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Schulleben

Tony Schumacher: Schulleben - Kapitel 8
Quellenangabe
authorTony Schumacher
titleSchulleben
publisherVerlag von Levy & Müller
printrunVierte Auflage
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170606
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Sechstes Kapitel.

Ein Unglücksmorgen bei Wurms. – Warum Vater keinen neuen Rock sich kauft, und warum Lieschen ihr blaues Sonntagskleid hergibt. – Wie eine große Schuld durch ein Geständnis gesühnt wird. – Fritz kommt in den Karzer, und Tante Juliane sagt Gott Lob und Dank.

 

Heute war ein rechter Unglückstag bei Wurms. Dem Vater war der Wecker stehen geblieben, und deshalb war alles eine halbe Stunde später aufgestanden. Mutter hatte Anna in die Küche beordert, um bei der kochenden Milch stehen zu bleiben, während sie selber Vaters Rock reinigte. Flüchtig, wie sie war, wollte Anna nur geschwind zwischenhinein durch das Fenster nach Berta sehen. Da kochte gerade die Milch über. Erschreckt lief sie zurück, wollte sie vom Feuer holen, brachte es aber nicht zu stande und kam dabei mit ihrem guten, wollenen Kleide so nahe an den Herd, daß sie eine Seite versengte. Die Familie hatte kein Frühstück, dazu bohrte Gretel mit den Fäustchen im Munde herum und schrie in einem fort; Hans klagte über Halsweh, und als der Vater seine Krawatte eiligst anlegen wollte, da riß die Schnalle. Zu all dem konnte Lieschen, wie so manchmal, nicht aufstehen, und es bekümmerte ihr Gemüt, wie sie all den Trubel hörte und nicht helfen konnte. Am meisten aber von allem bedrückte sie Fritzens unverändert kurzes und ernstes Wesen. Zwar hörte sie seit längerer Zeit den gefürchteten Pfiff drüben am Gartenzaun nicht mehr, auch dünkte es sie, als arbeite er fleißig an seinen Aufgaben. Aber er, der sonst am meisten von den Geschwistern zu ihr gehalten hatte, mied jetzt fast ängstlich ihre Nähe; auch vermißte sie sein, wenn auch oft falsches, doch fröhliches Singen im Hause herum. Wenn nur Vater nicht wieder eine Sorge drohte! Er hatte gestern abend selber davon angefangen, leise und flüsternd, damit Mutter, die am Fenster an der Nähmaschine saß, es nicht merke.

»Ich kann über den Buben im allgemeinen nicht klagen, aber er ist anders geworden, und ich komme nicht auf die Ursache. Wenn's nur keine Schlechtigkeit ist!« sagte er ängstlich.

»Nein, Vaterle, darauf kannst du zählen, schlecht ist unser Fritz nicht, nur leichtgläubig und schwach!« beruhigte ihn Lieschen aufs neue, aber so ganz zuversichtlich lautete ihr Ton doch nicht.

Der Herr Präzeptor war endlich, nachdem ihm seine Frau rasch noch die Krawatte genäht hatte, glücklich in seinen Überzieher gelangt und wollte schleunigst fort, als es der Frau Präzeptor plötzlich einfiel, daß sie ja heute die Kohlenrechnung und die Lauffrau bezahlen müsse. Vater schloß, nun doch etwas erregt, denn es war höchste Zeit zum Gehen, noch einmal geduldig die Schreibtischschublade auf und griff in die Kasse. Leider war diese bedenklich leer, und als Mutter die betreffende Summe herausgenommen hatte, blieb nur noch ein sehr kleiner Bestand für den noch großen Teil des laufenden Monats übrig. Die Neujahrsrechnungen, auf deren sofortige Bereinigung der Vater strengstens hielt, hatten viel verschlungen.

»Da wird's ein bißchen knapp hergehen müssen die nächsten Wochen,« sagte er, indem er den Schrank wieder verschloß, »aber Mutter wird's schon machen,« fügte er bei, indem er dieser noch freundlich zunickte und dann eiligst fortging. Unterwegs fiel ihm aber doch sehr schwer aufs Herz diese und jene Ausgabe, die bevorstand, und er nahm sich vor, den Gedanken an einen neuen schwarzen Rock zum Examen, der jedes Jahr dringender wurde, auch dieses Mal nur gleich wieder fahren zu lassen.

»Ja freilich, die Mutter wird's schon machen!« wiederholte diese, als der Vater draußen war. »Du meine Güte, wie soll's nur aber auch wieder gehen!« fügte sie seufzend hinzu und räumte dabei das Zimmer auf. »Jetzt sind's noch über vierzehn Tage, bis neues Geld eingeht! Sieben Mäuler sollen alle Tage gefüttert sein, und welchen Hunger bringen die Kinder von der Straße heim!« Nicht eben geräuschlos räumte die erregte Frau das Kaffeegeschirr zusammen und trug es in die Küche. Lieschen bedrückte in diesem Augenblick vor allem, daß Vater ohne Frühstück fortgegangen war. Mutter kam zurück mit einem Kübel voll Wasser und Putzgerät. Sie tauchte den Lumpen ein, rang ihn wieder aus, wickelte ihn um den Besen und fing an, den Stubenboden zu wischen.

»Ja, machen!« fing sie wieder an, halb im Selbstgespräch, halb zu Lieschen gewendet. »Wenn ich nur an den Schuhmacher denke! Die Sohlen von Annas Stiefeln sind wieder durch, Fritzens neue sind noch nicht bezahlt, und Vater muß demnächst sich ein Paar anmessen lassen, und meine Hausschuhe wollen so wie so nimmer halten!« Frau Wurm schlüpfte in den einen zurück, der wirklich auf und davon wollte, und tauchte den Wischlappen von neuem ein.

»Da ist's nur gut, Mutter, daß wenigstens eins im Hause fast keine Stiefel braucht,« scherzte Lieschen, aber es lag doch ein wehmütiger Klang in der Stimme.

»Lieschen, Kind, sprich nicht so! Das weißt du wohl, daß wir alles herzlich gern für dich täten, wenn's nur was nützen würde,« sagte die Mutter und ging geschwind zu Lieschen hin. »Mußt du noch länger liegen bleiben, oder willst du nachher bald aufstehen?« fragte sie teilnehmend. Mutter hatte überhaupt kein hartes Herz, aber sie fand für gewöhnlich keine Zeit, es zu äußern.

»Ich glaube, ich kann aufstehen,« erwiderte Lieschen und erhob sich langsam. Anfangs war sie immer ein bißchen steif, dann ging es aber bedeutend besser.

»Soll ich dir helfen?« fragte die Mutter.

»Nein, danke, ich werde allein fertig.« Lieschen zog sich, wenn auch langsam, doch nach und nach Stück um Stück an. Die Mutter holte ihr das Waschwasser, aber das Kämmen und Bürsten ihrer schönen, blonden Haare besorgte sie selbst, auch das Flechten und Aufstecken. Daß es dabei nie ohne Rückenschmerzen abging, das brauchte niemand zu wissen, die Eltern hatten so schon Sorgen genug.

Als Lieschen mit sich selber fertig war, trug sie langsam, aber mit großem Geschick das Waschgerät hinaus, schloß dann die Türe zum Schlafzimmer, öffnete dort die Fenster, hängte die Kleider, die etwa herumlagen, auf, und brachte die Hausschuhe an ihren Platz. Wie gern hätte sie auch die Betten gemacht, aber das erlaubte ihre Kraft nicht.

Mutter hatte inzwischen die etwas ruhiger gewordene Gretel gewaschen und angezogen und Hans auf das Sofa gebettet. Er sagte zwar, sein Hals tue ihm schon nicht mehr so weh, aber man hatte ihn so besser bei der Hand, und er konnte nicht auf die Straße ausreißen. Die Mutter hatte für die zwei Kleinen von dem Reste der übergelaufenen Milch ein Frühstück gemacht, während sie und Lieschen sich mit einer Semmel begnügten. Lieschen setzte sich in Vaters Lehnstuhl, und Mutter gab ihr Gretel zum Halten. Das kleine, dralle Ding lag nun mäuschenstill auf Lieschens Knieen. Mit den beiden dicken Fäustchen hatte es die Flasche gefaßt. Die Milch tat ihm offenbar wohl in dem wehen Mündchen, und Lieschen hörte mit Wonne den glucksenden Tönen und dem gleichmäßigen Schlucken zu. Freilich länger, als bis der letzte Tropfen getrunken war, tat der kleine Unmuß nicht gut.

»Liese ... alle!« sagte sie und hielt dieser die geleerte Flasche unter die Nase. Dann richtete sich der kleine Körper schleunigst auf und rutschte herunter.

»Bielen!« sagte sie nun. Lieschen band einen Faden an ein leeres Röllchen, und die Kleine zog es in der Stube hin und her, während die Blinde behutsam und sorglich die Möbel abstaubte und tastend alles wieder hübsch an seinen Platz stellte. Ab und zu mußte sie sich aber wieder ein bißchen setzen, nur dann ging es. Etwas ermüdend war es auch, daß ihr Mund selten bei all dem stille stehen durfte; dafür sorgten die Kleinen. Gretel wollte manchmal wieder beruhigt sein, und Hans wollte erzählt haben, und wenn sie mit einer Geschichte glücklich fertig war, so hieß es sofort: »Noch einmal!« Lieschen fiel das viele Sprechen schwer, überhaupt hatte sie manchmal ein großes Sehnen nach Ruhe in sich, aber sie sagte sich: »Vater und Mutter müssen auch schaffen und werden auch müde,« und tat dann, was sie konnte. Jetzt eben schälte sie einen großen Berg Kartoffeln, den Mutter vor sie auf den Tisch gestellt hatte, und es war merkwürdig, wie fein und sparsam sie die Schale herabbrachte.

»Wirst diese Kunst oft üben müssen in der nächsten Zeit,« sagte die Mutter. »Kartoffeln sind allweil noch das Wohlfeilste. Es ist nur gut, daß der Vater nicht heikel ist!«

Ja, das war gut, aber Lieschen dachte mit Wehmut daran, daß nun auch der Vater in der nächsten Zeit noch einfachere Kost als seither bekommen würde, und der Doktor hatte ihm doch neulich gesagt:

»Sie sollten sich recht pflegen, Herr Präzeptor! Alle Morgen ein Glas guten, alten Wein und mittags ein Kotelett oder ein saftiges Beefsteak! Ja, ja, sich erhalten für die Familie, – das ist die Hauptsache!« Lieschen seufzte. Als ob der Vater je etwas anderes gegessen hätte als die ganze Familie! Lieschen fing an, wie schon manchmal, sich recht ernstlich zu besinnen, ob sie selbst denn nicht irgend etwas dazu beitragen könne, als die Mutter ganz aufgeregt wieder hereinkam.

»Jetzt sieh dir nur um Himmelswillen einmal an, wie entsetzlich Anna ihr gutes Schulkleid zugerichtet hat!« Sie hob es Lieschen vor die Augen, gänzlich vergessend, wie manchmal, daß sie nicht sehen könne. Aber diesmal brauchte man auch wirklich nur den Geruchssinn, um den Schaden zu erkennen, und als Lieschen den Stoff auch noch befühlte, da fiel er sofort wie Zunder auseinander.

»Das ist freilich schlimm!« mußte sie der erzürnten Mutter beistimmen. »Aber wie leicht hätte das Kleid auch noch wirklich Feuer fangen und Anna Schaden nehmen können! Da müssen wir noch Gott Lob und Dank sagen,« fügte sie beschwichtigend hinzu.

»Ja natürlich, in Feuer und Flammen hätte sie aufgehen können, das leichtsinnige Ding,« jammerte die Mutter wieder und besah sich von neuem den Schaden.

»Wie das Paulinchen im Struwwelpeter,« schaltete Hans sehr vergnügt ein und fing sofort an, die ganze Geschichte herzusagen, während Gretel immer das letzte Wort von jedem Satze wiederholte.

»Was soll ich nur jetzt tun? Gerade im jetzigen Augenblick, wo ich glaubte, daß ihr mit Kleidern wenigstens alle versorgt seid!« klagte die Mutter wirklich sorgenvoll. »Lasse ich Anna wie heute ihr Sonntagskleid für alle Tage in die Schule tragen, so ist's in kurzem auch verdorben, so wild und so unachtsam wie sie ist. Das Mädchen ist groß. Ein neues Kleid nebst Macherlohn ist wirklich nichts so Unbedeutendes, und ich kann doch meine geheime Kasse, worin ich mir so mühsam nach und nach die Summe zu einem neuen schwarzen Rock für Vater erübrigt habe, nicht angreifen, da diese Ausgabe ganz einfach ehrenhalber einmal sein muß, und sollte ich auch meine alte Mantille noch einmal zwei Sommer weiter tragen. Von einer Mutter mit vielen Kindern kann man nicht verlangen, daß sie modisch geht!«

Die Frau Präzeptor war wirklich rührend, wie sie an sich selber sparte.

»Mutter, Mutter, ich weiß einen Ausweg,« rief da plötzlich Lieschen und stellte den Teller mit Kartoffelschalen, den sie auf dem Schoß hatte, mit einer raschen Bewegung auf den Tisch. »Weißt, Mütterle, ich hab' ja das schöne, blaue Sommerkleid, das Anna ohnehin immer so gut gefiel. Es ist von Wolle und gar nicht so leicht. Wenn du da in die Bluse ein wärmeres Futter machst, kann man's gerade so gut im Winter tragen, gelt ja? – So wäre geholfen,« und Lieschens Gesicht strahlte vor Eifer bei diesen Worten.

»Kind, dann hättest ja du kein Sommersonntagskleid mehr, und gerade in diesem gefielst du Vater und allen Leuten immer so gut,« sagte die Mutter und schüttelte energisch den Kopf.

»Gewiß, Mutter, so muß man's machen, und das ist das richtige,« sagte Lieschen in dem ihr in solchen Fällen eigenen Tone, bei dem merkwürdigerweise selten jemand widersprach, weil man Lieschens tiefen Ernst und überlegtes Wesen kannte. »Was brauch' ich ein so schönes Kleid?« sagte sie in sehr fröhlicher Weise. »Vaterle gefall' ich auch in meinem Hauskleid, – und überhaupt bis zum Sommer ist es noch lange hin!«

»Noch lange!« wiederholte sie nachher noch einmal stille vor sich hin, und es schauerte sie ein bißchen. Lieschen hatte keinen so rechten Maßstab für die Jahreszeiten, aber sie sehnte sich heuer ganz besonders nach Sonne, nach Blütenduft und Wärme und nach der Laube im Höfchen. –

In der Schule wurde heute die Anwendung der vor kurzem durchgenommenen grammatikalischen Regeln geübt, und der Herr Präzeptor war im ganzen zufrieden mit den Leistungen. Seit jenem Morgen schienen die Knaben etwas gefaßter zu sein, und es kam nichts Besonderes vor, aber es war, als ob auch der fröhlich harmlose Geist in der Klasse nicht mehr da wäre. Es wurde gearbeitet, aber mit einer gewissen Verdrossenheit, und zwischen den Stunden fehlte das sonst so lustige Treiben.

»So ist's aber langweilig,« sagte Kurt Wilsdorf zu Franke. »Einer macht dem andern ein verdrießliches Gesicht, und nicht einmal du, Franke, denkst dir mehr etwas aus, und mit Fritz Wurm ist vollends nichts mehr anzufangen!«

»Geh mir nur weg mit dem!« sagte Franke wegwerfend. »Hab' geglaubt, der Kerl habe Schneid, aber er ist gerade auch wie ihr andern alle; wenn einmal etwas schief geht, dann kriecht man zu Kreuz und läßt seine guten Kameraden im Stich. Pfui Kuckuck!« und er machte eine verächtliche Handbewegung gegen Fritz hinüber, der nicht weit von ihm saß und einen Teil seiner Rede wohl verstanden hatte. Kurt wollte sich eben mit Boxen dagegen wehren, daß Franke in der Mehrzahl gesprochen, als der Lehrer eintrat und die Stunde begann.

Wie weh hatten Fritz die eben vernommenen Worte getan, wie schwer drückte ihn neben allem andern auch noch das, daß der alte Kamerad ihn derartig beurteilte und ihm absolut keine Gelegenheit mehr gab, sich auszusprechen. Für Fritzens Natur war dies qualvoll, und er vergaß darüber ganz, daß Franke doch der Urheber von all seinen innerlichen Unruhen war. – Franz hatte ihm gestern auf dem Heimweg seine Unterredung mit Tante Juliane erzählt, aber sie waren übereingekommen, daß das Gestehen in diesem Falle entsetzlich schwer wäre, und damit blieb die Sache beim Alten.

Die zweite Stunde, Religion, war vorüber, und die Schüler eilten in den Gang, um sich dort ein wenig zu erholen. Man konnte heute nicht ins Freie gehen, denn es regnete, und der Schnee war geschmolzen. Da fuhr ein Wagen vor dem Schulgebäude an, und die Knaben steckten neugierig die Köpfe zum Fenster hinaus.

»Der Greiner kommt, der Lobele,« sagten sie untereinander. »Seht nur, wie flott! In einer Chaise kommt er angefahren, – und wahrhaftig, seine Großmutter hat ihn auch noch begleitet! Hat man so etwas auch schon gesehen? Der kriegt's, – wartet nur! Und seht doch, wie er die Treppe heraufkommt! Gerade wie ein altes Männchen! Wart nur, Alterle, dir wollen wir schon wieder Füße machen!« so scholl es wirr durcheinander.

»Sprecht doch nicht so,« sagte Franz Weltingen entrüstet, »der Greiner ist ja lange krank gewesen!«

»Aber wenn er wiederkommt, dann soll er auch sein wie die andern, und Großmütter brauchen wir nicht in der Schule,« setzte der Knabe, immerhin etwas leiser redend, hinzu, denn die beiden waren eben an ihm vorbeigekommen.

Die alte Frau führte den Enkel an der Hand und verlangte, den Herrn Präzeptor zu sprechen, der im Lehrerzimmer nebenan war. Gottlob blieb draußen, um sich seiner Hüllen zu entledigen. Fritzens Herz klopfte bei dem ganzen Vorgang; er hätte so gern Gottlob die Hand gegeben, aber er war wie festgebannt auf dem Platze, wo er stand.

Lobele zog langsam und mit Anstrengung seinen karierten Paletot herunter. Schüchtern und unbeholfen stand er nun in einer großen, gestrickten Jacke da, aus der er sich vergeblich herauszukommen bemühte, wobei ihm Franz endlich gutmütig, wenn auch nicht sehr gerne, half. Darunter war noch eine wollene, gewobene Weste, die er auf Einschärfung der Großmutter hin anbehalten mußte.

»Greiner, bist du seither am Nordpol gewesen?« fragte ihn einer der Knaben. »Was hat dir denn eigentlich gefehlt?«

»Eine Hexe hat ihn ja geschossen,« schrie einer von hinten vor; »komm her und laß sehen!«

»Ach was, zu viel Kuchen wird er an Weihnachten gegessen und Bauchweh bekommen haben,« spottete ein dritter.

»Du hast dir's gut eingerichtet,« höhnte ein Knabe, der der Letzte in der Klasse war. »Gerade das Ferienargument hast du geschwänzt. Gesteh's, daß du es gar nicht gemacht hast!«

Lobeles aufgedunsenes, weißes Gesicht hatte sich immer röter gefärbt unter all den Reden, die ihn wie Peitschenhiebe trafen, und auf die er nicht zu antworten wußte.

»Er hat ja Gliederschmerzen gehabt, laßt ihn doch in Ruhe,« trat nun Franz Weltingen für ihn ein.

»Ach was, Gliederschmerzen! Was für ein ordentlicher Bub' weiß denn davon etwas! Das kriegen doch nur alte Leute!« witzelte Kurt Wilsdorf und sah aufmunternd zu Franke hinüber, hoffend, daß es nun auch einmal wieder einen Jux geben werde.

»Was geht mich die Geschichte an!« sagte aber dieser mißmutig und hielt sich feige abseits, denn es war ihm doch nicht ganz wohl, daß etwas herauskommen könnte.

»Wehre dich doch, Greiner!« sagte einer der Gutmütigen der Klasse und gab ihm einen Schubs in die Seite.

»Der und sich wehren!«

»Feigling!« sagte da in wegwerfendem Tone der Letzte wieder, ein großer, kräftiger Mensch. »Was redet ihr so lange? Die Faulkrankheit wird er halt gehabt haben, und statt daß er's lustig eingesteht, steht er da wie ein Jammerlappen, und jetzt heult er gar auch noch!« setzte er verächtlich hinzu. »Es ist halt Lobele der Greiner!«

Einige der Knaben wiederholten eben in singendem Tone diesen Witz und hüpften um Gottlob herum. Da geschah aber etwas Unerwartetes. Von hinten brach plötzlich einer hervor mit blitzenden Augen und bebenden Lippen und stellte sich schützend neben den Greiner. Lange hatte die Angst in Fritz gestritten vor solch einem öffentlichen Schritte, aber der Anblick des kleinen Kameraden, der, noch schwach von der Krankheit, so stille alles hinnahm, wo ein Wort ihn hätte entlasten können, und dessen Augen ihn nur manchmal so wehmütig anblickten, das gab ihm endlich den Mut zum Handeln.

»Nein, keine Schulkrankheit hat der Lobele gehabt,« sagte er mit so lauter Stimme, daß alle ihn hören mußten. »Der Lobele ist auch nicht feig, daß ihr's nur wißt, sondern er ist mutiger als wir alle und hat nur geschwiegen, weil er ein guter Kerl ist!« Er legte die Hand auf Greiners Schulter. In diesen kam auf einmal Leben. Er wollte mit Aufbietung aller seiner schwachen Kräfte Fritz verhindern weiterzusprechen, denn er hatte gesehen, wie in diesem Augenblick Fritzens Vater mit seiner Großmutter aus der Türe getreten waren. Fritz aber ließ sich nicht mehr zurückhalten.

»Nein, laß mich,« wehrte er, »jetzt ist's so weit, und jetzt muß ich auch alles sagen; es hat mich lange genug gedrückt. – Ich bin es gewesen, wegen dessen der Lobele krank geworden ist; ich hab' ihn im Übermut auf das Schneedächle hinausgesperrt, damit er sich abhärten solle.« Fritz sprach mit schnellen Worten, damit ihn keines wieder reuen könne.

»Und dann – es hat länger gewährt, als ich gewollt habe, – ist er ganz blau gewesen und naß und hat gezittert und ist heim. Dann ist er krank geworden und hat Schmerzen gehabt, und jedermann hat ihn gefragt, und er hat nichts gesagt.« Fritzens Stimme wurde bei diesen Worten langsamer und leiser. »Und ich hätt's sagen sollen, ... aber ich hab' mich geschämt, und ... und ... jetzt hab' ich's nimmer ertragen.« Fritzens Stimme schwankte gar sehr bei diesen Worten, und er senkte den Kopf tief herunter, denn aller Augen waren auf ihn gerichtet; lautlose Stille herrschte. So etwas war ja seit Jahren nicht vorgekommen. Jetzt fing unter den Knaben leise ein Gemurmel an, das immer mehr anschwoll, aber der Herr Präzeptor trat plötzlich ein und gebot Stille. Die wenigsten hatten ihn vorher gesehen.

»Da muß ich ja eine schöne Geschichte aus dem Munde meines eigenen Sohnes hören,« sagte er, und man fühlte ihm an, wie jedes Wort ihn Überwindung kostete.

»Also die Gesundheit eines schwächlichen Kameraden setztest du leichtsinnig aufs Spiel um eines Scherzes willen? Und dann, anstatt das Übel wieder gut zu machen, schwiegst du und ließest es geschehen, daß ein kranker Kamerad auch für dich schwieg und dadurch der Grund der Krankheit nicht erkannt wurde?« sagte mit einer Stimme, die grollend immer mehr anwuchs, der Herr Präzeptor und schüttelte Fritz gewaltig hin und her. »Und dazu verursachst du einer würdigen Frau die größten Sorgen! Das erste nun ist, daß du diese um Verzeihung zu bitten hast. Das Weitere wird sich finden!« Der Herr Präzeptor trat auf die Seite, um Fritz den Weg frei zu geben.

Die Frau Revisor hatte am Anfang, als sie, gleichfalls unwillig, Fritzens Bekenntnis angehört hatte, die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und gesagt:

»Der gottlose Bube, meinem Gottlob so etwas anzutun! Es gehörte, daß man ihn halb totschlüge!« Aber nach und nach war sie ruhiger geworden. Sie wehrte ab, als Fritz mit tief gesenktem Kopfe auf sie zukam und etwas von Verzeihen murmelte und sagte:

»Ich nehme an, daß du nicht gewußt hast, was du tust! Mein Gottlob ist eben in einem südlichen Lande geboren und war von klein auf schwächlich. Wie seine Eltern gestorben sind und er mir hierher gebracht wurde, da ließen sie mir noch sagen: »Nur recht viel Wärme für das Kindlein!« Das hab' ich gewissenhaft befolgt. Mag sein, daß es manchmal zu viel ist, denn ich bin eine alte Frau, aber ich hab' dann doch das Meinige getan,« schloß sie, und keiner der anwesenden Knaben hätte nach dieser Rede mehr vermocht zu lächeln.

Der Herr Präzeptor geleitete die alte Dame die Treppe hinab und entschuldigte sich auch seinerseits wegen des Vorgefallenen.

»Ihr Fritz ist nicht so böse, wie es jetzt aussieht,« sagte diese noch beschwichtigend. »Freilich hätt's recht, recht schlimm gehen können, und ich darf gar nicht daran denken, aber er hat doch meinen Enkel einmal besucht. Wissen Sie das nicht? Und jetzt hat er doch so offen die ganze Sache gestanden!«

»Gottlob!« sagte der Vater leise vor sich hin, als er wieder die Treppe in die Klasse hinaufging.

»Gottlob!« sagte er immer wieder in seinem Innern, trotzdem es für ihn als Lehrer wahrlich keine kleine Sache war, als er nach Schluß der Schule vor versammelter Klasse den Schüler Fritz Wurm herausrufen und ihm ankündigen mußte, daß er wegen groben Unfugs, an einem Mitschüler verübt, sich sofort ohne Mittagessen in den Karzer zu verfügen und daselbst bis heute abend um acht Uhr zu verbleiben habe. Um ein Uhr werde ihm der Famulus ein Stück Brot und ein Glas Wasser bringen. Vorher müsse er ihm aber als geringste Buße für die Schmerzen, die Gottlob Greiner ausgestanden, vier Schläge auf die Hand verabreichen.

Karzerstrafe kam sehr selten in der Klasse vor, und vier Schläge auf die Hand, das war eine harte Sache.

»Nein, o nein, bitte nicht!« rief Greiner ängstlich mit seinem dünnen Stimmchen. »Es hat ganz gewiß nicht so weh getan, Herr Präzeptor, und die Buben haben auch recht, wenn sie mich ein bißchen auslachen!«

Aber die Fürbitte half nichts, Strafe mußte sein, und Fritz hielt auch diesmal willig die Hand hin, nicht mit den sonst üblichen Kniffen von Zurückziehen, Hinunterschnellen u. s. w. Er biß die Zähne zusammen und hielt aus. Er saß auch geduldig in dem halbdunkeln, nicht gerade eben sehr warmen Karzerzimmerchen, wobei ihm der Magen gehörig knurrte, denn die Morgenmilch war ja auch an ihm vorübergeflossen, und nüchtern bis vier Uhr bleiben, wenn man jung und gesund ist, das ist gerade keine Kleinigkeit.

Unter den Knaben war eine große Bewegung, als der Herr Präzeptor draußen war. Greiner war plötzlich der Held des Tages geworden, und man drängte sich um ihn.

»Bravo, Gottlob!« – »Hurra, Lobele!« ertönte es zuerst von einzelnen und dann von vielen, und die am meisten gespottet hatten, die schrieen am lautesten. Es wurde debattiert und kritisiert und Fritzens Benehmen gelobt. Als aber der Greiner seine Jacken und Mäntel wieder anhatte, wobei ihm einige sogar behilflich waren, da faßte ihn plötzlich der Letzte von der Klasse an den Beinen, setzte den ganzen kleinen karierten, sich vergeblich wehrenden Kerl sich auf die Schultern und trug ihn im Triumphe die Treppe hinunter.

Alle andern stürmten nach, schwenkten die Mützen und schrieen: »Hoch, Lobele!« und einer der Buben schlug sogar vor, daß man ihn in Zukunft »Lobele der Schweiger« heißen solle.

Abseits von allen war Franke nach Hause gegangen. Er, der Urheber der ganzen Geschichte, hatte doch sehr unangenehme Gefühle gehabt bei allem dem, was sich da abspielte. Von Fritz wußte er, daß er ihn nicht verraten würde, aber dieser kleine Knirps war doch unberechenbar gewesen. Und nun, wo dieser ihn wirklich geschont, war ihm dies auch sehr peinlich, und Fritzens ganze Edelmutsszene, wie er es nannte, fand er »gemacht und abgeschmackt«.

Ganz selig kam Franz Weltingen nach Hause, und es gab heute keinen Dackerle und keinen Feldmann, er mußte zuerst zu Tante Juliane eilen.

»Was gibt's?« fragte die Mutter sehr erstaunt. »O nichts, Mütterchen! Frage nicht, das ist unser Geheimnis!« sagte er wichtig. Tante Juliane aber faltete nachher die Hände, und ein Ausdruck von Glück lag über ihrem sonst oft so traurigen Gesicht. –

»Wo ist Fritz?« fragte Frau Wurm, als ihr Mann nach Hause gekommen war und man sich zu Tische setzte.

Diesmal gab der Vater selber die Antwort, und zwar so kurz, bestimmt und klar, daß alle entsetzt aufhorchten, denn sie trauten ihren Ohren nicht.

»Im Karzer!« sagte er.

»Um des Himmels willen!« jammerte die Frau Präzeptor und ließ den Suppenlöffel, den sie eben in der Hand gehalten, in die Schüssel zurückfallen. Sie mußte sich setzen, denn der Schrecken war ihr in alle Glieder gefahren.

»Im Karzer, Vater? Ist es denn möglich?« fragte auch Lieschen ganz fassungslos. Vor ihr stiegen entsetzliche Geschichten und Streiche auf, von denen sie schon gehört, und die mit dieser schrecklichsten aller Strafen gesühnt wurden, und nun sollte Fritz, ihr Fritz ...

Angstvoll faßte sie nach Vaters Hand, aber diese war nicht so kalt wie sonst, wenn er sich recht alteriert hatte, sondern sie fühlte sich natürlich warm an. Auch aß er, wie sie zu ihrer unaussprechlichen Beruhigung bemerkte, die Suppe, nachdem sie Mutter herausgeschöpft hatte, nicht hastig, sondern langsam und bis auf den Grund aus.

»Ich habe Fritz sehr ernst strafen müssen, Mutter,« nahm er dann nochmals das Wort. »Es hätte schlimm gehen können, aber Gott hat's gnädig gemacht; nach dem Essen will ich's dir und Lieschen erzählen.«

Die Mutter wagte nun nicht mehr weiter zu fragen, aber ihre Mienen schienen zu sagen: »Auch so etwas heute noch!« Anna war mäuschenstill. Sie war doch sehr erschrocken gewesen, als man ihr beim Nachhausekommen das gänzlich verdorbene Kleid gezeigt hatte, und Mutter fand es für gut, sie noch eine Zeitlang zappeln zu lassen und ihr noch nicht gleich von Lieschens edelmütigem Vorschlag mit dem blauen Kleide zu sagen.

Nach dem Essen nun, als Anna in der Schule und die Kleinen mit Spielen beschäftigt waren, erzählte der Vater, was er heute früh erlebt. Ärger und Betrübnis über Fritzens Leichtsinn wechselten ab in seinen Worten mit Dank dafür, daß die Folgen keine schlimmen waren, und daß Fritz schließlich ehrlich gestand.

»Das war's also, Vaterle, was ihm auf dem Herzen gelegen hat!« sagte Lieschen. »Die ganze Geschichte sieht ihm gar nicht gleich, aber jetzt wird er doch wieder vergnügt sein können und wir mit ihm,« setzte sie erleichtert hinzu.

Als Fritz abends nach acht Uhr nach Hause kam, empfing ihn wohl die Mutter mit den scharfen Worten:

»Schlingel, nichtsnutziger, du verdientest, daß du auch kein Nachtessen bekämest,« aber dabei war sie schon in die Küche gegangen, um die warm gestellte Suppe zu holen und ein Stück Wurst, und Fritz, der nun einen entsetzlichen Hunger hatte, war froh, daß ihn niemand ausfragte, und daß man ihn essen ließ. Nur der Vater, der lesend dabei saß, konnte sich nicht enthalten, in sehr ernstem Tone zu sagen:

»Ja, ja, Fritz, was wird das diesmal für ein Zeugnis geben! Zweimal Handschläge und Karzer!«

»Es kommt gewiß nimmer vor, Vater, ganz gewiß!« sagte Fritz eifrig.

»Gott geb's!« war die Antwort.

Als Fritz aber Lieschen die Hand reichte beim Gutnachtsagen, da flüsterte er ihr zu: »Bin ich froh, daß es heraus ist! Und 's Vaterunser, Liese, will ich auch nimmer vergessen!«

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