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Schulleben

Tony Schumacher: Schulleben - Kapitel 3
Quellenangabe
authorTony Schumacher
titleSchulleben
publisherVerlag von Levy & Müller
printrunVierte Auflage
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170606
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Erstes Kapitel.

Von einer schönen Villa und zwei Hunden. – Franz Weltingen und seine Tante. – Von einem Schulknaben, der eine Mütze mit wattierten Ohrklappen trägt, und wie ein anderer dem Lehrer Salz in die Milch schüttet. – Wie Franz sein Versprechen hielt.

 

»Heut hast du's aber dem Herrn Präzeptor fast ein bißchen zu arg gemacht!« sagte auf dem Heimwege aus der Schule Franz von Weltingen, ein etwa zwölfjähriger Knabe mit guten, ehrlichen Augen, zu seinem Kameraden Robert Franke, der, die Hände in den Hosentaschen und laut pfeifend, neben ihm herging.

»Warum?« fragte jener kurz.

»Weil mich der Lehrer gedauert hat und die schöne Milch auch, in die du ihm Salz gestreut hast,« erwiderte Franz.

»Dauern? – Nein, du bist aber auch zu dumm!« sagte Robert Franke und sah verächtlich auf den etwas kleineren Franz herab. »Dauern – ein Lehrer und dauern! – Zum Kranklachen war's doch. Die Grimassen, die der Wurm schnitt! Und wie er pustete und gerne ausgespuckt hätte und nicht wußte, wohin! – Was braucht ein erwachsener Mensch auch Milch zu trinken wie ein kleines Kind? Das ist einfach ärmlich, zu fad!« und Robert machte eine verächtliche Bewegung.

»Wenn's nur der Fritz Wurm nicht gemerkt hat, wie du das Salz hineingetan hast,« fing Franz wieder bedenklich an. »Er hängt so an seinem Vater, und da täte er mir leid ...«

»Leid tun? Nein, du bist wirklich zu lächerlich, Franz!« äffte Robert nach. »Erstens hängt der Fritz auch an mir, das weißt du, und er bewundert mich, und wenn er nicht so ein schwächlicher Kerl wäre, so täte er ganz anders mitmachen als du mit deinem ewigen Dauern und Leidtun! Und zweitens ist der Fritz viel zu kurzsichtig, als daß er so etwas sehen würde. – Bei mir geht's fix!« fügte Robert voll Stolz hinzu und verschwand dann mit einem kurzen Gruße in einem schönen, großen Hause der Hauptstraße.

Franz ging weiter etwa eine Viertelstunde lang bis da, wo die Straßen lichter wurden und da und dort Gärten zwischen den Häusern lagen. Aus einer schönen, freundlichen Villa stürzte ein großer Jagdhund ihm entgegen, gefolgt von einem gelbbraunen Dachse, und beide sprangen bellend und vor Freude ganz außer sich an ihm empor.

»Ja Feldmann, ja Dackerle, – grüß Gott! Ja habt ihr denn gewartet? Kusch! Ihr werft mich ja um! – 's ist schon recht, ihr guten Kerle! – Reißt mir nicht meinen Ranzen runter!« Franz konnte kaum die Hausglocke erfassen, denn die Hunde waren wie unsinnig vor Freude. Aber es war unnötig, daß er klingelte, denn man hatte ihn schon kommen sehen.

Der Diener, der das Gebell gehört, hatte lächelnd geöffnet, und auf der Treppe stand die Mutter, ihn zu empfangen. Der Vater, der an einer wichtigen Arbeit saß, legte die Feder weg, als er Franzens helle Stimme hörte. In der Küche hieß es: »Nun muß angerichtet werden, der junge Herr ist da!« und oben, im zweiten Stocke, wo die verwitwete Tante, die Baronin Richthofen, wohnte, hieß es auch: »Franz ist da!« und über das sonst so ernste Gesicht der jungen Frau ging ein Leuchten. Franz war ihr Sonnenschein; sie war verwitwet, hatte aber keine eigenen Kinder. Franz war überhaupt die Freude des ganzen Hauses, das einzige junge Wesen.

»Hast du heute nachmittag viel Aufgaben zu machen?« fragte ihn die Mutter, als die Familie nachher bei Tische saß. Es war Mittwoch, und Frau von Weltingen hätte gern einen Spaziergang gemacht.

»Aufgaben gerade nicht sehr viel, aber ich habe dem Greiner versprochen, daß ich ihm ein bißchen helfen werde. Er ist gar nicht so dumm, als man meint,« setzte er hinzu, »und eigentlich ein guter Kerl. Wenn er zu Hause nicht so verpimpelt würde von seiner Großmutter und ein bißchen mehr Schneid hätte, so dürften ihn die Buben auch nicht immer so auslachen, – gelt Dackerle?« Dabei warf er dem Hunde, der neben ihm saß, geschwind einen Brocken in den Mund.

»Franz, nicht während des Essens!« wehrte die Mutter mit einem Blick auf den Knaben. Dackerle, der die Gesetze des Hauses gut kannte, war wohlweislich rasch unter dem Tisch verschwunden, ehe der Herr des Hauses seinen Erfolg bemerkt hatte, wobei ihm Feldmann einen tief wehmütigen Blick nachsandte. Dieser war ein zu wohlerzogener Hund, als daß er so gemein gebettelt hätte, aber das Fleisch roch doch sehr gut, und er sah, mit der Nase auf den Pfoten unverwandt dem Dackerle zu, wie dieser den schönen Bissen verarbeitete.

»Was haben denn die Buben an deinem Gottlob eigentlich so zu necken?« fragte der Vater und schenkte sich Wein ein.

»Ich versteh's, daß die Buben es tun,« gab Franz zu. »Der Greiner hat ja wirklich etwas Lächerliches an sich. In erster Linie ist's nicht recht, wie man ihn anzieht. Drei wollene Wämschen hat er übereinander an, beim wärmsten Wetter bindet man ihm ein Halstuch um, und an der Mütze hat er wattierte Ohrenklappen.«

»Das kommt eben daher, daß der Knabe früher sehr leidend war,« sagte Frau von Weltingen. »Und seit seine Eltern gestorben sind und er bei der alten Großmutter ist, meint diese durch sehr große Wärme es bei ihm recht zu machen.«

»Ja,« sagte Franz mit Eifer, »so ist's! Ich hab' ihm schon oft gesagt: Tu doch die Dinger herunter! Aber weil er's gewöhnt ist, bekommt er dann gleich Husten oder Zahnschmerzen oder Leibweh, und weil ihm fast immer etwas weh tut, heult er wie ein Mädchen und wehrt sich nicht, wenn man ihm »Lobele der Greiner« nachruft. Heut war's aber arg. Da hatte der arme Kerl ein geschwollenes Gesicht und sah allerdings furchtbar komisch aus mit seinem umgebundenen Tuch und den zwei Zipfeln, die wie Hasenohren in die Höhe standen. Ich hab' die Tochter vom Famulus um ein paar Stecknadeln gebeten und hab' ihm den Knoten anders gesteckt.« Franz schloß seine lange Erzählung, denn es kam seine Leibspeise, ein delikater Apfelkuchen, den er sich nun mit Eifer schmecken ließ.

»Hast du den Lobele eigentlich trotz allem so gerne, daß du ihm heute deinen freien Nachmittag opfern willst?« fragte ihn nachher der Vater.

»Nein,« sagte Franz kurz, »gerne nicht, aber er dauert mich!« Damit stand er rasch auf, denn das Essen war zu Ende, pfiff seinen beiden Hunden und ging mit ihnen in den Garten. Dort tollten die drei lustig zusammen herum.

Es war Spätherbst, und der Gärtner hatte die dürren Blätter auf dem Rasen zusammengekehrt. Dackerle fuhr wie besessen mit seiner Schnauze mitten in den Haufen hinein und wirbelte alles auf. Feldmann, dem es nicht klar war, ob man das dürfe, sah fragend seinen jungen Herrn an. Als dieser sich aber auch kopfüber in das Laub warf und einen Purzelbaum schlug, da schwanden auch seine Bedenken. Bellend und mit großen Sätzen sprang er um die beiden herum. Alle drei wälzten und neckten sich, das goldene Laub flog in die Höhe, und von oben herab sah Tante Juliane zum Fenster heraus, lachte und freute sich des lustigen Schauspiels.

»Wenn ihr fertig seid, dann kommt nachher noch geschwind herauf, ich habe euch vom Nachtisch was aufgehoben,« rief sie hinab.

»Wir kommen gleich,« rief Franz, indem er sich aufrichtete und das Laub aus seinem lockigen Haar und von den Kleidern schüttelte. Feldmann und Dackerle hätten gern noch weitergemacht, aber sie kannten auch sehr gut die Stimme von oben. Tante Juliane hatte auf einer kleinen silbernen Schale Biskits und Schokolade, und Franz griff nach letzterer, während die Hunde schnuppernd sich an Tantes Knie drängten, bis jeder von ihr einen süßen Bissen bekam. Dann ruhte die ganze Gesellschaft ein wenig aus. Tante legte sich auf ihr Ruhebett, die Hunde hatten einen herrlichen Platz auf einem großen, zottigen Bärenfell daneben, und Franz schmiegte sich in den alten, weiten Lehnstuhl, den er so sehr liebte, und von dem aus sich's so herrlich mit Tante plaudern oder auch schwärmen ließ. In dem Zimmer waren viele schöne Dinge: Bilder, Statuen, Sachen aus fernen Ländern, denn Tantes Gatte hatte einst große Reisen gemacht, und all das sah sich so behaglich von seiner weichen Ecke an. Über alles hatte ihm Tante schon berichtet und erzählt, und Franz selber hatte die Gabe, sich über das, was ihn interessierte, eine Geschichte zu bilden, – vielleicht ein bißchen zu viel, denn solche Gedanken kamen ihm dann auch in der Schule beim Lernen. Heute beschäftigte ihn aber etwas anderes, Erlebtes.

»Schläfst du ein, Franz?« fragte ihn die Tante, die es nicht gewöhnt war, daß er lange still blieb.

»Nein, ich denke!« sagte Franz und führte dann seine Pralinés, die er sich vorhin genommen und fast vergessen hatte, in den Mund.

»Tantchen, hättest du nicht noch von deinen Hustenbonbons? Wenn ja, bitte, gib mir ein paar davon!«

»Bist du erkältet?« fragte ihn die Tante und griff nach einer kleinen Tüte, die auf dem Tisch neben ihr lag. »Bist du erkältet?« wiederholte sie noch einmal in besorgtem Tone und schob sie ihm hin.

»Nein,« sagte Franz, »aber ich möchte sie zu etwas anderem. Ich sag' dir's dann gleich, aber vorher muß ich dir den Anfang von der Sache erzählen.«

Franz kroch mehr und mehr aus seinem Stuhle heraus und saß nun vorn, so daß die Tante sein lebhaftes, kleines Gesicht sehen konnte.

»Also! Siehst du, Tante, neulich, als im Schulzimmer zum ersten Male geheizt wurde, da war uns allen eigentlich recht behaglich, als das Feuer so lustig brannte, denn draußen wehte der kalte Wind, und wir hatten alle rote Nasen. Und der Herr Präzeptor, als er hereinkam, sagte auch: »Ja, ja, das tut gut, solch eine warme Stube!« und rieb sich die Hände dabei. Er war auch gar nicht so heiser in der folgenden Stunde wie die Tage vorher. Den andern Morgen da war der häßliche Nebel und der feine, kalte Regen. Da freute ich mich auch, daß es drinnen hübsch warm sein werde. Aber es war ganz kalt und roch so eigentümlich. Als der Herr Präzeptor kam, sah er nach dem Ofen und legte ein paar Scheite und Papier nach, rieb sich dann die Hände und zog sein Halstuch fester zusammen. Aber dann hättest du sehen sollen, wie auf einmal aus dem Ofen ein dicker Rauch kam, so dick, daß man ihn hätte schneiden können. Eigentlich war es ganz lustig, aber der Herr Präzeptor hielt sein Taschentuch vor und konnte gar nicht recht atmen. Er wollte die Klappe aufmachen, aber die war fest vernagelt und verstopft; er hat sie trotz aller Anstrengung nicht herumgebracht, und seine Finger waren nachher ganz schwarz von Ruß. Dann ist der Famulus gekommen, es hat aber auch nichts genützt, und man mußte die brennenden Scheite hinaustragen und alle Fenster aufsperren. Der Neckelmann, der Famulus, hat nicht schlecht geschimpft über die unartigen Buben, die das wieder getan hatten. Er ist dann zum Schlosser gelaufen mit einem ganz hochroten Kopf und hat dem Franke und Kurt Wilsdorf einen wütenden Blick zugeworfen, die sich hinten halb tot lachen wollten.«

»Das ist doch zu ungezogen!« warf Tante Juliane ein.

»Ja, siehst du, Tantchen,« fuhr Franz fort und setzte sich zur Abwechslung nun auch ein bißchen auf den unteren Rand der Chaiselongue, auf der die Tante lag. Lustig ist's schon gewesen, daß die halbe Stunde verging, ehe man anfangen konnte, aber es war dann recht kalt, und der Herr Präzeptor mußte immer wieder schrecklich husten und konnte kaum sprechen. Und weil er seither so kurz atmet und der Husten gar nicht besser wird, und weil deine Hustenbonbons so gut sind, so ...«

»So möchtest du dem Herrn Präzeptor davon anbieten, nicht wahr?« sagte Tante Juliane und schob ihm lächelnd die Tüte zu.

»Nein, nicht anbieten, sondern auf das Pult legen,« sagte Franz, indem er die Tüte rasch nahm und dann schleunigst aufstand.

»Ich muß jetzt zum Greiner gehen, er wartet auf mich,« sagte er. »Nach dem Spazierengehen und den Aufgaben komme ich schon noch einmal herauf. Aber dann spielen wir zusammen, nicht wahr, Tantchen?« setzte er in seiner frischen, lustigen Weise hinzu, und draußen war er, Feldmann und Dackerle in Sätzen hinter ihm drein.

»Der Gottlob ist da und will dich abholen,« sagte der Diener, als er in den unteren Hausflur trat. Franzens Gesicht überflog ein Rot, als er den Kameraden sah, richtig wieder mit dem großkarierten Überzieher und auf dem Kopf die Mütze mit den wattierten Ohrenklappen. Für Franz war es eigentlich immer eine Überwindung, mit ihm auf der Straße zu gehen, und es war doch recht unnötig, daß er ihn jetzt auch noch abholte.

»Hast du denn kein geschwollenes Gesicht mehr?« fragte Franz in nicht so liebem Tone, als Gottlob es sonst von ihm gewöhnt war, und schlenderte nun neben ihm zum Hause hinaus, nachdem er noch rasch den Eltern Lebewohl gesagt hatte.

»Nur noch einen geschwollenen Mund,« sagte Gottlob ängstlich.

»Aber warum bist du dann nicht zu Hause geblieben?« konnte Franz sich doch nicht enthalten, etwas geärgert zu fragen.

»Meine Großmutter hat's auch gesagt,« erwiderte Gottlob kläglich. »Aber weil du heute früh gesagt hast, ich soll mich nicht verpimpeln, hab' ich gedacht, ich will an die Luft gehen. Ich hab' auch das Tuch weggelassen,« setzte er mit einigem Stolz hinzu. »Und dann habe ich auch Angst gehabt, ob du wohl kommst, – die Rechnungen sind heute furchtbar schwer!« und Gottlob, der um einen Kopf kleiner als Franz war, blickte hilfeflehend zu ihm empor.

»Wenn ich einmal was verspreche, dann halt' ich's auch,« sagte Franz kurz und sah nicht mehr unfreundlich auf den Greiner hernieder, der ja wohl nichts dafür konnte, daß er solch ein jämmerlicher, kleiner Mensch war, und der ihn so wehmütig, aber dabei so furchtbar komisch mit der geschwollenen Oberlippe anlächelte.

*

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