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Gutenberg > Rudolf von Gottschal >

Schulröschen

Rudolf von Gottschal: Schulröschen - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchulröschen
authorRudolf von Gottschall
year1886
firstpub1886
publisherEduard Trewendt
addressBreslau
titleSchulröschen
pages221
created20150201
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel.

Der Oberlehrer Berning war in letzter Zeit oft nach Burgdorf hinaufgekommen. Freiin Mathilde hatte ihm die Bibliothek zur Verfügung gestellt: er schrieb ein Werk über die Adelsgeschlechter des Kreises, zu denen auch die Familie des Ministers gehörte, nicht gerade aus wissenschaftlichem Eifer, sondern weil er hoffte, sich dadurch die besondere Gunst des Ministers zu erwerben. Eine reichhaltigere Bibliothek als Burgdorf hatte aber kein Schloß der Umgegend.

Mit seinem Freund und Collegen Klauber, der ihm hülfreich zur Hand ging, durchsuchte Berning auch heute wieder die Schätze der Bibliothek. Klauber war in jeder Hinsicht das Gegenbild des Freundes: mit seiner blauen Brille, seinem blassen, pockennarbigen Gesicht, seiner schmächtigen Gestalt 141 und seinen eckigen Manieren diente er der schönen Erscheinung und dem weltmännischen Benehmen des Collegen als ein willkommenes Relief . . . und das war auch der Hauptgrund, warum man ihn so oft in seiner Gesellschaft sah; Berning wußte sehr wohl, wie stattlich und glänzend er sich von diesem dunkeln Hintergrunde abhob.

Hoch oben auf der Leiter stehend, beklagte sich Berning über die Unordnung, die in der Büchersammlung herrsche: der Vater habe keinen Sinn dafür gehabt, ja eine förmliche Abneigung gegen die Bibliothek gezeigt; es stehe hier alles durcheinander; man müsse die einzelnen Bände eines Werkes mühsam zusammensuchen: er könne den zweiten Band des alten Adelslexikons der Provinz nicht finden.

Klauber suchte inzwischen in den unteren Fächern, doch er kam nicht weit damit, weil jedes alte Buch das er aufschlug, ihn außerordentlich interessirte, sodaß er darin blätterte und las und oft sich ganz in den Inhalt vertiefte.

Eine Zeit lang verharrten die beiden Genossen in schweigender Arbeit: man hörte nichts in dem hohen Saal als das Auf- und Zuklappen, das Hin- 142 und Herrücken der schweren Bände und eine dichte Wolke von Staub, im Sonnenstrahl flimmernd, zog sich unter dem mit Stuck ausgeschmückten Plafond quer über den Saal von einem Büchergestell zum andern.

Endlich unterbrach Berning das Schweigen mit dem Rufe: »Gefunden!«, worauf er rasch die Leiter herunterstieg, »hier ist das Wappen der Familie des Ministers . . . und welche lange Genealogie und Chronik der Familie.«

»Du wirst dies natürlich gehörig ausbeuten: und das Bändchen im Knopfloch wird nicht ausbleiben.«

»Wohl möglich.«

»Ich liebe,« sagte Klauber mit einem gewissen Stolz, »die Wissenschaft nur um ihrer selbst willen; ich begreife nicht, wie man sie anderen Zwecken dienstbar machen kann; Du freilich bist ein Welt- und Lebemann.«

»Die Charaktere sind eben verschieden. Ich sage Dir, solch ein Bändchen thut Wunder; man avancirt rascher und die Mädchen haben ein Aug' auf die Decoration. Eine Uniform ist freilich 143 besser; doch ich habe keine, ich bin nie Soldat gewesen . . .«

»Ich hab' es leider,« versetzte Klauber kleinlaut, »nicht einmal zum Gefreiten gebracht, weil ich mit dem verwünschten Hinterlader nicht umzugehen verstand.«

»Ich glaube,« versetzte Berning, »auch Röschen wird nicht unempfänglich sein für das bunte Bändchen.«

»Röschen ist ein artiges Kind; doch ich begreife nicht, warum Du Dich für sie interessirst.«

»Sie ist hübsch und präsentabel und das gelehrte Air steht ihr ganz allerliebst.«

»Doch sie ist arm wie eine Kirchenmaus . . .«

»Jetzt noch . . . allerdings.«

»Wie . . . und später?«

»Im Vertrauen, alter Freund,« sagte Berning, indem er einen geheimnisvollen Flüsterton annahm, »ich weiß, daß Du nicht plauderst, da Dich nichts interessirt, was nicht einen schweinsledernen Einband hat. Weder der Vater noch Amanda wissen, was ich weiß.«

»Und was weißt du denn?«

144 »Besinnst Du Dich auf den alten Großonkel aus Berlin, der einmal hier zum Besuche war?«

»O ja . . . die Mumie!«

»Mit dem merkwürdig langen Gesichte, das unten in der hochgethürmten, weißen Cravatte versank. Ich habe ihn mehrmals besucht; ich liebe die reichen Leute, die keine Familie haben; es bröckelt bisweilen etwas von ihnen ab, das uns in den Schooß fällt.«

»Nun . . . und ist etwas für Dich abgebröckelt?«

»Nein, für mich leider! nicht; doch der Alte zog mich in's Vertrauen; er hat Röschen zu seiner Universalerbin gemacht; sein Rechtsanwalt hat es mir bestätigt. Das Mädchen wird steinreich; sie weiß es nicht, Niemand in der Familie weiß es.«

»Das paßt Dir wohl?«

»Natürlich! Die Werbung erscheint ganz uneigennützig und dann kommt der Goldregen hinterdrein; doch es reut mich fast, daß ich geplaudert habe.«

»Sei ruhig,« sagte Klauber, »dergleichen Geheimnisse sind gut bei mir aufgehoben, weil ich sie 145 morgen schon wieder vergessen habe; doch einem solchen Goldkind gegenüber gehst Du nicht energisch genug vor.«

»Ich werde,« meinte Berning, indem er sich sein Schnurrbärtchen herausfordernd strich, »nächstens einen Sturmangriff wagen. Auf den Wunsch der Baroneß werde ich zweimal in der Woche herauskommen, um die Bibliothek zu ordnen. Das Fischchen soll bald an meiner Angel zappeln; doch seh' ich recht? Da kommt sie ja.«

In der That erschien Röschen, ein Paket Bücher unter dem Arm, die sie auf den einen Tisch des Bibliothekzimmers legte, und grüßte die Herren freundlich, obschon sie über die Anwesenheit derselben etwas befremdet war. Die Stunde nahte, in welcher sich das Kränzchen hier versammeln sollte. Der Oberlehrer Berning aber war ihr in ihrer jetzigen Stimmung besonders unbequem: sie wußte, daß er schlimme Absichten auf ihr Herz und ihre Hand hatte; nach den Enthüllungen im Park aber war eine große Sehnsucht über sie gekommen, die ihr Herz dem Plan der Mutter gänzlich entfremdete und deren Ziel ihr jetzt nicht mehr so 146 unerreichbar schien wie früher. Gleichwohl waren ihr, nachdem sie sich dem ersten Rausche des Glückes fast besinnungslos hingegeben, schwere Bedenken gekommen. Mathilde sollte wirklich dieses großen Besitzes verlustig gehen. Röschen begriff jetzt nicht wie sie sich so maßlos darüber hatte freuen können. Es war doch immerhin ein Unglück! Gab es da keine Hilfe? Immer wieder klopfte Röschen bei der alten Lore an. Konnte man den Gedankengang derselben in Fluß bringen, so wußte sie vielleicht Fingerzeige zu geben, welche einen Ausweg möglich machten. Am Abend des Tages, der auf die ereignißreiche Nacht folgte, hatte Röschen die alte Freundin des Hauses wieder in ihrem stillen Gemach besucht und alles aufgeboten, um ihr Gemüth in eine gewisse Erregung zu versetzen, durch welche sie vielleicht eher den Schlüssel zu den verborgenen Schätzen ihres Gedächtnisses fand. Laut, sehr laut und sehr eindringlich hatte Röschen mit der Alten über Mathildens peinvolle Lage gesprochen, wenn diese, vielleicht einer andern Liebe folgend, sich nicht für Felsen erklären würde. Da war Lore verständnisinnig gefolgt; hatte die Brille auf die Stirn 147 gerückt, sich eine Thräne abgetrocknet, dann den Strickstrumpf auf den Tisch gelegt und die Hände gerungen; dann nach einer stummen Pause begann sie, indem sie mit ihren Gespensteraugen starr vor sich hinblickte:

»Diese Nacht . . . ich war halbwach; ich wußte nicht, ob ich träumte oder wachte! Da kam über mich ein merkwürdiges Erinnern. Ich sah mich wieder als Mädchen; der Großvater saß in dem großen Familienlehnstuhl; er spielte mit den Quasten desselben; ich besinne mich ganz genau auf das, was er sagte. Er sprach von einer alten Urkunde, einer Successionsordnung die in Vergessenheit gerathen sei, weil die Väter zwei Jahrhunderte hindurch regelmäßig den erstgebornen Söhnen ihr Erbe hinterlassen hätten; doch sollte einmal kein Sohn vorhanden sein, dann trete sie wieder in Gültigkeit.«

Und auf die Frage Röschens, wo diese Successionsordnung sei, wußte Lore nicht zu antworten. Das Archiv enthalte nicht zahlreiche Urkunden, das habe man schon einmal durchsucht und nichts gefunden. »Archiv, Archiv . . .« Lore war ganz nachdenklich geworden; über das Archiv stolperten 148 ihre Gedanken immer von neuem; doch auf einmal . . . es war wie mit einem Ruck, von dem etwas in ihrem Kopfe aufsprang . . . auf einmal kam wie ein Gespenst aus dem Abgrunde von fünfzig Jahren ein anderes Wort emporgestiegen auf ihre Zunge: »Bibliothek?« Hatte der Großvater nicht von der Bibliothek gesprochen? Sie sprach es mehrmals leise vor sich hin und griff dann wieder zum Strickstrumpf.

Röschen hatte das Wort erfaßt mit ganzer Seele; doch ihr fehlte die Zauberlampe und die rettende Losung: »Sesam, öffne Dich!« Wer sollte unter diesen tausend Bänden den rechten finden? Gleichviel . . . sie wollte nicht ruhen, nicht rasten Tag und Nacht! Sie hatte ja einen mächtigen Bundesgenossen . . . ihr Latein! Jetzt erschien ihr die Bibliothek geheimnißvoll verzaubert, ein Orakel, dem sie die Zunge lösen sollte.

Deshalb war ihr Berning's Anwesenheit doppelt peinlich; sie machte kein Hehl daraus, daß dies Bibliothekzimmer jetzt ihr und ihren Freundinnen gehöre, die mit Erlaubniß der Freiin Mathilde hier ihr Kränzchen abhalten wollten. Lehrer Klauber 149 packte die Bücher eilig unter den Arm und gewann so rasch wie möglich die Thüre. Berning folgte ihm, doch er drehte sich, als Klauber schon draußen war, plötzlich um:

»Ein Wort noch, Fräulein Röschen.«

»Sie erschrecken mich,« sagte Röschen.

»Darf ich sie zur Vorsicht mahnen?«

»Bin ich denn so unvorsichtig?«

»Der Baron von Felsen nähert sich Ihnen in auffallender Weise. Sie sind die Tochter meines Directors und ich nehme Antheil an Ihnen. Felsen ist gebunden, und wenn er mit Ihnen tändelt, so leidet ihr guter Ruf; denn zu einem beiläufigen Liebesabenteuer . . .«

»Darf ich mich nicht,« fragte Röschen, »mit einem alten Bekannten unterhalten? Wer will mir deshalb einen Makel anhängen?«

»Die Welt, die böse Welt!«

»Wohl die guten Freunde, Herr Doctor . . .?«

»Ich nicht, gewiß nicht,« sagte Berning, »ich sehe darüber hinweg, obschon mir Ihr Wohl und Wehe ganz besonders am Herzen liegt!«

»So schützen Sie mich vor jenen guten 150 Freunden, die nicht darüber hinwegsehen; vertheidigen Sie mich ritterlich.«

»Das will ich, Fräulein Röschen! Wie glücklich wäre ich, wenn Sie mir ein größeres Recht dazu gäben.«

»Bedarf es eines Rechtes, wenn man eine Pflicht erfüllen soll?«

»Sie mißverstehen mich,« sagte jetzt Berning, indem er eine feierliche Miene annahm, »erlauben Sie mir ein offenes Wort! Mit schweigendem, wachsendem Antheil folge ich Ihnen schon lange auf ihrem Lebenswege. Daß Sie gelehrter Bildung nachstreben, hat Ihnen mein Herz gewonnen; Ihre Anmuth entzückt mich; wozu die vielen Umschweife? Sie dürfen nur einem Manne der Wissenschaft ihre Hand reichen; ein anderer würde Sie nicht verstehen, würde das für eitlen und müßigen Kram halten, was ich so hoch zu schätzen weiß. Wollen Sie die Meine werden?«

»Ihr Antrag ehrt mich,« erwiederte Röschen nicht ohne Rührung, »ich bin ein armes Mädchen und ein thöricht Kind dazu. Ernsten Männern mag es lächerlich erscheinen, was ich thue und treibe, 151 doch Ihnen nicht . . . ich nehm's wenigstens an, da Sie mich heirathen wollen.«

»Wie könnten Sie überhaupt denken . . .«

»Doch ich bedaure, ich muß Ihren Antrag ablehnen, so sehr ich Ihnen dafür dankbar bin.«

»So rasch, so plötzlich, so ohne Bedenken –«

»Es ist besser so; sehen Sie, Herr Berning, wir passen nicht zusammen!«

»Ich glaube doch, daß wir nebeneinander . . .«

»Ganz stattlich durch's Leben wandern würden. Es ist wahr, das Format paßt und der Zollstock macht keine Einwendungen. Es ist dies gar nicht so gleichgültig, und wenn mein riesenlanger Cousin mit seinem Duodezfrauchen angewandelt kommt, so denke ich immer: es ist eine Puppe, die ihm aus der Hand gefallen ist.«

»Ich meine,« warf Berning ein, »daß gleiche Bildung und gleiches Streben den häuslichen Heerd in seltener Weise verschönern.«

»Den häuslichen Heerd? Das eben ist's! Dafür werden Sie wenig Sinn haben, Herr Doctor! Das alles ist für Sie Asche, aus der Sie keinen Funken blasen werden. Sie wollen hoch hinaus; 152 ich will im stillen Nestchen sitzen bleiben. Sie wollen in der Welt herumrumoren und mit Recht! Die große Welt ist für Sie, dort können Sie Eroberungen machen, Sie sind ein schöner Herr! Der Spiegel sagt es Ihnen, das Echo der Gesellschaft – und ich will's Ihnen auch sagen, da Sie es gewiß gern hören.«

»Sie halten mich für eitel?«

»Nein, nein! Doch wir müssen alle verbraucht werden, wie wir sind, und Sie sind einmal für das Glänzen bestimmt. Ich würde an Ihrer Seite nur das verlassene Aschenbrödel sein. Und dann . . . mein Herz ist nicht mehr frei.«

»Also doch,« rief jetzt Berning, in dem es schon lange vor innerer Wuth kochte, bei der unverhofften, bedingungslosen Ablehnung; »der Baron hat dort seinen Einzug gehalten, freilich nicht mit klingendem Spiel, denn das darf er ja nicht . . ., gewiß durch ein Hinterthürchen, solch ein weltfremdes Rendezvous in aller Stille. Niemand darf davon wissen; denn er ist ja der officielle Freier, Bräutigam und zukünftige Gatte der Baroneß.«

»Herr Berning,« rief jetzt Röschen aufbrausend.

153 »Wenn Sie redliche Bewerber zurückweisen, so mag die Welt wenigstens erfahren, daß Sie einer unerlaubten Liebe nachgehen. Ihr Vater soll es erfahren und an die große Glocke will ich es hängen; das soll Bimbam! durch unser Städtchen ausgeläutet werden. Mit dem Korbe, den ich von Ihnen erhalten, werde ich auf den Markt gehen und Schimpf und Schande für Sie einkaufen.«

»Das falle auf Sie zurück, Herr Berning,« rief Röschen. »O wie gut hat mich mein Herz berathen, als es sich von Ihnen abwandte; jetzt seh' ich, Sie sind voll arger Tücke! Verlassen Sie mich! Ich habe ein Recht dies zu verlangen; es ist ein kecker Hohn gegen mich, wenn Sie bleiben. Quousque tandem, Catilina – wie lange wollen Sie meine Geduld mißbrauchen? Gehen Sie, gehen Sie!«

Berning stand da, hochroth vor Zorn zugleich und vor glühendem Begehren; denn Röschen in ihrer Aufregung erschien ihm schöner als je.

»Wir sind hier unter uns und ohne Zeugen,« sagte Berning vertraulich näher tretend, »und da Sie ja Ihre Gunst bedingungslos zu verschenken 154 gewohnt sind, so will ich nicht ganz leer ausgehen und für das versagte Glück langer Jahre mich trösten durch das geraubte Glück eines Augenblickes. Einen Kuß, mein Herzchen, werden Sie mir nicht versagen; es ist zwar kein Brautkuß, doch auch andere Küsse sind nicht zu verachten.«

Nicht mit dem Ungestüm der Leidenschaft drang jetzt Berning auf Röschen ein, sondern mit dem kalten Hohn, der die herzhafte Ueberlegenheit des Mannes dem kleinen Mädchen fühlbar machen wollte; doch sie sträubte sich tapfer gegen den aufgedrungenen Kuß. Sie rief nicht einmal um Hülfe; doch diese war ihr näher als sie hoffen durfte. Felsen, welcher Mathilde aufsuchte und dem man gesagt hatte, sie sei in der Bibliothek bei Röschen, war zur rechten Zeit eingetreten, um den Oberlehrer energisch zur Ordnung zu rufen.

»Ich trete gern zurück,« sagte dieser rasch gefaßt mit dem Spott, der seine beste Waffe war; »ich weiß, daß Sie hier den Vorrang haben. Ich sehe mein Unrecht ein und thue feierliche Abbitte; ja ich mach' es wieder gut, indem ich schleunig das Feld räume. Die in der Luft schwebenden Küsse 155 werden jetzt wie Schmetterlinge die rechten Blumen finden.«

Als Berning die Bibliothek verlassen, stammelte Röschen einige Worte des Dankes; sie war verlegen, Felsen gegenüber; sie wußte ja setzt, daß Mathilde ihn nicht liebte; sie hatte die Sicherheit der Abwehr verloren und empfand es doch immer wie ein leises Unrecht, wenn sie das Hangen und Bangen ihres Herzens verrathen und Felsen's Werbung ermuthigen sollte.

»Was wollte der Unverschämte?« fragte der Baron, der seinen Zorn über die höhnischen Worte Berning's kaum zu bemeistern vermochte.

»Nichts weiter . . . gar nichts,« sagte Röschen, zu Boden blickend, »er hat blos um meine Hand angehalten.«

»Das ist für den Anfang genug; doch er drängte sich Ihnen gewaltsam auf.«

»Erst als ich ihm einen Korb gegeben! Das gefiel ihm nicht, gar nicht . . . und da wurde er dreist und immer dreister . . .«

»Warum gaben Sie ihm einen Korb, Röschen?«

»Ja, das hat mehrere Gründe,« sagte Röschen, 156 indem sie schalkhaft aufblickte; »ein solcher Korb läßt sich leichter flechten als auseinandernehmen und auseinandersetzen . . . und doch . . . wozu das viele Kopfzerbrechen? Ein Grund genügt: ich lieb' ihn nicht!«

»Und doch,« versetzte Felsen, »ist es, wie ich höre, der Wunsch Ihrer Eltern, daß Sie Bernings Frau werden.«

»Ja, man will mich eben verheirathen. Das Heirathen ist einmal Mode und man muß die Mode mitmachen. Erwachsene Töchter . . . das ist keine Waare, die man lange auf Lager halten will. Und dann ist der Doctor Berning ja ein Mann, der Carrière machen wird, und Carrière ist doch die Hauptsache. Auch sagen sie, er sei ein schöner Mann. Und das macht sich gut bei der Hochzeit. Da stehen die Leute herum oder lungern herum in den Kirchenstühlen und flüstern: »ein hübsches, ein stattliches Paar!« Ich spreche ja nicht von mir; ich weiß ja, daß ich weder hübsch noch stattlich bin, sondern ein kleines, wunderliches Blümchen, gerade gut genug, um in das Herbarium der Ehe gepackt zu werden.«

157 »Nun, und was haben Sie gegen Berning?«

»Bisher war er mir gleichgültig; jetzt ist er mir widerwärtig; er ist heimtückisch und zudringlich; ich zerbreche mir nur den Kopf, warum er mich liebt.«

»Es giebt größere Räthsel in der Welt,« meinte Felsen lächelnd.

»Er ist ein habsüchtiger und ehrgeiziger Mensch und ich bring' ihm weder Hab und Gut, noch besondere Ehre ins Haus.«

»Er liebt Sie, weil Sie eben liebenswürdig sind.«

»Ihm gegenüber bin ich's nie gewesen.«

»Weil Sie hübsch und reizend sind . . .«

»Ach nein! Mir wird hier so bang zumuthe. Die Bücher sehen mich alle so verwundert an, weil ich mich nicht um sie kümmere, und mir ist doch nur wohl, wenn mich eine Staubwolke von Gelehrsamkeit umgiebt.«

»Die Göttin in der Wolke?«

»Ich darf das nicht hören; ich kann das alles nicht hören; ich will studiren, nur studiren. Da ist mir wohl, da hab' ich Frieden und Ruhe. Niemand 158 soll bei mir anklopfen, Niemand . . . ich rufe nicht herein!«

»Und wenn Gott Amor anklopft?«

»So mag er draußen bleiben!«

»Der fliegt durch's Schlüsselloch. Werfen Sie die Bücher beiseite, Röschen! Das ist ein weiblicher Sport, der Ihnen nicht schön zu Gesichte steht. Ein reizendes Kind . . . und diese alten Scharteken. Das ›amo‹ conjugirt sich besser in einer blühenden Laube beim Mondschein, und ein einziger Optativ erschöpft die ganze Syntax der Liebe. Sie sind ein Dornröschen; eine dichte Hecke mit alten klassischen Dornen muß der Prinz überwinden, der Sie aus Ihren gelehrten Träumen wecken, der Sie zum Leben wachküssen will; doch der Prinz wird kommen, er ist da.«

»Nein, nein,« rief Röschen, »sie ist nicht gefangen, sie schlummert nicht; sie wacht mit großen Augen, und wenn der Prinz kommt . . . husch, husch ist sie durch die Hecke entsprungen. Ich darf hier nicht bleiben,« fügte sie forteilend hinzu, »nicht allein mit Ihnen! Ich muß meinen Freundinnen 159 entgegenfliegen. Doch Ihnen will ich's beichten: ich fürchte mich vor dem Prinzen.«

Mit stiller Freude blickte Felsen der Enteilenden nach: er hatte die feste Hoffnung, daß er sein fliehendes Glück sich einfangen werde. Und den ersten entscheidenden Schritt dazu wollte er sogleich thun, sich mit Mathilden aussprechen, ihr Todesurtheil, wie er meinte, ihr verkündigen. Es war ihm schmerzlich, seines Vaters Wunsch nicht zu erfüllen, eine liebe Verwandte um ihr Erbe zu bringen; doch er konnte nicht anders, er mußte der Stimmung seines Herzens folgen.

Nun erschien auch Mathilde: sie wollte Röschen mittheilen, daß nach dem Kränzchen eine Erfrischung für die jungen Damen in der Jasminlaube bereit stehe. Sie war befremdet, statt Röschen den Baron hier zu finden; doch auch sie wünschte schon längst eine Auseinandersetzung mit ihm, und sie beschloß jetzt, sich ein Herz zu fassen. Sie fürchtete, er werde sie hier mit einer Liebeserklärung überraschen; er sah ihr bedrohlich aus . . . lag doch noch der Widerschein der beglückenden Begegnung mit Röschen auf seinen Zügen. Jeder zögerte indeß, das 160 entscheidende Wort zu sprechen, und so begann die Unterhaltung mit gleichgültigen Bemerkungen über die Bibliothek, welche wiederum durch einige Kunstpausen unterbrochen wurden, bis sich denn Felsen ein Herz faßte, mit einem kühnen Anlaufe vom Testament zu sprechen anfing und sich todesmuthig in medias res stürzte.

»Dein Vater,« sagte er, »hat dringend gewünscht, daß wir uns heirathen.«

»Er hat das oft genug ausgesprochen,« versetzte Mathilde kleinlaut.

»Und hat Dich Deiner Güter beraubt, wenn es nicht geschieht.«

»Er wollte sie der Familie erhalten sehen . . .«

»Wir sollten uns,« meinte Felsen, »also eigentlich heirathen.«

»Eigentlich, ja!«

Wiederum trat eine Pause ein, und der Baron hielt es jetzt für seine Pflicht, die bittere Pille, die er seiner Cousine überreichen wollte, möglichst zu verzuckern; sie aber war durch sein Lob empfindlich berührt; denn sie sah darin nur das Präludium zu einer darauf folgenden Liebeserklärung.

161 »Du bist ganz dazu geschaffen, einen Mann glücklich zu machen; Du bist jung und schön, Du hast Geist . . .«

»Nur zum Hausgebrauch.«

»O nein, Du könntest in jedem Salon damit glänzen; es ist ein frischer, ursprünglicher Geist, nichts Angelerntes.«

»Ich bitte Dich . . . halt' ein mit Deinem Lobe!«

»Und dann . . . Dein Charakter ist durchaus selbständig; mit kühner Freiheit gestaltest Du Dir Dein Leben. Die alten Basen mögen Dich schelten; ich liebe den unabhängigen Sinn, der sich nicht ängstlich um das Hergebrachte kümmert; ich liebe das Weib, welches ritterliche Übungen pflegt und mit schönem Mute allen Gefahren trotzt.«

»Du willst mich eitel machen; ich kann in diesem geschmeichelten Bilde nicht mein armes Selbst wiedererkennen! Es ist Deine Herzensgüte, die sich an der Freude der anderen freut und Allen gern Verbindliches sagt.«

»Ich sage immer nur die Wahrheit.«

Um dem unvermeidlichen späteren Geständnis 162 das Abschreckende zu nehmen, fuhr jetzt Mathilde fort, Felsen's Lob zu singen: »Man rühmt Deine Uneigennützigkeit, Deine Hingebung für das allgemeine Wohl, Deine glänzende Beredtsamkeit, Dein festes Auftreten, Dein männliches Wesen.«

Der Baron sah in diesen Lobsprüchen nur die Schlinge, die ihm seine Cousine über den Kopf zu werfen suchte, um ihn an sich zu fesseln.

»Glaube das nicht,« sagte er ablehnend; »wenn ich ein selbstleuchtender Körper bin, so leucht' ich nur von ferne; in der Nähe bin ich sehr dunkel, ganz ungenießbar. Ich bin heftig und leidenschaftlich im öffentlichen und im Privatleben; ich denke eben so sehr an mich, wie an das allgemeine Wohl und habe eine Peinlichkeit in kleinen Dingen, die alle zur Verzweiflung bringen muß.«

»Auch ich muß alles Lob ablehnen,« sagte jetzt Mathilde; »ich bin launenhaft bis zur Unerträglichkeit; meine Vorliebe für den Sport macht mich zu einer Art von Mannweib; ich bin wankelmütig in meinen Neigungen; ich sehe nur im Reitkleid erträglich aus; im Negligee bin ich so unhäuslich, so abschreckend . . .«

163 »Ganz wie ich im Schlafrock!«

»Ich bin eine verdorbene Kunstreiterin.«

»Und ich ein verdorbener Premierminister.«

Erschöpft von dem Eifer, sich selbst in den Schatten zu stellen, machten die Beiden jetzt eine längere Pause. Sie maßen sich eine zeitlang mit fragenden Blicken; dann blätterte Mathilde in den Klassikern, die auf dem Tische lagen und Felsen trat an das Fenster der Bibliothek und sah zerstreut auf die Bäume des Parkes, die sich im Winde pagodenhaft verneigten. Dann schien er einen Entschluß gefaßt zu haben; er näherte sich seiner Cousine mit den Worten:

»Ich muß Dir ein Bekenntniß machen, Mathilde!«

»Laß' mich mit dem meinigen vorausgehen«, sagte diese.

»Bei schwierigen Fragen ist es Sache des Mannes, zuerst in's Feuer zu rücken!«

»Doch wenn Du mich erschreckst . . .«

»Das ist wohl möglich, doch es muß sein. Ich weiß, daß Du ein Recht hast, mir zu zürnen.«

164 »Das pflegen wir Mädchen sonst in solchen Fällen nicht zu thun.«

»In welchen Fällen?«

»Nun, wenn man um unsere Hand anhält.«

»Du erwartest einen Antrag; Du hast ein Recht dazu. Das Testament verpflichtet mich, bindet mich in meinem Gewissen.«

»O wenn Du erst Dein Gewissen mobil machst . . . eine Liebe aus Gewissenhaftigkeit . . .«

»Wir sind nahe Verwandte!«

»Pah . . . Cousin und Cousine! Das taugt nicht.«

»Ich liebe Dich aufrichtig, Cousine!«

Jetzt empfand Mathilde doch einen leisen Schreck.

»Ich gönne Dir alles Gute,« fuhr Felsen fort; doch . . . thu' mir den einzigen Gefallen, liebe mich nicht, hasse mich, verabscheue mich!«

»Was ist das?« rief Mathilde erstaunt.

»Ich liebe Dich als meine reizende Cousine; doch ich kann keine testamentarische Heirath schließen, es ist gegen meine Grundsätze!«

Jetzt jubelte Mathilde laut auf in ihrem 165 Herzen; doch verbarg sie schalkhaft ihre Freude und ließ ihrer überströmenden guten Laune frei die Zügel schießen, indem sie eine entrüstete Miene annahm.

»Und das sagst Du mir so ruhig in's Gesicht, als wenn Du mich bei einem Tanze sitzen ließest . . . wohl weil Sie anderweitig engagirt sind, mein Herr? Kann man ein Weib tödtlicher kränken, als wenn man seine Hand ausschlägt? Das muß das sanfteste Hirtenmädchen in eine Megäre verwandeln; denn damit sagt man ihr: Du bist reizlos, Du bist ein verfehltes Weib, eine verpfuschte Creatur, unwerth, unter Gottes Himmel zu wandeln.«

»Aber höre mich doch, Mathilde . . .«

»Das ist schon schlimm genug, wenn auch sonst kein Gewicht in die Wagschale fällt; doch es wird empörend und unritterlich, wenn man ein Mädchen hinausstößt in Not und Elend, wenn man ihm sein väterliches Erbe verkümmert, wenn die Hand, die man zurückzieht, zugleich die rettende Hand ist in den Stürmen des Lebens . . . o das ist grausam, das greift an's Herz.«

»Du sollst selbst richten, Mathilde! Willst Du 166 meine Hand ohne mein Herz? Ich fühle mich schuldig Dir gegenüber; in schlaflosen Nächten habe ich mit dem Entschlusse gerungen . . .«

»Nur keine bösen Träume,« rief jetzt Mathilde mit ausgelassenem Frohlocken, »nur keine Armensündermienen. Einziger, lieber Vetter! Siehst Du denn nicht, wie glücklich ich bin? Die Welt dreht sich mir im Kreise! Laß Dich umarmen! Ich mag Dich ja auch nicht!«

»Wie köstlich sich das trifft.«

»Ich liebe einen Andern; ich denke gar nicht an Dich: Du bist mir höchst gleichgültig.«

»Wie mich das freut!«

»Und auch bei Dir ist's nicht recht richtig, Vetterchen! Nun einen herzhaften Kuß in Ehren! Wir haben beide Entschädigungsansprüche wegen des geraubten Brautkusses. Das verlangt prompte Auszahlung . . . dann sind wir quitt!«

Als die beiden Glücklichen in ihrer Freude gerade damit beschäftigt waren, durch prompte Auszahlung das Conto ihres Herzens von jedem Debet für alle Zeiten zu entlasten, trat Graf Bergheim in die Bibliothek, der hier das Kränzchen zu finden 167 hoffte, dessen Mitglied er geworden, und der durch das Bild zärtlicher Hingebung, das sich seinen Augen darbot, nicht wenig überrascht wurde.

»Bravo, Bravo!« rief er, »Alles in Ordnung! Gratulire, gratulire! Ich komme ganz zur rechten Zeit und werde gleich anspannen lassen, denn hier ist meines Bleibens nicht.«

»Sie irren, lieber Vetter,« versetzte Felsen, »das war nur ein Abschiedskuß!«

»Ein Abschiedskuß?«

»Den sie nach Verdienst taxiren mögen; denn er sichert Ihnen alle Güter, auf die wir verzichtet haben.«

»Das sollte mir leid thun,« sagte der Graf mit aufrichtigem Bedauern, »unmöglich!«

»Auf mein Wort,« versetzte Felsen; »der Kuß war nur der Ausdruck unserer Freude darüber, daß wir uns nicht lieben.«

»Seltsam,« meinte der Graf, »das eröffnet ja erfreuliche Perspektiven für die ungeliebten Männer. Das sind Chancen, von denen ich sehr viel profitiren könnte.«

»Und dieser Kuß war zugleich das Zeichen, 168 daß meine Cousine mir vergeben hat. Ich räume Ihnen jetzt das Feld – auf Wiedersehen, liebe Mathilde!«

Felsen verließ das Bibliothekzimmer mit dem leichten Schritte eines Mannes, dem ein schwerer Stein vom Herzen gefallen ist. Weniger behaglich war dem Grafen zumuthe: er sah sich ganz plötzlich in eine Lage versetzt, die seiner Phantasie bisher mehr im Dufte der Ferne erschienen war; er mußte den Plan ausführen, den ihm sein point d'honneur eingegeben hatte und der auch den Wünschen seines Herzens entsprach; aber er war in Verlegenheit, wie er die erste Parallele eröffnen sollte, um das Herz der schönen Mathilde zu erobern.

»Erlauben Sie mir die Bemerkung,« begann er, »daß Sie ein wenig rasch und leichtfertig zu Werke gegangen sind. Dieser junge Mann hat vielleicht zufällig eine kleine Herzensaffaire, sagt sich von allen Verpflichtungen gegen Sie los . . . und Sie in Ihrer thörichten Großmuth . . . o ich kenne das . . .«

»Billigen Sie diesen Stolz nicht? Soll eine Freiin von Bergheim sich fortwerfen?«

169 »Nein, allerdings nicht! Doch in solchem Falle temporisirt man; man sucht Zeit zu gewinnen. Einer vielleicht vorübergehenden Neigung bringt man nicht solche unglaubliche Opfer.«

»Sie wissen, daß das Testament selbst mir einen Termin gestellt hat, der bald abgelaufen ist. Wär' ich auch eine bessere Diplomatin als ich bin; ich kann hierin nichts ändern.«

»Sapperlot . . . das ist wahr! Das fatale Testament! Und so wär' es jetzt entschieden?«

»Unwiderruflich,« versetzte Mathilde, »ich begnüge mich mit meinem kleinen Vermögen; die Güter fallen Ihnen zu.«

»Ein so schöner großer Besitz! Ich möchte schamroth werden. Das steigt mir etwas zu Kopfe! Die verwünschte kleine Hexe!«

»Von wem sprechen Sie?«

»Nun, ich weiß, da ist ein kleines Wesen mit großen Augen, das den Baron so zur Unzeit verzaubert hat. Man sollte sie auf einem Scheiterhaufen verbrennen mit all' ihren lateinischen Scharteken.«

»Sie meinen Röschen?«

170 »Das Unheil ist einmal geschehen. Was ist zu thun? Sie müssen mich mit feindseligen Augen betrachten, liebe Cousine! Seh' ich nicht aus wie ein Straßenräuber? Ich möchte mich mit einem rothen Mantel drapiren und einen Dolch im Gewande tragen.«

»Sie sind unschuldig an Ihrem Glücke; ich gönne es Ihnen von ganzem Herzen und bin weit davon entfernt, Sie zu hassen oder zu beneiden.«

Der Graf fühlte sich ermuthigt durch Mathildens Liebenswürdigkeit; doch ein Blick auf seinen profanen Sommerrock wirkte wieder herabstimmend auf ihn; er bedauerte, daß er keinen besseren Rock angezogen hatte, nicht ein Paar weiße Handschuhe bei sich trug; er kam sich gar so alltäglich vor und ein feierlicher Augenblick stand vor der Thüre.

»Haben Sie etwas verloren, Vetter?« fragte Mathilde, die seine Verlegenheit bemerkte.

»Ich glaube fast, die Courage!«

»Und wozu brauchen Sie dieselbe?«

»Das sollen Sie bald erfahren. Zunächst eine Frage: glauben Sie, daß ein Mann in meinen Jahren Liebe erwecken kann?«

171 »Die Männer haben gar kein Alter; dergleichen ist nur für uns Frauen. Denken Sie nur an Anakreon und Goethe!«

»Das waren Dichter.«

»Auch alte Männer, die nicht Dichter waren, haben junge Frauen gefunden.«

»Wollen wir freundlich zu einem ganz speciellen Falle übergehen. Dieser specielle Fall bin ich selbst. Glauben Sie, daß ein junges Mädchen mich lieben könnte?«

»Sie gehören doch nicht zu den Greisen, die mit dem Kopfe wackeln.«

»Dies Lob ist nicht gerade sehr beruhigend. Auf hohen Bergen, wenn sie auch nicht die Schneelinie erreicht haben, fehlt der Schatten, giebt es keine hochragenden Bäume, keine duftigen Blumen mehr. Sehen Sie die Tonsur auf meinem Kopfe: das geht schon über das Erlaubte hinaus; das ist mehr als ultramontan! Und dann . . . es will nicht mehr recht vom Flecke; ich bin kein Tänzer, kein Läufer, und tauge nur für eine Brunnenpromenade.«

»Junge Frauen wollen nicht laufen, nicht springen . . . nur promeniren.«

172 »Doch das ist alles Nebensache,« fuhr der Graf fort; »wer aber einige vierzig Jahre hinter sich hat, dem macht das Leben schon ein süßsaures Gesicht. Ein ganzes Bündel von Illusionen hat er bereits abgeworfen; in seinem inneren Haushalt giebt es lauter zerbrochene Töpfe. ›Der hinkende Bote kommt nach,‹ sagt das Sprichwort. Das Alter ist ein solcher hinkender Bote. Alles was die Jugend vergessen hat und liegen ließ, den ganzen Trödel bringt es herbeigeschleppt; darunter befindet sich auch das Gewissen . . ., es kommt nachgelaufen wie ein bellender Hund. Man giebt ihm gelegentlich einige Fußtritte, doch das hilft nicht viel.«

»Sie malen mit sehr schwarzen Farben.«

»Und nun . . . die Liebe! Man kann ja noch ein Weib auf Händen tragen; ich selbst fühle mich stark genug dazu. Solch ein junges Herz aber schlägt zum erstenmale glühend und heiß; ein einziges Bild erfüllt es ganz . . . und man kommt mit einem Herzen, das wie eine Wirthsstube austapeziert ist mit lauter verblichnen, vollgeklecksten Bildern. Der ganze Kram ist nur einige Pfennige werth; aber er nimmt den Platz fort für das neue, schöne, 173 einzige Bild. Kann ein solches Wrack noch einmal unter Segel gehen und die Fahne der Liebe tragen?«

»Ich bin nicht so thöricht, Sie zu ermuthigen,« versetzte Mathilde. »Ein Mann von Geist und Erfahrung ist jungen Mädchen stets gefährlich; leider! hat sogar ein alter und unbußfertiger Don Juan mehr Chancen als ein glattwangiges Bleichgesicht, dem die Schüchternheit seiner zwanzig Jahre aus allen Poren blickt. Sie sehen sich selbst mit zu ungünstigen Augen an; Sie erlauben mir wohl, besser von Ihnen zu denken. Sie sind tapfer, edel und, wie ich hoffe auch weise.«

»Trostreiche, schöne Worte«, sagte der Graf; »doch Sie beschwören das Verhängniß über Sie herauf. Kürze ist ja die Seele des Witzes; ich will mich kurz fassen; ich bitte um Ihre Hand!«

»Sehr ehrenvoll,« sagte Mathilde, fast erschrocken, »doch darauf war ich nicht gefaßt.«

»Kurz und gut,« wiederholte der Graf, »ich bitte um Ihre Hand. Sie haben mein Bild so schmeichelhaft retouchirt, daß ich's wagen kann. Sie wissen, Sie sind nicht die erste, die in meinem Herzen herrscht. Sie haben eine Reihe von 174 Vorgängerinnen, doch Sie sollen die letzte sein; ich will Ihnen huldigen von ganzem Herzen; ich werde stolz auf Sie sein, wenn ich Sie am Arme führe: die erste wenigstens, die des Priesters Segen an mir festgehakt hat.«

»Sie gehen zu weit in Ihrem Edelmuth.«

»Ach! nicht der zehntausend Morgen wegen, die sich hier an meine Schuhsohlen hängen, möchte ich die Krone des ganzen Besitzthums mit nach Hause nehmen. Ich leugne nicht, es würde mich freuen, Ihnen das alles wieder zum Hochzeitsgeschenke machen zu können; es würde mein Gewissen beruhigen und ich würde in den Spiegel sehen, ohne einen gewissen mißvergnügten Zug um meine Mundwinkel zu bemerken. Doch wegen eines Hochzeitsgeschenkes heirathet man nicht. Wenn Ihnen das alles zweifellos und bedingungslos gehörte: ich würde doch bei Ihnen anklopfen und alles ruhig mit dazu nehmen, auf die Gefahr hin, für einen eigennützigen Bewerber zu gelten, der nur freit, um Hab und Gut zu gewinnen. Das aber kann man mir jetzt nicht nachsagen.«

»Geben Sie mir die Hand,« sagte Mathilde, 175 »ich achte Sie, doch es steht in den Sternen geschrieben: ich kann Ihnen nicht angehören.«

»Da haben wir's,« rief der Graf ärgerlich aus, »die schönen Redensarten! Jetzt, wo es die Probe gilt, stimmt das Exempel nicht. Ich bin Ihnen zu alt, zu verbraucht! Sagen Sie's gerade heraus; verabschieden Sie den Invaliden ohne jede milde Gabe!«

»Sie irren! Ich kann Ihnen so wenig gehören, wie ich Felsen gehören kann. Und aus demselben Grunde: mein Herz ist nicht mehr frei!«

»Das ist aber ein sehr dummer Streich von Ihrem Herzen; das kommt Ihnen theuer zu stehen.«

»Ich bin darüber getröstet,« versetzte Mathilde, »und beichte Ihnen ein anderes Mal: doch jetzt vergeben Sie mir wohl. Ihr Spiel war nicht verloren, Sie kommen nur ein Tempo zu spät!«

»Sie sind gütig gegen mich,« versetzte Bergheim, ihr die Hand küssend; »doch wenn ich den glücklichen Amoroso sehe, brech' ich ihm den Hals!«

»Vetter,« rief Mathilde, indem sie warnend den Zeigefinger hob.

»Nichts für ungut . . . das ist nur so meine 176 Meinung. Solch ein Judas mit seinen Küssen, das ist der Schuldige! Der bringt Sie um Hab und Gut; daß er mir jetzt nicht in den Weg kommt! Und doch . . . meinen Segen haben Sie ja . . . und da muß ja der verwünschte Schlingel auch sein Theil davon haben. Leben Sie wohl! Ich muß Luft schöpfen und meinen Korb allein auspacken.«

Noch einmal küßte der Graf seiner schönen Cousine die Hand: dann verließ er mit stolzer Haltung das Zimmer. Und doch schmerzte ihn die kleine Niederlage, die er hier als Brautwerber erlebt hatte, mehr, als ihn die große Kunde erfreute, daß ein so vielbeneidetes Besitzthum in seine Hände gefallen sei.

Mathilde stand lange Zeit nachdenkend: mit ihrer Familie war sie quitt. »Brave liebenswürdige Männer,« dachte sie, »doch ich kann nur einer Liebe folgen.«

Da wurde es im Vorsaal und auf der Treppe laut: ein Sprechen und Rufen, ein Springen und Tappen, ein Lachen und Kichern: das gelehrte Kränzchen war im Anmarsch. Mathilde begrüßte die jungen Damen aufs verbindlichste; sie bedauerte, 177 nicht gelehrt genug zu sein, um sich an ihren Studien betheiligen zu können, und theilte ihnen mit, daß unten in der Jasminlaube Stachel- und Johannisbeeren auf sie warten würden, wenn sie Horaz und Virgil zur Genüge genossen hätten.

Als die Schloßherrin die Bibliothek verlassen hatte, begann's darin lebendig zu werden: ein Summen und Surren, wie wenn ein Bienenschwarm sich auf Blüthen niederläßt. Die jungen Damen waren über das »nil admirari« noch nicht hinaus: sie wunderten sich über die vielen Bücher; allerlei Frage und Ausrufungszeichen standen in den niedlichen Gesichtern. Von einem Repositorium ging's zum andern; bald schwebte Gretchen hoch auf der einen Steigeleiter und Sabine auf der andern, und da kramten sie die Folianten und Quartos heraus, wogen sie in den Händen, wobei sie mühsam genug das Gleichgewicht bewahrten.

Gretchen gelang es, einige der dicksten die Leiterstufen herabzutragen; sie schleppte dieselben an den Tisch, um sich einen Sitz zurecht zu machen; sie wollte auf lauter Gelehrsamkeit sitzen. Sabine fand einige allerliebste niedliche Bändchen mit 178 Bildern; doch als Auguste und Lise dieselben sehen wollten, klappte sie die Deckel zu und rief: »Nein, nein! Das sind lauter garstige Bilder; dergleichen kann man nur ansehen, wenn man ganz allein ist!«

Inzwischen hatte Auguste unten ein interessantes Buch gefunden, das sie sich borgen und mit nach Hause nehmen wollte: es standen einige der alten Geschichten darin, aus denen Richard Wagner seine Opern macht. Und das wollte sie doch durchstudiren, um mitsprechen zu können.

Röschen hatte sinnend am Fenster gestanden und auf die rauschenden Parkwipfel hinausgesehen. Das Dornröschen kam ihr nicht aus dem Sinne . . . . was er nur damit meinte? Ein verzaubertes Röschen; ja das war sie; aber lieber wäre sie selbst eine Zauberin gewesen, deren Wink hier diese Quarto's, Folianten und Sedezbändchen gehorchten! Dann wäre das rettende Buch, das sie suchte, von selbst hervorgesprungen, wenn sie nur in die Hände geklatscht hätte. Jetzt verließ sie das Fenster, ging an all' den Repositorien vorüber, als trüge sie eine Wünschelruthe in der Hand; doch vergebens! Nur der Lärm der Freundinnen, die herauf- und 179 herunterkletterten und die schweren Bücher aufeinanderfallen ließen, daß die hohen Wölbungen wiederhallten, tönte ihr in's Ohr.

Mißvergnügt rief sie jetzt zur Ordnung; die Freundinnen sollten sich um den Tisch herumsetzen; heute galt es die Wiederholung der Grammatikregeln.

»Ach die entsetzliche Grammatikstunde,« seufzte Lise. Röschen begann mit einer Wiederholung der Declinationen, wobei einige merkwürdige Accusative und Pluralformeln dem Gehege der Lippen der jungen Damen entflohen. Die Lehrerin bemerkte mit Kopfschütteln, daß die Grundlage der lateinischen Weisheit sich durchaus nicht großer Festigkeit erfreute. Dann ging man zu den Hauptregeln über.

Gretchen, die stolz auf ihrem etwas wackligen Thronsitz saß, wußte wenigstens durch einen Reimvers, der in ihrem Gedächtnis haften geblieben war, zu imponiren:

»Was man nicht dekliniren kann,
Das sieht man als ein Neutrum an!«

»Für mich giebt's dann nur Neutra im Lateinischen,« fügte sie achselzuckend hinzu.

180 Die Masculina auf »is« machten den jungen Damen viel zu schaffen. Sabine bedauerte, daß sie nicht alle weiblichen Geschlechtes geblieben waren. Der so schön geordnete Reimvers wurde in lauter Trümmer geschlagen; jede junge Dame brachte ein Bruchstück herbei: die eine »piscis«, die andere »axis«, die dritte »pulvis«. Sabine betonte mit vielem Nachdruck das Wort »finis« und rief dann aus:

»Ach ja, finis, das ist das entscheidende Wort. In der That, Kinder, machen wir ein Ende! Wir sind heute gar nicht aufgelegt zur Gelehrsamkeit. Draußen liegt der Sonnenschein auf den Wipfeln.«

»Und die Stachelbeeren warten,« fügte Lise hinzu.

»Machen wir noch ein Tänzchen im Zimmer herum,« sagte Sabine.

»Dann werden,« meinte Auguste, »die Mäuse aus ihren Löchern hervorkommen und mittanzen.«

»Die können inzwischen an den alten Büchern herumknabbern,« versetzte Sabine.

»Ihr habt Recht,« sagte Röschen, »mir selber kriechen heute die Buchstaben wie garstige Insecten 181 auf den Blättern herum. Die Welt ist voll Sonnenschein – tanzen wir!«

Und die ehrwürdigen Bücher sahen mit Erstaunen den profanen Reigen, der sich durch die bisher unentweihten Hallen bewegte und einen Staub aufwühlte, daß Lise in der Pause über einen Erstickungsanfall klagte und das Fenster aufriß.

»Spielen wir lieber etwas Ball mit den Büchern,« meinte Sabine, welche an der Quelle, dem Repositorium, Posto faßte und die Freundinnen in gleichmäßigen Zwischenräumen aufstellte.

Zuerst griff sie nach den Sedezbändchen und warf sie den Gefährtinnen zu.

»Hier – die kleinen Kolibri's! Fangt!«

Dieser Fang ging ohne Mißgeschick ab; es war nicht schwer, die Sedez zu haschen.

»Jetzt kommen schon die Oktavbände,« versetzte Sabine.

Das ging weniger glücklich vonstatten; Auguste ließ einen Band fallen und Gretchen, welche die letzte war, wußte nicht recht, wohin sie mit den gefangenen Bänden sollte.

»Wirf alles hinter Dich,« sagte Sabine, »wie 182 Deukalion und Phyrrha die Steine! Sturmwedel ist unten . . . der kann nachher alles aufheben und Ordnung machen. Nun kommen die Quarto's . . . Jetzt breitet die Schürzen aus, die sind zu schwer für Eure zarten Händchen.«

Der erste Quarto kam schwerfällig herangeflogen, wie ein flügellahmer Maikäfer. Sabine warf zu kurz; er fiel dicht vor Röschen auf die Erde. Trotz der Mahnung Sabinens ihn liegen zu lassen, trat Röschen doch aus der Reihe hervor, um ihn aufzuheben. Denn sie hatte bemerkt, daß sich der Band im Fallen geöffnet und seine Blätter sich verbogen hatten. Die anderen rückten ehrgeizig in die Lücke; sie wollten es besser machen als Röschen, und in der That wurden auch einige Quartos aufgefangen. Doch bald jammerte Lise über die scharfen Klammern, die ihre Finger verletzten, und Auguste hatte sogar eine zerrissene Schürze zu beklagen.

»Unausstehlich!« rief sie aus, »ich fange nicht mehr! Nehmen wir die alten Scharteken, bauen wir eine Bastion, springen wir darüber wie Remus über die Wälle von Romulus.«

Der Vorschlag fand Anklang; doch während 183 die anderen Mädchen die Quartos zusammentrugen, einen Folianten als Grundlage herbeiholten und über die Höhe der Bastion in einen ziemlich lebhaften Streit gerieten, stand Röschen, noch immer den aufgeschlagenen Band in den Händen, in höchster Erregung wie vom Blitz gerührt. Ihren eigenen Augen wollte sie nicht trauen; sie las und las immer wieder und heftiger klopfte ihr Herz. War sie eine Zauberin? Waren die unsichtbaren Geisterchen auf ihren Wink herbeigeeilt und hatten ihr alle Herrlichkeit der Welt zu Füßen gelegt? Sie rieb sich immer wieder die Augen. Da stand es ja mit großen Lettern: »Ordo successionis«, und es war die Erbordnung der Familie Bergheim vom Jahre 1603. Eine Sammlung aller Urkunden des Kreises . . . wie segnete sie ihr Latein! Sie las und las und verstand alles was sie las! Die Güter erben fort auf die Töchter, wie auf die Söhne, das kann kein Testament ändern . . . Mathilde bleibt reich, Felsen wird frei! Und da stand noch unten am Rande von der Hand eines Ahnherrn ein Hinweis auf das Schriftstück im Archiv, in einem verborgenen Fache hinter dem großen Bilde, das ein Knopf der 184 Tapete öffnete, eine gekritzelte Nachschrift mit kleinen Perlbuchstaben . . . wachte sie, träumte sie? Sie konnte sich vor Freude nicht fassen. Morgen war der Geburtstag der Freiin . . . das war ein Geburtstagsgeschenk!

Sie hörte traumverloren nicht den Zuruf der Freundinnen! Fest hielt sie das Buch umklammert, als könnte es wie irgend ein Spuk in den Lüften verschwinden.

»Was ist mit Dir, Röschen?« rief Sabine.

»Komm', spring mit uns,« sagte Auguste; »ich nehme noch einen Folianten mehr dazu.«

»Springen,« rief Röschen, »o ja, so hoch Ihr wollt! Thürmt den Ossa auf den Olympos: ich springe darüber; denn ich bin selig wie die Götter droben; über alles Irdische hinweg trägt mich der Jubel meiner Seele!«

Und so flog sie mit einem kühnen Sprung über die Foliantenburg; die anderen folgten ihr nach; nur Lise stolperte und fiel.

»Das ist die Strafe für Dein schlechtes Latein,« rief ihr Röschen ausgelassen zu; »für eine gute 185 Lateinerin giebt's keine Hindernisse. Sie erobert sich die Welt und das Herz des Geliebten.«

Und während der wilde Schwarm die Treppe herunterstürmte, begab sich Röschen in ihr Zimmer, wo sie den unersetzlichen Quarto fest im Schube verschloß. Abends wollte sie ihn wieder herausnehmen, noch einmal Wort für Wort bei der Lampe durchstudiren . . . und morgen . . . es sollte der schönste Tag ihres Lebens werden. 186

 


 

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