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Schulleben

Tony Schumacher: Schulleben - Kapitel 6
Quellenangabe
authorTony Schumacher
titleSchulleben
publisherVerlag von Levy & Müller
printrunVierte Auflage
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170606
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Viertes Kapitel.

Im Gymnasium. – Ein lustiger und ein schlimmer Streich. – Von Schulgeschichten im allgemeinen, und wie der Herr Präzeptor zum Stottern kommt. – Warum ein kleiner Knabe beinahe erfriert, Fritz Wurm beinahe vor Angst vergeht und Franz Weltingen in den Bann kommt.

 

Es war fünf Minuten vor acht Uhr, und die Schüler der vierten Gymnasialklasse stiegen einzeln und gruppenweise die Schultreppe hinauf. Hei, wie war es vor zwölf Tagen am letzten Schulnachmittag so lustig und ausgelassen hinabgegangen, drei, vier Stufen auf einmal im Gefühl, daß Weihnachten und Ferien da waren!

Heute früh ging es nicht so froh wieder zur ersten Stunde, aber doch gab es, wo sich einige zusammenfanden, zu plaudern und zu erzählen; man steckte die Köpfe zusammen und zeigte sich da und dort ein neues Messer, einige seltene Marken oder gar eine silberne Uhr, die der Betreffende an Weihnachten erhalten hatte. Oben, wo die Treppe eine Wendung machte, war eine Balustrade, daneben eine Säule und dahinter ein langer Gang mit vielen Türen. Eben kam Franz Weltingen mit einem andern Schulkameraden herauf, eifrigst redend. Es war nun die höchste Zeit, und Franz war beinahe oben, als wuppdich! wie von einer unsichtbaren Hand ihm seine Mütze vom Kopf geschlagen wurde. Sie fiel, ein paarmal am Geländer aufschlagend, in den Treppenraum drei Etagen hoch hinunter. Und eben, als Franz wütend hinaufsah, um den Attentäter zu entdecken, flog auch die Mütze des Kameraden, und die Knaben mußten wütend sofort den Weg wieder hinab machen, ehe sie nach dem Urheber fahnden konnten, wollten sie ihre Kopfbedeckung wiederhaben, denn Gefahr war im Verzug. Unten waren die Schüler der zweiten Klasse, die bereits aufmerksam waren, und die mit Wonne die Mützen annektiert hätten. Und heidi! flog noch eine ganze Menge ihnen nach, und Kurt Wilsdorf, der Urheber, der oben wohl versteckt hinter der Säule, mit einem langen Stöckchen bewaffnet, lauerte und sich eben ein bißchen vorbeugte, um die Wirkung seines Streiches auch zu genießen, mußte sich innerlich fast krank lachen über die fliegenden Kappen, die sich überpurzelnden schimpfenden Kameraden und über das ganze Durcheinander, das er angerichtet. Eben ertönte die Schulglocke. Bis die heraufkamen, war er lange am Platz in der Klasse. Da faßte plötzlich eine Hand von hinten seine eigene Pelzmütze und eine zweite von hinten sein hübsches Gelock. Als Kurt sich zornig umwandte, sah er in das Gesicht des Herrn Präzeptors Wurm.

»So, da fängt man die neue Schulzeit ja mit recht nützlicher Beschäftigung an!« sagte dieser mit einem sehr ernsten Gesicht. »Eigentlich könnte man das heißen Allotria treiben,« setzte er hinzu und griff noch ein bißchen fester in Kurts dichten Haarbusch, so daß dieser ein leises »Au!« vernehmen ließ, dann aber ängstlich durch die Balustrade hinabspähte, wo eben die ersten Knaben wieder hastig gestikulierend heraufstürzten.

»Gelt, Männle, jetzt hast du Angst, daß sie kommen und dir's anstreichen, und mit allen würdest du doch nicht so leicht fertig werden?« sagte Herr Präzeptor Wurm, und um seine Lippen spielte nur ein verstecktes Lächeln. »Eigentlich müßte ich dich ihnen ausliefern, du Wegelagerer,« sagte er und zupfte ihn noch einmal an den Locken, »aber ich will dich meinetwegen laufen lassen. Halt!« rief er, als Kurt aufs schleunigste von dieser Erlaubnis Gebrauch machen wollte, »die Mütze, die behalte ich. Strafe muß sein! Die kannst du dir dann eine Viertelstunde nach Schulschluß beim Famulus holen.« Herr Präzeptor Wurm steckte sie in seine Rocktasche, Kurt aber war wie der Blitz aufgeschnellt und um die Ecke in Sicherheit, denn eben kamen die ersten wutentbrannt oben an.

Als einer der Letzten trat Fritz Wurm in die Schulstube und ging sofort auf seinen Platz. Franke, der vor allen andern schon dagewesen, flüsterte Fritz im Vorbeigehen zu:

»Hast du gut aufgepaßt? Hat's niemand gemerkt?«

»Niemand,« erwiderte Fritz leise, »aber jetzt ist's offen. Zehn Minuten sind lang. Ich bin froh, wenn er jetzt in die warme Stube kommt,« und Fritz setzte sich erleichtert hin.

»Esel!« sagte Franke vor sich hin, »das wäre ein kurzer Spaß! Der Kerl mit seinen Hasenohren soll nur noch ein bißchen frieren. Ich weiß, die Türe geht schwer auf, wenn sie nicht geschlossen ist, die bringt der Knirps nicht auf, und wer ihn hinausgesperrt, daß weiß er ja nicht,« sagte sich Franke zur inneren Beruhigung. Der starke, fast tierisch kräftige Mensch hatte von Anfang an eine Art Haß auf den oft lächerlichen, kleinen Schwächling geworfen.

Die Stunde begann. Es war Geschichtsstunde, und der Lehrer behandelte die Hohenstaufenzeit. Für Fritz war dieses Thema eines der interessantesten, und er hatte sich in der Ferienzeit auch gut darauf vorbereitet. Jetzt aber vermochte er absolut nicht zuzuhören. Warum mochte nur der dumme Greiner nicht kommen? Die kleine Plattform, auf die er zum Jux hinausgesperrt war, befand sich ja gleich hinten am Schluß des Ganges, und er hatte ja nur zehn Minuten lang auf Anstiften von Franke den Riegel vorgeschoben gehabt und Wache davor gestanden, dann aber beim Läuten hatte er sofort wieder geöffnet und war fortgesprungen. Greiner war eilig auf das kleine Plattform-Dächlein hinausgetreten, weil Franke ihm zugerufen hatte: »Du, Lobele, da draußen sitzt ein blauer Rabe!« Wie konnte man auch nur so einfältig sein, so etwas zu glauben! Franke hat recht, wenn er sagt: »So einem gehört's, wenn man ihn ein bißchen aufrüttelt!« Fritz versuchte nun seine Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was der Vater sagte, aber es gelang ihm schlecht. Er hörte alles wie im Traume.

»Fritz, wer war der treue Freund von Konradin, dem letzten Hohenstaufen?« fragte ihn der Vater plötzlich.

Der treue Freund, – ein Freund ... Fritz hatte nur diese Worte gehört und wußte nicht, was er mit ihnen anfangen sollte.

»Blondel, sag Blondel,« flüsterte ihm ein nicht guter Freund zu, der sich über Fritzens Verlegenheit freute, und dieser wiederholte mechanisch diese Worte.

»Schäme dich!« sagte der Vater kurz und fragte einen andern. Fritz erkannte nun, was er Dummes gesagt, aber er schämte sich nicht in dem Grade darüber, als er es wohl sonst getan hätte, denn er hatte auf die Uhr gesehen, und der Zeiger stand schon auf Viertel. Wie würde es gehen? Was würde der Vater sagen, und was Greiner, wenn dieser nun so spät hereinkäme? Freilich, es konnte niemand beweisen, daß der Riegel vorgeschoben war, auch hatte ihn keiner der Knaben Wache stehen sehen. Aber wenn Greiner von dem Ausruf Frankes erzählte, so fiel es auf diesen. Fritz sah wieder ängstlich nach ihm hinüber, begegnete aber einem so sorglos überlegenen Blick, daß er sich seiner eigenen Angst schämte. Wenn nur Franke sich dann nachher nicht wieder herauslog! Davor bangte Fritz. Er selber war eine schwache, aber offene Natur, und dann tat's ihm auch um den Vater leid.

»Was tut das deinem Vater?« hatte ihm Franke schon in ähnlichen Fällen wegwerfend erwidert, aber Fritz war dadurch nicht beruhigt worden.

Je mehr die Uhr vorwärts ging, desto nervöser rutschte Fritz auf seinem Stuhle hin und her und sah bald nach dem Fenster, wo dicke Eiszapfen vom Gesimse herabhingen, bald nach Franke und nach der Türe. Sein Vater bemerkte mit Ärger diese Unaufmerksamkeit. Er war inzwischen beim Repetieren zu Rudolf von Habsburg gekommen.

»Fritz, wovon sprechen wir denn?« fragte er zum zweiten Male in ziemlich strengem Tone.

»Von Konradin, dem letzten Hohenstaufen,« antwortete Fritz verwirrt. Ein schallendes Gelächter unterbrach die Stille. Es war für die Schüler eine Wonne, zu hören, wie falsch Wurm diesmal antwortete, und weil der Herr Präzeptor es mit diesem strenger nahm als mit jedem andern, so konnte es diesmal auch Schläge absetzen, was ziemlich selten vorkam und deshalb ein großes Gaudium für die Klasse war. Und richtig kam es so.

»Schäme dich, Fritz, daß du so unverantwortlich zerstreut bist,« sagte der Vater erregt. »Zwei geringe Antworten – zwei Schläge auf die Hand. Am Schluß der Stunde komm hier vor!«

Fritz schämte sich nun wirklich, und er hatte doch alles so gut gewußt! Aber noch größer als die Schande war nun doch die Angst, was aus Greiner geworden sei. Plötzlich fiel ihm ein, daß der Knabe seinen Mantel schon abgelegt hatte, und die so viel verspottete Mütze mit den Ohrenklappen hing draußen am Ständer; da mußte er doch sehr frieren. Fritzens Unbehagen steigerte sich. Hätte er nur noch sehen können, wie ein kleiner, schwacher Junge inzwischen ganz blau vor Kälte wurde, wie ihm die dicken Tränen über die Wangen liefen und er immer wieder von Zeit zu Zeit vergeblich an der schweren Türe rüttelte und polterte und sie trotz aller Mühe nicht aufbrachte; wie er schrie, bis er nicht mehr konnte, ohne daß man ihn hörte, weil das kleine Dach in einem engen Hof und gegen die fensterlosen Seiten der Nachbargebäude angebracht war; wie es den kleinen, magern Körper schüttelte; wie er bald auf dem einen, bald auf dem andern Fuße in dem tiefen Schnee stand, und wie er schließlich in der Verzweiflung sich auf ein schmales Gesimse zusammenkauerte, wo wenigstens der Schnee nicht so dicht lag, und dann nur noch leise schluchzte und wimmerte!

Fritz konnte die auf ihn einstürmenden Gedanken und die Angst nicht mehr aushalten. Endlich kam die Zeit, wo er für den Vater ein Glas Wasser zu holen hatte. Er benützte mit der größten Erleichterung diese Gelegenheit und raste, was er konnte, den langen Gang hinab und um die Ecke. Dort rüttelte er mit allen Kräften an der Türe, die zu Greiner führte, bis sie schließlich nachgab, obgleich sie noch ein wenig eingefroren war. Da sah er den armen Lobele zitternd an allen Gliedern aus seiner hockenden Stellung sich ihm entgegenstürzen.

»O Fritz, es war schrecklich!« sagte er schluchzend. »Es hat mich da jemand herausgesperrt, und ich wäre beinahe erfroren!« Fritz zog ihn rasch in den Gang herein und schüttelte den Schnee von ihm ab.

»Was soll ich jetzt aber tun?« jammerte Greiner von neuem, während er mit den Zähnen klapperte. »Wenn ich so spät in die Stunde komme, so zankt mich der Herr Präzeptor aus, und wenn's mich so schüttelt, dann lachen mich die Buben wieder aus,« und die Tränen liefen ihm von neuem herab.

Fritzens Gewissen war sehr beunruhigt, und er hatte Angst, was daraus werden würde. Darum gab er als nächstes Auskunftsmittel schnell dem Greiner seinen Mantel und seine Mütze und sagte: »Mach, daß du nach Hause kommst, sonst erkältest du dich!« Gottlob mochte fühlen, daß diese Mahnung, die er so oft von der Großmutter hörte, diesmal einen wirklichen Grund haben müsse, und schickte sich an zum Gehen, nicht ohne in hervorbrechendem Grolle gesagt zu haben: »Aber meine Großmutter wird's dann schon dem Herrn Präzeptor sagen; der bringt's schon heraus, wer's getan hat. Der kriegt's dann aber,« setzte er noch mit einer Art verzeihlicher Schadenfreude hinzu.

Fritz wurde es himmelangst. Er, dem es stets als das Ärgste erschien, von jemand für feige und mutlos gehalten zu werden, er tat nun das Feigste, was er hätte tun können, er sagte hastig:

»Gelt, das tust du nicht, Lobele? Ich bitt' dich herzlich darum! Weißt, es gäb' sonst eine arge Geschichte, und vielleicht tät's doch nichts nützen, und deine Großmutter und mein Vater ... und mein Vater und ich ...« Fritz brach trotz der Winterkälte der Angstschweiß aus. Gottlob sah ihn mit den rotumränderten Augen einen Augenblick starr an. War es, daß er die Sache durchschaute, oder war es, daß ihm, dem so oft Verspotteten, angst vor den Verwickelungen wurde, die es geben könnte, er streckte Fritz seine blaue, ganz starre Hand hin und sagte kurz:

»Kannst ruhig sein, Fritz, ich will nichts sagen! Ich geh' jetzt halt heim, weil mir schlecht ist. Und schlecht ist mir,« setzte er noch ganz wehmütig von der Treppe aus hinzu, »das ist wahr, lügen tu' ich nicht.« Zitternd und gebeugt ging er die Stufen hinab.

Und schlecht, rechtschaffen schlecht war es auch Fritz Wurm zumute, als er mit seinem schnell gefüllten Glas Wasser in die Klasse zurückkehrte. Es waren sowohl die vom Vater ihm mit einem traurigen Gesicht gegebenen Schläge auf die Hand, als auch das jämmerliche Gefühl, das er hatte, als in der zweiten Hälfte des Vormittags der Vater plötzlich fragte:

»Wo ist denn heute der Greiner?«

Niemand antwortete; nur ein Knabe, der sonst in seiner Nähe saß, sagte:

»Ich kann mir gar nicht denken, was aus ihm geworden ist. Heute früh vor der Schule hab' ich ihn doch gesehen!«

»Und ich sah die Mütze mit den Ohrenklappen draußen hängen, also muß er doch dagewesen sein,« sagte ein anderer, worauf ein wieherndes Gelächter erfolgte.

»Was wird's sein? – Der Lobele hat halt wieder Bauchweh bekommen und ist wieder heim, ehe die Schule angefangen hat,« sagte Franke in seiner spöttischen Weise, und die Heiterkeit vermehrte sich derartig, daß der Herr Präzeptor Einhalt gebieten mußte. Es war heute überhaupt nicht der richtige Geist in der Klasse. Der Herr Präzeptor wollte etwas an die Tafel schreiben, aber die Kreide machte absolut keinen Strich, – sie war naß gemacht worden, und hinten kicherten ein paar Knaben hinter ihren Büchern über diesen gelungenen Streich. Als der Lehrer nachher die Tafel herumdrehte, war ein riesiger Wurm auf diese gezeichnet, und das Gelächter ging von neuem los. Dem Herrn Präzeptor stieg die Röte ins Gesicht.

»Wer hat hier unbefugtermaßen hingemalt?« fragte er, sich noch möglichst beherrschend. Lautlose Stille folgte, nur dann und wann von einem unterdrückten Gekicher unterbrochen.

»Wer lacht?« fragte der Herr Präzeptor, und seine Stimme klang nun schon erregter. Gänzliche Stille und plötzliches eifriges Schreiben aller Schüler.

»Du warst es, Franke!«

»Ich hab' den Schlucken, Herr Präzeptor,« sagte da dieser in keckem, unverfrorenem Tone, »das klingt nur so wie Lachen,« und brachte von Zeit zu Zeit die komischesten glucksenden Töne hervor, so daß es mit der Beherrschung der andern wieder vorbei war und die Lachlust nicht mehr gedämpft werden konnte.

»Ich will dir deinen Schlucken schon vertreiben,« sagte der Herr Präzeptor, und seine Stimme schwoll an. »Tritt heraus, Franke, – dorthin, an die Tafel, und sieh dir in Muße dein geniales Machwerk an, denn ich kenne deine Malkunst!« Franke machte ein impertinentes Tanzstundenkompliment gegen den Lehrer und begab sich dann nach vorn, nicht ohne ein paar Knaben hinten noch etwas zugeflüstert und ein Zeichen gemacht zu haben. Es hieß: »Jetzt ist die richtige Gelegenheit! Macht, daß der Wurm wieder einmal ins Stottern kommt!«

Der Lehrer hatte sich an sein Pult gesetzt, denn die Schüler hatten noch kurze Zeit zu schreiben. Die momentane Ruhe tat ihm wohl; er war recht müde und innerlich gedrückt. Lieschen hatte heute nacht wieder so heftige Rückenschmerzen bekommen. Es war dies jetzt öfters der Fall, und er stand dann jedesmal auf und hielt sie ein Weilchen in den Armen, was ihr gut tat, oder machte ihr einen kühlenden Umschlag. Er besorgte am liebsten sein Kind selber; die Mutter hatte auch gerade genug zu tun, weil Gretel im Zahnen war und oft stundenlang schrie. Das alles war nicht dazu angetan, den angegriffenen Nerven des Vaters Ruhe zu geben; er hatte wenig geschlafen, und der Kopf war ihm sehr eingenommen.

»Bist arg müde, Vaterle?« hatte ihn Lieschen heute früh beim Fortgehen besorgt gefragt. Ja, jetzt im Augenblick war er's sehr. Es war so lähmend innerlich, wenn er fühlte, die Knaben trieben mit ihm ihren Mutwillen. Er freute sich ja von Herzen, wenn sie munter und vergnügt waren, aber die heutige Art, besonders von Franke, machte ihn nervös, und dazu die unbegreifliche Zerstreutheit von Fritz.

Die Knaben waren mit dem Schreiben fertig, und nun kam die letzte halbe Stunde, in der deutsche Gedichte gelesen und deklamiert wurden. Schüler und Lehrer freuten sich immer darauf, und heute besonders, denn es sollte Schillers »Glocke« aufgesagt werden. Franz Weltingen fing an. Er hatte unter Anleitung von Tante Juliane die Verse gut, sicher und mit Verständnis gelernt. Aber als er den Blick erhob, da sah er, wie Franke hinter des Herrn Präzeptors Rücken, der, versunken in die Schönheit der Poesie, in sein Buch sah, stets die betreffenden Pantomimen dazu machte. Er wischte sich in augenfälligster Weise den Schweiß, nahm ein Scheit Holz und warf es scheinbar in den Ofen, als vom Fichtenstamme die Rede war, er wickelte sich Locken, wiegte Kinder und drehte die Spindel, so daß Franz nur mit der allergrößten Anstrengung weiterreden konnte und der Herr Präzeptor den Kopf schüttelte, daß selbst dieser sonst so brave Schüler heute gar nicht bei der Sache war. Nun kam an Kurt Wilsdorf die Reihe. Dieser konnte schon kaum anfangen vor Lachlust, denn er sah Franke bei den Worten: »denn das Unglück schreitet schnell« im Hintergrunde Riesenschritte in die Luft machen und platzte schon bei den ersten Worten heraus.

»Jetzt wird mir's aber doch zu bunt,« fuhr der Herr Präzeptor auf, der, mit Andacht in die herrliche Dichtung versunken, sich durch solche Unaufmerksamkeit für seinen Lieblingsdichter gekränkt fühlte. »Nun bitte ich mir aber aufs entschiedenste aus, daß ihr euch endlich zusammennehmt. Ihr seid nicht wert, daß man euch diese P ... P ... Perlen der deutsch ... deutschen D ... Dicht ... Dichtung ...« – hier hörte der Herr Präzeptor plötzlich auf, denn er fühlte, wie sein Übel ihn packte, und wischte sich die Stirn. Franke machte den Buben hinten ein triumphierendes Zeichen, das hieß: »Paßt auf, jetzt kommt's!«

Wilsdorf hatte sich wirklich gefaßt und sagte:

Wohl, nun kann der Guß beginnen,
Schön gezacket ist der Bruch.
Doch bevor wir's lassen rinnen,
Betet einen frommen Spruch!
Stoßt den Zapfen aus ...

In diesem Augenblick gab es einen Krach durch das ganze Zimmer, daß der Herr Präzeptor entsetzt in die Höhe fuhr. Im nächsten Moment hatte er freilich schon erkannt, daß Franke wohl einen Faustschlag gegen den großen blechernen Ofenschirm geführt hatte. Jetzt stand er schon wieder mit der unschuldigsten Miene da und sagte frech:

»Herr Präzeptor, Ihr Taschentuch hängt hinten heraus!« dabei überreichte er es ihm mit derselben unverschämten Verbeugung wie vorher.

»Lausbub!« donnerte nun aber dieser, und der ganze Ingrimm der letzten Stunden machte sich in diesem einen Worte Luft.

»Was hab' ich denn getan?« fragte Franke keck. »Ich kann doch nichts dafür, daß gerade in dem Augenblick die Feuerzange gegen den Schirm gefallen ist!« Er zuckte verächtlich mit der Schulter und wollte nun ohne weiteres an seinen Platz gehen.

»Dageblieben!« befahl nun der Herr Präzeptor und nahm sein Tuch, um sich über das Gesicht zu fahren. »Lüge nun nicht auch noch zu all deinen anderen U ... U ... Unarten! Du bist der Ä ... Ält ... Älteste von der Klasse und solltest das gute B ... Beispiel geben. Ich würde mich sch ... schämen an deiner Stelle!« und ganz erschöpft von der Rede wischte sich der Lehrer wieder den Schweiß ab; er wollte damit auch das leidige Zucken in seinem Gesichte verbergen, über das er, wenn er erregt war, nicht Herr werden konnte. Aber war denn heute der böse Geist in der Klasse vollständig losgelassen? Er rang nach Fassung, um die unterbrochene Stunde wenn möglich noch vollends zu Ende zu führen, legte sein Taschentuch beiseite und nahm das Buch, das ihm so teure Buch wieder in die Hand, als er in der ersten Reihe die Schüler von neuem so krampfhaft lachen und sich bewegen sah, daß es ihm das Herz zusammenzog. Selbst Franz Weltingen und seine Besten waren also unter denen, die ihn verspotteten! Das tat weh! Ein Zug tiefer Traurigkeit flog über sein Gesicht; er klappte das Buch zu und wollte die Stunde schließen. Da stand aber Franz mit sichtlichem Kampfe in seinem hübschen, schmalen Gesichtchen auf und sagte:

»Herr Präzeptor, Sie müssen am Taschentuch Tinte gehabt haben; Ihr Gesicht ist ganz schwarz, und deshalb haben wir auch vorhin noch einmal gelacht,« setzte er mit sichtlicher Anstrengung hinzu, denn Franke und auch noch ein paar andere hatten ihm wütende Blicke zugeworfen.

»Schändlich,« knirschte Franke zwischen den Zähnen, »muß der dumme Kerl einem den ganzen Spaß verderben! – Warte nur, das kriegst du zu fühlen!« Voll Unmut wandte er sich zur Seite.

Präzeptor Wurm war mit einem Blick voll Erleichterung und Liebe auf Franz gleich darauf fortgegangen. Fritz, dem solche Szenen wahre Qualen bereiteten, der aber zu seinem Glücke so kurzsichtig war und wohl auch so arglos, daß er die Hälfte von den Streichen nicht genau sah oder auch nicht bemerkte, war dem Vater ins Lehrerzimmer gefolgt und hatte ihm zaghaft geholfen, sich zu reinigen.

In der Klasse war aber längere Zeit noch eine erregte Debatte der Guten mit den Schlimmen.

»Er hat angezeigt!« – »Nein, er hat nicht!« – »Doch, das war angezeigt!« so scholl es lange wirr und erregt durcheinander, und das Endresultat war, daß von Franke und ein paar der älteren Knaben, die zu ihm hielten, Franz Weltingen für eine Zeitlang in Bann getan wurde.

Franz fühlte sein Gewissen rein; er hätte ja wohl sagen können, Franke habe das Tuch hinter dem Rücken des Lehrers in Tinte getaucht, das wäre aber, wie er wohl wußte, gegen den Klassengeist gewesen, aber den Herrn Präzeptor so lächerlich machen zu lassen, auch noch nachher vor den Leuten auf der Straße, – nein, das wäre gemein gewesen, das hätte er einfach nicht gekonnt. Aber sein Schülerherz war doch bedrückt, als er langsamer als sonst heimwärts ging. Feldmann und Dackerle machten heute vergeblich ihre Sprünge; Franz wehrte sie ab und ging in seine Stube.

»Was hat Franz nur heute?« sagte die Mutter zum Vater, als sie bei Tische saßen und Franz gegen seine Gewohnheit gar nichts erzählte. Tante Juliane fühlte auch heraus, daß etwas nicht in Ordnung sei, sie wußte aber, daß sie es mit der Zeit schon erfahren würde.

*

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