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Schulröschen

Rudolf von Gottschal: Schulröschen - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchulröschen
authorRudolf von Gottschall
year1886
firstpub1886
publisherEduard Trewendt
addressBreslau
titleSchulröschen
pages221
created20150201
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel.

Das waren keine rauschenden Parkwipfel, auf welche des Mädchens Giebelfenster herabsah; das waren nur die Baumkronen eines Obstgartens, aber diese Kirsch-, Apfel- und Birnbäume hatten eine ansehnliche Höhe, und wenn Pfingsten kam und mit lichtem Grün die Birkenwälder und Saatfelder betupfte, dann wurde auch weißer oder leise gefärbter Blüthenschnee auf den Garten ausgestreut und er stand da in einer seltenen Pracht, um welche die herrschaftlichen Ziergärten und Wildparks ihn beneiden konnten. Und weiterhin sah man aus den drei Fenstern des Giebelzimmers auf ein paar Berge am nahen Horizont, schüchterne Berge, welche jeder Höhenmessung gegenüber in ihres Nichts durchbohrendem Gefühle dastanden, aber doch, wenn sie regengrau sich verhüllten oder sonnenhell leuchteten, 47 einen stimmungsvollen Hintergrund des landschaftlichen Miniaturbildes abgaben.

Drei Freundinnen Röschen's hatten sich bereits in ihrem Zimmer versammelt: am Fenster stand die gute Anna Süme, das sanfteste Mitglied des Kränzchens, mit hübschen braunen Augen, die aber immer dem Weinen nahe waren, und blonden Löckchen, die das feine melancholische Gesicht umrahmten; sie sah nach den Silberwölkchen, die sich am Himmel einigten und ihre Seele gondelte auf ihnen sanft durch den Azur.

Auf dem Sopha saß Lisa Kobisch, eine hochgewachsene, etwas dürftige Brünette. Da ihr Körper bei dem Schuß in die Höhe große Anstrengungen machen mußte, so war ihre Seele immer etwas müde, zerstreut, gelangweilt und sie wußte den Dingen dieser Welt, auf welche sie Jahr für Jahr von einem immer höheren Standpunkt herabsah, keinen besonderen Anteil abzugewinnen. Ganz anders die Dritte im Bunde, Auguste Rieser, welche eifrig in Röschen's Büchern herumblätterte; das war ein sehr gewecktes Mädchen, mit einem etwas spitzen 48 Näschen und nüchternen grauen Augen; altklug und alles besser wissend.

Die Unterhaltung zwischen den drei jungen Damen wollte nicht recht in Gang kommen. Anna träumte am Fenster, Lisa gähnte auf dem Sopha und Auguste las verständnißinnig bald hier bald dort eine Stelle aus einem zierlich niedergeschriebenen eingebundenen Dichter, wie sie das Büchergehänge über dem Nippestisch schmückten, während die lateinischen und griechischen Classiker in einem schlichten Repositorium an der Wand gegenüber eine Stätte gefunden hatten.

Das wurde anders, als Sabine von Bomst mit dem niedlichen Gretchen Bölle ins Zimmer trat: Sabine, die älteste und reifste von allen, ausgestattet mit einem kecken Stumpfnäschen, mit ein Paar feurigen Augen und stattlicher Körperfülle, Gretchen, das enfant terrible des Kränzchens, mit einer so naturwüchsig hervorquellenden Naivetät, daß sie, während ihr eigenes Gesichtchen feierlichen Ernst wahrte, ihre Freundinnen oft in die heiterste Laune versetzte.

»Wo bleibt denn Röschen?« rief Sabine.

49 »Sie wird wohl noch lange nicht kommen: ich sah den Dr. Berning ins Haus gehen,« meinte Gretchen.

»O, du kleiner Schelm, welche Bosheit! Doch freilich, wenn der Oberlehrer da ist, läßt man sich nicht gern stören. Solch' ein entzückender Don Juan . . . feinste pariser Odeurs:

Er ist wie eine Blume,
So hold, so zart, so rein,
Ich sah in an, und Wehmuth
Schleicht mir ins Herz hinein.«

»Der Berning ist ein feiner Mensch,« sagte Lisa, sich streckend, »er gilt für schön, mir ist solche Schönheit langweilig! Ein Mann braucht überhaupt gar nicht schön zu sein, das ist unsere Sache!«

Inzwischen trat Röschen ein, schüttelte allen Freundinnen die Hände und setzte sich dann auf den Ehrenplatz am Studirtisch.

»Schlagt den Horaz auf, Kinder,« sagte sie dann.

Und alle Stumpf- und Spitznäschen neigten sich; jedes Mädchen hatte ein Exemplar des römischen Dichters vor sich auf dem Tische liegen.

»Wo waren wir doch stehen geblieben?« fragte die stets zerstreute Anna.

50 »Wir fangen ja erst an,« sagte Auguste, wir sind noch bei der ersten Ode.«

»In der That,« sagte Sabine, »wir haben erst einige Verse durchgenommen; doch der Ovid gefiel mir besser. Das waren doch amüsante Märchen. Diese Götter und Göttinnen, das ging so reizend durcheinander. Und da wird alle Augenblicke eine von den Himmlischen eine Blume oder sonst etwas Apartes . . . oder sie jagen sich und haschen sich, daß es eine Freude ist.«

»Ach, das ist Alles langweilig,« rief Lisa aus, indem sie mit einem tiefen Seufzer sich in die Sophaecke lehnte.

Diese absprechende Bemerkung erregte einen Sturm des Unwillens.

»Langweilig?« fragten alle durcheinander.

»Nun, ich meine das verwünschte Latein . . . ich versteh's nun einmal nicht!«

»Ja freilich, wenn Du's nicht verstehst,« sagte Auguste mit gedehntem Ton und nahm eine überlegene Miene an.

»Ihr versteht's ja alle nicht! Ihr bildet's Euch blos ein. Das bischen Grammatik haben wir längst 51 wieder vergessen, und wenn uns Röschen nicht alles vorübersetzte . . .«

»Du denkst,« erwiederte Auguste, »wir sind alle so zurück wie Du . . . es giebt aber Unterschiede!«

»Streitet Euch nicht,« rief Anna, »es ist ein so schöner Schwung im Horaz! Fangen wir doch die Ode noch einmal an!«

»Silentium, Kinder!« gebot jetzt Röschen mit der ganzen Autorität der Vorsitzenden.

»Maecenas atavis edite regibus«

»Mäcen, Sprößling der alten Könige . . .«

»Ach!« warf Sabine ärgerlich ein, »wir waren ja schon beim olympischen Staub . . . warum sollen wir uns denn noch einmal mit den alten Königen herumschlagen?«

»Wohl denn,« versetzte Röschen, »einige freut es, olympischen Staub aufzuwühlen.«

»Olympischen Staub« rief Sabine aus, »aha, das kommt vom Olympos. Wenn Vater Zeus die Röcke ausgeklopft werden, da fliegt der olympische Staub herum.«

52 »Ach nein,« meinte Gretchen, »wenn sie droben kehren und fegen . . . nach dem Cotillon.«

»Bewahre,« versetzte Anna, »das bezieht sich auf die Rennbahn bei Olympia.«

»Ach da, wo sie jetzt das alte Zeug aus der Erde graben, Vasen, Bildsäulen, Ringe, altes Küchengeschirr. . . .«

»Lauter unbrauchbare Geschichten,« sagte Gretchen verächtlich.

»Es ist in der That,« sagte die Vorsitzende, »die Rennbahn von Olympia gemeint.«

»Rennbahn?« fragte Sabine; »habt Ihr denn neulich das Frühjahrsrennen mit angesehen?«

»Ach wie war das schrecklich langweilig,« seufzte Lisa. »Diese langgestreckten Pferde, bald der eine Kopf vorn, bald der andere . . . und diese roten Jokey's und die geputzten Damen auf den Tribünen.«

»O nein,« meinte Sabine pathetisch, »es war zu reizend, wie der Lieutenant von Hirzen beinahe den Hals gebrochen hätte . . . er stürzte mit dem Pferde . . . das sah aus wie auf dem Schlachtfelde . . . da lagen sie, Roß und Reiter . . . wie mausetodt.«

53 »Der arme Hirzen!« sagte Anna, »er hatte sich doch schwer verletzt.«

Im Eifer der Unterhaltung hatten sich alle von ihren Plätzen erhoben.

»Es geht ihm schon wieder besser,« versetzte Auguste, »sein Reitknecht hat es unserer Köchin gesagt.«

Gretchen konnte ihrer Gefühle nicht länger Herr werden: »Er ist ein schöner Mann, der Lieutenant! Schlank wie eine Tanne, und er hat das Blond, das ich so fabelhaft liebe . . . Haar und Bart ganz wie der Siegfried.«

»Mir gefällt der Lieutenant von Zehrer besser,« meinte Auguste, »wenn der sein Pferd courbettiren läßt: das hat doch eine Art . . . und dann hat er einen gewaltigen Schnurrbart . . . der lohnt schon allein das Entree.«

»Das einzig Amüsante,« sagte Lisa, »war der furchtbare Guß, ehe noch die Steeplechase zu Ende war und beim Nachhausefahren. Die schönsten Toiletten zum Auswinden . . . die prächtigen Hüte zum Fortwerfen . . . die Kleider an den Leib geklatscht.«

54 Jetzt mußte Röschen zur Ordnung rufen:

»Setzt Euch nur wieder her; jetzt habt Ihr wirklich genug olympischen Staub aufgewühlt. Bitte jetzt um Ruhe und Aufmerksamkeit . . . sonst kommen wir nicht vorwärts. Und doch ist diese Ode so schön: Horaz zeigt uns den mannigfachen Ehrgeiz der Menschen. Die einen suchen die Kränze der Rennbahn zu erringen, die andern streben nach hohen Staatsämtern und Würden. Den Kaufmann, der die Armuth nicht ertragen kann, freut es, dem Gewinn auf dem Meerschiff nachzujagen, mag er auch den Africus fürchten, der die icarischen Fluthen aufwühlt; andere freut der Kriegslärm, der den Müttern so verhaßt ist . . . das ist schön gesagt. Vergänglich aber ist der Preis dieser Bestrebungen, unvergänglich des Dichters Ruhm. Wen die Muse krönt, der erhebt sein Haupt zu den Gestirnen:

Sublimi feriam sidera vertice.«

Die etwas freie Inhaltsangabe der Ode hatte Röschen mit vieler Wärme vorgetragen; sie ahnte nicht, daß sie außer ihren Freundinnen noch andere Zuhörer hatte: schon beim Beginn ihres Commentars hatte ihr Vater leise die Thüre geöffnet, dann aber 55 einem Herrn, der hinter ihm stand, einige Worte zugeflüstert.

Jetzt traten beide vor.

»Bravo, Töchterchen!« rief der Vater, »laß Dich nicht stören! Guten Tag, ihr Mädchen! Röschen, hier bring' ich einen Jugendfreund.«

»Das wäre Gustav? fragte Röschen verwundert.

»Ja, das ist Gustav,« erwiederte Felsen, »und er ist sehr erstaunt, daß seine Jugendgespielin ein so stattliches Mädchen geworden ist.«

»Entschuldigen Sie, Herr Baron . . . das platzte mir so heraus.«

»Geben Sie mir die Hand, Fräulein Röschen, wir wollen nach wie vor gute Freunde bleiben!«

»Das lass' ich mir gefallen,« flüsterte Sabine zu Auguste, »der ist wirklich ganz nett.«

»Die so nett aussehen,« erwiederte diese, »taugen in der Regel nicht viel.«

»Ich bedaure sehr,« sagte Felsen, »daß ich die jungen Damen störe.«

»O bitte,« entgegnete Röschen, »wir haben Zeit, sehr viel Zeit. Es pressirt nicht so mit unserem Latein. Meine Freundinnen,« sagte sie dann 56 vorstellend, »Sabine, Auguste, Anna, Lisa, Gretchen . . . auf die Zunamen, auf die gens, kommt es bei uns nicht an; Herr Baron von Felsen. . . .«

»Ach der lange Gustav,« flüsterte Gretchen zu Lisa, »mit dem wir uns oft herumgeneckt haben.«

»Mir gefällt er nicht,« erwiederte Lisa, »er sieht so anspruchsvoll aus.«

»Sie haben viel vor uns voraus,« sagte Felsen; »aus freier Neigung wenden Sie sich den Studien zu, die uns der harte Zwang wenig genießbar machte. Ja, ja! Herr Director, eine Horazische Ode und Satyre war für uns oft eine harte Nuß, an der wir herumknusperten, bis wir das Buch beiseite warfen und in die freie Luft hinausstürmten.«

»Und ich hab' Euch doch,« sagte der Director mit voller Ueberzeugung, »alles so angenehm gemacht!«

»O, wir hingen auch an unseren alten Lehrern,« sagte Felsen, »und ich muß sagen: es wehte mich an wie Heimathluft, als ich den Kirchthurm des lieben Städtchens über den rothen Dächern emporsteigen sah und die Plätze begrüßte, wo ich mit meinen Kameraden den Horaz und Homer scandirte.«

Und nun begann Felsen alle die Gefühle zu 57 schildern, die ihn bestürmten, als er die alten Räume wiedersah und selbst aus dem runzelvollen Gesichte des alten Sturmwedel die Erinnerungen seiner Jugend zusammenlas.

Es lag so viel Herzenswärme in seiner Erzählung, daß Röschen ihr mit innigem Antheil folgte.

»Er ist ein Phantast,« sagte Lisa, »solche weiche Gallert ist für mich ungenießbar.«

»Es ist merkwürdig,« meinte Felsen, »durch welches Vergrößerungsglas die Erinnerung sieht: kommt man zurück an die alten Stätten der Jugend, da schrumpft alles wunderlich zusammen. Ich habe viele Kirchen auf meinen Reisen gesehen, aber unsere altersgraue Pfarrkirche erschien mir in der Erinnerung so imposant, als könne sie den Vergleich mit einigen berühmten Domen aushalten. Die Straßen, die Plätze hier . . . wie stattlich, wie geräumig schwebten sie mir vor: und jetzt ist mir's als wären die Häuser von einem schadenfrohen Zauberer in die bunten Häuserchen einer Spielschachtel verwandelt worden. Man sollte nicht an dem Schleier rühren, der über solchen Erinnerungen schwebt; es ist der 58 rosige Schleier einer Fee, welche darunter für uns einen traumhaften, doch unvergänglichen Schatz bewahrt. Leuchtet man hinein mit der Fackel tagheller Nüchternheit, mit welcher wir jetzt das Leben betrachten, so bleibt nur ein unerquicklicher Rest zurück. Doch nein, ich bin's überzeugt, eine alte Erinnerung ist mächtiger als jeder Eindruck, den wir jetzt empfangen: nach einiger Zeit verlischt das alles wieder und der Traum der Kindheit und Jugend mit seinem märchenhaften Zauber tritt wieder in seine unveräußerlichen Rechte.«

Der Director, ein stahlharter Grieche und Römer, war für diese romantischen Gefühlserregungen wenig empfänglich. Anna fand, daß der Baron ein reizender Mensch sei; Röschen aber war wie bezaubert von dem weichen Ton seiner Stimme und ganz hingegeben dem träumerischen Hang, der aus Felsen's Worten sprach.

»Entschuldigen Sie, meine Damen,« fuhr dieser fort, »daß ich Sie mit diesen Herzensergüssen ermüde. Mein alter Freund Horaz trägt die Schuld: sein Dichterwort tönte mir entgegen, als ich über 59 die Schwelle schritt, und zwar mit so lieblichem Wohlklang . . .«

»Bester Baron,« warf der Director ein, »werden wir lange das Vergnügen haben?«

»Ich bin nur auf der Durchreise nach Burgdorf.«

»Nach Burgdorf?« fragte Röschen aufhorchend.

»Ja, zum Besuche meiner Cousine . . . Familienangelegenheiten . . . der Wunsch meines Vaters . . .«

»Das trifft sich ja herrlich,« versetzte Röschen; »ich meine nur, da werd' ich Sie wiedersehen, denn auch ich gehe dorthin, und zwar als Gesellschafterin der Baronesse.«

»Wie, was? Nach Burgdorf?« riefen die Mädchen erstaunt durcheinander.

»Davon hast Du uns ja noch gar nichts gesagt,« versetzte Sabine.

»Wird Ihnen die Trennung vom Vaterhause nicht schwer?« fragte Felsen.

»Gewiß, gewiß! Doch auch ich habe meine Familienangelegenheiten und dann bin ich ja in der Nähe und unser heimisches Kränzchen wird auch dort floriren.«

60 Eine Einladung des Directors zu einem bescheidenen Mittagessen à la fortune du pot lehnte indeß Felsen ab.

»Ich habe mich schon auf heute bei der Cousine angemeldet, Wie gern speist' ich mit Ihnen à la fortune du pot; so bringt das ›Tischchen deck' dich‹ des Lebens uns oft das Beste!«

Nachdem er Röschen herzlich die Hand geschüttelt, verließ er mit dem Director das Zimmer.

Jetzt waren die Zungen gelöst, Alles sprach durcheinander; wer kennt nicht die Ungeduld der gesellschaftlichen Kritik, die es kaum erwarten kann, bis ihr Opfer das Zimmer verlassen hat. Dann ist der Bann von ihr genommen und sie sprudelt hervor wie ein lange verstopfter Quell.

»Er ist stattlich und schön,« meinte Sabine.

»Hat elegante Hände,« fügte Auguste hinzu.

»Schöne Augen,« äußerte Gretchen, »er hat solch' einen eigenen Blick.«

»Und ein zartes tiefes Gemüth,« sagte Anna schwärmerisch.

»Ich bleibe dabei,« versetzte Lisa, »mir gefällt er nicht. Er war ja so gerührt: paßt sich das für 61 einen Mann? Und worüber war er gerührt? Über den Anblick unseres köstlichen Städtchens; das kann doch höchstens Aerger hervorrufen – aber rühren? Pah . . . das wäre nichts für mich!«

»Setzen wir uns, Kinder,« begann Auguste. »Kehren wir zurück zu Horaz und Mäcen: Doch was ist das mit Röschen? Sie steht ja da wie eine Salzsäule.«

In der That Röschen war ganz verstummt: sie stand am Fenster und sah hinaus nach den grünen Hügeln, an deren Fuße Burgdorf lag. Und da fiel auch ein Sonnenblick auf die Kirchthurmspitze sodaß sie sich leuchtend abhob von dem gründunklen Hintergrunde. Der Wille des Vaters . . . Familienangelegenheiten . . . die schöne Cousine! – Das schloß sich alles zusammen zu einer Kette von Vorstellungen, aus der etwas hervorzuckte wie ein Blitz der Eifersucht. Doch wie hatte sich dieses merkwürdige Gefühl in ihr Herz eingeschlichen? Welch' ein Recht hatte sie eifersüchtig zu sein?

Eben liefen ein paar Wolkenschatten über die Felder: doch schmolz wieder Sonnengold und Ährengold zu einem lachenden Bilde zusammen. So wurde 62 auch die flüchtige Bekümmerniß Röschens bald abgelöst von der heitersten Hoffnung. Sie durfte ihn ja wiedersehen, ihn sprechen.

Die Mädchen hatten sich inzwischen an den Tisch gesetzt.

»Na, wenn's nicht bald losgeht,« sagte Lisa, »so macht die Klasse Lärm.«

»Steht auf, Kinder,« rief Röschen, »ich kann jetzt nicht dociren; es ist mir unmöglich! Hinaus in's Freie . . . wir wollen lustig sein . . . ein Wettrennen nach der Kürbislaube!«

Und sie umarmte Anna: »Du bist ein gutes Mädchen, ich hab Dich von Herzen lieb . . . Es liegt etwas auf mir und es muß herunter! Einen Kuß, Sabine . . . einen Kuß, Gretchen! Mir wachsen Schwingen . . . ich fühl's! Wer ist die erste, die Röschen Rostner fängt?«

So stürzte sie hinaus, die Treppe hinunter, Alle jubelnd hinter ihr d'rein . . . und die ehrwürdigen Klassiker hatten das Nachsehen. 63

 


 

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