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Schulleben

Tony Schumacher: Schulleben - Kapitel 9
Quellenangabe
authorTony Schumacher
titleSchulleben
publisherVerlag von Levy & Müller
printrunVierte Auflage
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170606
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Siebentes Kapitel.

Was Berta Weber und Anna Wurm untereinander reden. – Fräulein Mayers Kummer, und warum sie so altmodisch geht. – Von einem Abend bei Frankes, von Alice, und wie Franz dem blinden Lieschen vorgeigt. – In der Töchterschule. – Was böse Mädchen und eine Maus für Betrübnis verursachen können und von Fräulein Mayers neuem Mantel.

 

»Fräulein Mayer ist doch geradezu unausstehlich!« sagte Berta Weber zu Anna Wurm, als sie Freitag abend noch zusammen vor dem Gittertor des Frankeschen Gartens auf dem Eise schleiften. »Gestern hat sie mir sechzehn Fehler in meine Übersetzung hineinkorrigiert, und immer hat sie an mir etwas auszusetzen, während natürlich die Alice Franke in einem fort gelobt wird.«

»Ich mag sie eigentlich auch gar nicht,« sagte Anna und stellte sich oben an der langen Schleife auf. »Mein Lieschen hat sie gerne, – ja, mit der ist sie auch nett, aber mit mir spricht sie kaum etwas, wenn sie bei uns ist, und auf dem Heimweg von der Schule geht sie fast immer mit Alice, und ich kann hinterdrein laufen! Aus!« rief Anna hierauf mit lauter Stimme und flog die spiegelglatte Schleife hinab.

»Mach dir doch nichts draus mit ihr zu gehen,« sagte Berta Weber, als sie beide wieder oben an der Ausgangsstelle angelangt waren. »Hast du gesehen, wie die Federn an ihrem Hut ganz schlaff herabhängen? Und dann der Mantel! Puh! Meine Mutter hat neulich auch gesagt, es sei eine Schande, so was Unmodernes zu tragen, das kurze Schößchen und die hängenden Ärmel, und hinten am Rücken ist er ganz abgetragen!« Anna hätte gern mitgespottet, aber es war ihr dieses Thema doch ein bißchen unbehaglich, wenn sie an Mutters gleichfalls so alte Mantille dachte. Aber das war doch etwas anderes! Mutter hatte viele Kinder, aber Fräulein Mayer war ja ganz allein, bezog ein schönes Gehalt, und erst neulich hatte Mutter gesagt: »Fräulein Mayer muß sich was Schönes mit Privatstunden verdienen!«

»Sie ist einfach geizig!« entschied Anna und flog noch einmal die glatte Fläche hinab, wobei sie ein paar kleinere Kinder beinahe umwarf.

»Geizig und ungerecht und hochmütig und lächerlich; man sollte ihr dies einmal recht klar und deutlich machen!« faßte Berta Weber ihr Gesamturteil zusammen, und die beiden schickten sich nun an, heimwärts zu gehen, denn es war dunkel geworden und Zeit, an die Aufgaben zu denken. Da fiel ihr Blick noch durch das Tor in den Park, und sie sahen Alice Franke dort langsam auf den gekehrten Wegen gehen. Sie kam wohl von dem Teich, denn sie hatte ihre Schlittschuhe am Arm.

»Du, die hat gehört, was wir gesagt haben,« sagte Anna Wurm ein bißchen ängstlich.

»Das ist mir gleich!« erwiderte Berta wegwerfend, sah aber doch noch einmal zurück und machte Anna auf das elegante Schlittschuhkostüm aufmerksam.

»So eins krieg' ich auch, wenn ich nur will, hat meine Mutter gesagt,« prahlte Berta in protzigem Tone und verabschiedete sich von Anna.

»Die haben's gut, die beiden!« murmelte diese vor sich hin und trat in den Hausflur ihrer Wohnung.

Fräulein Philippine Mayer, die so scharf und kritisch Besprochene, saß um diese Zeit allein in ihrem Stübchen. Es sah nicht sehr gemütlich in ihm aus. Das Feuer in dem kleinen eisernen Ofen war schnell erloschen und hatte kaum erwärmt. Fräulein Mayer hatte daher eine Jacke an, eine noch ältere, als von der vorhin die Rede gewesen. Über ihre Knie hatte sie ein kariertes Tuch gelegt, und die etwas roten Fingerspitzen sahen aus gestrickten Halbhandschuhen heraus. Eine kleine Lampe brannte auf dem Tisch, und Fräulein Mayer hielt einen Brief mit fremdländischen Marken in der Hand. Sie hatte ihn nun zum dritten Male durchgelesen, und der Schluß desselben lautete:

»... darum bitte ich dich flehentlich, daß du mich nicht im Stiche läßt. Es ist hüben in Amerika auch nicht besser als drüben. Glaube mir, ich will ja jetzt arbeiten, aber trotz allen Bemühens finde ich eben keine Stelle. Ich sitze hier in der Herberge, bin schon drei Wochen meine Miete schuldig, und von dem, was du mir mitgegeben, ist schon lange nichts mehr da. Schicke mir nur noch einmal ein paar hundert Mark – es soll gewiß das letzte Mal sein! Ach, wenn die Mutter mich so sehen könnte! Wenn du nichts schickst, ist mein Trost, daß der Fluß nicht weit ist.

Dein unglücklicher Bruder
Eduard.«

Die Mutter! Fräulein Mayer ließ mit einem tiefen Seufzer das Blatt sinken und starrte vor sich hin. Die Mutter! Vor ihren Augen stieg die Vergangenheit auf, schöne, glückliche Zeiten im Elternhaus. Sie selbst als einziges Kind gehegt und gepflegt, überall Liebe und Sonnenschein! Wenn Gäste kamen, wurde sie herbeigeholt und ihre blonden Locken bewundert. Sie waren der Stolz der Mutter auch in späteren Jahren, und sie durfte sie nie aufgesteckt tragen. So war Fräulein Mayer dieser Frisur getreu geblieben, als sie älter wurde. Sie war zu wenig eitel, um sich da klar zu machen, daß sie nicht mehr paßte. Ja, das Elternhaus! Dann war kurz nach der Geburt des Brüderchens der jähe Tod des Vaters und der Zusammenbruch des Vermögens gekommen, und sie mußten nun eine kleinere Wohnung beziehen. Um das Brüderchen drehte sich nun alles. Wenn Mutter arbeitete, – und sie mußte bis in die Nacht hinein nähen, – so versorgte sie den Kleinen. Er war lange schwächlich, da gehörten selbstverständlich die besten Bissen ihm. Mit dem Lernen wollte es nicht recht gehen, es fehlte vielleicht auch an der strammen Zucht.

Als Eduard heranwuchs, half auch die Schwester verdienen. Aber dann kam die lange Krankheit der Mutter, und der Bruder wollte nirgends gut tun. Von einer Lehre ging er in die andere, von einem Beruf zum andern.

»Verlaß Eduard nicht!« das war das letzte Wort der Mutter gewesen. Und sie hatte ihn nicht verlassen, auch als er in der fürchterlichsten Erregung ihr den Rest ihres Vermögens zur Tilgung von Schulden abbettelte, und das allergrößte, wie sie dachte, und letzte Opfer hatte sie ihm gebracht, als sie ihm um den Preis ihres Pianinos nach Amerika verhalf. Und nun sollte es noch immer nicht genug sein, noch immer sollten die Sorgen weitergehen, und das, was sie mühsam dem mehr als bescheidenen Alltagsleben abgerungen und zur allmählichen Wiederanschaffung eines Instrumentes bestimmt hatte, das sollte nun von neuem hergegeben werden müssen?

.

Ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Brust, und Träne auf Träne fiel auf den Unglücksbrief, als es an der Türe klopfte. Fräulein Mayer hatte eine krankhafte Scheu davor, daß jemand in ihre Verhältnisse sah. Nur keine fremde Hilfe annehmen, nur niemand zur Last fallen! Eiligst verbarg sie den Brief in einer Schublade, fuhr sich rasch mit dem Tuch über die Augen und rief dann: »Herein!«

»Wo stecken Sie denn heute, Fräulein Mayer, daß man gar nichts von Ihnen sieht?« sagte eine Stimme, und Frau Präzeptor Wurm steckte den Kopf herein. Sie hatte ein Tüchelchen über den glatten Scheitel gebunden, war sonst warm eingehüllt und trug ein Laternchen in der Hand.

»Ich bin unten in der Waschküche beschäftigt, – meine Lauffrau ist mir heute für ein paar Stunden zu Hilfe gekommen. Sie glauben gar nicht, wie viel Wäsche man in solch einem großen Haushalt braucht! – Aber was ist denn das?« setzte sie erstaunt hinzu. »Bei Ihnen ist's ja hundekalt,« und sie trat einen Augenblick in die Stube.

»Und da sitzen Sie mitten drin mit blauroten Fingern, was gar nicht zu Ihrem Handwerk paßt,« fuhr Frau Wurm resolut fort. »Es ist ja schon recht, fürs Alter zu sparen, aber wenn man's so macht wie Sie, so kommt auf einmal eine Krankheit, und aus ist's mit dem Genießen von den zurückgelegten Schätzen!«

»Ich habe nichts Zurückgelegtes!« sagte Fräulein Mayer mit gepreßter Stimme.

»Ja du meine Güte, wo gehen Sie denn dann mit dem vielen schönen Geld hin, das Sie verdienen?« entfuhr es Frau Wurm etwas taktlos, und sie sah Fräulein Mayer mit nicht eben wohlwollenden Blicken an, denn ihr war alle Geheimnistuerei ein Greuel. Aber des alternden Mädchens Gesicht sah heute so jammervoll zerfallen aus, die Augen waren so dickrot vom Weinen, und das Ganze machte einen so jämmerlichen Eindruck, daß bei Frau Wurm plötzlich ihre ganze Gutmütigkeit wach wurde. Da mußte doch einmal Licht in diese Sache kommen; vielleicht konnte man doch dem armen Ding helfen. Sie stellte ihr Laternchen auf den Boden und streckte Fräulein Mayer die Hand hin. Dann sagte sie:

»Mit Verlaub nur einen Augenblick,« und sie schob den einzigen Stuhl, der noch vorhanden war, in des Fräuleins Nähe. Frau Wurm hatte nie viel überflüssige Zeit im Leben gehabt, darum ging sie auch jetzt direkt auf ihr Ziel los. Sie band ihr Schürzenband ein bißchen fester und sagte:

»Bei Ihnen ist was nicht in Ordnung, Fräulein Mayer, und daß Sie einen Kummer haben, sieht man Ihnen schon von weitem an. Manchmal tut's einem gut, wenn man sich ausspricht, manchmal auch nicht. Als mein Lieschen blind wurde und ich vor Sorgen nicht ein und aus wußte, da hat meine Mutter noch gelebt, und wenn ich ihr's geklagt hatte, dann wurde mir allemal wieder leichter ums Herz. Sie haben keine Mutter mehr, Fräulein Mayer.« Frau Wurms Stimme klang bei diesen Worten merkwürdig weich gegen sonst.

»Wenn Sie glauben, daß es Ihnen gut tut, so sprechen Sie an mich hin, was Sie drückt; wenn nicht, so geh' ich wieder zu meiner Wäsche hinunter.«

Fräulein Mayer hatte sich seit Jahren gegen jede etwaige Teilnahme verschanzt in steter Furcht, ihre Familienverhältnisse öffentlich besprochen zu sehen. Heute aber war ihr Herz zu voll und schwer, und der Appell an ihre Mutter hatte es weich gemacht. Frau Wurm, die selber mit Sorgen zu kämpfen hatte, ja, die würde sie verstehen, und so kam es, daß Fräulein Mayer ihre Scheu aufgab und Frau Wurm nach und nach ihr Inneres eröffnete. Diese hörte teilnehmend zu, nur von Zeit zu Zeit entfuhr ihr der Ausruf:

»Dieser Schlingel von einem Menschen!« oder: »Dieser Lump!«, worauf die Erzählende erschreckt innehielt und flehentlich sagte:

»O bitte, nicht so!«

»Also dann anders!« sagte Frau Wurm und zwang sich, stille zu bleiben, aber man sah ihr die Erregung an. Als Fräulein Mayer endlich ihre Geschichte geschlossen hatte, indem sie noch den soeben erhaltenen Brief mit dem sie so beunruhigenden Schlusse vorlas, da war Frau Wurm mit einer raschen Bewegung aufgestanden und hatte sich resolut vor Fräulein Mayer hingestellt.

»Also ins Wasser geht Ihr Eduard nicht, darauf können Sie Gift nehmen. Wer so sein Leben lang faul und energielos war, der tut so etwas nicht. Daß Sie mir die ganze Geschichte erzählt haben, Fräulein Mayer, dafür danke ich Ihnen,« und Frau Wurm streckte ihr noch einmal die Hand hin und schüttelte sie kräftig. »Erstens möchte man doch auch etwas Näheres wissen von den Leuten, die man gern hat, und dann ist mir's auch recht, daß ich weiß, daß Sie nicht geizig sind, und daß ich den Leuten gegenüber anders auftreten kann, wenn sie künftig so was sagen. Im übrigen ist meine Ansicht die, daß Sie jetzt mehr als genug für den jungen Mann getan haben, und daß Ihr Herr Eduard nur dann wird schaffen lernen, wenn Sie ihn zappeln lassen. Das schreiben Sie ihm noch heute, wenn Sie's gut mit ihm meinen. Aber jetzt muß ich fort. Kommen Sie nachher noch zu Lieschen hinüber?« Frau Wurm nahm das Laternchen wieder auf und ging der Türe zu, nachdem Fräulein Mayer ihr noch innig für ihre Teilnahme gedankt hatte.

»Zu Lieschen kann ich heute leider nicht mehr,« sagte sie müde. »Ich werde ja noch bei Kommerzienrat Frankes erwartet, um bei einer kleinen Gesellschaft zu spielen.«

»Du meine Güte, mit den verweinten Augen!« konnte sich Frau Wurm nicht enthalten zu sagen, dann aber ging sie möglichst rasch die kleine, ausgetretene Treppe hinab, um zu ihrer Arbeit zu kommen, während Fräulein Mayer sich die Augen mit kaltem Wasser wusch, die starren Hände rieb, bis sie ein bißchen Leben bekamen, und ihren einzigen Staat, das schwarze Seidenkleid von ihrer Mutter selig, dann anlegte, um sich in die Gesellschaft zu begeben. Es war ihr doch viel, viel leichter geworden nach dieser Aussprache.

Drüben in dem Frankeschen Hause strahlten die hell erleuchteten Fenster in dem winterlichen Park. Schon das ganze mit Teppichen belegte Treppenhaus war wohlig durchwärmt, und oben im Salon und Musikzimmer war eine elegante Gesellschaft. Fräulein Mayer war es stets peinlich, bei solchen Gelegenheiten zu erscheinen; sie fühlte sich so linkisch und unbeholfen und war erst glücklich, wenn sie hinter ihrem Klavier saß. Frau Kommerzienrat Franke war nicht gerade musikalisch, ja, um aufrichtig zu sein, sie langweilte sich, wenn Musik gemacht wurde, aber es war vornehm, wenn im Salon musiziert wurde, und so lud sie dann und wann junge Künstler und Künstlerinnen ein, und Fräulein Mayer, die ihrer Tochter Alice Stunden gab, und die ihr bequem war, mußte sie auf dem Pianino begleiten.

»Die lächerliche, unelegante Dame!« hatte ihr Robert zwar jedesmal gesagt, und er hatte darin recht, wie Frau Franke ihm in allem recht gab; aber ihre Alice hatte bis jetzt immer darauf bestanden, daß Fräulein Mayer käme, und dann machte diese ja auch, das mußte man ihr lassen, ihre Sache gut. Im übrigen wurde sie bezahlt, und man brauchte sich nicht viel um sie zu kümmern.

Alice, ein hübsches, schlank gewachsenes Mädchen von dreizehn Jahren, empfing mit großer Herzlichkeit die Lehrerin und führte sie gleich in die stille, lauschige Ecke dort unter den Palmen hinter dem Flügel. Hier konnte sie dieselbe ungestört noch ein bißchen genießen und mit ihr plaudern, ehe das Musizieren begann. Alice war zwar noch nicht konfirmiert, aber ihre Mutter hatte es doch gern, wenn sie bei den Gesellschaften anwesend war, sie und Robert, »damit die Kinder lernen, sich im Salon zu bewegen,« wie sie sagte. Robert unterhielt sich für seine vierzehn Jahre schon sehr gut dabei, und wenn auch die Erwachsenen noch wenig mit ihm hermachten, so lungerte er doch überall herum, beobachtete und dachte wenig an solchen Abenden an seine Aufgaben, die hätten gemacht werden sollen. Alice hingegen hatte nicht viel Freude daran, sich abends von der Jungfer noch schön anziehen zu lassen und in Gesellschaft zu sein. Um wie viel lieber wäre sie in ihrem Zimmer geblieben mit irgend einem schönen Buch! Wie mußte es schön sein in den Familien, wo Vater und Mutter mit den Kindern abends zusammensitzen, wie sie es oft in den Stunden von andern hörte, oder wie Fräulein Mayer ihr erzählte, daß es bei Präzeptor Wurm sei! Ihr Vater war immer nach den Geschäften in seinem Klub, und die Mutter ging auch außer dem Hause, wenn sie nicht selber Gäste bei sich sah. Das Fräulein, das den Haushalt besorgte, war des Abends meist müde oder bat sie auch, zu einer Freundin gehen zu dürfen. Ja, wenn mit Robert etwas anzufangen gewesen wäre! Alice liebte den Bruder von Herzen, aber sie ahnte, daß er nicht war, wie er sein sollte, und sie ängstigte sich um ihn, wenn er von all seinen Streichen erzählte, wenn er schlechte Zeugnisse heimbrachte, oder wenn er des Abends spät noch fortlief. Auch den netten Umgang mit Fritz Wurm, der solch ein braver Junge zu sein schien, vermißte sie in letzter Zeit für ihn, und Robert war mürrischer und ungezogener als je.

Der erste Teil der musikalischen Unterhaltung war vorüber. Fräulein Mayer hatte eine junge Dame zum Singen begleitet, und dann hatte ein Violinspieler sehr schöne Stücke vorgetragen. In der Pause saßen sie und Alice wieder beisammen und tranken Tee. Plötzlich fragte letztere ziemlich unvermittelt:

»Haben Sie nie Geschwister gehabt, Fräulein Mayer?«

Wie merkwürdig, heute mußte auch jedermann an ihrer Vergangenheit rühren! Fräulein Mayer brachte auf die wiederholt gestellte Frage endlich ein gepreßtes »Doch!« hervor, worauf Alice seufzend bemerkte:

»Ich glaube, Geschwister machen einem nur Sorgen!«

»Doch wohl nicht immer,« meinte Fräulein Mayer mit einem schwachen Lächeln, aber der Ausdruck in ihrem Gesicht strafte sie Lügen.

»Bitte, erzählen Sie mir einmal von den Ihrigen,« bat Alice, aber zu Fräulein Mayers Erleichterung trat eben eine ältere Dame auf sie zu, die ihr ein paar freundliche Worte über ihr Spiel sagte, und als sie wieder ging, lenkte Fräulein Mayer schnell die Unterhaltung auf etwas anderes.

»Ob wohl mein Lieschen Wurm da drüben heute auch ein paar Töne von all dem Schönen hier hört?« fragte sie. »Ich fürchte nein, denn es ist Winter, und durch die doppelten Fenster wird wohl nichts mehr dringen. Wie ist das Kind im Sommer so glücklich, Alice, wenn sie dich spielen hört!«

Fräulein Mayer hatte schon oft von ihrem blinden Liebling gesprochen, und Alice hatte aus der Ferne ein warmes Interesse für Lieschen. Heute flog ein Schatten über ihr Gesicht, als sie den Namen Wurm hörte. Es fiel ihr plötzlich wieder ein, was sie eine Stunde vorher am Gittertor mit angehört hatte, und wie häßlich da die beiden Mädchen über ihre Lehrerin gesprochen hatten.

»Die Anna Wurm scheint doch wohl anders zu sein als ihre Schwester,« sagte sie plötzlich. »In der Schule ist sie mir ungemein unsympathisch, obgleich sie ja gut lernt. – Ich glaube, sie hat kein gutes Herz,« fügte sie zögernd hinzu, »und dann geht sie auch immer mit dieser Berta Weber, die so etwas Eitles und Gemeines hat.«

»Ja,« sagte Fräulein Mayer, »dieser Umgang für sie ist bedauerlich. Aber ich halte Anna im Grund des Herzens doch für gut, wenn auch für sehr oberflächlich. Wer aber wie sie solch gutes Beispiel zu Hause hat, der wird meistens wieder den richtigen Weg finden. Und wo ein solches Segenskind ist wie Lieschen, das in seinem warmen Herzen auch für alle Geschwister nicht nur sorgt, sondern auch betet, da kann wohl keines sich zu weit verirren,« setzte sie bewegt hinzu.

»Ich möchte so gern einmal Lieschen kennen lernen,« sagte Alice träumerisch, und Fräulein Mayer konnte gerade nur noch erwidern: »Dafür kann Rat werden!« als sie wieder ans Klavier gerufen wurde.

Die Töne von dem Flügel und der Violine waren doch ein wenig hinübergedrungen, wenn auch nur einzeln, verweht und unzusammenhängend. Lieschen hatte heute einen Tag, wo sie fast ganz liegen mußte. Es war eigen, plötzlich verließ sie oft die Kraft, und sie mußte nachgeben. Fritz und Anna hatten Aufgaben, dann war der erstere noch rasch zu Greiner gegangen; die Mutter hatte es ihm erlaubt. Er hatte einen kleinen Lichtschirm geklebt und gemalt mit durchsichtigen Häusern und Fensterchen und wollte ihn Gottlob, der immer an den Augen litt, in der Stille womöglich in seine Stube legen. Anna war einer Aufforderung des alten Hausherrn unten gefolgt, auf kurze Zeit hereinzukommen, es seien noch Dampfnudeln von heute mittag übrig, und sie hatte Grete auf dem Arme mitgenommen. Mutter war ja in der Waschküche, und so war nur Hansel noch vorhanden, der wirklich brav und still sich damit vergnügte, Störche und Menschen, deren Arme gleich aus dem Kopf herauswuchsen, auf die Tafel zu zeichnen. Lieschen tat die Ruhe wohl. Sie konnte auch auf diese Weise viel besser den fernen Weisen lauschen, die, wie aus einem Märchenlande kommend, ihr Gehör streiften.

»Wie schön muß das sein, so etwas in der Nähe hören zu können!« seufzte sie, nachdem sie sich vergeblich bemüht hatte, einen Zusammenhang zu erhaschen. Da hörte sie etwas polternde Tritte die Treppe hinauf, und dann hielt es vor der Türe, und es war, als ob jemand schüchtern sich besinne, denn erst nach ein paar Minuten ertönte ein leises Klopfen.

»Herein!« rief Lieschen etwas ängstlich, weil doch niemand außer dem Kleinen und ihr zu Hause war. Wie erstaunte sie aber, als sie Franz Weltingens Stimme erkannte, der etwas verlegen sagte:

»Ich bin's, der Franz Weltingen! Darf ich einen Besuch machen?«

Lieschen, die erfreut »Guten Tag!« gesagt hatte, hörte, wie er einen harten, großen Gegenstand auf den Tisch stellte.

»Setze dich, Franz!« sagte sie. »Leider ist Fritz nicht zu Hause, er ist zu Greiner gegangen.«

»Eigentlich will ich auch Fritz nicht besuchen, sondern dich,« erwiderte Franz immer noch etwas in Verlegenheit, und Lieschen sah ihn ganz erstaunt mit den blinden Augen an.

»Mich?«

»Ja,« sagte Franz, »Fräulein Mayer hatte Tante Juliane erzählt, daß du so sehr gerne Musik hörst, und weil ich ein bißchen geigen kann, und weil ich auch ein paar Stücke spiele, zu denen man kein Klavier braucht, so hat Tante Juliane gemeint, ich soll einmal mit meiner Geige zu dir gehen, und ... und,« Franz stotterte ein bißchen, »wenn's dir recht ist, so spiele ich dir gern etwas vor.«

Franz war fast froh in diesem Augenblick, daß Lieschen nicht sehen konnte, denn er genierte sich doch sehr und war bei dem langen Satze ganz rot geworden. Aber er fand seine Fassung gleich wieder, als die kleine Blinde ihm die Hand über den Tisch hinüber reichte und sagte:

»O, du bist recht gut! Hast du denn wirklich deine Geige mitgebracht?« Und als er das eifrig bejahte, den Kasten aufmachte und diesem Bogen und Instrument entnahm, da sagte Lieschen lebhaft:

»Ach bitte, gib sie mir nur einmal in die Hand, daß ich fühle, wo das schöne Klingen herkommt!« Franz gab ihr die Geige und erklärte ihr sie, und Lieschen faßte sie so zart als nur möglich an und strich leise mit den Fingern darüber.

»Hörst du?« sagte sie dann plötzlich und erhob lauschend den Kopf. »Dort drüben haben sie auch so etwas, aber ich bring's nicht zusammen, es fehlt immer ein Teil!«

Franz war sehr glücklich über diesen Empfang und auch darüber, daß sie eigentlich allein waren. Wohl hatte Hansel zuerst ihm seine dicke Patschhand hingestreckt und dann gesagt:

»Du, mach mir ein Pferd!« Als Franz aber das merkwürdige Ding aus dem Kasten nahm, da dachte er nicht mehr ans Zeichnen, sondern lehnte sich, den Griffel im Munde, neben Lieschen, erwartungsvoll, was da wohl kommen würde.

Und Franz legte die Geige ans Kinn und sagte:

»Was soll ich dir spielen?«

»Was du willst!«

Und Franz spielte zuerst sein Intermezzo, das hatte er jetzt gut in den Fingern und konnte es auswendig. Lieschen lag da mit gefalteten Händen und geschlossenen Augen. Nun war ja das Märchen in ihre Stube gekommen! Dicht, ganz dicht neben sich hörte sie diese süßen Melodien, nicht wie sonst brauchte sie so mühsam zu lauschen, und alles war im Zusammenhang.

»Das ist schön!« sagte sie, als Franz das Stück zu Ende gespielt hatte. »Du mußt doch recht glücklich sein, daß du so etwas kannst!« fügte sie mit ihrer weichen Stimme hinzu.

Franz war wirklich glücklich in diesem Augenblick. Voll Eifer fragte er:

»Willst du noch mehr hören?«

»O Franz!«

Und dieser spielte nun, was er wußte und konnte. Es war das Spiel eines Kindes, aber eines talentvollen. Alle die Lieder, die sie in der Schule sangen, wußte er kunstlos wiederzugeben.

Lieschen kannte sie teilweise von den Geschwistern her, und das freute sie dann doppelt. Aber auch Melodien, die Lieschen nie gehört, spielte ihr Franz vor, stille, sanfte Weisen, dann auch Tänze und Märsche in lebhafterem Tempo.

»Wenn es langsam geht, verstehe ich's besser,« sagte Lieschen, »da haben die Töne Zeit, ins Herz hineinzukommen, sonst fliegen sie nur so oben weg!«

Franz war entzückt von Lieschens Ausdrucksweise. »Ist das nicht oft sehr schwer, Lieschen, nicht sehen zu können?« wagte er nun sie zu fragen.

»O nein,« sagte sie in ihrer fröhlichen Heiterkeit. »Freilich möchte ich manchmal zu sehen wünschen, um die Kleinen besser beaufsichtigen, und um Mutter beim Nähen helfen zu können. Die Kinder zerreißen so viel. Auch die Sonne und den Mond und die Blumen möchte ich sehen. Aber ich kann ja hören und fühlen,« setzte sie ganz zufrieden hinzu.

»Die Liese kann auch schreiben und lesen,« fügte Hansel wichtig bei.

»Ach ja,« sagte diese. »Denk' nur, Franz, ich habe jetzt die Psalmen und das Neue Testament bekommen. Da kann ich selber finden und lesen, wie der Herr Jesus auf die Erde gekommen, wie er so gut mit allen Menschen gewesen ist und besonders auch mit den Blinden. Und die Psalmen, die sind auch so schön, fast wie Musik oder wie der Wind, wenn er über die Blumen weht. Und überall steht: Fürchte dich nicht! Das ist auch so herrlich!«

Lieschens Stimme lautete ganz geheimnisvoll, als sie diese Worte sprach, und Franz fühlte sich recht eigen berührt. So etwas hatte er noch gar nie gehört. Wohl waren ihm die Erzählungen aus der Heiligen Schrift lieb gemacht worden durch Mutter und Tante, aber daß man sie selber gerne lesen könne, das hatte er noch nie erfaßt, und die Psalmen waren ihm bis jetzt nie als etwas so Herrliches, wohl aber als eine harte Nuß zum Auswendiglernen erschienen. Fast ehrfurchtsvoll schaute er Lieschen an.

»Malst du mir jetzt einen Mann?« fragte Hansel, dem es anfing langweilig zu werden, und schob ihm die Tafel hin. Und Franz zeichnete eine prächtige Figur mit großem Schnurrbart und Säbel. Hansel jubelte, legte seine Ärmchen um seinen Hals und sagte: »Dir bin ich gut!« Das freute Franz, denn er kannte eigentlich wenig kleine Kinder. Und dann kam noch ein Hund dazu und ein Haus; wo der Rauch aus dem Schornstein herausflog, und beide schilderten es Lieschen. Diese machte sofort eine kleine Geschichte daraus. Sie lachten und plauderten und waren sehr vergnügt, aber Franz mußte doch immer wieder dabei Lieschen ansehen mit ihrem stillen, lieben Gesicht und dem freundlichen Mund.

»Warum mußt du denn auf dem Sofa liegen?« fragte er plötzlich. »Du kannst doch gehen?« fügte er beinahe ängstlich hinzu.

»O freilich,« beruhigte ihn Lieschen, »fast immer, nur manchmal nicht, wenn die Schmerzen kommen.«

»Sind die jetzt da?« fragte Franz zaghaft.

»Ja, ein wenig,« erwiderte Lieschen einfach. »Aber wenn ich eine große Freude habe, dann fühle ich sie viel weniger. Gelt, du spielst mir noch ein Stück, ehe du fortgehst?« fügte sie bittend hinzu.

»Freilich!« sagte Franz und griff gleich wieder nach der Geige, die er etwas beiseite geschoben hatte.

»Sag' nur, was es sein soll!«

»Kennst du das Lied: ›Ich hab' von ferne, Herr, deinen Thron erblickt?‹ Weißt du, wo es heißt: ›das war so prächtig, was ich im Geist gesehen!‹ Im Geiste kann ich auch sehen,« setzte sie träumerisch hinzu.

Franz kannte die Melodie und spielte sie, und Lieschen summte ganz leise den Text dazu. Sie waren eben bei der dritten Strophe angelangt, als die Türe geöffnet wurde und der Vater hereintrat.

»Was ist denn hier für schöne Musik? Das ist ja gerade, als ob man in ein Kirchlein käme,« sagte er erstaunt und trat an den Tisch.

»Vater, es ist Franz Weltingen, der zu mir, zu mir ganz allein gekommen ist,« jubelte Lieschen. »Denk' dir, Vaterle, er hat mir vorgegeigt so viele, viele Lieder! Alles kann er, man braucht's nur zu sagen. Und seine Geige habe ich in die Hand nehmen dürfen, und ich weiß jetzt auch, wo die Töne herkommen. Ich habe gefühlt, wie sie zittern,« und Lieschens ganzes Gesicht strahlte.

»Und mir hat er einen Offizier gemacht, sieh, Vater!« sagte Hansel und hob ihm das Kunstwerk hin.

Der Herr Präzeptor hatte gerührt zugehört und von einem zum andern geblickt.

»Gott vergelt's dir, Franz,« sagte er, »daß du meinem Kinde diese Freude gemacht hast! Willst du denn schon wieder gehen?« fragte er, als dieser seine Geige in den Kasten legte und etwas verlegen über das Lob nach der Mütze griff. Lieschen streckte tastend ihre Hand nach ihm aus, und Franz reichte ihr die seine.

»Soll ich wiederkommen?« fragte er zögernd.

»O ja! Gelt, Vaterle, ja?« stimmte Lieschen glückselig bei. »Dann wird's wieder so schön! Ich freue mich jetzt schon darauf!« Sie legte ihre Hand auf Franzens Schulter. Dann reckte sie sich ein wenig in die Höhe und strich mit den Fingern langsam und leicht über Franzens Haar und Gesicht.

»Also so siehst du aus!« sagte sie dann und lehnte sich befriedigt zurück. »Wie lockig deine Haare sind, und deine Nase ist kurz und der Mund klein! Du gefällst mir!« setzte sie lächelnd hinzu, während der Knabe sich rasch bei dem Herrn Präzeptor verabschiedete und dann ging.

»O Vaterle, ich bin so glücklich!« sagte Lieschen, und noch lange blieb ein Lächeln auf ihrem Gesicht liegen, und es wirkte wie Sonnenschein auf den müden, abgearbeiteten Vater, der einen großen Stoß von Heften zum Korrigieren vor sich hatte und oft sehr ungern dicke rote Striche ziehen mußte. –

Es war tags darauf. Fräulein Mayer gab Geographie in der Töchterschule. Sie war früh morgens aufgestanden, um den Brief an den Bruder zu schreiben, und hatte ihm mit Todesangst im Herzen die erbetene Hilfe wirklich verweigert. Was sollte nun daraus werden? Ihr Herz war so schwer, und dazu war heute wieder einmal ein Geist der Flatterhaftigkeit und Unaufmerksamkeit in der Klasse, der sie ganz nervös machte. Überall wurde geschwätzt und getuschelt. Berta Weber hatte vorhin offenkundig in einen Apfel gebissen, und in den hinteren Reihen hatte die Lehrerin sogenannte »Spickzettel«, Papierchen, auf denen die Antworten standen, gefunden und konfisziert. Jetzt stand sie an der Karte und erklärte mit einem langen Stock die Lage von Nordamerika.

»Fräulein Mayer, eine Locke fällt Ihnen herunter,« rief eine Stimme von hinten, und ein Gekicher durch alle Reihen folgte. Richtig, eine Strähne von ihrem gelben Haar war aufgegangen und hing lang über ihren Rücken hinunter. Wo war nur die Haarnadel, um sie wieder festzustecken? Vergebens suchte sie hier und dort nach ihr, während Berta eine solche triumphierend den Mädchen hinten zeigte und dann unter den Tisch warf. Sie hatte sie vorhin, als die Lehrerin sich in ihrer Nähe über eine Arbeit beugte, unbemerkt herausgezogen.

»Seht nur, wie sie sucht! – Rattenschwänzle, – Trauerweide« – so spöttelten und zischelten die jungen Mädchen untereinander.

»Darf ich Ihnen eine anbieten?« fragte Alice Franke, die aufgestanden war und aus ihren dicken Zöpfen eine Haarnadel gezogen hatte. Das ratlose Fräulein Mayer war ihr dafür sehr dankbar.

»Ich danke dir tausendmal, Alice,« sagte sie und wickelte hastig und etwas ungeschickt die Locke auf. »Ich glaube, ich sollte mich nun doch anders frisieren,« setzte sie wie im Selbstgespräch hinzu.

»Ja, o ja!« stimmte Alice rasch und lebhaft bei. »Ein fester Knoten rückwärts müßte Ihnen sehr gut stehen und ist so schnell gemacht. Darf ich Ihnen meine Jungfer heute abend schicken? Die versteht's. Nicht wahr, ich darf?«

Fräulein Mayer war eigentlich recht erschrocken über diesen Vorschlag, aber am Ende wär's doch besser so. Auch konnte sie Alice schwer etwas abschlagen.

»Wenn du meinst und so gut sein willst,« sagte sie leise, und Alice ging strahlend ob der erlangten Erlaubnis an ihren Platz zurück. Die altmodisch jugendliche Frisur war auch ihr schon lange peinlich gewesen. Fräulein Mayer suchte nun schleunigst die versäumte Zeit wieder einzuholen, denn sie war sehr gewissenhaft. Jedes der Mädchen hatte seinen Atlas vor sich, und was die Lehrerin auf der großen Karte zeigte, das mußten sie auf der kleinen nachsuchen.

»Gib acht, heute gibt's noch etwas ganz Lustiges!« flüsterte Berta Anna Wurm gegen den Schluß der Stunde unter der vorgehaltenen Hand zu. Fräulein Mayer hatte die Mädchen zuletzt noch einmal die größten Städte von Nordamerika wiederholen lassen. Ach, in der größten davon weilte ja derjenige, der ihr gerade heute so schwere Sorgen machte! Sie war selber recht froh, als es zwölf Uhr schlug und die Klassenälteste die Schulglocke zog. Sie stellte den Stock in eine Ecke und ging auf den Ständer zu, an dem ihre Kleider hingen. Eben griff sie nach dem Mantel. Er war so eigentümlich aufgehakt, gar nicht, wie er sonst zu hängen pflegte. Sie setzte zuerst den Hut auf, als plötzlich eines der Mädchen mit lauter Stimme rief:

»Eine Maus! Eine Maus! Fräulein Mayer, gerade bei Ihnen springt sie herum!«

Das war nun ein großer Schrecken! Fräulein Mayer, die so tapfer und mutig im Leben war, hatte die eine Schwäche, daß sie sich ganz entsetzlich vor Mäusen fürchtete. Darum war ihr erster Gedanke, nur möglichst schnell hinauszukommen. In größter Eile erfaßte sie den Mantel. Er blieb unbegreiflicherweise fest hängen. Fräulein Mayer fühlte in Gedanken schon die Maus an ihren Füßen und riß, – meinetwegen sollte der Aufhenker auseinandergehen – aber ritsch, ratsch! Der Henker blieb heil, doch über den ganzen Rücken hinab klaffte ein langer Riß. Das entsetzte Fräulein hielt das Kleidungsstück fassungslos in der Hand, und der Schrecken über den Schaden war augenblicklich noch größer als die Angst vor der Maus. Bleich und lautlos ging sie nachher mit dem Mantel am Arm bei der Kälte nach Hause, Alice ganz traurig neben ihr her. Fräulein Mayer tat ihr so namenlos leid, und sie hegte einen tiefen Groll gegen die Anstifterinnen dieses Unheils.

» Der Nagel hat seine Schuldigkeit getan,« frohlockte Berta Weber, als Fräulein Mayer um die Ecke war, und erzählte den Mädchen, die sich noch in der Schulstube befanden, ihren Streich.

»Kinder, dankt mir, daß ich es war, die das alte Scheusal von Mantel zu nichts machte! Jetzt nützt es alles nichts, nun muß sie sich einen neuen anschaffen!« und triumphierend schwang sie ihren Atlas über dem Kopf.

»Wenn sie aber kein Geld zu einem neuen hat?« fragte schüchtern ein kleines Mädchen.

»Kein Geld? Wer wird denn kein Geld zu so einer Lappalie haben?« spottete Berta. »Und Fräulein Mayer verdient noch zu allem hin riesig. Ich sag' nur, eine Schande ist's, wie sie oft herumgeht!«

Dieses Thema wurde noch gründlich auf dem Heimweg mit Anna Wurm verhandelt, und Berta stellte ihre Tat ordentlich als etwas Lobenswertes hin, und dann wieder wollte sie sich halb tot lachen in der Erinnerung an die kleinen komischen Sprünge, die Fräulein Mayer gemacht hatte, als es hieß: »Eine Maus!« Von dieser Heiterkeit angesteckt, und unter dem frischen Eindruck derselben erzählte Anna bei Tisch die ganze Geschichte als etwas sehr Lustiges. Sie schloß mit den Worten:

»Ihr glaubt nicht, wie wir uns fast krank lachten!« und wollte bei diesem Satze eben einen gehäuften Löffel voll Reisbrei zum Munde führen. Da erhielt sie aber von der Mutter, die neben ihr saß, gänzlich unerwartet eine solche Ohrfeige, daß Löffel und Brei auf den Teller flogen, und die Mutter sagte mit sehr erzürnter Stimme:

»So, das ist für das »Kranklachen!« und das da,« – sie nahm ihr den Teller mit Reisbrei, der ihre Leibspeise war, weg – »das da ist dafür, daß du überhaupt so etwas für lustig halten kannst. Schämt euch in den Boden hinein, daß ihr einer armen Lehrerin so etwas antun könnt, und besonders du, eine Lehrerstochter, die wissen sollte, wie so etwas schmerzt!«

»Sie ist ja gar nicht arm und verdient Geld wie Heu,« schluchzte Anna und verbarg ihr Gesicht in ihrem Taschentuch.

»Was wißt denn ihr, ihr Gänse!« sagte die erzürnte Mutter, während der Vater zustimmend nickte. Annas Schluchzen war aber in bitterliches Weinen übergegangen, und auch Lieschen liefen die Tränen herunter, als die Mutter mit kurzen Worten Fräulein Mayers Schicksal und von ihren schweren Sorgen erzählte.

»Wie das arme Mädchen sich gerade im jetzigen Moment einen neuen Mantel anschaffen soll, das ist mir unklar,« erklärte die Mutter und blickte sehr ernst vor sich hin, während Anna unter fortgesetztem Weinen sagte:

»Das haben wir nicht gewußt, ganz gewiß nicht, Mutter!«

»Aber das arme Fräulein Mayer hat ja jetzt nichts zum Anziehen, und es ist so kalt!« klagte Lieschen.

»Diese nichtsnutzige, böse Berta Weber!« sagte die Mutter ingrimmig, und der Rest des Mittagessens verlief in Schweigen. Man merkte aber der Mutter an, daß sie etwas überlegte. Als man aufgestanden war, nahm sie den Vater in eine Ecke und sprach eindringlich mit ihm, wobei dieser zustimmend nickte. Dann zog sich Mutter rasch an und ging aus, noch ehe die Küche in Ordnung gebracht war, und blieb zu Lieschens Beunruhigung fast zwei Stunden fort. Als sie heimkam, nickte sie sehr befriedigt und hatte ein großes Paket unter dem Arm.

»Wart' nur, Lieschen, ich erzähle dir alles,« sagte sie, »aber erst heute abend!« und ging hinaus, die rückständigen Geschäfte zu besorgen.

Fräulein Mayer saß in der Dämmerung an dem Tisch und hielt sorglich die Ränder des zerrissenen Mantels immer wieder zusammen.

»Es geht nicht!« seufzte sie und ließ die Hände sinken. Da trat Frau Wurm plötzlich in die Stube. Sie hatte vor Aufregung das Klopfen vergessen, dann schmiegte sich rasch etwas Warmes, Weiches um Fräulein Mayers Schultern, und das unbrauchbare Stück ward ihr aus den Händen genommen.

»So,« sagte die Frau Präzeptor und rieb sich vor Vergnügen die Hände. »So, das wäre geschehen! Der neue Mantel – er ist von Grünzweig in der Rosenstraße – gehört Ihnen, und an den alten und an den ganzen Ärger da denken Sie jetzt nicht mehr!«

»Frau Präzeptor, – Sie werden doch nicht?« rief Fräulein Mayer ganz erschrocken und wollte den Mantel sofort wieder heruntertun.

»I wo werd' ich denn!« sagte Frau Wurm und wehrte mit der Hand ab. »Nein, zu so etwas reichen meine Mittel wirklich nicht, und Sie hätten's auch nicht genommen! – Nein, den Mantel schickt Ihnen und bezahlt, wer Ihnen den alten hingemacht hat, wie es sich gehört. Ich soll Ihnen eine höfliche Empfehlung von der Frau Fleischermeister Weber sagen, und sie schäme sich, daß sie eine so bösartige Tochter habe. Diese wird Sie morgen in der Schule um Verzeihung bitten, und obgleich sie gut wisse, daß ein neues Kleidungsstück einem ein altes, liebgewordenes oft kaum ersetzt, so bitte sie doch, daß Sie diesen neuen Mantel als Sühne annehmen möchten, der selbstverständlich aus ihrer Sparkasse bezahlt werde, was Berta eine besondere Ehre sei.«

»Frau Präzeptor, das kann ich nicht annehmen,« rief Fräulein Mayer erregt.

»Unsinn,« sagte diese und stand auf. »Ehrgefühl zu haben, ist schön und gut, aber man muß nichts übertreiben. Recht muß Recht bleiben, – der Mantel gehört Ihnen,« und mit diesen Worten war sie draußen, ehe Fräulein Mayer sich auch nur bedanken konnte.

»Ach!« sagte Frau Wurm, als sie in ihre Stube zurückkam, »das war ein Stück Arbeit, zuerst mit Frau Weber, bis ich ihr beigebracht hatte, was ihre Fräulein Tochter ausgeführt habe, und was nun ihre Pflicht und Schuldigkeit sei. Dann die Wahl im Laden, denn Fräulein Mayer hat einen absonderlichen Geschmack, aber ich hab' einen genommen, wie's recht und billig ist, modern und haltbar. Und jetzt noch die Übergabe, wo ich gewärtig war, hinausgeworfen zu werden!« Frau Wurm ließ sich ganz müde auf einen Stuhl sinken, und dann erst erzählte sie den Ihrigen den ganzen Sachverhalt. Lieschen drückte der Mutter voll Freude die Hand, während Annas Gemüt auch ordentlich erleichtert wurde. Lustig sein und Possen machen, ja, das tat sie wohl sehr gerne, aber jemand wirklich wehe zu tun, das war doch etwas anderes, das mochte sie nicht!

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