Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Tony Schumacher >

Schulleben

Tony Schumacher: Schulleben - Kapitel 12
Quellenangabe
authorTony Schumacher
titleSchulleben
publisherVerlag von Levy & Müller
printrunVierte Auflage
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170606
projectidbd5566ea
Schließen

Navigation:

Zehntes Kapitel.

Ein gebrochener Arm und ein wehes Kinderherz. – Ein Lied auf der Geige, und wie schwache Hände noch einen Brief schreiben. – »Gute Nacht, Lieschen!« – Von einem schwarzen Flor auf einem neuen Rock und von einem leeren Platz in der Schule. – Von redlichen Knabenvorsätzen und ehrlichen Händedrücken, und wie Herr Präzeptor Wurm empfindet. – »Wer sich an Gott hält, bleibt Sieger.«

 

Das Einrichten des Armes war vorüber, und Herr Präzeptor Wurm lag erschöpft von den ausgestandenen Schmerzen in seinem Bett. Seine Hauptsorge bei allem war fortwährend Lieschen gewesen. Der Arzt hatte es übernommen, vorauszugehen und die Frau Präzeptor vorzubereiten. Zum Glück hatte er sie in der Küche getroffen, und so ließen sich ihre Schreckensausrufe noch dämpfen. Zuerst konnte sie fast keinen Gedanken fassen, und die Kleinen, die an ihrem Rocke hingen, fingen laut an zu schreien, als sie die Mutter so fassungslos sahen. Daraufhin erlangte diese ihre Tatkraft wieder und beorderte die Kleinen, sofort zu Fräulein Mayer zu gehen, deren Schule um elf Uhr aus war. »Ihr bleibt dort, bis man euch holt,« sagte sie bestimmt. Dann deckte sie mit zitternden Händen das Bett ihres Mannes ab, während der Arzt diesen die Treppe heraufführte. Ein unbeschreibliches Glück war es, daß Lieschen nach der schlimmen Nacht und infolge der Tropfen, die sie bekommen, in einem tiefen Schlummer lag zur unaussprechlichen Beruhigung ihres Vaters. So konnte alles vor sich gehen, ohne daß sie etwas davon merkte. Fritz und Anna halfen, wo es Not tat, und wenn auch der Augenblick des Einrichtens entsetzlich war, so unterdrückte der Vater doch den leisesten Schmerzensruf um seines geliebten Kindes willen.

Lieschen war nach Tisch aufgewacht, und ehe man ihr von Stärkung sprechen konnte, verlangte sie, den Vater zu sehen.

»Der Vater hat sich ein bißchen hingelegt, um zu ruhen,« sagte die Mutter. Wie froh war sie heute, daß Lieschen nicht sehen konnte! Ihre rotgeweinten Augen hätten alles verraten. Lieschen aß, wenn auch ungern, doch gehorsam ihre Suppe.

»Schläft Vater noch immer?« fragte sie nach einiger Zeit. Da schlug die Uhr eben zwei, und Lieschen richtete sich auf.

»Es ist ja schon zwei Uhr, und Vater muß fort sein. Warum hat er mir nicht adieu gesagt?«

Die Mutter murmelte etwas von großer Eile und ging rasch hinaus.

Gegen vier Uhr wurde Lieschen wieder unruhig. Sie fragte nach den Kleinen und konnte nicht begreifen, daß diese bei Fräulein Mayer sein sollten. »Die hat doch Stunden nachmittags,« sagte sie kopfschüttelnd, aber man konnte ihr ja nicht sagen, daß die Lauffrau die Kinder so lange in Fräulein Mayers Stube hütete.

»Jetzt ist's 4¼ Uhr, jetzt kommt Vaterle gleich,« sagte sie, als die nahe Turmuhr geschlagen hatte, und eine freudige Aufregung bemächtigte sich ihrer.

»Was sagen wir ihr nur um des Himmels willen?« fragte die Mutter angstvoll draußen die zwei Großen, die nach der Schule so rasch als möglich heimgekommen waren, und verschwand wieder in der Schlafstube, um dem Vater einen neuen kalten Umschlag zu machen.

»Was hast du Lieschen gesagt?« fragte dieser sofort, und seine Stimme klang sehr angegriffen. »Man darf ihr unter keinen Umständen die Wahrheit sagen, es würde sie zu sehr erregen. Gott prüft uns schwer, Mutter!« fügte er mit einem tiefen Seufzer hinzu.

»Aber jetzt kommt Vater, – endlich!« rief Lieschen, um nach ein paar Sekunden enttäuscht wieder zu sagen: »Nein, er ist's auch nicht; es sind zwei Menschen, ein Kind und eine Frau!« Sie horchte, wer kommen würde, aber sie hörte nur die gedämpfte Stimme der Mutter und ein leises Flüstern. Was nur heute im Hause vorging? Alles schien ganz anders zu sein, und Lieschen legte sich ermattet zurück. Es war Frau von Weltingen, die mit Franz gekommen war, um sich nach den Kranken zu erkundigen. Sie war voll der innigsten Teilnahme, ließ sich alles berichten und meinte dann schließlich, man müsse Lieschen doch schonend die Wahrheit sagen. Fräulein Mayer, die eben auch gekommen war, stimmte ihr bei, und Frau von Weltingen erbot sich, es zu übernehmen. »Von einem Fremden ist's oft leichter so etwas zu hören als von den Nächsten!«

Vater und Mutter horchten angstvoll im Nebenzimmer, aber es ging besser, als man gedacht hatte. Frau von Weltingens Stimme hatte immer einen merkwürdig beruhigenden Einfluß auf Lieschen gehabt, so auch diesmal, wo sie sich für jeden andern Besuch zu schwach gefühlt hätte. Sie sprach zuerst liebevoll in kurzen, bestimmten Sätzen über Lieschens Rückfall, wie das schwer sei, wie wir uns aber in allem in Gottes treuen Vaterwillen fügen müßten, der uns ja so lieb habe, – so lieb, auch wenn er weh tun müsse. Lieschen nickte beistimmend und drückte Frau von Weltingen die Hand. Dann aber fuhr sie plötzlich wieder in die Höhe:

»Wieviel Uhr ist's, Frau von Weltingen? Bitte, sagen Sie mir's ganz genau!« sagte sie aufgeregt. »Hat es denn nicht sechs Uhr geschlagen? Vater hat doch gesagt, er komme um vier Uhr, und nach Tisch hab' ich ihn auch nicht gesehen. Ich brauche aber mein Vaterle so notwendig!« setzte sie in so hilflosem Tone hinzu, daß Frau von Weltingen die Tränen kamen. Sie unterdrückte diese aber und sagte mit möglichst fester Stimme:

»Vater braucht aber auch sein Lieschen gerade jetzt, gerade heute, und um dir dies zu sagen, bin ich gekommen.« Ohne Pause sagte sie weiter: »Vater ist schon zu Hause, und wenn er weiß, daß sein Kind recht vernünftig ist, so täte es ihm gut, ein paar Tage im Bett zu bleiben.« Lieschen war bei diesen Worten angstvoll in die Höhe gefahren. »Sei ruhig und höre mich,« fuhr Frau von Weltingen fort, »es ist nicht schlimm: wenn der Vater zwei Tage gelegen, so kann er wieder zu dir kommen, und der Arm, den er gebrochen, heilt dann schön mit Gottes Hilfe von selber!« Nun war es gesagt, und Frau von Weltingen atmete erleichtert auf. Zwar zitterte Lieschen am ganzen Körper und meinte, ein gebrochener Arm würde herabhängen wie bei einer Puppe, und das wäre entsetzlich, und wie denn das geschehen sei; aber als Frau von Weltingen ihr alles erklärt und gesagt hatte, nun sei Geduld das einzige, und Vater tue vielleicht die notgedrungene Ruhe von ein paar Wochen auch sonst recht gut, da hatte Lieschen ihr lebhaft beigestimmt.

»O bitte, sagen Sie ihm das gleich!« hatte sie gesagt. »Vielleicht hat er doch noch Schmerzen oder ist betrübt, und er denkt nicht hieran!« Frau von Weltingen hatte sofort diesen Wunsch erfüllt und damit auch Beruhigung in die andere Krankenstube gebracht. Und dann, als der Vater ihr sagen ließ, alles habe seine zwei Seiten, er könne durch den Unfall nun wohl wochenlang bei ihr am Bett sitzen, da flog wieder ein Schimmer von Freude über Lieschens blasses Gesicht, und sie sagte leise:

»O gottlob!«

Wie war doch dies Gesichtchen in letzter Zeit schmal geworden! Frau von Weltingen sah es mit Betrübnis, und Franz, der einen Augenblick hineindurfte, sagte nachher:

»Kannst du nicht Lieschen wieder gute Sachen schicken, Mutter, daß sie besser aussieht?«

Der Abend in dem Präzeptorhäuschen war im ganzen nicht so schlimm. Der Arzt war mit beiden Patienten zufrieden und hoffte auf eine erträgliche Nacht. Es war auch noch ein Brief von Alice gekommen, den Anna Lieschen vorgelesen, und der voll Liebe, Sehnsucht und Teilnahme war. »In zehn Tagen, mein Liebling, werde ich bei dir sein!« schloß sie.

»In zehn Tagen!« wiederholte Lieschen und versuchte, sich nun zur Ruhe zu legen. Wie viel hatte sie doch seither erlebt, wie viel wollte sie mit Alice sprechen!

Es war neun Uhr abends, und die Mutter war beim Vater. Die zwei älteren Geschwister saßen nebenan im Wohnzimmer und hatten Lieschen zu beaufsichtigen. Sie schrieben und strickten dabei, und von Zeit zu Zeit schlich eines auf den Zehen ins Nebenzimmer, um nach der Schwester zu sehen.

»Sie schläft fest,« sagte Anna leise, als sie diesmal zurückkam und sich neben Fritz in die Ofenecke setzte. »Ach Fritz, was war das für ein schrecklicher Tag!« flüsterte sie und zog dabei die Nadel aus dem Strickzeug.

»Schaff fleißig, dann bleibst du wach!« hatte die Mutter ihr gesagt. Die Kinder sollten noch ein paar Stunden Wächteramt üben, dann wollte die Mutter sich ihr Lager auf dem Kanapee im Wohnzimmer zurecht machen, das zwischen den beiden Krankenstuben lag.

»Schreib auch etwas, Fritz!« sagte Anna nach einiger Zeit und stieß diesen an, der schon lange an der Feder kauend dagesessen und nicht geschrieben hatte. Nun aber warf er plötzlich und mit Heftigkeit die Feder auf den Tisch, verbarg den Kopf in die Hände und fing bitterlich an zu weinen. Anna wußte gar nicht, was sie daraus machen sollte.

»Sei doch gescheit! Was hast du denn? Vater ist doch nicht so schlimm!« sagte sie und versuchte, ihm die Hände vom Gesicht zu ziehen. Aber Fritz kannte sich nun nicht mehr vor Aufregung.

»Vater ist schlimm genug,« stieß er unter Schluchzen hervor, »aber die ganze Welt ist auch schlimm, und die Buben am meisten. Ich wollte, ich könnte auf und davon und brauchte nie, nie mehr in die Schule zu gehen!« Fritzens Stimme war bei diesen Worten so laut geworden, daß Anna ängstlich abwehrte und horchte, ob sich im Nebenzimmer nichts rührte, aber es blieb alles still.

»Was hat's denn gegeben, daß du so schreist?« fragte sie Fritz wieder und legte das Strickzeug erwartungsvoll vor sich auf den Tisch.

»Was es gegeben hat?« wiederholte Fritz, noch immer furchtbar erregt, aber doch mit gedämpfter Stimme. »Franz Weltingen hat mir heute alles erzählt, und er ist geradeso außer sich wie ich. Daß der Franke ein Schuft ist, das hab' ich schon lange bemerkt, daß er aber so schlecht ist, daß er mit Absicht es machte, daß Vater sich auf einen zerbrochenen Stuhl setzte und sich nachher, als das Unglück geschehen, noch dessen rühmte, das hätte ich nicht geglaubt. Franz hat erzählt, der Doktor habe gesagt, der Vater hätte das Genick brechen können,« fügte Fritz in wieder steigender Erbitterung hinzu.

In demselben Augenblick ertönte ein Schrei im Nebenzimmer, und Anna sagte angstvoll:

»Lieschen!«

Die beiden Geschwister hatten in ihrem Eifer nicht mehr an die Schlafende gedacht und noch weniger daran, welch feines Gehör sie hatte. Das Gehörte war aber zu viel für Lieschens Nervenzustand gewesen. Tapfer hatte sie sich den ganzen Tag zusammengenommen, aber das, was sie nun vernahm, war zu schrecklich.

Auch Vater und Mutter, die den Schrei gehört hatten, erfuhren nun den wahren Sachverhalt, und des Vaters Herz krampfte sich in doppeltem Schmerze zusammen. Fritz war trostlos, und Anna war in ihrer Herzensangst zu Fräulein Mayer geeilt und hatte sie geholt. Lieschen hatte zwar keine Krämpfe, aber sie weinte und schluchzte in einem fort und wollte sich durch nichts beruhigen lassen.

»Vaterle, Vaterle, was haben sie dir getan!« sagte sie wohl hundertmal, und erst dem energischen Einreden von Fräulein Mayer gelang es, sie nach langer Zeit zu beruhigen.

»Wir wollen jetzt nicht mehr jammern, sondern nur Gott danken, daß es nicht schlimmer geworden ist,« und es gelang ihr nach und nach, das leidende Kind zu beschwichtigen, aber drüben im andern Zimmer rang der Vater mit schweren und bitteren Gedanken und betete: »Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! Herr, vergib auch mir, wenn ich etwas versäumt habe! Du allein weißt, wie teuer die Knaben meinem Herzen sind!«

Nun sind es acht Tage später. Präzeptor Wurm sitzt an Lieschens Bett. Er trägt den Arm in der Schlinge, und wenn auch die Schmerzen und die Unbequemlichkeit oft noch sehr groß sind, so trägt er sie doch leicht im Gedanken daran, daß er nun fast immer bei seinem Kinde sein kann. »Die Menschen gedachten es böse zu machen, Gott aber hat es gut gefügt,« mußte er täglich denken. Am entsetzlichsten war ihm bei dem Unglücksfall das quälende Gefühl: Wer wird jetzt Lieschen herumtragen, wenn ihr bange ist? Aber auch hier hatte Gott geholfen. Lieschen war wohl sehr schwach und fieberte, aber sie konnte seit der damaligen Nacht doch meist ruhig und stille liegen, und es genügte, wenn Vater bei ihr saß und ihr die Hand hielt.

Jedermann im Hause war sich klar, daß Lieschens Tage gezählt seien, aber die kleine Barke schiffte unmerklich so friedlich den Himmelsgestaden zu, daß dieser Friede sich dem ganzen Hause mitteilte.

Heute war Fritz in großer Aufregung aus der Schule gekommen und hatte erzählt, daß der Herr Rektor selber dagewesen und die Stuhlgeschichte mit großem Ernst untersucht habe. »Jeden von den Knaben hat er aufs Gewissen gefragt, wie sich die Sache verhalte, und nun steht's mit Franke ganz schlecht. Das Wort: »Und wenn der Stuhl nicht hält, so gibt's einen Mordsspaß!« bricht ihm wohl den Hals, denn Franz hat gehört, daß der Herr Rektor beim Nachhausegehen zu dem Herrn Amtsverweser gesagt hat:

»Der Kerl muß relegiert werden, er hat schon zu viel Schlingeleien und Schlechtigkeiten ausgeführt!«

»Es ist das Ende, das ich schon lange befürchtet habe,« sagte der Vater seufzend.

»Was heißt relegiert?« fragte Lieschen ängstlich, und als man ihr erklärt hatte, es heiße, aus der Schule mit Schimpf und Schande entlassen werden, da ward sie sehr traurig, hauptsächlich wegen Alice. Am Nachmittag verlangte sie ihr Schreibgerät, was seit Wochen nicht mehr der Fall war.

»Macht's dich denn nicht müde?« fragte der Vater besorgt.

»Nein, nicht sehr, ich schreibe nicht viel!« sagte Lieschen und faltete nach kurzem ein kleines Briefchen zusammen.

»Soll ich es dir auf die Post tragen?« fragte Anna. Diese war, seit der Ernst und die Sorge im Hause eingezogen waren, bedeutend fleißiger und diensteifriger geworden, und wer sich überwindet und hilft, der ist auch liebenswürdiger.

»Danke!« sagte Lieschen ein bißchen verlegen und nahm den kleinen Brief an sich.

Eine Freude für Lieschen und das ganze Haus war, als Fräulein Mayer, die treu einstand, wo sie konnte, des Morgens glückstrahlend von der Schule herüberkam. Sie hielt einen Brief mit ausländischen Marken in der Hand und mußte sich erst setzen, so erregt war sie.

»Frau Präzeptor, Sie haben recht gehabt, die Not hat ihn schwimmen gelehrt!« Mit vor Freude schluchzender Stimme berichtete Fräulein Mayer aus dem Schreiben, das mit den Worten begann: »Ich habe mich schwer geärgert über dich, daß du nichts mehr schicktest. Aber vielleicht war's doch gut so, denn ich habe jetzt arbeiten gelernt und gemerkt, daß das doch nicht so übel ist. Jetzt bin ich noch Abschreiber und muß die Geschäftsstube ausräumen, aber vom Ersten an will mich unser Prinzipal als Kommis anstellen ...«

»Hab' ich nicht recht gehabt?« sagte die Frau Präzeptor erfreut. »Aber ein Glück war's, daß durch die ganze Geschichte wir Sie so in die Nähe gekriegt haben,« setzte sie in warmem Tone hinzu.

Stundenlang hatte nun Lieschen den Vater ganz für sich, und dann war es auch wieder schön, wenn die Mutter nach beendigter Arbeit sich dazusetzte. Die früheren langen Unterhaltungen und Belehrungen hatten aufgehört, aber es wurden dafür kurze, inhaltsreiche Sätze zwischen den beiden gewechselt, wobei Vater jetzt oft der Lernende war.

»Was denkst du denn, Lieschen?« fragte er sie oft, wenn sie lange stille lag und auf dem Kindergesicht tiefer Ernst ruhte, und Lieschen sagte ihrem Vaterle alles, was durch ihre Seele zog. Heute schien sie besonders allerlei zu bewegen.

»Warum haben sich nicht alle Menschen lieb, Vater,« fragte sie plötzlich, »weißt du, so lieb, daß immer eins dem andern Freude macht? Wenn man sehen kann, muß das doch sehr leicht sein,« fügte sie hinzu, »und dann wäre alles gut!«

»Gewiß wäre alles gut,« sagte der Vater, »und um so zu sein, braucht man nicht einmal die äußern Augen, sondern den innern Blick der Liebe, aber den haben wenige.«

»Dann sind sie innerlich blind,« sagte Lieschen sehr bestimmt, »und das ist ärger! Vaterle,« sagte sie plötzlich wieder, »ich bin oft recht ungeduldig gewesen über Anna und die Kleinen, das war nicht recht! ... Anna tut jetzt so viel. Ihr müßt sie sehr lieb haben, sie braucht's!« setzte sie bittend hinzu. »Und Vaterle, gelt, der Fritz, der muß nicht Lehrer werden? Er hat so gar keine Lust dazu. Er sagt, er möchte Maschinen machen, die den Menschen Licht geben und Bewegung – Licht, helles, glänzendes Licht,« wiederholte sie träumerisch. Dem Vater gab es bei all diesen Worten einen Stich ins Herz.

»Fühlst du dich heute weniger wohl, Lieschen?« fragte er besorgt.

»Nein,« sagte diese ganz fröhlich, »eher besser.« In diesem Augenblick trat die Mutter mit einem großen Pack in die Stube. Er war in ein grünes Tuch eingewickelt, und sie fragte scherzend:

»Was meinst du, Lieschen, was da drinnen ist?« und sie schlug das Tuch auseinander.

»Vaters neuer Rock,« sagte Lieschen strahlend, nachdem die Mutter ihr das große Stück auf die Decke gelegt und sie es befühlt hatte. Dann aber schob sie es beiseite, denn es bedrückte sie alles, und sagte in anderem Tone:

»Gelt, Vaterle, den ziehst du an, wenn ...« Sie brach aber plötzlich ab, ohne den Satz zu vollenden.

»Du meinst am nächsten Festtag?« fragte dann die Mutter.

»Ja, am nächsten Festtag!« wiederholte Lieschen, wobei dem Vater immer enger ums Herz wurde. Es war, als ob Lieschen dies fühlte, denn sie tastete nach seiner Hand, nach der einen, die er frei hatte. Und er schob den gesunden Arm unter ihr Kissen, wie sie es so sehr liebte, und hielt sie lange still. Seine Seele kämpfte einen harten Kampf, aber er hielt sich an Gott, und wer sich an Gott hält, bleibt Sieger. »Wo ist Franz?« hatte Lieschen verschiedene Male gefragt, und als sie sagte: »Er soll kommen mit der Geige,« da war Fritz zu ihm gelaufen und hatte ihn geholt.

Es war gegen Abend, als Franz eintrat mit vom Laufen roten Wangen. Draußen lag warmes, flüssiges Sonnengold auf der Erde, in dem Stübchen aber war's dämmerig und kühl. Lieschen streckte Franz die Hand hin.

»Spiele!« bat sie kurz. Der Vater ging hinaus, sein kranker Arm schmerzte ihn, aber der Druck in seiner Seele war noch größer. Lieschen rief Franz zu sich her.

»Ihr müßt ihn sehr lieb haben, Franz, denn er hat euch so lieb!« sagte sie mit feierlichem Ernste. »Ich weiß es, Franz, denn er hat mir's oft gesagt, und ich hab's oft gehört mitten in der Nacht, wenn er nicht schlafen konnte und für euch betete. Sag's den andern, daß sie es auch wissen!« setzte sie fast geheimnisvoll hinzu.

Franz wurde es so eigen zumute, und er nahm rasch seine Geige. »Was willst du hören, Lieschen?« fragte er mit etwas verlegener Stimme, obgleich er eigentlich schon vorher die Antwort wußte, denn schon länger wollte die Kranke nichts anderes mehr hören.

»Ich hab' von ferne,
Herr, deinen Thron erblickt
Und hätte gerne
Mein Herz vorausgeschickt.
Und hätte gern mein müdes Leben,
Schöpfer der Geister,
Dir hingegeben!

Das war so prächtig,
Was ich im Geist gesehn!
Du bist allmächtig,
Drum ist dein Licht so schön!
Könnt' ich an diesen hellen Thronen
Doch schon von heut an
Ewig wohnen!«

Franz spielte die Melodie, und Lieschen sprach die Worte mit leisem Tone nach mit ihrer lieben, ausdrucksvollen Stimme. Dann sagte sie herzlich: »Danke!«

Der Abendschein warf flackernde Schatten auf ihr Gesichtchen, und sie schien müde.

»Gute Nacht, Lieschen!«

»Gute Nacht, Franz!« –

Drei Tage später trat Herr Präzeptor Wurm wieder in seine Klasse. Er hatte den Arm noch in der Schlinge, sein Gesicht war um eine Idee magerer und blässer, und er trug einen schwarzen Flor umgebunden, – sonst schien alles wie zuvor. Aber doch waren ein paar Dinge anders geworden. Draußen auf dem Gottesacker vor der Stadt war inzwischen ein neuer Hügel aufgeworfen worden, und eine junge Menschenseele hatte inzwischen die Reise nach dem Lichte vollendet. Die Seele schien fort zu sein, aber in ihren Wirkungen war sie noch auf der Erde.

Und in der Schule war auch ein Platz frei geworden, aber auf andere Weise.

Die Knaben hatten sehr lebhaft untereinander gesprochen. Gestern war Franke vor versammelter Klasse und Lehrerkollegium eröffnet worden, daß er »ob fortgesetzten ungeziemenden Wesens und wissentlich boshafter Streiche« aus dem Gymnasium entlassen sei. Robert Franke hatte das Urteil scheinbar gleichgültig aufgenommen.

»Aber kreideweiß ist er doch geworden,« sagte Kurt Wilsdorf, »und mich dauert er trotz allem!«

»Mich nicht!«

»Aber mich!« So gingen die Reden hin und her, doch die letzten Stimmen waren vereinzelt, aber die ganze Begebenheit schien auf die Knaben einen tiefen Eindruck zu machen.

»Beim Begräbnis von Lieschen Wurm ist er nicht mitgewesen,« sagte einer von den Jüngeren.

»Wißt ihr, daß diese, als sie schon ganz schwach war, ein Briefchen an Franke geschrieben hat?« sagte wieder Kurt. »Alice hat mir's weinend erzählt. Bin so froh, daß sie einen Tag früher und noch zur rechten Zeit heimkam, um Lieschen zu sehen,« schaltete er ein. »Sie nimmt sich jetzt sehr der Anna Wurm an, weil Lieschen sie darum gebeten hat. Alice hat mir auch erzählt, daß in dem Briefchen gestanden habe, Robert solle doch einmal versuchen, gut und fleißig zu sein, man sei da so viel glücklicher, und sie wolle, wenn sie nun in den Himmel komme, Gott bitten, daß er's könne. Franke sei ganz blaß geworden und habe den Brief in die Tasche gesteckt. Er sei den ganzen Tag verwettert herumgelaufen, und als Alice ihn aufforderte, mit auf den Kirchhof zu gehen, habe er gesagt:

»Laß mich, ich mag nicht!« Aber Fritz Wurm hat ihn gesehen, daß er in der Ferne hinter einem Mäuerchen verborgen gestanden hat. Wißt ihr, daß er Ende dieser Woche zu einem Onkel nach New York abreist?« schloß Kurt seinen Bericht. »Der sei gut, aber streng, und er soll bei ihm lernen, was er einmal hüben braucht!«

»So viel Kränze und Blumen, wie bei Lieschens Begräbnis, sieht man nicht leicht wieder beieinander. Euer Lindner, Franz, hat allein einen ganzen Arm voll gehabt, – dem ist's wie uns zu Herzen gegangen,« sagte Greiner und machte sein wehmütigstes Gesicht.

»Aber habt ihr gesehen, was der Herr Präzeptor für einen feinen neuen Rock anhatte?« warf ein anderer Knabe dazwischen, dem die Sache nicht so nahe ging.

»Für den Fritz ist's auch arg,« sagte wieder einer. »Uns ist auch einmal ein kleines Kind gestorben,« fügte er mit großer Wichtigkeit bei.

Franz Weltingen, dem die Sache am meisten ans Herz ging, schwieg währenddem stille, aber er kämpfte mit einem Entschluß. Dann aber, als es beinahe acht Uhr war und fast alle Buben in der Klasse versammelt waren, stand er auf und sagte mit lautem, wenn auch etwas schwankendem Tone, so daß alle ihn hören mußten:

»Ich möchte euch nur auch sagen, daß ich am letzten Abend noch bei Lieschen Wurm war, und daß sie mir etwas für euch alle aufgetragen hat.« Und Franz erzählte gewissenhaft, was Lieschen zu ihm gesprochen. Er konnte es nicht verhindern, daß ihm die dicken Tränen dabei herabrollten. Aber keiner der Kameraden war heute in der Stimmung, darüber zu lachen. Und als gleich darauf Lieschens Vater hereintrat, da besann sich keiner der Knaben, sondern vom Ersten bis zum Letzten drängte es einen jeden, ihm die Hand zu reichen, und die Händedrücke waren ehrlich und gut wie die Vorsätze und Gedanken, die die Knaben für die Zukunft hegten.

*

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.