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Schüsse in der Nacht

Annie Hruschka: Schüsse in der Nacht - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorAnnie Hruschka
titleSchüsse in der Nacht
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140214
projectid7154783b
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XIV.

Marstaller, der sich sehr für den Fall interessierte, war der Ansicht, daß man das ganze Gebiet zwischen Kreuzstein und der Heiligenstädter Brücke genau absuchen müsse, und erbot sich, dies zu tun. Damit war Silas einverstanden, und nachdem er ihm noch einige besondere Weisungen erteilt hatte, trennten sich beide Männer am Anfang der Neustiftgasse. Hempel war wie zerschlagen. Ueberall Spuren und keine, in die sich jener Punkt einreihen ließe, von dem er ausgegangen war! Er hatte kaum ein paar Schritte getan, als er seinen Namen rufen hörte. Sich umwendend erkannte er in einem ihm atemlos nachhastenden Mann den Detektiv Haller.

»Ich sah Sie von der Plattform eines Ringbahnwagens aus hieher einbiegen,« sagte Haller lebhaft, »sprang ab und folgte Ihnen. Sie gehen vermutlich nach Hause – darf ich Sie begleiten?«

»Mit Vergnügen. Aber wissen Sie was – spendieren wir uns einen Wagen. Ich bin zu Tode erschöpft nach all den Laufereien heute und sehne mich nach meiner Diwanecke wie ein Wüstenwanderer nach einer Oase.« Er winkte einem leerstehenden Einspänner und fuhr auf Hallers erstaunten Blick hin nervös fort:

»Ja, ja, mein Lieber, ich werde alt, fürchte ich! Diese vertrackte Geschichte läßt mich keine Minute zur Ruhe kommen ... Da gibt's immer neue Seiten, die erwogen sein wollen, und das ewige Grübeln macht mich noch krank! Ich glaube, daß ich auch wieder mal zu essen vergaß und seit Morgen nichts als schwarzen Kaffee im Magen habe. Tun wir uns also zusammen gütlich an dem, was mein alter Hausdrache uns beschert ...«

»Nein, so viel Zeit habe ich nicht, aber bis in die Bernardgasse muß ich Sie begleiten. Schon damit Sie sich nachher nicht weiter den Kopf zerbrechen, sondern mal ordentlich ausruhen, wenn Sie meine Neuigkeiten wissen. Die Sache wird nämlich immer klarer.«

»Nun, was gibt's denn?«

Haller lehnte sich behaglich in die Wagenecke zurück und nahm eine triumphierende Miene an.

»Nichts, als daß meine Berechnungen in bezug auf den böhmischen Baron sich als richtig erweisen. Ich brauchte mich gar nicht abzuhetzen, aß vorzüglich im Deutschen Haus und trank einen gemütlichen Nachmittagskaffee beim Portier des Palais Saxen, der sich als alter Bekannter entpuppte.«

»Da haben Sie den Tag allerdings angenehmer verbracht als ich,« murmelte Hempel matt und fuhr mit der Hand über das seltsam bleich und schlaff gewordene Gesicht, denn all die Lichter ringsum schienen sich plötzlich vor seinen Augen im Kreise zu drehen.

Haller bemerkte die Schwächeanwandlung nicht, sondern fuhr fort: »Und ich wette, dabei habe ich doch mehr herausgebracht als Sie! Denn ich stellte fest, daß Baron Weltenberg tatsächlich in der Mordnacht auf Kreuzstein weilte. Er fuhr im Wagen bis an den Heiligenstädterfriedhof, wo er um neun Uhr ankam und den Wagen warten ließ. Um Mitternacht war er noch nicht zurück. Der Kutscher wollte schon wegfahren, da er aber für die ganze Nacht im voraus bezahlt war und vermutete, daß es sich um ein Liebesabenteuer handelte, blieb er doch. Endlich gegen zwei Uhr erschien sein Passagier ganz verstört, in Schweiß gebadet, die Kleidung derangiert, warf sich in den Wagen und stieß rauh heraus: ›Palais Saxen‹. Der Kutscher sagte mir, er habe nie einen Menschen so verändert gesehen, wie den seinen vornehmen Herrn, den er hinausgefahren habe und der nachher in seinen beschmutzten Kleidern, mit dem wirren Haar und dem angstverstörten Blick nicht viel besser als ein Wegelagerer ausgesehen habe.

Der Portier war gleichfalls entsetzt, als er gegen drei Uhr den Gast seines Gebieters in diesem Zustande wiedersah.

Ein Kammerdiener, der beiden Herren am Morgen darauf das Frühstück servierte, war zugegen, als der Baron von seiner bevorstehenden Weltreise sprach. Sie sollte von England aus angetreten werden und zunächst nach Südamerika gehen. Um Mittag erfuhr man im Palais Saxen den Mord auf Kreuzstein. Der Baron wurde dabei weiß wie der Kalk. Seine Hände zitterten, seine Augen öffneten sich weit wie in stummem Entsetzen. Aber er sagte kein Wort dazu, bemühte sich, im nächsten Augenblick schon wieder gleichgiltig auszusehen, und sprach ausschließlich von harmlosen Dingen. Aber am Abend, als wieder die Rede von seiner Weltreise war, erklärte er seinem Onkel plötzlich ohne irgendwelche Motivierung, er habe den Gedanken aufgegeben und werde wahrscheinlich in einigen Tagen auf seine Herrschaft Rosenbühl zurückkehren.

Was sagen Sie zu alldem, Herr Hempel?«

Hempel sagte gar nichts. Er starrte abwesend vor sich hin. Zuweilen zuckte es seltsam in seinen Zügen. Und als jetzt der Wagen hielt, erhob er sich schwerfällig, warf dem Kutscher ein Geldstück zu und strebte taumelnden Schrittes der Haustüre zu.

Erst jetzt begriff Haller, daß etwas nicht recht richtig war mit seinem Kollegen.

»Ihnen ist unwohl – Sie haben sich überanstrengt,« sagte er erschrocken, Hempels Arm in den seinen ziehend, »ich werde Sie hinaufführen.«

»Es ist nichts ... nichts ...« murmelte Silas, während doch der kalte Schweiß auf seiner Stirn stand und er alle Kraft aufbieten mußte, die Treppe hinauf zu kommen.

Kata erschrak zu Tode, als sie ihren Herrn erblickte und Hallers Worte hörte: »Bringen Sie ihn rasch zu Bett und schicken Sie um einen Arzt, ich glaube, er ist total erschöpft. Ich selbst muß leider wieder fort, aber morgen sehe ich bestimmt nach ihm.«

Einen feindseligen Blick warf sie hinter dem sich Entfernenden drein, dann schloß sie die Türe ab und widmete sich ganz ihrem Herrn.

Um den Arzt schicken? Sie dachte nicht daran. Sie kannte diese Zustände ja seit Jahren. Das war immer so, wenn er sich in einen schwierigen Fall förmlich verbiß: dann vergaß er Essen, Trinken und Schlafen. Eine Zeitlang hielt fiebernder Arbeitsdrang ihn aufrecht, dann brach die mißhandelte Natur zusammen. Seit vier Tagen war er vom frühen Morgen bis spät in die Nacht hinein fort gewesen – natürlich hatte er dabei wieder nichts gegessen – und in den letzten Nächten hatte sie ihn ruhelos in seinem Zimmer auf- und niedergehen gehört. Kein Wunder, daß er nun hilflos dasaß und sich endlich einmal nicht mehr wehren konnte gegen ihre Fürsorge.

Stumm tat sie, was ihr Hausverstand ihr eingab: sie brachte starken alten Wein und kräftiges Essen, räumte das Bett ab und half Hempel beim Auskleiden. Alles, ohne viel Worte zu machen.

Und Silas, obwohl etwas erfrischt, fühlte, daß ihm jetzt vor allem Schlaf, ausgiebiger Schlaf gründlich not tat.

Ehe Kata noch das Eßgeschirr ganz entfernt hatte, hörte sie schon seine ruhigen regelmäßigen Atemzüge hinter dem Paravent, der sein Lager umgab.

Ueberlegend blieb sie noch einen Augenblick stehen. Er schlief! Das war gut für heute. Aber würde er nicht morgen früh, kaum notdürftig ausgeruht, die Hetzjagd von neuem beginnen wollen?

Plötzlich kam Kata ein kühner Gedanke.

Reden, Bitten, Vorstellungen, das wußte sie aus Erfahrung, richteten gar nichts aus bei ihm. Und doch hatte er allem Anschein nach diesmal eine gründliche Erholung nötig. Schließlich war er trotz seines frischen jugendlichen Aussehens ein Fünfziger! Nein – er mußte einen Tag zu Hause bleiben. Und sie, Kata, würde ihn einfach dazu zwingen, mochte er nachher gegen sie wüten, wie er wollte.

Mit schlauem, etwas boshaftem Lächeln nahm sie seine eben abgelegten Kleides öffnete den Schrank, der Hempels Garderobe enthielt, und räumte auch diesen gründlich aus, nur einen Schlafrock darin zurücklassend, und schleppte alles hinaus.

Dann sperrte sie beide Türen von außen ab und verschwand triumphierend in ihrer Kammer, um nun auch ihrerseits schlafen zu gehen.

Silas schlief wie ein Toter, traumlos und ohne sich zu rühren, bis acht Uhr, Als er erwachte, fühlte er sich wie neugeboren. Er blieb noch einige Minuten im Bette liegen und jetzt erst kam ihm Hallers Bericht voll zum Bewußtsein. Aber auch andere Dinge, die gestern verworren durcheinander wogten, standen jetzt plötzlich klar und scharfumrissen wie Wegweiser an einem Kreuzweg da.

Sie wiesen zwar nach einander scheinbar entgegengesetzten Richtungen, aber das drückte heute Hempels Geist nicht zur Mutlosigkeit herab, sondern weckte im Gegenteil einen unerhörten Schaffensdrang.

Ausgeruht und neu gestärkt kam seine wahre Natur, deren Kraft an Hindernissen, deren Mut an Gefahren und deren Arbeitslust gerade an scheinbarer Aussichtslosigkeit wuchs, wieder zur Geltung.

»Bah,« dachte er, »ist es nicht besser, viele Wege, anstatt gar keinen zu haben? Und wer weiß, ob nicht zuletzt doch noch alle zu demselben Ziel führen? Welcher Triumph, wenn ...«

Fiebernd vor Ehrgeiz und ungeduldig, wieder ans Werk gehen zu können, sprang er aus dem Bett und erfrischte seinen Körper durch Ströme kalten Wassers, wobei er fröhlich pfiff.

Dabei bemerkte er, daß auf dem Nachttisch eine Tablette mit dem Frühstück stand, das Kata offenbar noch während er schlief dorthin praktiziert hatte. Die Schokolade auf dem Spirituswärmer und eine Menge guter Dinge daneben.

»Famos,« murmelte Silas, »in einem ist mir die Alte doch über. Sie vergißt nie, was ich so oft vergesse: daß ein Motor, wenn er gehen soll, geheizt werden muß!«

Und da er gesunden Appetit verspürte, machte er sich gleich daran, die guten knusperigen Kuchen zu versuchen, die Katas Spezialität waren.

Erst dann sah er sich nach seinen Kleidern um. Sie waren fort. Ahnungslos öffnete er den Schrank – er war leer!

Einen Augenblick stand Silas verblüfft, dann begriff er und brach in ein schallendes Gelächter aus. Er wollte klingeln.

Aber zugleich fiel ihm ein, daß er die gewöhnlichen Kleider heute ja ganz gut entbehren konnte, da er durchaus nicht als Herr Silas Hempel den Schlachtenplan betreten wollte. Er klingelte also nicht, sondern öffnete eine in die Wand eingelassene Tür, zu welcher er den Schlüssel im Schreibtisch verborgen hielt.

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