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Schulleben

Tony Schumacher: Schulleben - Kapitel 5
Quellenangabe
authorTony Schumacher
titleSchulleben
publisherVerlag von Levy & Müller
printrunVierte Auflage
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170606
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Drittes Kapitel.

Bei Weltingens in der Villa. – Von einem treuen Diener und einer lustigen Schlittenfahrt. – Franzens Mutter lernt Lieschen kennen. – Des Herrn Präzeptors Wurm Sorgen und Trost, und wie Fritz zu einem bösen Streiche gelangt.

 

Der Winter war heuer rasch gekommen, und die lustigen Spiele mit den Hunden im dürren Laub hatten für Franz Weltingen längst aufgehört. Es war in den Weihnachtsfeiertagen, und Franz genoß die Freiheit in vollen Zügen. Mit all seinen schönen Spielsachen, mit seinem Handwerkzeug und seinen Sammlungen verging die Zeit wie im Fluge, und der geschickteste, ihm liebste Kamerad zum Spielen, der am besten auf all seine Ideen einging, war Lindner, der langjährige Diener. Er war schon im Hause gewesen, als Franz mit den Fäustchen vor dem Gesicht als kleines, kahlköpfiges Baby der Dienerschaft gezeigt wurde. Er hatte bei der Taufe im schönsten neuen Livreerock an der Türe gestanden, als all die vornehmen Herrschaften kamen, um bei dem kleinen Stammhalter die Patenschaft zu übernehmen. Er wachte über die ersten Schritte des kleinen Jungen, wenn er laut kreischend durch die Türe des Kinderzimmers hinausschlüpfte, und von Lindners starken, kräftigen Armen ließ er sich am liebsten auffangen. Lindner war es auch, der zu der Zeit, als Franz so schwer krank an der bösen Halsentzündung lag, mit derselben Angst fast wie Vater und Mutter auf die Atemzüge lauschte, der an der Glastüre jedesmal zum Arzte sagte: »Unser Franz ist kräftig, nicht wahr, Herr Doktor, der hält was aus?« aber ihn dabei so jämmerlich angstvoll ansah. Lindner sagte Franz und du; die Eltern wollten es so haben, solange Franz noch in die Schule ging. Mit fremden Leuten oder vor der Dienerschaft hätte er aber nie anders als vom jungen Herrn Baron gesprochen, das gebot ihm sein Respekt und sein Taktgefühl. So sicher Franzens Eltern ihn bei Lindner wußten, so wünschten sie doch, daß ihr Sohn auch mehr mit andern Kindern verkehre, da ihm doch die Geschwister fehlten. Dann und wann wurde er auch eingeladen zu befreundeten Familien, besonders zu General von Wilsdorf. Kurt kam auch manchmal zu ihm. Er hatte ihn im ganzen gern mit seiner frischen, lebhaften Art, aber Kurt verstand es absolut nicht, auf Franzens Spiele und Gedanken einzugehen. Kurt war gewöhnt, mit einer Schar kleinerer Geschwister herumzutollen. Er liebte wilde, waghalsige Spiele, Klettern und Boxen. Eine Zeitlang tat Franz wohl gerne mit, aber er nannte dies nicht spielen, und wenn er Kurt vorschlug, mit ihm irgend eine Geschichte, die er sich ausgedacht, mit den Marionetten aufzuführen oder sich selber zu maskieren und sich in eine andere Rolle hineinzudenken, so fehlte Kurt die Phantasie dazu, und es war höchstens im Soldatenaufstellen, wo sie sich wieder ganz verstanden. Kaum standen aber diese in Reih und Glied, als Kurt auch schon wieder die mühsam Aufgestellten mit möglichst viel Lärm und dem größten Aufwand von Erbsen und Schnellern wieder zusammenschoß, wobei Frau von Weltingen in steter Todesangst um ihre schönen Spiegel, Uhren und sonstigen Gegenstände sein mußte.

Franz war heute nach Tisch mit den Eltern im Schlitten gefahren. Die Bahn war herrlich, die zwei Pferde rasch und feurig, die Pelze in dem Schlitten so weich und anschmiegend. Die Fahrt ging an dem Hause vorbei, wo Gottlobs Großmutter wohnte. Dieser stand trübselig am Fenster und sah in die Schneelandschaft hinaus. Er erwiderte Franzens fröhliches Hutschwenken mit einem wehmütigen Kopfnicken, während die alte Frau hinter ihm dankte und knickste.

»Jetzt läßt man ihn wieder nicht heraus,« sagte Franz erregt zu den Eltern. »Bloß weil's ein bißchen gefroren hat, muß er in der Stube bleiben, und als ich neulich zu seiner Großmutter sagte: »Darf denn der Gottlob jetzt nicht auch Schlittschuhlaufen lernen?« da schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen und sagte: »O nein! Was fällt dir nur auch ein! Schlittschuhlaufen! Davon hat man in meiner Jugend noch gar nichts gewußt, und ich würde vor Angst vergehen, wenn ich den Gottlob auf dem trügerischen Eise wüßte. Wie mancher hat da auch schon den Fuß gebrochen! Mein Gottlob hätte auch gar nicht die Gesundheit dazu.«

»So kannst du aber dein Lebtag nicht kräftig werden! Ich tät halt so lange fortmachen, bis man mir's erlaubt,« hab' ich nachher zu ihm gesagt, als die Frau Revisor draußen war.«

»So mußt du nicht mit ihm sprechen,« sagte Frau von Weltingen. »Erstens kann es ja doch wirklich sein, daß der Knabe der Schonung bedarf, und zweitens weißt du recht gut, daß ein Kind nie etwas erzwingen soll Erwachsenen gegenüber. Die Großmutter meint es jedenfalls sehr gut, und ich begreife die Angst der alten Frau um ihr Einziges, das ihr noch geblieben.«

»Ich bin auch euer Einziger,« sagte Franz noch nicht überzeugt, »und ihr wollt doch auch nicht, daß ich den Fuß breche oder ertrinke, aber trotzdem laßt ihr mich hinaus.«

Herr und Frau von Weltingen mußten lachen. Der Schlitten fuhr nun zur Stadt hinaus. Rechts und links waren die Felder von Schnee bedeckt, und als sie durch einen Wald kamen, war es wie in einem Märchen. Die Bäume waren alle überzuckert, jedes Zweigchen trug unzählige kleine, glitzernde Sterne, und Feldmann umkreiste glückselig und in großen Bogen den Schlitten. Dackerle, den man wegen seiner kurzen Beinchen hereingenommen hatte, war nicht dankbar für diese Bevorzugung, sondern versuchte beharrlich, sich aus den Hüllen frei zu machen, und stieß von Zeit zu Zeit einen klagenden Ton aus, der so viel hieß: »Ich möchte auch im Schnee springen!« Franz kam auf einmal dasselbe Gelüst an, und er stieß einen Jubelruf aus, als Herr von Weltingen sagte:

»Hier ist's so herrlich, daß einem wahrhaftig die Lust kommt, wie in der Jugend Schneebälle zu machen.«

»O Vater, ja, ja, bitte!« und Lindner, der neben dem Kutscher saß, lachte mit dem ganzen Gesicht. Er stieß den Kutscher mit dem Ellbogen, und der Schlitten hielt schon an, ehe eigentlich der Herr Baron das Zeichen zum Halten gegeben hatte. Nun ging es heraus in den glänzenden Schnee, der Vater fast noch so jugendlich rasch wie der Sohn, Dackerle mit einem großen Sprunge über alle Hindernisse weg ihnen nach hinein in das blendende, knisternde Weiß.

Der Schnee ballte sich vortrefflich, und bald flogen die Kugeln rechts und links. Frau von Weltingen wurde von der Lust auch angesteckt und tat lachend mit. Lindner bekam ein paar Ladungen an die Seite und hinten in den Hals, wo es nicht gerade sehr angenehm ist. Er lüftete aber nur ein bißchen mit dem Zeigefinger den Kragen, im übrigen aber freute er sich wie ein Kind, daß sein junger Herr ein solches Vergnügen hatte. Am seligsten aber waren Dackerle und Feldmann. Die rasten wie besessen umher. So etwas Weiches hatten sie selten unter den Pfoten. Feldmann machte Jagd auf ein paar Raben. Sie nahmen sich gar so schön auf der weißen Fläche aus! Dackerle hüpfte und sprang wie unsinnig nach jedem geworfenen Schneeball, wähnend, es seien endlose »Apportchen«, die aber beharrlich in seinem Maul zu nichts wurden, ehe er sie abgeben konnte. Die Wintersonne stand schief und schien goldig rot durch den flimmernden Wald, als die kleine, heitere Gesellschaft, in Pelze und Decken wohl verpackt, in die Stadt wieder zurückfuhr. Diesmal ließ sich's Dackerle gar gerne gefallen, daß ihn Franz neben sich auf den weichen Sitz nahm. Er war rechtschaffen müde geworden von dem Herumtollen, und in seinem langen Gesicht lag entschieden ein Ausdruck von Überlegenheit, mit dem er jetzt auf den Feldmann hinuntersah, der trotz der Müdigkeit auch den Rückweg zu Fuß machen mußte.

»Ich möchte gern den Schlitten benützen und mit Franz noch zu Fräulein Mayer fahren, von der mir neulich erzählt wurde,« sagte Frau von Weltingen. »Sie soll gut Klavier spielen, und es wäre mir recht, wenn sie ein paarmal in der Woche käme, um Franz zur Violine zu begleiten. Frau von Wilsdorf hat mir die Adresse gegeben. Gartenweg 23, Hinterhaus,« fügte sie zu dem Kutscher gewendet hinzu. Herr von Weltingen, mit dem die Sache früher schon besprochen war, zeigte sich einverstanden und stieg an einer der Straßenecken vorher ab. Er hatte noch einen Ausgang zu machen.

Franz fragte etwas beklommen: »Soll ich denn mit?« Ihm graute ein bißchen vor jedem neuen Lehrenden, und doch freute er sich wieder, daß das Fräulein zu ihm kam, denn er liebte die Musik leidenschaftlich.

Der Schlitten hielt vor dem Wurmschen Hause. Lieschen hatte das Geklingel gehört und sagte: »Wer kommt?« aber es blieb still auf der Treppe, und es fuhren ja viele Schlitten vorbei. Frau von Weltingen sah sich nach dem Hinterhause um, auf das ihre Adresse lautete, nahm ihre Kleider zusammen und trat durch ein niederes Türchen mit Franz in den kleinen Hof.

»Wohnt hier Fräulein Philippine Mayer?« fragte sie ein rotbackiges, dunkelhaariges Mädchen, das ein kleines, wohlverpacktes Kind in einem Schlitten hin- und herzog, während ein Knabe mit einer gestrickten Mütze und roter Nase weinerlich dabei stand und fror.

»Wohnt hier die Klavierlehrerin Fräulein Mayer?« wiederholte Frau von Weltingen ihre Frage und sah zweifelnd an dem kleinen Waschküchengebäude in die Höhe.

Anna Wurm, denn diese war es, vergaß zuerst ganz zu antworten. Die schöne Dame in dem Sammetmantel und dem prächtigen Pelz war zu unerwartet in ihrem kleinen Hof erschienen. Dann aber faßte sie sich und sagte:

»Ja, da wohnt sie, aber sie ist jetzt nicht daheim. Sie ist drüben im Vorderhause bei uns,« setzte sie hinzu und konnte sich dabei gar nicht satt sehen an der vornehmen Erscheinung und an Franzens feinem, verschnürtem Mantel.

»Dann kann ich sie vielleicht drüben aufsuchen,« sagte Frau von Weltingen, ging durch die Hintertüre in das Wurmsche Häuschen und tastete sich mit Franz vorsichtig die Treppe hinauf, denn es war schon etwas dunkel.

»Es kommt doch jemand,« sagte Lieschen zu Fräulein Mayer, die ihr gerade eine Stunde gab, und hob horchend den Kopf.

»Kann ich hier vielleicht Fräulein Mayer einen Augenblick sprechen?« fragte Frau von Weltingen in die offene Küchentüre hinein, wo die Mutter beim Scheine einer Küchenlampe am Waschzuber stand.

»Gehen Sie nur hinein, sie ist drin in der Stube,« antwortete die Frau Präzeptor, wischte sich aber dann doch rasch die nassen Hände ab und geleitete die Kommenden zur Türe. »Hier,« sagte sie und machte ihnen diese auf. »Sie erlauben, daß ich bei meiner Arbeit bleibe,« und die fleißige Frau ging sofort wieder zurück.

Frau von Weltingen stellte sich der höflich aufstehenden Fräulein Mayer vor, nahm einen Stuhl an und begann mit ihr über ihre Absichten und Wünsche zu sprechen. Lieschen saß still dabei und horchte erstaunt auf die wohltuende Stimme und feine Ausdrucksweise der Eingetretenen. Franz blickte von einem zum andern mit einem gewissen Unbehagen. Fräulein Mayer mit den blonden, gedrehten Locken, der himmelblauen Schleife am Hals und der etwas umständlichen Art zu sprechen gefiel ihm gar nicht; er hätte gern die Mutter gezupft, wieder zu gehen, aber dazu war er zu wohlerzogen. Auch entging ihm nicht, daß letztere, die zuerst auch etwas zurückhaltend war, nach und nach wärmer wurde, denn je mehr Fräulein Mayer aus sich herausging, desto mehr Sachkenntnis entwickelte sie, und desto mehr zeigte sich ihre tiefe Bildung.

»Also morgen um sechs Uhr dürfen wir Sie dann zum ersten Male erwarten,« fragte Frau von Weltingen herzlich, nachdem sie Franz mit dem Fräulein bekannt gemacht und ihr von dem Grade seines Könnens gesprochen hatte.

»Darf ich Ihnen vielleicht einige Notenstücke vorlegen, die ich etwa morgen zum Anfange mitbringen könnte?« fragte Fräulein Mayer. »Wenn Frau Baronin sich einen kleinen Augenblick gedulden wollten, – ich bin gleich wieder da,« und sie lief rasch in ihre Wohnung hinüber, indem sie noch an der Türe sagte:

»Lieschen, unterhalte inzwischen die Herrschaften!« Frau von Weltingen wurde eigentlich jetzt erst auf das junge Mädchen aufmerksam, das so still seither in seiner Ecke gesessen hatte. Der letzte Abendschein fiel auf ihr liebliches, blasses Gesichtchen, und die Flechten und all die kleinen krausen Härchen flimmerten wie mattes Gold.

»Du scheinst Unterricht gehabt zu haben bei Fräulein Mayer?« sagte Frau von Weltingen freundlich mit einem Blick auf die Hefte und Bücher, die dalagen. »Lernst du so gern, daß du nach der Schule auch noch Privatstunden hast?« fragte sie noch, ein bißchen erstaunt.

»Ich gehe nicht in die Schule,« erwiderte Lieschen bescheiden. »Früher hat man es einmal versucht, und es war so schön, zuhören zu dürfen, aber dann hat mir der Rücken weh getan, und ich mußte wieder zu Hause bleiben.« Bei den letzten Worten senkte Lieschen den Blick.

»Armes Kind, also bist du leidend?« fragte Frau von Weltingen voll Teilnahme, und Franzens Herz begann sich in Mitleid zu rühren.

»Ein wenig, ja,« sagte Lieschen einfach, »aber es tut mir nicht immer weh.«

»Was lest ihr denn da? Darf ich es wissen?« fragte Frau von Weltingen ablenkend und griff nach dem Buch. Lieschen tastete zu Franzens Verwunderung auf dem Tische herum, bis sie es fand, und reichte es dann seiner Mutter.

»Blindenschrift!« sagte diese erschrocken und sah wieder nach Lieschen, die diesmal die Augen weitgeöffnet auf sie gerichtet hatte.

»Ist sie wirklich blind?« fragte Franz leise und ganz ängstlich seine Mutter. Diese nickte und sagte dann noch einmal warm, indem sie Lieschens Hand ergriff: »Armes Kind, wie viel mußt du im Leben entbehren!«

Lieschen lauschte der weichen, so wohltuenden Stimme und wagte nur ganz, ganz leise den Druck der Hand zu erwidern.

»O nein, nicht arm!« erwiderte sie dann fröhlich. »Es ist trotzdem so schön! Ich kann auch ein bißchen helfen, Feuer machen und die Kleinen hüten und Gemüse putzen. Jetzt kann ich auch beinahe lesen, und das nächste Mal bekomme ich das Neue Testament mit all den herrlichen Sprüchen; da werde ich nie mehr traurig sein, wenn ich allein bin,« setzte sie hinzu.

»Warst du früher denn manchmal traurig?« fragte Frau von Weltingen bewegt.

»Vielleicht, ein bißchen, wenn die Geschwister erzählten, was sie alles lernen durften, und wenn ich so viel liegen mußte. Aber ich habe ja ein gutes Plätzchen,« sagte sie gleich wieder heiter und strich mit der Hand wie liebkosend über das Kissen des Kanapees. »Und dann höre ich ja auch viel besser als die Geschwister. Drüben im Park steht ein Haus, wo Musik gemacht wird, da kommen die Töne herüber durch die Bäume, im Sommer mehr als jetzt. Die andern achten nicht so darauf, aber mich freut jeder Ton, und wenn einer fehlt, weil der Wind sich oft wendet, so denke ich mir ihn dazu.«

Frau von Weltingen war tief ergriffen von der schlichten, rührenden Weise, in der dieses blinde Kind sprach, und Franz hatte atemlos zugehört. Sie wollte sich eben nach Lieschens Namen erkundigen, als diese sich jäh horchend aufrichtete und jubelnd sagte:

»Jetzt kommt mein Vater! Vaterle ist nämlich mein Liebstes,« setzte sie, sich auf die Fremden besinnend, wie entschuldigend hinzu.

Die Treppe herauf kamen etwas schwere Schritte, und der Erwartete trat ein, verblüfft die Anwesenden betrachtend.

»Herr Präzeptor Wurm!« sagte Franz und seine Mutter in einem Atem voll Erstaunen.

»Frau Baronin von Weltingen,« erwiderte der Vater staunend, indem er eine Verbeugung machte, »und du Franz? Was verschafft mir die Ehre Ihres Besuches?«

Frau von Weltingen erklärte mit kurzen Worten, warum sie hier sei, wie sie sich freue, bei dieser Gelegenheit sein Heim kennen zu lernen, und wie lieb Lieschen sie unterhalten habe, fügte sie mit einem bedeutungsvollen Blicke auf diese hinzu. In diesem Augenblicke kam auch mit Fräulein Mayer, die sich entschuldigte, daß sie die Noten nicht gleich habe finden können, die Frau Präzeptor herein, die noch schnell ihre aufgestreiften Ärmel herabmachte, denn ihre Arbeit war fertig.

»Verzeihen Sie, gnädige Frau, daß solch ein Durcheinander im Zimmer ist,« sagte sie zu der nun schon im Aufbruche begriffenen Frau von Weltingen und entfernte rasch einige Gegenstände von den Möbeln. »So ist's halt, wenn man viele Kinder und keine Hilfe hat! Jetzt hat der Schlingel, der Fritz, mir wieder das Bügelbrett dazu benützt, um all seine unnützen Sachen aufzustellen.« Frau Wurm wollte mit einer energischen Bewegung eine ganze kleine Phantasiewelt von Papier, Schachteln, Steinen und einfachem Spielzeug, die da aufgebaut war, zerstören.

»O lassen Sie's doch, bitte!« sagte Franz und sah mit größtem Interesse die Sache sich an. So etwas liebte er, und er hätte gar nicht hinter Fritz vermutet, daß er denselben Geschmack habe.

»Ist Fritz nicht da?« fragte er Frau Wurm, was diese verneinte, während Frau von Weltingen noch herzlichen Abschied von Lieschen nahm. – Unten am Hause stand wieder Anna mit den zwei Kleinen, versunken in den Anblick des schönen Schlittens, während Fritz vorn bei den Pferden war und sich mit Feldmann und Dackerle unterhielt, die als wohlerzogene Hunde schön vor dem Hause gewartet hatten und nun sofort auf ihren jungen Herrn zusprangen. Fritz wollte sich verlegen entfernen, als Franz ihn rief. Ungern kam er her, aber sein Blick wurde heller, als Franz zu seiner Mutter sagte: »Das ist Fritz Wurm,« und diese ihm freundlich die Hand gab.

»Du bist also der Fritz, der droben die schöne Stadt so künstlich aufgebaut hat? Das hat meinen Franz gefreut zu sehen. Ihr geht ja in dieselbe Klasse, nicht wahr? Möchtest du nicht auch einmal zu uns kommen und Franzens Spielsachen dir ansehen?« fragte sie ein klein wenig zögernd mit einem raschen Blick auf ihren Jungen, von dem sie wußte, daß er es nicht gerne sah, wenn man ihm Buben einlud. Aber Fritzens nicht sehr schönes Gesicht nahm bei diesen Aussichten einen so verklärten Ausdruck an, daß Franz nicht anders konnte, als ihm die Hand zu reichen und zu sagen:

»Wann willst du?« worauf die Knaben dann zusammen den nächsten Sonntag nachmittag ausmachten. Der Schlitten flog gleich darauf klingelnd davon.

»Du hast's gut!« sagte Anna in etwas neidischem Tone, als Fritz oben sein Glück verkündigte. »Ich möchte auch zu so vornehmen Leuten kommen! Die Alice Franke von da drüben grüßt nicht einmal, wenn ich mit den Kindern am Gitter stehe, und läuft ganz hochmütig in ihrem schönen weißen Kleide vorbei.« Sie setzte sich mißmutig an den Familientisch, um ihre Aufgaben zu machen.

»Wirst auch ein Gesicht danach schneiden, so wie gerade jetzt,« äffte Fritz etwas übermütig.

»Oder hast du den Kindern die Nasen wieder nicht geputzt? Da mag kein ordentlicher Mensch sie ansehen,« schaltete Frau Wurm ein und machte dieses mutmaßliche Vergehen sofort wieder gut, indem sie ein großes Taschentuch hervorholte und die zwei Kleinen energisch »sich schneuzen« hieß, was nicht ohne Heulen abging.

Der Vater war inzwischen im Schlafzimmer gewesen, hatte seinen guten Rock ausgezogen, den er zum Besuchmachen bei zwei Kollegen heute nachmittag angehabt hatte, und saß nun in seinem Stuhl. Lieschen, die von dem Besuche vorher freudig erregt, aber nun auch ermüdet war, horchte auf jede seiner Bewegungen. Es war ihr auch nicht entgangen, daß die Stimme wieder heiserer klang.

»Ist's sehr kalt draußen, Vaterle?« fragte sie ihn.

»Ja!« erwiderte dieser in Gedanken versunken.

»Heut ist der letzte freie Tag,« sagte die Mutter und versuchte ein bißchen still zu sitzen, was ihr aber nur schwer gelang. »Will froh sein, wenn die Schule wieder angeht wegen euch Kinder! Man ist doch dann wieder mehr in seiner Ordnung. Hans und Grete, kommt her, nun wird noch gebadet! Die schöne Seifenbrühe draußen muß benützt werden.« Sie hob die Kleine von ihrem Stühlchen, während Hansel etwas widerwillig nachtrollte.

»Kommt nur, das warme Bad tut euch gut, und nachher geht's ins Bett; dann hat man seine Ruhe!«

Fritz und Anna saßen schreibend an dem Tisch, Lieschen strickte sachte und langsam, daß sie keine Masche fallen ließ, und horchte nach dem Vater hin, der die Zeitung las, deren feines Knistern sie vernahm. Er drehte eben wieder das Blatt um und machte eine etwas ärgerliche Bemerkung über die Zinsen, die eben immer mehr herunterkämen, als auf der Straße ein Pfiff ertönte, worauf Fritz sofort aufsprang und forteilte.

»Was hat nur der Junge schon wieder?« fragte der Vater ärgerlich. »Es ist schon dunkel und spät. Wer hat ihm denn da unten noch zu pfeifen?« Da der Zeitungsartikel aber interessant war, so versenkte sich der Vater wieder in ihn.

Lieschen war beunruhigt. Sie wußte, der Pfiff war das Zeichen, mit dem Robert Franke Fritz zu rufen pflegte, und sie fürchtete im Innersten dessen Umgang mit ihm. Sie wußte eigentlich keinen Grund, denn sie kannte den Knaben nicht, aber sie fühlte schon lange heraus, daß ihr Fritz anders war, wenn er von Franke kam, daß er, der sonst offen alles erzählte, Heimlichkeiten hatte, und daß er in letzter Zeit viel weniger eifrig im Lernen war.

Es war, als ob der Vater ihre Gedanken erriete, denn er faltete die Zeitung zusammen, legte sie beiseite und sagte dann ganz unvermittelt:

»Ja, Lieschen, man hat halt seine Sorgen mit den Jungen!«

»Gibt's was Neues, Vaterle?« fragte diese teilnehmend.

»Eigentlich nicht,« erwiderte der Vater. »Mein Kollege Huber, bei dem ich heute war, sagte: »Nehmen Sie sich in acht vor dem Schüler Franke, – das ist ein ganz schlimmer Bursche! Ich kenne ihn von der früheren Klasse her, da hat er viel Unheil angerichtet. Es ist nicht der Leichtsinn allein bei ihm, Herr Präzeptor, er hat kein gutes Herz, und solch ein räudiges Schaf in der Klasse ist etwas Fatales!« Lieschen hörte beunruhigt zu. Fritz war noch nicht wieder zurück, und der Vater hatte ihn scheint's vergessen, denn er fuhr fort:

»Wenn man bedenkt, daß man Tag um Tag den Kindern sein Bestes gibt, daß man sie fürbittend auf dem Herzen trägt – und doch gelingt es einem so selten, daß sie einsehen, wie gut man es mit ihnen meint, und daß wir nicht ihr Feind sind, dem man nicht genug Schabernack antun kann. Das schmerzt oft tief, Lieschen, tiefer als man's sagen kann.«

Der Vater stützte sorgenvoll seinen Kopf auf die Hand und atmete ein paarmal wieder so schwer, wie er es in der letzten Zeit manchmal tat.

»Willst du nicht ein bißchen Milch trinken?« fragte Lieschen und schob ihm sein Glas näher. Sie sorgte immer dafür, daß er welche bei der Hand hatte, wenn er nach Hause kam. Er nahm einen tiefen Schluck und sagte dann mit freierer Stimme: »Das tut doch allemal gut!«

»Ja, Vaterle, freilich tut's gut,« erwiderte Lieschen eifrig. »Allemal hilft's dir. Drum ist's auch ein Jammer, daß du dir keine mehr in die Schule bringen läßt, und ich meine, seither ist auch dein Hals wieder weniger gut. Ich tät's doch wieder,« fügte sie sorglich hinzu. »Weißt, ein zweites Mal werden sie doch nicht den schlechten Witz mit dem Salz machen.«

»Das mag sein,« sagte der Vater mit einem schwachen Versuch zu lächeln. »Aber ich will's doch lieber bleiben lassen und die Schlingel nicht in Versuchung führen.«

»Ist's denn stets warm in der Schule?« forschte Lieschen wieder besorgt.

»Gewiß, gewiß,« beruhigte sie der Vater etwas hastig. Daß der Katarrh, der im Herbste ganz unbedeutend war, sich so sehr verschlimmert und schließlich auf der Brust festgesetzt hatte seit jenem fatalen Vormittage, wo man vor Rauch fast erstickte, und wo er sich nachher gründlich erkältete, das wußte Lieschen nicht, mit so etwas mochte der Vater sie nicht betrüben.

Inzwischen stand Fritz drüben an dem schönen eisernen Tor des Frankeschen Parkes. Er hatte die Hände in den Hosentaschen, denn ihn fror. Robert stand innerhalb des Gitters und sprach eifrig auf ihn ein.

»Wenn du freilich keine Courage hast, so ist überhaupt mit dir nichts anzufangen,« schloß er verächtlich.

»Aber ich habe doch Mut,« sagte Fritz fast weinerlich. »Da gehört auch Mut dazu, daß ich dir vorhin die Törtchen holte, da wir doch in keinen Konditorladen sollen und ...«

»Das ist mal was!« sagte Franke verächtlich. »Du vergißt ganz, daß dir soeben einer der Faschingskrapfen auch sehr geschmeckt hat. Versteh doch auch einen Spaß! Sei doch keine solche Mehlamsel! Das greuliche Leben ist ja gar nicht zu ertragen, wenn man keinen Jux macht,« sagte Franke und pfiff verächtlich vor sich hin.

»Wenn aber dem Greiner etwas passieren täte,« wandte Fritz schüchtern ein.

»Dummkopf! Was wird ihm denn gleich passieren? Wir tun ja nur ein gutes Werk, wenn wir ihn ein bißchen abhärten. Der dankt's uns später noch einmal. Abgemacht! Du bist also dabei? Micht friert's, und ich mag nicht ewig da stehen bleiben,« sagte Franke und sprang dann in großen Sätzen der Villa zu.

Fritzens Gemüt war nicht so leicht. Es bedrückte ihn auch, daß er auf Vaters Frage: »Wo warst du denn?« nur mit »Unten« antwortete, denn er war im Grunde eine ehrliche Natur, aber Mutter hatte eben die Kleinen zum Gutenachtsagen hereingebracht, und dann war das Nachtessen gekommen, und seine Abwesenheit war vergessen worden. Nur von Lieschen nicht. Die fühlte, daß etwas nicht in Ordnung sei. Sie wußte, viel Worte nützten nichts, aber vor dem Zubettgehen sagte sie noch ganz leise zu dem Bruder:

»Gelt, Fritz, du vergißt auch dein Vaterunser nicht vor dem Einschlafen!«

*

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