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Schüsse in der Nacht

Annie Hruschka: Schüsse in der Nacht - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorAnnie Hruschka
titleSchüsse in der Nacht
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140214
projectid7154783b
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XVII.

Mara war es, als wanke der Boden unter ihren Füßen. Das ruhig zuversichtliche Wesen Hempels hatte ihr bisher immer wieder in Stunden der Verzweiflung tröstend vorgeschwebt.

Sie traute seiner Erfahrung blindlings und zweifelte nie einen Moment an dem Eifer und der Hingabe, mit welcher er sich der übernommenen Aufgabe widmete.

Nun war er fort – seit Wochen – ohne sie mit einem Wort verständigt zu haben! Hieß das, daß er die Sache aufgegeben hatte? Oder folgte er einer Spur, die ihm selbst verhängnisvoll wurde?

Mara war von Natur aus ein verschlossener Charakter, der bisher alle Dinge am liebsten mit sich selbst allein ausgekämpft hatte.

Jetzt aber fühlte sie zum erstenmal im Leben ein beinahe wahnsinniges Sehnen nach menschlicher Teilnahme. Hätte sie doch eine Freundin besessen! Wie ein kleines Kind hätte sie den Kopf an deren Brust lehnen, ihren Kummer vor ihr ausschütten, ihr Herz durch Tränen erleichtern mögen ...

Aber sie besaß keine Freundin. Ach – sie besaß seit ihres Vaters Tod ja überhaupt keinen Menschen auf Erden, dem ihr Wohl und Wehe wirklich naheging. Ein Gefühl grenzenloser Verlassenheit, wie damals, ehe sie Kreuzstein verließ, packte sie.

Planlos durchschritt sie mehrere Straßen. Ihr graute förmlich davor, heimzukehren und in diesem Zustande Tante Sessa zu begegnen, die zwar lieb und gut war, aber doch nie von etwas anderem sprach als von ihren Standesangelegenheiten oder dem Klatsch, den sie bei ihren Besuchen gehört.

Tante Sessa nannte das »Mara ablenken und zerstreuen« ...

Plötzlich kam ihr ein Gedanke. Lebte denn nicht in der Fürstenstraße ein armes altes Wesen, das in all diesen Tagen fast ebenso schwer gelitten haben mußte wie sie selbst?

Mara kannte Fräulein Rehbein nicht persönlich. Aber was lag daran? Standen sie einander nicht innerlich nah durch gemeinsame angstvolle Sorge um den einen teuren Verschwundenen?

Kaum gedacht, führte Mara ihren Entschluß auch schon aus, rief einen vorüberfahrenden Einspänner an und fuhr in die entlegene Fürstenstraße.

Am Haustor lehnte ein derbes Frauenzimmer auf einen Kehrbesen gestützt. Mara fragte etwas verlegen, ob und in welchem Stockwerk Fräulein Rehbein hier wohne.

»Ach, Sie meinen die alte Stickerin, deren Neffe ... ja die wohnt hier. Im Parterre, die zweite Türe rechts.«

Mara hatte nicht gewußt, daß Fräulein Rehbein für Geld stickte, aber sie dachte: ›das erleichtert mir den Eintritt ...‹

Auf ihr Klingeln erschien ein verkümmertes altes Mädchen mit abgehärmten Zügen und großen traurigen Augen.

»Fräulein Rehbein?«

»Die bin ich. Bitte, treten Sie ein ..., rechts bitte, links habe ich vermietet. So. Wollen Sie Platz nehmen, Fräulein ... es handelt sich wohl um eine Arbeit, die Sie mir anvertrauen wollen?«

Dies alles wurde höflich, aber in gleichgiltig zerstreutem Ton gesprochen, wie eine oft gebrauchte Reihe von Phrasen.

»Ja ... das heißt nein ... ich wollte eigentlich ...«

Fräulein Rehbein blickte erstaunt in das verwirrte Gesicht ihrer Besucherin, das sich langsam rot färbte.

»Sie wünschen keine Arbeit? ...«

»Nein. Mein Name ist Mara von Rittler ... er wird Ihnen bekannt sein ...« antwortete Mara hastig. »Ihr Neffe war früher bei uns ... und ich möchte ... ich wollte nur ...«

Brigitte Rehbeins Züge hatten sich jäh verändert. An Stelle der Gleichgültigkeit waren Mißtrauen, Abwehr und Unruhe in schnellem Wechsel darüber hingeglitten.

»Ah – Sie sind diejenige, um die er, wie ich höre, geworben hat und um deretwillen jetzt dieser schmachvolle Verdacht auf ihm ruht –«

»Nein. Die er liebte, war meine Schwester Yolanthe ... ich selbst stand ihm ganz fern.«

»Und was führt Sie dann zu mir, Fräulein von Rittler?« fragte Brigitte immer noch mißtrauisch.

Mara blickte verwirrt zu Boden.

»Der innige Anteil, den ich an seinem Schicksal nehme! Es drängte mich, Sie kennen zu lernen ... Sie, die Sie ihn erzogen haben, die Sie ihn lieben! ... Ich dachte ...«

»Man hat mir gesagt, daß in der Familie Rittler niemand an der Schuld meines Neffen zweifle,« unterbrach sie Fräulein Rehbein kalt, »auch diejenige nicht, die er ... geliebt haben soll. Ich kann also nur annehmen, daß Sie gekommen sind, mich auszuhorchen, ob ich nicht heimlich von ihm Nachrichten erhielt. Aber ich weiß nichts ... nichts ... nichts!«

Bei der Versicherung Brigitte Rehbeins, daß sie von Sturm nichts wisse, bebte die Stimme des alten Fräuleins und die letzten Worte klangen, ohne daß sie es wußte, wie der Notschrei eines maßlos geängstigten Herzens. Da konnte sich Mara nicht länger bezwingen. Erschüttert schlang sie die Arme um Brigittens Schultern und stammelte, während große Tränen über ihre Wangen herabrannen: »Nein – ich bin nicht gekommen, Sie auszuhorchen ... nein, ich glaube nicht an seine Schuld ... ich möchte bloß, daß wir uns lieb haben, daß wir einander trösten, daß ich mit Ihnen von ihm sprechen kann ...«

Erschrocken hielt sie inne. Kaum waren die Worte ihren Lippen entflohen, begriff sie, daß dieselben alles enthüllten, was sie in tiefster Seele zu verbergen wünschte.

Brigitte schwieg. Minutenlang starrten beide Frauen einander stumm und verwirrt an. Die eine tödlich verlegen, die andere betroffen, mitleidig, gerührt, als wollte sie sagen: ›Wie – dieses schöne edle Mädchen liebt ihn, und er konnte blind genug um die andere werben, die ihn verleugnete?‹

Endlich brach Fräulein Rehbein das Schweigen, indem sie schüchtern Maras Hand ergriff und sanft sagte: »Ja – wir wollen von ihm sprechen ... so viel und so oft Sie nur wünschen. Und ich danke Ihnen aus tiefster Seele für ... für Ihren Glauben an ihn!«

Dann saßen sie Seite an Seite auf dem harten altmodischen Sofa und die eine wurde nicht müde zu erzählen, die andere nicht müde zuzuhören. Beiden war plötzlich, als kennten sie sich seit Jahren.

Fräulein Rehbein erzählte von Ernst Sturms Knabenjahren, von seinem Fleiß, seinem Ehrgeiz, seiner Güte, seinem edlen idealen Empfinden.

Auch von seinem unerklärlichen Verschwinden sprachen sie und erwogen alle Möglichkeiten, ohne irgend ein wirklich stichhaltige zu finden. Brigitte hielt ihn für tot.

»Es ist ganz undenkbar, daß er mich sonst ohne Nachricht gelassen hätte,« schloß sie trübe, und Mara mußte ihr seufzend beistimmen.

Yolanthes Name wurde wie auf Verabredung nicht genannt.

Die Stunden vergingen im Flug. Längst war es draußen finster geworden. Brigitte hatte die Rollbalken herabgelassen und die Hängelampe angezündet. Da erhob sich Mara endlich, um zu gehen.

»Wollen Sie mir noch die Freude machen, ehe Sie gehen, Ernsts Zimmer anzusehen?« fragte das alte Fräulein halb stolz, halb verlegen, »Es ist das hübscheste der Wohnung – wir haben Stück für Stück zusammen ausgewählt und er hatte solche Freude daran! Der Herr, dem ich es vermietete, ist nicht zu Hause, so können wir ganz ungeniert hinein.«

»Oh – Sie haben sein Zimmer an einen Fremden vermietet?« murmelte Mara traurig.

»Ich mußte leider! Die Wohnung wäre für mich allein viel zu kostspielig, und sie aufzugeben kann ich mich doch nicht entschließen, ehe ich volle Gewißheit über Ernsts Schicksal habe. Da betrachtete ich es wie einen Fingerzeig von oben, als kürzlich ein Herr Leb Rosenzweig bei mir anfrug, ob ich nichts zu vermieten hätte? Er ist sehr anständig und fast nie zu Hause, da sein Beruf als Kolporteur ihn viel über Land führt.«

Sie waren eingetreten. Stumm blickte Mara in dem mäßig großen, aber mit vornehmem Geschmack möblierten Raum umher, in dem alles so behaglich und sauber aussah, daß selbst sie, die an prunkvolle Zimmer Gewöhnte, meinte, nie etwas Hübscheres und Anheimelnderes gesehen zu haben.

Während die beiden Frauen noch plaudernd nebeneinander standen, klingelte es draußen und Fräulein Rehbein eilte hinaus. Sie ließ die Türe hinter sich ein wenig offen, so daß Mara jedes Wort hören konnte, das am Flur gesprochen wurde.

»Ah – Sie sind's?« sagte Brigitte freundlich. »Aber leider ist Herr Rosenzweig seit ein paar Tagen verreist, glaube ich. Wenigstens sah ich ihn noch nicht, obwohl er heute zurück sein wollte.«

»Das tut nichts, ich werde warten. Da er mich für heute abend hieher bestellte, wird er wohl kommen,« antwortete eine Stimme, die Mara sehr wohl kannte, sodaß sie schnell auf den Flur hinaus trat und überrascht ausrief:

»Paul! Sie! Aber wie kommen Sie denn hieher zu Fräulein Rehbein?«

Es war wirklich der ehemalige Kammerdiener ihres Vaters, der sichtlich verlegen und ebenso überrascht, wie Mara selbst, vor ihr stand.

»Ich – ich wollte nur einen alten Bekannten hier aufsuchen,« sagte er endlich.

»Ah. Herrn Rosenzweig, Fräulein Rehbeins Mieter!«

»Ja. Wir lernten uns mal im Kaffeehaus kennen ... aber das gnädige Fräulein ... nein, ist dies eine Ueberraschung!!«

Paul war noch immer etwas befangen, aber die Freude, Mara wiederzusehen, überwog schließlich alle andern Empfindungen und bald waren beide in ein halb wehmütiges, halb freudiges Gespräch über die alten schönen Zeiten in Kreuzstein vertieft.

Mara fühlte aus jedem Wort heraus, daß der alte Diener gleich ihr selbst heimlich von Heimweh verzehrt wurde, und Paul konstatierte insgeheim tief bekümmert, daß die Lieblingstochter seines verstorbenen Herrn gramvoll und gealtert aussah.

Sie trennten sich erst, als Leb Rosenzweig erschien und mit einem stummen Gruß gegen die Damen in seinem Zimmer verschwand.

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