Sie für gewöhnlich?«

»In Böhmen auf Schloß Rosenbühl oder auf Reisen.«

»Ah richtig – Sie machten ja schon einmal eine Weltreise und wollten, glaube ich, zum zweitenmal eine antreten. Deshalb kamen Sie angeblich nach Wien. Warum gaben Sie die Reise auf?«

»Aus Gründen privater Natur, die ich nicht weiter zu erörtern wünsche,« gab Weltenberg ziemlich hochmütig zurück.

»So. Hm – wissen Sie, das klingt ein bißchen sonderbar – wenn man Ihre jetzige Lage in Betracht zieht. Offenheit – vollste Offenheit und rückhaltloses Vertrauen liegen momentan am meisten in Ihrem Interesse, Herr Baron! Sie dürfen nicht glauben, daß die Justiz nicht jederzeit bereit ist, einem Unschuldigen entgegenzukommen. Im Gegenteil – es ist unsere Pflicht, ihm zu helfen, den Beweis dafür zu erbringen. Wir entscheiden hier nicht, wir prüfen nur. Gegen Sie liegen allerdings schwere Indizien vor, aber es soll mich nur freuen, wenn Sie dieselben einwandfrei aufklären können.«

Der Untersuchungsrichter hatte wohlwollend, zuletzt fast warm gesprochen. Er war so fest von Sturms Schuld überzeugt und Weltenberg machte einen so offenen, vornehmen Eindruck, daß er sich vorläufig nicht entschließen konnte, ihm mit Mißtrauen zu begegnen.

Der Angeklagte hörte ruhig und unbewegt zu.

»Fragen Sie,« sagte er gelassen, »ich habe nichts zu verbergen, soweit es sich um Tatsachen handelt.«

»Gut. Beginnen wir also mit Ihrem Interesse für Frau von Rittler. Sie verliebten sich in sie, glaubten sie frei und warben um ihre Hand, nicht wahr?«

»Ich muß dies zugeben. Aber als ich erfuhr, daß sie verheiratet sei, zog ich mich sofort zurück.«

»Kam es damals zu Differenzen zwischen Herrn von Rittler und Ihnen?«

»Nein. Ich wollte ihn erst fordern, ließ mich dann aber überzeugen, daß dazu kein Grund vorliege. Er war im vollen Recht.«

»Die Schuld an dem Mißverständnis lag also nur an seiner Gattin, die ...«

Weltenberg machte eine heftige Handbewegung und unterbrach den Richter finster: »Ich muß bitten, Frau von Rittlers Namen aus dem Spiel zu lassen. An jenem Mißverständnis war einzig meine eigene Torheit schuld.«

»Diese Erklärung macht Ihrem ritterlichen Sinn alle Ehre, aber es wird dennoch nicht möglich sein, Frau von Rittlers Namen aus dem Spiel zu lassen. Sie unterhielten doch auch gewiß später noch Beziehungen zu ihr?«

»Ich unterhielt überhaupt niemals Beziehungen zu ihr, dies bitte ich speziell festzustellen! Ich machte ihr den Hof – das war alles! Zu einer Aussprache kam es niemals. Ich habe nie eine Zeile mit ihr gewechselt, nie mehr einen Versuch gemacht, mich ihr zu nähern. Ich sah sie erst als Witwe wieder.«

Der Angeklagte hatte rasch und heftig gesprochen.

»Oh, oh ...« Wasmuts Gesicht wurde plötzlich unruhig, »wollen Sie mir das weismachen? Nie mehr einen Versuch gemacht, sich ihr zu nähern? Welche Absicht führte Sie dann in der Nacht des 20. September nach Kreuzstein?«

Weltenberg fuhr bei diesen Worten zusammen und starrte den Untersuchungsrichter verstört an. Er war ganz blaß geworden. Offenbar hatte er nicht angenommen, daß man von diesem Ausflug etwas wisse.

»Nun – wie erklären Sie diesen Widerspruch?«

Der Angeklagte fuhr sich über die Stirn, auf der plötzlich Schweißperlen standen.

»Es ... es ist kein Widerspruch,« murmelte er mit Anstrengung.

»Sie geben aber wenigstens zu, daß Sie dort waren?«

»... Ja.«

»Erwartete Frau von Rittler Sie? Wußte sie um Ihr Kommen?«

»Nein,« die Antwort kam rasch, ohne Zögern. Zugleich schien der Angeklagte wieder seine ganze Fassung erlangt zu haben. Seine Augen richteten sich fest auf den Frager.

»Sie sprachen vorhin von ›rückhaltlosem Vertrauen,‹« sagte er langsam, »gut – da Sie um meine Anwesenheit im Kreuzsteiner Park wissen, so will ich nun auch offen den Grund derselben angeben. Ja – ich war dort! Aber ohne daß irgend jemand im Schloß meine Nähe auch nur ahnte. Frau von Rittler weiß davon bis heute nichts, und da mich überhaupt niemand sehen konnte, begreife ich eigentlich nicht, woher Sie ...«

»Gut, gut, das ist unsere Sache. Sie wollten uns von dem Grunde sprechen, der Sie hinausgeführt.«

»Ja. Es war Liebe! Dieselbe arme, heiße, törichte Liebe, die sich nicht offenbaren durfte und doch nicht sterben konnte ... die heimlich wie ein Bettler hinschlich, um den Ort zu suchen, die Luft zu atmen, welche die teure Frau umgaben. Das war vielleicht töricht ... doppelt töricht, da ich kein Jüngling mehr bin – aber ein Verbrechen war es gewiß nicht! Ich kannte Kreuzstein nicht. Aber ehe ich für lange Zeit auf Reisen ging, drängte es mich, die Umgebung der verehrten Frau kennen zu lernen ... sie dann wenigstens in Gedanken dort aufsuchen zu können, wo sie lebte. Bei Tag durfte ich mich nicht hinaus wagen. Ich kaufte mir also eine Generalstabskarte und studierte die Oertlichkeit. Dann fuhr ich gegen neun Uhr an den Heiligenstädter Friedhof, wo ich den Wagen warten ließ. Auf Umwegen erreichte ich die Parkmauer, fand eine schadhafte Stelle und kletterte ohne Schwierigkeiten hinüber. Es war Mondenschein. Ich kam an einen Weiher und setzte mich dort nieder. Fast zwei Stunden lang verbrachte ich dort unter den Fenstern Frau von Rittlers ... glücklich, ihr heimlich nahe zu sein. Wenn Sie je geliebt haben, Herr, dann werden Sie nicht lächeln, sondern begreifen, daß in meiner Lage auch diese armselige Sache schon Glück bedeutete ...«

Er richtete sich auf und schloß verwirrt: »Dies ist alles, was ich Ihnen zu sagen habe.«

Wasmut schüttelte ungläubig den Kopf und blickte halb ärgerlich, halb höhnisch auf den Angeklagten.

»Und diese harmlose Geschichte soll man Ihnen glauben?«

»Es ist die Wahrheit!«

»Dann erklären Sie mir gefälligst, woher Sie, der Sie nie zuvor in Kreuzstein gewesen sein wollen, ohne fremde Hilfe wußten, welche Fenster zu Frau von Rittlers Wohnung gehören?«

Diese Frage war ein Schuß ins Schwarze. Hempel ließ die Feder sinken und blickte gespannt in Weltenbergs Gesicht, das sich langsam mit dunkler Röte überzog.

Trotzdem antwortete der Angeklagte ruhig: »Es ist nur natürlich, daß Sie mich darnach fragen, Herr Untersuchungsrichter, denn in der Tat ist dies der Punkt, der mir selbst beim Betreten des Parkes schwere Unruhe machte. Wie sollte ich aus den langen Fensterreihen der drei Fronten die richtigen finden? Nun – ein Zufall kam mir zu Hilfe. Als ich am Weiher anlangte, blieb ich stehen und betrachtete die mir gegenüber liegende Seitenfront. Sie enthielt zwanzig Fenster. Vier davon waren erleuchtet und eines stand offen. Im Rahmen dieses offenen hellen Fensters erschien plötzlich gleich einer Vision eine weißgekleidete Frauengestalt, beugte sich einen Augenblick heraus und wandte sich dann zu einer zweiten dunkel gekleideten, die offenbar nur gekommen war, um das Fenster zu schließen, denn zwei Minuten später war es zu und die Rollbalken herabgelassen. Mir aber hatte jener kurze Augenblick genügt, um beide Gestalten zu erkennen: es. waren Frau von Rittler und ihre Zofe Sephine.«

Ein ironischer Zug in Wasmuts Gesicht zeigte nur zu deutlich, was er von dieser Erklärung hielt. Indessen sagte er nichts, sondern stand auf und warf einen nachdenklichen Blick über Hempels Schulter in das Protokoll, gleichsam als wolle er sich vergewissern, daß der Angeklagte wirklich nichts Besseres zustande gebracht hatte, als diese törichte Verantwortung.

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